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Home >  Vatikanische Dokumente  > Artikel von 2013-09-20 11:05:20
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Das große Papstinterview: eine Zusammenfassung



RealAudioMP3 Papst Franziskus hat der Jesuitenzeitschrift „Civilta Cattolica“ ein langes Grundsatzinterview gegeben. Der Pontifex spricht darin über sein Verständnis der Kirche, über seine Art, Entscheidungen zu treffen, über die Kurie, den Umgang mit Homosexuellen, die Rolle von Frauen in der Kirche und vieles mehr. Wer die beiden Interview-Bücher mit Papst Benedikt XVI. kennt, wird sich daran erinnert fühlen. Es ist ein weitausgreifendes Gespräch, auf Deutsch erschienen in den „Stimmen der Zeit“. Hier eine Zusammenfassung.


Frauen in der Kirche

Franziskus hat eine deutliche Öffnung für Frauen in Führungspositionen der Kirche signalisiert. „Der weibliche Genius ist nötig an den Stellen, wo wichtige Entscheidungen getroffen werden.“ Was der Papst dabei nicht will, ist eine „Männlichkeit im Rock“, denn die Frau habe „eine andere Struktur als der Mann“. Franziskus deutet damit an, dass mehr kirchliche Verantwortung für Frauen nicht unbedingt den Zugang zu Weiheämtern bedeutet. Doch gilt es aus seiner Sicht, über das Ausmaß und das 'Wie' weiblicher Einbindung in kirchliche Entscheidungen besser nachzudenken. „Eine gründliche Theologie der Frau“ fehle vorerst. Jedenfalls: „Die Kirche kann nicht sie selbst sein ohne Frauen und deren Rolle. Die Frau ist für die Kirche unabdingbar. Maria – eine Frau – ist wichtiger als die Bischöfe.“


Entscheidungsfindung

Franziskus steht dazu, sich in seinen Entscheidungen beraten zu lassen. Zwar höre er jetzt manche, die ihm sagen, man solle nicht zu viel beraten, sondern entscheiden. „Ich glaube jedoch, dass die Konsultation sehr wichtig ist.“ Der richtige Ort dazu sei - für ihn als Papst - das Konsistorium und die Synode, doch wünscht sich Franziskus diese Veranstaltungen „weniger starr“. Zu der von ihm eingesetzten „outsider-Beratungsgruppe“ der acht Kardinäle sagte er, dieses Gremium sei nicht allein seine Entscheidung gewesen, „sondern Frucht des Willens der Kardinäle, wie er bei den Generalkongregationen vor dem Konklave zum Ausdruck gebracht wurde“. Nachsatz: „Und ich will, dass es echte, keine formellen Beratungen geben wird.“ Das ist ein klares Bekenntnis zur Kollegialität: Konsistorien setzen sich im Wesentlichen aus Kardinälen zusammen, Synoden aus Bischöfen.


Die römische Kurie

Die Einrichtungen des Heiligen Stuhles – Glaubenskongregation, Kleruskongregation, Kirchengerichte, um nur einige zu nennen – sieht der Papst in einer eindeutigen Rolle des Dienstes. „Sie müssen den Ortskirchen helfen oder den Bischofskonferenzen. ... Wenn man sie nicht richtig versteht, laufen sie Gefahr, Zensurstellen zu werden.“ Franziskus erwähnt die vielen in Rom eintreffenden „Anklagen wegen Mangel an Rechtläubigkeit“. Solche Fälle sieht der Papst besser in den jeweiligen Ortskirchen aufgehoben, „Rom“ solle da nur Hilfestellungen bieten.


Das Kirchenbild des Papstes

Wie sieht Franziskus die Kirche? Sein bevorzugtes Bild der Kirche ist eines, das das II. Vatikanische Konzil prägte: die Kirche als das heilige Volk Gottes. Das Volk sei das Subjekt. Mehr noch: „Das Ganze der Gläubigen ist unfehlbar im Glauben“. Das „Fühlen mit der Kirche“ sei also keines, das sich auf die Theologen beziehe oder nur dem „hierarchischen Teil der Kirche“ gelte, sondern könne sich gewissermaßen auf den „übernatürlichen Glaubenssinn“ des ganzen pilgernden Volkes Gottes verlassen. Um Missverständnissen vorzubeugen, fügt der Papst hinzu: Diese Form der Unfehlbarkeit aller Gäubigen ist nicht Populismus. Im Volk Gottes gebe es eine „Mittelklasse der Heiligkeit“, an der alle teilhaben könnten. Abermals zeichnete Franziskus das Bild einer „Kirche für alle“, die sich nicht in sich selbst verschließen dürfe.

