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Home >  Religion und Dialog  > Artikel von 2013-10-02 11:12:30
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Italien/Syrien: „Mut finden zur Hoffnung in Syrien“



Mit einer Verurteilung von religiös motiviertem Terrorismus ist am Dienstagabend das internationale Friedenstreffen der katholischen Gemeinschaft Sant’Egidio in Rom zuende gegangen. „Niemand kann die Religion für die Rechtfertigung von Gewalt verwenden“, heißt es in dem von Repräsentanten der großen Religionen vorgebrachten Aufruf. Im Namen Gottes zu töten, sei „Blasphemie“. Zugleich werden die Angehörigen aller Religionen zum Einsatz für den Frieden aufgerufen. An dem am Sonntag eröffneten Treffen hatten rund 400 Repräsentanten christlicher Kirchen und der grossen Religionen sowie Vertreter von Politik und Kultur teilgenommen. Im Mittelpunkt der diesjährigen Zusammenkunft unter dem Titel „Der Mut der Hoffnung“ standen der Syrien-Konflikt und die Lage im Nahen Osten.


„Syrien drohen somalische Verhältnisse“
Mut zur Hoffnung – im Nahen Osten braucht es den mehr denn je. Während die internationale Gemeinschaft immer noch darum ringt, eine gemeinsame Linie im Umgang mit dem syrischen Bürgerkrieg zu finden, sterben in dem Land täglich weiter Menschen. An die dramatische Lage der Zivilbevölkerung erinnerte der italienische Journalist Domenico Quirico beim internationalen Panel „Krise im Nahen Osten“ in der päpstlichen Universität Urbaniana.

Quirico war bis vor kurzem selbst noch in der Hand syrischer Entführer. Er hat das Land in den vergangenen Jahren immer wieder bereist und heftete sich an die Fersen syrischer Rebellen, um über die komplexen Entwicklungen dort berichten zu können. Quirico sagt, dem Land drohten mittlerweile ähnliche Verhältnisse wie dem afrikanischen Staat, der eigentlich schon lange kein Staat mehr ist: Somalia. Seit Anfang des Jahres werde die Lage in Syrien zunehmend undurchschaubar: Bewaffnete Gruppen hätten sich gebildet, die sich teilweise als Revolutionäre ausgäben, Banditen nutzten die Kriegssituation zur Selbstbereicherung, so der Journalist von „La Stampa“.

„Wir Araber brauchen eine gemeinsame Linie“
Haytham Manna vom syrischen Oppositionsblock „Nationales Koordinationskomitee für demokratischen Wandel der syrischen Kräfte“ (NCC) gab Syriens Zerstörung in Zahlen wieder: 112.000 Todesopfer habe der Konflikt bislang gefordert, drei Millionen Syrer seien im Inland evakuiert, 2,5 Millionen außer Landes geflohen. Ein Fünftel der Kinder im schulfähigen Alter habe nie eine Schule besucht, 40 Prozent der Industrie seien zerstört, referierte der ehemalige Sprecher der Arabischen Kommission für Menschenrechte (ACHR) auf der Friedenskonferenz von Sant’Egidio.

Keine Supermacht der Welt könne für diese Verwüstungen schnelle Lösungen anbieten, so Manna, ein Wiederaufbau werde sehr lange dauern. „Genf 2 ist unsere letzte Hoffnung“, so der Sprecher der NCC-Oppositionsgruppe mit Blick auf die Syrienkonferenz in der Schweiz, die noch in diesem Jahr stattfinden soll. Auf dieser Konferenz sollen alle Konfliktparteien an einen Tisch gebracht werden, um eine politische Lösung für Syrien zu finden. Im Gegensatz zu anderen Teilen der syrischen Opposition lehnt die Oppositionsgruppe NCC ausländische Militärhilfen in Syrien ab und bemüht sich um Dialog mit der syrischen Regierung. „Wir Araber brauchen ein gemeinsames Programm“, betonte Manna, die oppositionellen Kräfte müssten dringend eine gemeinsame Perspektive für die Zukunft des Landes entwickeln, damit Genf 2 auch fruchten könne.

Kardinal Sandri: „Der Extremismus schadet allen Religionen“
Mit Blick auf die sich häufenden Nachrichten über religiösen Extremismus in Syrien berichteten mehrere der Experten über Infiltrationen aus dem Ausland. Der italienische Journalist Domenico Quirico sprach von einer „neuen Phase von Al Qaida“, die im Syrienkonflikt aufscheine und die eine globale Herausforderung sei. Kriegserprobte Islamisten aus Afghanistan, dem Irak und Nordafrika kämpften in Syrien für die Errichtung eines Kalifates fundamentalistischer Prägung. Dieses dürfte weit entfernt von der traditionellen Verständigung der Religionen und Konfessionen in Syrien sein. Auch Kardinal Peter Turkson vom Päpstlichen Friedensrat hatte von einem wachsenden Einfluss salafistischer Kämpfer in den Reihen der syrischen Rebellen gesprochen und sich besorgt über mögliche negative Folgen für die rund 2,5 Millionen Christen gezeigt.

