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Home >  Politik  > Artikel von 2013-09-15 08:17:53
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Fragen eines syrischen Priesters



RealAudioMP3 Ein amerikanischer Angriff auf Syrien scheint – vorerst – abgewendet; und nicht wenige schreiben dies auch der weltweiten Gebetsinitiative zu, die Papst Franziskus am Samstag vor einer Woche lanciert hatte. Die Lage bleibt aber weiterhin dramatisch für die Menschen im Bürgerkrieg. In unserm Wocheninterview haben wir mit Hanna Ghoneim gesprochen. Er ist melkitisch-katholischer Priester aus Damaskus und kann derzeit nicht in seine Heimat zurück:

Der Krieg in seiner syrischen Heimat machte ihm einen Strich durch die Rechnung: Eigentlich wollte Hanna Ghoneim letztes Jahr nach Damaskus zurückkehren. Acht Jahre lang hatte der melkitische Priester bis dahin in Wien die dortige melkitische Gemeinde betreut und nebenher sein Doktoratsstudium gemacht. Doch wegen der Gewalt in Syrien konnte Ghoneim nicht nachhause. Jetzt ist er in Freising,macht dort Pfarrvertretung in der Pfarrei St. Lantpert – und beobachtet mit Sorge, dass es zu einem westlichen Eingreifen in den Syrien-Konflikt kommen könnte. „Ein militärisches Eingreifen würde niemandem helfen: Das wäre eine Katastrophe für alle Syrer. Wir Syrer trachten nach Frieden, Sicherheit, Stabilität – das sind die Dinge, die unser Leben dort gewährleisten können, und der Krieg spricht dagegen.“

Sicherheit, Stabilität – das sahen die Christen in Syrien in den letzten Jahrzehnten durch die Assad-Regierung gewährleistet. Zwar gebe es in seiner Heimat viele heterogene Gruppen: verschiedene Religionen, Konfessionen, auch Ethnien. Aber: „Ich würde nicht sagen, dass Syrien per se ein Pulverfass wäre. Man hat jetzt seit längerem versucht, dort einen Bürgerkrieg zu schüren, aber das ist nicht gelungen, weil das Volk zusammenhält.“ Über Jahrhunderte hinweg hätten die Syrer gelernt, welchen Wert das friedliche Zusammenleben der Verschiedenheiten hat. Vielleicht, so hofft Hanna Ghoneim, setzt sich dieses Erbe ja wieder durch? „Trotz der Krise haben wir immer noch große Hoffnung, dass das Land wieder zum Frieden zurückfindet – wie genau, das ist allerdings jetzt noch nicht abzusehen.“

Die Rebellen in Syrien sieht der melkitische Priester vor allem als einen zersplitterten Haufen. „Sie hat auch keine einheitliche Führung; die einen Gruppen stehen zu Qatar, die anderen zu Saudi-Arabien, die anderen vielleicht zu den Türken oder auch zu den Europäern. Jede Gruppe hat irgendeine andere Referenz.“ Verstörend sei es, dass sogar Anhänger von al-Quaida, also richtiggehende Terroristen, unter den oppositionellen Gruppen seien. „Jetzt fragt man sich: Was tun die denn da, was beabsichtigen die?“ Plan der Islamisten sei es offenbar, Syrien zu islamisieren und Präsident Assad sowie seine alawitische Gruppe zu beseitigen.

Aus der Sicht von Hanna Ghoneim sind es vor allem ausländische Kräfte, die den Krieg in Syrien am Laufen halten: Der Unfriede komme von außen. „Wir leben nicht konfessionell in Syrien; wir haben in der Schule auch nie gelernt, dass Muslime anders wären als Christen, oder dass Christen diskriminiert würden. Wir haben immer alle zusammen als normale Bürger gelebt, und alle haben im Staat ihre Rechte. Jetzt gefällt das Saudi-Arabien offenbar nicht, und darum greift es diese Regierung Assad an. Leider Gottes steht auch der Westen und vor allem die USA an der Seite der Rebellen, vor allem an der Seite Saudi-Arabiens.“ Nach Ansicht des Priesters hat der Westen einfach nicht verstanden, welches Spiel da andere, islamische Mächte in Syrien spielen.