„Diese Kirche, mit der wir denken und fühlen sollen, ist das Haus aller - keine kleine Kapelle, die nur ein Grüppchen ausgewählter Personen aufnehmen kann. Wir dürfen die Universalkirche nicht auf ein schützendes Nest unserer Mittelmäßigkeit reduzieren. Und die Kirche ist Mutter. Die Kirche ist fruchtbar, und das muss sie sein. Schau, wenn ich negative Verhaltensweisen von Dienern der Kirche oder von Ordensmännern oder -frauen bemerke, ist das Erste, was mir in den Sinn kommt: ,eingefleischter Junggeselle!‘ oder ,alte Jungfer!‘. Sie sind weder Väter noch Mütter. Sie sind nicht imstande gewesen, Leben weiterzugeben.”


Was braucht die Kirche heute?

Eine gut ausgerüstete Erste-Hilfe-Station, antwortet Papst Franziskus, wörtlich: „,ein Feldlazarett“. „Ich sehe ganz klar“ - fährt er fort - „dass das, was die Kirche heute braucht, die Fähigkeit ist, die Wunden zu heilen und die Herzen der Menschen zu wärmen - Nähe und Verbundenheit. Ich sehe die Kirche wie ein Feldlazarett nach einer Schlacht. Man muss einen schwer Verwundeten nicht nach Cholesterin oder nach hohem Zucker fragen. Man muss die Wunden heilen. Dann können wir von allem Anderen sprechen." Zu oft habe sich die Kirche in „kleine Vorschriften“ einschließen lassen. Die wichtigste Sache sei aber die erste Botschaft: „Jesus Christus hat dich gerettet.”


Die „heißen Fragen“

Aus diesem Grund warnte der Papst davor, nur Fragen wie Abtreibung, homosexuelle Ehen und Verhütung zu erörtern. Die Ansichten der Kirche dazu seien bekannt, man müsse „nicht endlos davon sprechen“. Doch erneuerte Franziskus auch seine Überzeugung: Eine moralische Verurteilung etwa von Homosexuellen von seiten der Kirche ist nicht in Ordnung. In seiner Zeit als Erzbischof von Buenos Aires habe er Briefe von Homosexuellen bekommen, die sich von der Kirche verurteilt fühlten, sagte er in dem Interview: “Aber das will die Kirche nicht”, so Franziskus. “Es darf keine spirituelle Einmischung in das persönliche Leben geben.“ Gott begleite die Menschen durch das Leben, „und wir müssen sie begleiten und ausgehen von ihrer Situation. Wir müssen sie mit Barmherzigkeit begleiten.“

Die Diener der Kirche müssten sich der Menschen annehmen. Organisatorische und strukturelle Reformen seien zweitrangig: „Die erste Reform muss die der Einstellung sein“. Die Diener des Evangeliums müssten „in die Nacht der Menschen hinabsteigen können, in ihr Dunkel, ohne sich zu verlieren. Das Volk Gottes will Hirten und nicht Funktionäre“. Speziell die Bischöfe müssten „die Herde auch begleiten können, die weiß, wie man neue Wege geht“.


Die Liturgiereform des Konzils

Die Früchte des zweiten Vatikanums waren, sagt Franziskus, „enorm. Es reicht, an die Liturgie zu erinnern. Die Arbeit der Liturgiereform war ein Dienst am Volk, wie eine neue Lektüre des Evangeliums“. Papst Benedikts Entscheidung, die Messe nach den alten Büchern wieder zuzulassen, nannte Franziskus gleichwohl „weise“. „Ich finde aber das Risiko einer Ideologisierung des „Ordo vetus“ (also der „alten Messe“), seine Instrumentalisierung, sehr gefährlich.“


Das Suchen und Finden Gottes

Abermals warnte Papst Franziskus davor, sich im Glauben allzu sicher einzurichten. Wenn jemand behaupte, er sei Gott mit absoluter Sicherheit begegnet, sei aber nicht berührt „von einem Schatten der Unsicherheit“, dann laufe etwas schief.

