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Home >  Kultur und Gesellschaft  > Artikel von 2013-07-07 09:19:46
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Menschen in der Zeit: Franz Alt – der Sonnenkönig



RealAudioMP3 Eine Sendung von Aldo Parmeggiani

Franz Alt wurde 1938 geboren. Er studierte Politikwissenschaft, Geschichte, Philosophie und Theologie. Über drei Jahrzehnte arbeitete er überwiegend beim Südwestfunk. Seine Bücher werden in 12 Sprachen übersetzt und erreichten eine Auflage von über zwei Millionen. In seinen Werken, Essays, Beiträgen und Vorträgen gibt Franz Alt einen Überblick über die Alternativen der Energieerzeugung – erneuerbare Energien, solares Bauen, solares Wirtschaften – sowie über die Themen Klimawandel, Treibhauseffekt, Ökolandbau, Frieden und Menschenrechte. Als bekennender Christ begründet Franz Alt sein Engagement für die Ökologie aus seinem Glauben heraus. Er hat sein gesamtes Lebenswerk darauf eingerichtet, dass unsere Schöpfung, dass unsere Welt gerettet und der Zukunft erhalten bleibe.

Wenn Sie auf Ihre Kindheit und Jugendzeit zurückblicken: welches berufsprägendes Ereingis drängt sich da in den Vordergrund Ihrer Erinnerung?

„In bin in einer liberal-katholischen Gegend im Badischen in Deutschland aufgewachsen und meine Eltern sind – so oft es ging – mit uns ins Freie gegangen. Ich schon immer ein großer Naturliebhaber und ich habe mich schon immer darauf gefreut – viele Kinder freuen sich gerade nicht , wenn ihre Eltern sagen wir gehen spazieren – aber ich habe mich immer darauf gefreut und das hat mich tief geprägt: die Ehrfurcht vor der Schöpfung, Achtung des Wassers, des Windes, der Bäume. All diese Dinge sind tief in mir geprägt schon von meiner Kindheit her.”

Wann hatten Sie das erste Mal das sichere Gefühl, dass die Ökologie, die Energiewende, Ihren
Lebensinhalt bestimmen würde?

„Nach Tschernobyl, also nach 1986. Und dann habe ich intensiv recherchiert, was ja mein Job ist als Journalist und habe festgestellt, es sind ja schon eine ganze Reihe von Atomunfällen vorher passiert und es ist alles andere als sicher. Kein Mensch weiß bis heute wohin mit dem Atommüll, keiner. Wir tun der Natur etwas an, wo wir nicht wissen, wie es ausgeht. Wir wissen nur eins: Atom strahlt über einer Million Jahre. Und dann kam ich auf die erneuerbare Energie, Sonne, Wind, Biomasse, Wasserkraft, Erdwärme. Und mir wurde klar: wir haben alles, was wir brauchen, für alle Zeit. Allein die Sonne schickt uns 15 Tausend Mal mehr Energie als alle Menschen brauchen. Wir brauchen keine Atomkraft.”

Ihr jüngstes Buch trägt den Titel „Auf der Sonnenseite”- Herr Alt, warum sind wir immer noch von Öl, Gas, Kohle und Atomstrom abhängig?

„Wir Menschen sind weitgehend mit konservativen Genen ausgestattet. Wenn wir dreißig, vierzig, fünfzig Jahre lang etwas gemacht haben, dann glaube wir, es geht einfach so weiter. Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Es kann aber nicht so weitergehen. Wir haben nicht nur gefährliche Atomenergie – durch Fukushima ist es ja vielen Konservativen auch klar geworden, durch Tschernobyl hätte es schon vorher klar werden können – wir haben noch den Klimawandel durch Kohle, Gas und öl. Die deutsche Bundeskanzlerin sagt zu Recht, das ist die große Überlebensfrage der Menschheit: Ob wir es schaffen, rechtzeitig von Kohle, Gas und Öl wegzukommen, hin zu erneuerbaren Energie. Wir verbrennen heute an einem Tag soviel Energie, wie die Natur in einer Million Tagen angesammelt hat. Das heißt, eins zu einer Million Mal verbrennen wir die Zukunft unserer Kinder und Enkel.”

Es wird allgemein von einer Klimaerwärmung gesprochen – man hat jedoch nicht selten den Eindruck, dass die Winter im Laufe der Jahre immer länger werden. Erklären Sie den Hörerinnen und Hörern von Radio Vatikan ganz kurz, bitte, was nun wirklich auf unserem Planten geschieht?

