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Home >  Caritas und Solidarität  > Artikel von 2013-10-06 11:17:10
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Mehr als 200 Tote in Lampedusa - Trauer und Wut



RealAudioMP3 Noch immer ist das ganze Ausmaß der Tragödie von Lampedusa nicht klar. Ein Schiff mit etwa 500 Flüchtlingen an Bord ist vor drei Tagen vor der Küste der italienischen Insel Lampedusa gesunken; gerettet wurden nur 155 Flüchtlinge, Taucher kamen bis zum Sonntagmorgen wegen hohen Seegangs nicht an das Wrack in 47 Metern Tiefe heran, darum wurden bis Sonntag Nachmittag erst 121 Leichen geborgen. Die meisten der Getöteten sind offenbar Frauen. In Italien hat eine wilde Debatte über das Einwanderungsrecht eingesetzt, aber der stellvertretende Bürgermeister von Lampedusa, Damiano Sferlazzo, sagt im Gespräch mit Radio Vatikan:

„Ich bin Lampedusaner, und wir Lampedusaner wollen weder einen Friedensnobelpreis noch sonst etwas. Wir wollen einfach, dass dieses Massaker aufhört. Dass jemand dafür sorgt, dass es keine Todesopfer mehr gibt und dass jeder, der ein besseres Leben sucht, in Sicherheit reisen kann! Diese Menschen flüchten doch vor Kriegen – die, die es bis hierhin nach Lampedusa schaffen, sind also Flüchtlinge und keine Illegalen. Nur darum bitten wir. Wir können nichts anderes tun, als der Welt begreiflich zu machen, dass die Menschenwürde für uns über alles geht. Erst einmal retten wir Menschenleben – leider sind auch viele Kinder unter den Toten – und dann diskutieren wir über den Rest. Über Rettungsmaßnahmen auf See gibt es nichts zu diskutieren!“

Fischer aus Lampedusa, die im Morgengrauen ausgefahren waren und gleich den Flüchtlingen auf dem brennenden Schiff zur Hilfe eilten, klagen an: Rettungskräfte, die man herbeigerufen habe, seien viel zu spät eingetroffen, nämlich erst nach einer Dreiviertelstunde. Dabei sei der Ort der Tragödie gerade einmal 500 Meter vom Festland entfernt. Viele weisen jetzt auch darauf hin, dass das italienische Einwanderungsrecht, das so genannte Gesetz Bossi-Fini, allen Strafen androht, die illegalen Einwanderern helfen. Ministerpräsident Enrico Letta kündigt ein Überarbeiten des Gesetzes und EU-Kommissionschef Manuel Barroso einen Besuch auf Lampedusa an. Jedenfalls lasse es der Ehrenkodex der Fischer gar nicht zu, in Seenot geratenen Menschen nicht zu helfen, sagt Sferlazzo.

„Das wird man nie erleben – erst recht nicht hier in Lampedusa! –, dass ein Fischer einen Schiffbrüchigen seinem Schicksal überläßt. Das ist ein ungeschriebenes, aber tief eingeprägtes Gesetz. Das ist ja auch nicht erst seit ein paar Monaten oder Jahren, dass wir hier Menschen retten, das war immer schon so! Schon mein Großvater erzählte mir von solchen Momenten, das steht also über allen Gesetzen. Und wenn so ein Gesetz wie das Bossi-Fini-Gesetz es einem Fischer praktisch verbietet, Leben zu retten, dann wird der das trotzdem tun. Auch wenn das Gesetz das Beschlagnahmen des Bootes und eine Anklageerhebung vorsieht – ein Fischer wird trotzdem Hilfe leisten!“

Am Flughafen von Lampedusa hat am Samstagabend eine Trauerfeier für die ums Leben Gekommenen stattgefunden; an ihr nahmen die Überlebenden der Katastrophe teil, aber auch Parlamentspräsidentin Laura Boldrini. Einige Fischer sind am Samstag hinausgefahren, um einen Kranz ins Meer zu werfen – eine Geste, die auch Papst Franziskus bei seinem Besuch auf Lampedusa im Sommer getan hatte. Enzo Billeci ist einer der Fischer:

„Wir sind hinausgefahren, obwohl die See wirklich stürmisch war, darum konnten auch nur die größten Fischerboote ablegen. Wir haben unter anderem in Anwesenheit des Hafenkommandanten einen Blumenkranz an der Unglücksstelle niedergelegt. Natürlich werden wir Fischer auch künftig allen helfen, die in Seenot sind, was könnten wir denn anderes tun? Wenn man Leute in Not sieht, dann achtet man doch nicht auf die Hautfarbe! Wir haben auf dieses Gesetz nie so richtig geachtet, aber ein bißchen Sorge macht es uns schon. Und wenn dann immer die Rede von Illegalen, Illegalen ist – das sind doch Leute, die vor Kriegen flüchten! Schluß mit diesen Toten im Meer, Schluß mit den Dramen!“

„Das ist einer der tragischsten Momente in der Geschichte der Migration“, sagt Valerio Landri von der Caritas des sizilianischen Bistums Agrigent. „Allgemein sind alle von Trauer erfüllt, denn was woanders nur eine Nachricht ist, hat hier bei uns ein Gesicht. Viele Lampedusaner helfen bei der Bergung von Leichen und haben den Überlebenden in die Augen gesehen. Trauer und Schmerz, das fühlen wir. Unsere Sorge ist, dass die Aufmerksamkeit für das Problem in ein paar Tagen wieder nachläßt und dann wieder das Schweigen der letzten Jahre einzieht. 2011 kamen 250 Menschen bei einem Schiffbruch um, in den zwei Jahren darauf hätte man so viel machen können, um solche Tragödien zu verhindern! Dass wir das alles jetzt wieder von vorne durchmachen in Lampedusa, läßt uns befürchten, dass es auch später mal wieder zu so etwas kommen kann.“

(rv 06.10.2013 sk)


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