Wird die Luft für Christen in Syrien immer dünner? Das wollte Radio Vatikan auf dem Sant’Egidio-Treffen von Kardinal Leonardo Sandri wissen: „Ich glaube, dass wir die Zeugnisse der Personen mitverfolgen müssen, die vor Ort sind und die am eigenen Leib diesen Extremismus erfahren haben.“ Der Kardinal dürfte damit wohl auch gemeint haben, genau hinzuschauen – in den letzten Wochen hatte es teilweise widersprüchliche Meldungen über die Lage der Christen in Syrien gegeben, auch ist die Gefahr einer Instrumentalisierung der Medienberichterstattung in Kriegssituationen bekanntlich hoch.

Kardinal Leonardo Sandri betonte weiter, dass in Syrien nicht nur die Christen unter dem extremistischen Tendenzen leiden: „Christen wie Muslime sind da ganz offensichtlich in Bedrängnis. Man muss daran erinnern, dass die Opfer aus allen Religionen kommen. Und deshalb hoffen wir, dass dieser Extremismus vom Lichte der Vernunft erleuchtet wird und die Unsinnigkeit dieser Position der Gewalt und Unterdrückung erkannt wird.“

Nur der Weg des Dialoges könne einen Ausweg aus der syrischen Krise aufzeigen, pflichtet der Kardinal Papst Franziskus bei: „Eine Lösung kommt durch Dialog und Verhandlungen, es braucht diplomatische Mittel, die vor allem denjenigen vor Augen gestellt werden müssen, die Verantwortung in der Welt tragen und Entscheidungen fällen können, die zu noch schlimmeren Situationen führen könnten.“

Zum Stichwort „muslimischer Extremismus“ fiel der algerischen Journalistin Kadija Bengana, die auf dem Friedenstreffen referierte, ein Bild ein: „Die Islamisten haben der Rose des arabischen Frühlings einen Bart verpasst“, sagte die in Qatar tätige Al Jazeera-Korrespondentin auf dem Sant’Egidio-Friedenstreffen bei einem Vortrag über die Entwicklungen des Arabischen Frühlings und verwies unter anderem auf die Lage in Ägypten. Neben ihr am Podium saß Ahmed Maher, der Mitbegründer der „Ägyptischen Jugendbewegung des 6. April“, die eine der Initiatoren der ägyptischen Revolution war.

Starke Einschränkungen der arabischen Medienberichterstattung
Mit Blick auf den Syrienkonflikt berichtete Kadija Bengana im Gespräch mit Radio Vatikan über starke Einschränkungen der Medienberichterstattung zur Lage in Syrien: „Am ersten Tag der Krise hat die syrische Regierung das Büro von Al Jazeera geschlossen und den Journalisten verboten, in Syrien zu arbeiten.“ In der syrischen Medienberichterstattung sei das Leid der Zivilbevölkerung heruntergespielt worden, so Bengana weiter. Und nicht nur das: „Es hat eine regelrechte Kampagne gegen alle regimekritischen Journalisten in Syrien gegeben, viele Korrespondenten wurden des Landes verwiesen.“ Eine authentische Berichterstattung aus und über Syrien sei unter diesen Umständen kaum noch möglich: „Wir arbeiten mit dem Minimum an Mitteln. Und viele Journalisten sind im Bürgerkrieg ums Leben gekommen, so unser Kollege in Aleppo.“

Der italienische Journalist Domenico Quirico von „La Stampa“ rief mit Blick auf Berichte und Statistiken über Syrien dazu auf, sich das Leid der Zivilbevölkerung konkret vor Augen zu führen: „Geben wir den Zahlen ein menschliches Gesicht“, appellierte der Syrienexperte eindringlich. Erst wenn das menschliche Drama dieses Krieges verstanden sei, bekämen die Züge auf dem Schachbrett der internationalen Politik einen Sinn.


Unzureichendes Friedensbewusstsein

Das interreligiöse Treffen habe ganz auf der Linie des Friedensappells von Papst Franziskus für Syrien gelegen, sagte der Gründer der Gemeinschaft Sant'Egidio, Andrea Riccardi, zum Abschluss der Zusammenkunft vor Journalisten. Der Syrien-Konflikt habe ein unzureichendes Friedensbewusstsein der internationalen Gemeinschaft vor Augen geführt. Die päpstliche Gebetsinitiative habe jedoch gegen den Zeitgeist die "Revolte des Geistes gegen ein rein wirtschaftliches Denken bekräftigt".


Die internationalen Friedenstreffen werden von Sant’Egidio jedes Jahr in einer anderen Stadt ausgerichtet. Vorbild ist das Weltgebetstreffen der Religionen für den Frieden, zu dem Johannes Paul II. (1978-2005) im Oktober
1986 nach Assisi eingeladen hatte.

(rv 02.10.2013 pr)


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