„Wenn einer Antworten auf alle Fragen hat, dann ist das der Beweis dafür, dass Gott nicht mit ihm ist. ... Die großen Führer des Gottesvolkes wie Moses haben immer Platz für den Zweifel gelassen. ... Unser Leben ist uns nicht gegeben wie ein Opernlibretto, in dem alles steht.“ Tradition und der Rückblick auf die Vergangenheit hätten im Glauben sehr wohl ihren Platz, nämlich insofern sie

„uns zu dem Mut verhelfen, neue Räume für Gott zu öffnen. Wer heute immer disziplinäre Lösungen sucht, wer in übertriebener Weise die ´Sicherheit´ in der Lehre sucht, wer verbissen die verlorene Vergangenheit sucht, hat eine statische und rückwärts gewandte Vision. Auf diese Weise wird der Glaube eine Ideologie unter vielen.“ Er selbst habe die folgende lehramtliche Gewissheit: „Gott ist im Leben jedes Menschen. ... Auch wenn das Leben einer Person ein Land voller Dornen und Unkraut ist, so ist doch immer ein Platz, auf dem der gute Same wachsen kann.“


Die Jesuiten

An den Jesuiten haben Jorge Mario Bergoglio drei Dinge berüht, die ihn letztlich zum Eintritt in den Orden bewogen: der Sendungscharakter, die Gemeinschaft und die Disziplin. Dabei sei er „von Geburt an ein undisziplinierter Mensch“. Und die Gemeinschaft: „Ich sehe mich nicht als einsamer Priester“; so der Papst: „Ich brauche Gemeinschaft“. Er nennt das Beispiel seiner Wohnstatt: die Papstwohnung im Apostolischen Palast nennt er einen „umgekehrten Trichter“: groß, aber mit schmalem Eingang. „Man tritt tropfenweise ein. Das ist nichts für mich. … Ich muss mein Leben zusammen mit anderen leben.“ Einer seiner Lieblingsheiligen, fast unbekannt, gehörte dem Jesuitenorden an: der selige Peter Faber aus Savoyen, einer der ersten Weggefährten des heiligen Ignatius. Als Jesuitenprovinzial hat Bergoglio eine Ausgabe von Fabers Schriften erstellen lassen. Was ihn beeindruckt an diesem „reformierten Priester“ Peter Faber, wie ihn ein Mitbruder nannte? „Der Dialog mit allen, auch mit den Fernstehenderen und Gegnern, die schlichte Frömmigkeit, vielleicht eine gewisse Naivität, die unmittelbare Verfügbarkeit, … die Tatsache, dass er ein Mann großer und starker Entscheidungen und zugleich fähig war, so sanftmütig, so sanftmütig zu sein…“.

Die Grundtugend der Jesuiten, die Papst Franziskus nach eigenem Bekunden versucht in sein Leitungsamt einzubringen, ist die „Unterscheidung“. Es geht darum, Großes und Kleines im rechten Maßstab und aufeinander bezogen zu sehen. Mit Franziskus klingt das so: „Man kann große Projekte haben und sie verwirklichen, indem man auf wenige kleine Dinge als Grundlage setzt“. Der Papst zitiert - den bald heiliggesprochenen - Johannes XXIII. mit seiner Maxime „Alles sehen, vieles übersehen, wenig korrigieren“. Und er fügt hinzu, dass die Unterscheidung „immer in der Gegenwart des Herrn“ erfolgt, indem man auf Zeichen achtet, auf Dinge hört und mit Menschen fühlt, besonders mit den Armen. Die Unterscheidung – und damit die Entscheidung – brauche grundsätzlich Zeit. Aber ihn selbst habe die Unterscheidung in den letzten Monaten als Papst dazu angespornt, einiges „sofort zu erledigen“, was er eigentlich später habe tun wollen.


Der Papst privat

Franziskus erzählt vom Tag seiner Wahl. Beim Mittagessen an jenem Mittwoch, dem 13. März 2013, sei ihm „das Risiko, gewählt zu werden“ bewusst geworden. Und da habe er einen „tiefen und unerklärlichen Frieden und einen inneren Trost“ gespürt, zugleich „ mit einer völligen Dunkelheit, einer tiefen Finsternis“. Er sagt, er habe große Schwierigkeiten, Interviews zu geben: Er spüre, dass ihm die richtigen Antworten erst einfallen, nachdem er die Antwort schon gegeben habe. Mit dem Papst zu sprechen, notiert der Interviewer Antonio Spadaro, ist „wie wenn man einem Vulkanstrom von Ideen zuhört, die sich miteinander verknüpfen“.

Über sein persönliches Gebet gibt der Papst preis, er schätze ganz besonders die abendliche Anbetung, auch wenn er zerstreut sei oder sogar beim Beten einschlafe. „Abends von sieben bis acht bin ich vor dem Allerheiligsten für eine Stunde der Anbetung. Aber ich bete auch im Geist, wenn ich beim Zahnarzt warte.“ Die erste Frage des Interviews ist vielleicht die schwierigste. „Wer ist Jorge Mario Bergoglio“? Der Papst überlegt, dann gibt er die Antwort: „Ich bin ein Sünder. Das ist die richtigste Definition. … Ein Sünder, den der Herr angeschaut hat.“

(rv 20.09.2013 gs)


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