„Viele Leute haben mich in den letzten Monaten, als wir wieder einmal einen kalten Winter hatten: Ja, wo bleibt denn hier dein Klimawandel, Herr Alt? Ich kann nur sagen, es trifft genau das zu, was die Klimaforscher uns seit Jahrzehnten sagen: Wetterextreme, genau das ist der Klimawandel, mehrere Winter, mehr Überschwemmungen, wir hatten gerade Hochwasser in Deutschland, die dritte Jahrhundertflut innerhalb von 11 Jahren, da sieht man, wie schnell die Zeit vergeht in den Zeiten des Klimawandels. Letztes Jahr war ich am Nordpol, dort war es wärmer als im Sommer in Deutschland. Am Nordpol wärmer als in Deutschland! Ich erlebe auf der ganzen Welt zunehmende Wetterextreme, die Flutwellen in Amerika und viele andere Dinge weisen darauf hin, dass der Klimawandel erst an seinem Anfang steht. Klimaflüchtlinge: zur Zeit sind in Afrika 18 Millionen Menschen als Klimaflüchtlinge unterwegs und irren über dem Kontinent. Das sind die Vorboten des eigentlichen Klimawandels. Klimawandel heißt bis zum Ende dieses Jahrhunderts können wir eine globale Erwärmung von vier, fünf, sechs, acht Grad haben.”

Wenn man Ihren Lebenslauf verfolgt, kommt man zu dem Schluss: es gibt Dinge, für die es sich lohnt, sich kompromisslos einzusetzen. Wieviel Aufwand, wieviel Mühe und Kraft hat Ihnen diese Haltung abverlangt?

„Das ist die Energie! Und diese Energie bekomme ich von Oben - im wahrsten Sinne des Wortes - und von Innen. Also das, was dieser wunderbare Mann aus Nazareth uns in der Bergpredigt gesagt hat. Das ist die eigentliche Kraftquelle. Sich für Frieden einzusetzen, für die Bewahrung der Schöpfung einzusetzen, selig sind die, die Mut haben: das ist die große Botschaft. Das gibt mir Kraft, für mich ist das der authentischste Mensch, der je auf der Welt gelebt hat.”

Sie sind Journalist, Berater von Regierungen, haarscharfer Analytiker über die brisantesten Themen unserer Zeit, aber auch ein Schriftsteller, der seine Blicke auf die Zeit unseres Ursprungs richtet: auf die Schöpfung, auf die Wege zur ökologischen Zeitenwende, auf die Gestalt Jesus, wie wir gerade gehört haben, und seine Bergpredigt, Welchen ökopolitischen Inhalt ziehen Sie aus der vielzitierten Bergpredigt?

„Das ganze neue Testament ist voll großartiger ökologischer Bilder: Bilder vom Wasser, werdet Quellen lebendigen Wassers, sagt Jesus. Oder Bilder vom Sämann, oder vom Acker, vom Samen und von der Sonne. Mitten in der Bergpredigt steht der wunderbare Satz: Die Sonne unseres Vaters scheint für Gute und Böse. Also für uns alle, für alle Zeit und kostenlos und umweltfreundlich. Ich muss nur diese Bilder, die zweitausend Jahr alt sind, auf unsere heutigen Probleme übertragen. Das heißt: Jesus ‘heutig’ machen. Jesus gibt uns Antworten, obwohl er schon vor zweitausend Jahren gelebt hat, auf unsere größten, drängenden Probleme. Selig sind die Friedensstifter, welch ein Hinweis! Nicht die Krieger, sondern die Friedensstifter. Feindesliebe, welch ein Hinweis in Zeiten des atomaren Rüstens! In Zeiten des Wettrüstens, wo man mehr Geld ausgibt für Waffen, anstatt für die Bekämpfung und Überwindung des Hochwassers. Das ist eine zweitausend Jahre alte Botschaft von unendlicher, dringender Aktualität. Und wenn es der Kirche gelingt, auch mit einem Papst, der den tollen Namen Franziskus sich gegeben hat, diese Botschaft ‚heutig’ zu machen, dann haben die Kirchen eine großartige Botschaft für die Probleme der Welt von heute und da will ich mitarbeiten.”

Als bekennender Christ begründen Sie Ihr Engagement für die Ökologie aus Ihrem Glauben heraus – wie zum Beispiel in Ihrem Buch ‚Der ökologische Jesus’.: Ein ungewöhnlicher Blick auf unseren Herrgott…..manchmal wird Ihr Jesusbild ja auch von einigen Theologen als zu einseitig kritisiert.

„Der Papst hat ja auch gesagt, bevor er gewählt wurde, wir haben eine zu engen theologischen Blick. Und wurde dann gewählt. Genau das finde ich auch. Wir ver-theologisieren viele Probleme. Da gebe ich dem Papst recht , wir haben eine zu engen Blickwinkel. Wir müssen uns öffnen für die Probleme der Welt, so wie das Jesus seinerzeit auch getan hat. Ich sag’s nochmal: Feindesliebe, Bewahrung der Schöpfung, auf die Sonne achten, unseren Ursprung achten. Er stand quer zu den Herrschenden seiner Zeit, sowohl im Bereich der Religion, wie auch im Bereich der Politik. Also Jesus war auch dafür ein Vorbild, dass er sich politisch eingemischt hat.