Was den Giftgas-Einsatz Ende August in einem Vorort von Damaskus betrifft: Da will Hanna Ghoneim nicht glauben, dass die Regierung Assad dahinter stehen könnte. Mögen nach Angaben der USA die Hinweise auch noch so schlüssig sein, Ghoneim und mit ihm viele Christen in Syrien derzeit trauen das der syrischen Führung einfach nicht zu. Auch eine italienische Ordensfrau, die in einem Krankenhaus in Damaskus arbeitet, spricht in einer Email davon, dass die UNO gefälschte Beweise vorlege, und fragt: Warum sind denn offenbar nur Kinder an Giftgas gestorben? Wo waren denn die Erwachsenen, die sich um die Kinder gekümmert haben? Ghoneim sagt: „Wer hinter dem Einsatz steckt, weiß man tatsächlich nicht; unter der Opposition gibt es so viele Gruppierungen, und es kann leicht sein, dass irgendeine terroristische Gruppe Giftgas einsetzt. Wir wissen noch nicht, die Zeit wird noch zeigen, was da los war; alle sagen, dass die USA eine Ausrede finden will, um jetzt gegen die syrische Armee einen Einsatz zu führen. Aber das ist ihr, Gott sei Dank, nicht gelungen.“

Die Berichte über das Elend von Flüchtlingen und Vertriebenen aus Syrien liest der melkitische Priester in Freising sehr genau. Er findet es richtig, dass man Menschen in Not hilft, sagt er. Aber auch hier gehen ihm ein paar Fragen durch den Kopf: „Was erzielt man denn mit diesen Hilfen? Geht es um die Syrer? Geht es um das Land? Geht es um die Menschen dort? Wenn es um die Syrer geht, dann muss man seine Tür jetzt für alle aufmachen, nicht nur für ein paar Leute!“ Dann muss auch Deutschland großzügiger Flüchtlinge aufnehmen, findet Ghoneim. Aber unruhig macht ihn vor allem, wie im Moment die christliche Präsenz in Syrien durch die Flüchtlingsströme ausdünnt. Er fürchtet ein irakisches Szenario, also das Ende des Christentums im Land nach etwa zwei Jahrtausenden Präsenz durch einen Massenexodus. „Ich bin dafür, dass man die Menschen dort vor Ort unterstützt, damit sie dort bleiben, damit sie sich dort behaupten! Ein Syrer hat eine Bedeutung in seiner Heimat. Wenn man seine Heimat verliert, dann wird man entfremdet und weiß nicht, wohin man gehört. Das finde ich das Allerbeste: Menschen jetzt dort vor Ort zu helfen.“

Ein Beispiel unter vielen: Syrische Kinder in Privatschulen könnten jetzt oft ihre Schulbeiträge nicht mehr bezahlen. Die meisten der Privatschulen im Land sind christlich geführt, von Ordensleuten in der Regel. „Und wenn die Kinder weg sind, dann kann man die Lehrer nicht mehr bezahlen. Das heißt: Auch die Lehrer müssen dann die Schule verlassen – dann bleibt die Schule leer. Dann verlieren wir auch die Schule, dann wird die Schule geschlossen! Also, wir verlieren Arbeitsplätze für die Lehrer, und die Schüler müssen dann in die staatlichen Schulen gehen, die überfüllt sind!“

Eine christliche Schule nach der anderen gerät im Moment in Syrien in ernste Finanznot, so Hanna Ghoneim. Für die christlichen Familien mit schulpflichtigen Kindern bedeute das große Schwierigkeiten. „Sie müssen bedenken: Unter den 20.000 Schulen in ganz Syrien sind 4.000 zerstört, bombardiert oder mittlerweile in den Rebellengebieten in ein Gefängnis verwandelt. Diese Schüler müssen also in andere Schulen gehen, und darum sind die staatlichen Schulen überfüllt. Das vermindert natürlich die Qualität des Schulunterrichts. Darum sage ich mir: Wir müssen unbedingt unsere Schüler in Privatschulen unterstützen! Damit sie in der Schule bleiben, und damit auch die Schule erhalten bleibt.“

Jede Privatschule habe „eine gewisse Mission“, so der melkitische Priester; sie diene auch dem Wohl des Landes. „Es ist bekannt, dass die Kinder in Privatschulen besser lernen. Das ist gut für die Zukunft der Kinder und auch für die Zukunft des Landes!“ Eine Zukunft, an die Hanna Ghoneim, von Freising aus, immer noch unbeirrt glaubt.

Mit Hanna Ghoneim sprach Brigitte Schmitt für Radio Vatikan.

(rv 13.09.2013 sk)


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