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Home >  Kultur und Gesellschaft  > Artikel von 2013-06-22 09:53:55
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Unser Buchtipp der Woche



RealAudioMP3 Christoph Ransmayr, Atlas eines ängstlichen Mannes, Fischer Verlag


„Ich sah“: Diese Worte verbinden in der „Offenbarung des Johannes“ die großen Visionen der Endzeit untereinander. „Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde.“ Auch Christoph Ransmayrs siebzig Reise-Miniaturen beginnen jedesmal mit einem solchen „Ich sah“, das stimmt sie von Anfang an auf einen visionären Ton. „Ich sah einen Losverkäufer in einer sonntäglich leeren Straße der chilenischen Pazifikstadt Valparaiso... Ich sah eine schwarze Ziege am Rand eines von Schilfgras überwucherten Tennisplatzes in Adamstown, der einzigen Siedlung der Südseeinsel Pitcairn... Ich sah eine Plakatwand an der unter Luftspiegelungen verschwimmenden Straße nach Klipplaat am Rand der südafrikanischen Suurberge... Ich sah einen Strom von Aberhunderten Silberlachsen... Ich sah eine samtschwarze, von unzähligen Lichtpunkten tätowierte Finsternis über mir, ein scheinbar grenzenloses, bis an die fernsten Abgründe des Alls ausgespanntes Firmament, während ich auf dem flachen Boden eines Kahns lag, der unter den Ruderschlägen eines Fährmanns aus dem Volk der Maori durch die Nacht glitt.“

Wie einst der Autor der Apokalypse zeigt uns auch Ransmayr eine „neue Erde“, genauer, er sieht die Erde auf neue Weise und den Himmel auch, er läßt uns die Welt mit anderen Augen sehen, indem er dichte oder flüchtige Beobachtungen aus über vierzig Reisejahren wiedergibt. Manches davon ist von einer Poesie, die im Gedächtnis bleibt, etwa die Begegnung mit dem Waliser, der die chinesische Mauer von Anfang bis Ende abläuft und die Stimmen der Singvögel dort aufzeichnet. „Gemeinsam hatten sie (seine chinesische Frau und er) sich vorgestellt, diese unvostellbar lange Mauer durch einen einzigen, aus lückenlos aneinandergereihten Reviergesängen bestehenden Chor zu ersetzen: einen Wall aus Liedern, zart und glasrein die einen, verspielt, trällernd die anderen, alle aber Sequenzen einer unüberhörbaren, unüberwindlichen Melodie, die jeden Eindringling oder Angreifer entweder so überwältigen musste, dass er bang das Weite suchte – oder so betörte, dass er seine Gier, seinen Haß oder seine Kampflust vergaß und zu nichts anderem mehr fähig war, als hingerissen zu lauschen.“ Eine Mauer aus Klang.

Immer wieder rühren Ransmayrs Bilder an die großen Fragen von Leben und Tod. In Brasilien beobachtet er, wie ein Emigrant in einem Garten beigesetzt wird, während Araukariensamen von einem Baum auf die Trauernden herabregnen – Samen, von denen jeder einzelne „die Möglichkeit eines tausendjährigen Baumlebens enthielt“. An einem Strand im Regenwald belauscht er einen alten Mann, der für Angehörige betet, indem er ihre Namen in Richtung Meer schreit. Auf einem Parkplatz in den USA sammeln Menschen in einer Nacht der Mondfinsternis die Bruchstücke eines zersprungenen Glases auf, „blinkende Scherben, als pflückten sie Sterne“; auf einer Bank an einer Bushaltestelle irgendwo in Oberösterreich stirbt ein Rentner, ohne dass die Vorübergehenden es bemerken; in der (damaligen) Tschecheslowakei trifft der Autor in der Einöde auf einen Lehrer, der einen verfallenen jüdischen Friedhof hegt und die hebräischen Inschriften entziffert. „Er baute unbeirrt weiter an seiner Mauer und hörte manchmal nur noch die vielen Stimmen, die sich in ihrem Schutz erhoben.“

Ransmayr begleitet Fischer in Sri Lanka, die nach einem Tsunami alles verloren haben, auf einer nächtlichen Wallfahrt: „Menschen vier verschiedener Religionen erstiegen diesen Berg, um dankbar oder verzweifelt zu ihren Göttern zu beten..., Buddhisten, Hindus, Moslems und Christen erzählten über ihn so viele verschiedene, oft widersprüchliche Legenden, doch keiner wollte den Sri Pada für sich und seinen Glauben allein.“ Er mischt sich unter psychisch Kranke, die vor einer Kapelle in Wien Marienlieder singen: „Den Blick in das von zwei Ampeln nur schwach erhellte, golden schimmernde Kirchenschiff gerichtet, knieten oder standen die Betenden vor den versperrten Toren und umklammerten die Gitterstäbe, als ob die abendliche Weite in ihrem Rücken, die träge ziehenden Wolken, ja die ganze Stadt, die, aus der Höhe des Kirchenportals betrachtet, in einer blaugrauen Tiefe lag – Regionen einer vergitterten Welt wären und das verschlossene Halbdunkel, in das sie ihre Gebete, Lieder und Litaneinen murmelten und sangen, die Freiheit, ein kostbar funkelnder, unendlicher Raum.“

Der Österreicher Christoph Ransmayr ist einer der größten lebenden Schriftsteller deutscher Sprache – ein Reisender, der uns mit zurückhaltend-durchdachter Sprache die Tore zu neuen Welten aufstößt. Hier nimmt er Mass am letzten Buch der Bibel. Eines der schönsten Bücher dieser Jahre, ein Weltatlas, der uns, Breitengrad um Breitengrad, ins Unbekannte führt und zu uns selber.

(rv 22.06.2013 stefan v. kempis)


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