Andere Theologen werfen Ihnen vor, Sie würden den Gott des Neuen Testamentes als ‚Gott der Liebe’ gegen den Gott des Alten Testaments als ‚Gott der Rache’ ausspielen. Wie stehen Sie zu dieser Kritik?

„Im Alten Testament finde ich wirklich viele Hinweise darauf, dass Gott ein Gott der Strafe, der Rache ist. Das ist unbestreitbar. Theologisch. Jesus hat uns nun wirklich ein neues Gottesbild gebracht. Feindesliebe, das lese ich nicht im Alten Testament, im Gegenteil, da heißt es: Schlagt eure Feinde tot. Solche Hinweise finde ich dort. Deshalb war Jesus auch so gefährlich für die Religion in der damaligen Zeit, Also ich bleibe dabei: dieser Jesus von Nazareth hat uns einen Liebesgott, keinen Rachgott erklärt, er hat uns deutlich gemacht, dass Gott ein liebender Vater ist, er hat immer von Abba gesprochen, und dieses Abba, ist das zärtlichste Wort in der aramäischen Sprache für Vater, Pappa oder Pappi. Das war Jesus’ Gottesbild. Und weil das revolutionär neu war, deshalb musst er beseitigt werden. Warum denn sonst? Da ist mit Jesus von Nazareth etwas Neues aufgetreten, das ist authentisch neu und dafür sollten Theologen in der Nachfolge Jesu auch einstehen.”

‚Aufbruch zur Achtsamkeit’ – heißt eines Ihrer letzteren Bücher: es handelt und erzählt über den Olavs-Pilgerweg in Norwegen, den Sie gegangen sind. Sie beschreiben in diesem Buch, wie man durch das Pilgern zu sich selbst und zur Innerlichkeit kommen kann. Herr Alt, kann Pilgern unser Leben verändern?

„Ja, da gibt es viele Beispiele dafür: ich habe da auf dem norwegischen Pilgerweg viele Pilger kennengelernt, die gesagt haben: Pilgern kann einem sehr helfen, einen neuen Anfang zu machen, auch im Glauben. Ich habe gelernt, dass Pilgern dem Glauben Beine machen kann. Und das ist eine tolle Erfahrung und dafür bin ich sehr dankbar. Ich habe mir vorgenommen, das war nicht der letzte Pilgerweg, ich werde demnächst versuchen, in Israel zu pilgern, von Nazareth nach Jerusalem. Ich will noch einmal auf den Spuren Jesu gehen und dann vielleicht ein Buch darüber zu schreiben. Ich halte es für keinen Zufall, dass Pilgern eine Renaissance erfährt und ich habe gelernt, dass im Mittelalter, als die Leute viel mehr gepilgert sind als heute, auf den alten Pilgerwegen, vom Jakobsweg bis zum Olavsweg, die ersten Gedanken aufkamen, ein gemeinsames, friedliches Europa zu schaffen. Welch ein Geschenk an unsere heutige Welt!“

„Die Sonne schickt uns keine Rechnung”, „Sonnige Aussichten”, „Zukunft der Erde”, „Eine bessere Welt ist möglich”, „Krieg um Öl – Frieden durch Sonne”, Herr Alt, allein ein Blick auf den Index Ihrer zahlreichen Bücher ergibt ein ganzes Lebensprogramm. Auf welche Bilanz blicken Sie heute – mit 75 Jahren – zurück?

„Ich bin sehr dankbar, dass ich die Botschaft des Mannes aus Nazareth kennen lernen durfte. Das hat mein Leben geprägt. Daran will ich weiter arbeiten, ihn immer mehr zu entdecken, ihn immer näher zu kommen, seine Botschaft besser zu verstehen und sie auch – dafür bin ich Publizist – weiter zu geben an die Welt. Das ist der Auftrag, den ich empfinde, daran will ich weiterarbeiten und das macht mir viel, viel Freude und gibt meinem Leben einen tiefen Sinn. “


Sie sind jetzt 75 Jahre alt geworden – und bereiten sich auf eine Reise durch die Mongolei vor und werden dort Ihren Geburtstag feiern. Was steht auf Ihrer Wunschliste für die nächsten 25 Jahre ganz oben?

„Dass kein Kind mehr verhungern muss! Wir brauchen dafür Wasser, wir brauchen erneuerbare Energie und wir brauchen Bildung: das sind die drei Säulen, auf denen wir eine bessere Welt bauen können. Daran werde ich arbeiten; ich bin guter Dinge, dass wir da weiterkommen.“

(rv 07.07.2013 ap)


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