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Home >  Kultur und Gesellschaft  > Artikel von 2013-10-26 11:18:21
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Buchempfehlung: Iserloh. Der Thesenanschlag fand nicht statt



RealAudioMP3 Uwe Wolff, Iserloh. Der Thesenanschlag fand nicht statt. Reinhardt Verlag, 25 Euro.
Forschung aus Theologenfeder, die es weltweit in die Schlagzeilen bringt, ist rar. Dem deutschen Priester und Kirchenhistoriker Erwin Iserloh gelang 1961 ein solcher Coup mit der Aussage: Martin Luthers Thesenanschlag zu Wittenberg fand nicht statt. Er ist eine Konstruktion des 19. Jahrhunderts. Der evangelische Theologe, Kulturwissenschaftler und Schriftsteller Uwe Wolff zeichnet nun in einer Biografie das Leben und Wirken jenes Erwin Iserloh nach, von dem heute nur Eingeweihte wissen.

Iserloh, geboren 1915 in Duisburg, früh im Konflikt mit der Hitlerjugend und den braunen Umtrieben überhaupt, wurde Seminarist in Münster unter Bischof von Galen. Auf dem schwarzen Brett der Universität fand er eine Preisarbeit ausgeschrieben: “Der Kampf um die Messe in den ersten Jahren der Auseinandersetzung mit Luther”. Er gewann den ersten Preis und war seinem Lebensthema auf die Spur gekommen. Im Kriegsjahr 1940 weihte ihn von Galen zum Priester. Iserloh war zugleich ein guter Erzieher, der Ferienlager mit Jugendlichen veranstaltete und mit verhaltensauffälligen Teenagern arbeitete. Einen guten Erzieher sah Iserloh auch in Luther, wie Wolff darlegt. Eine der großen Entdeckungen an Luther aber war für den jungen Priester Iserloh die Gnadenlehre. Er begriff sie, als er 1943 an der Ostfront Dienst tat. Als Fahrer eines Krankenwagens stand er ungezählten Sterbenden bei.

Nach dem Krieg durfte er 1947 mit einem Stipendium nach Rom, um sich zu habilitieren. Dabei sah Iserloh selbst sich als Pfarrer, nicht als Gelehrter. Das mittelalterliche Thema, das man ihm zugewiesen hatte, interessierte ihn nicht, aber es war der Preis dafür, in einem Rom ohne Kriegswunden und im Zentrum der Weltkirche zu leben. Er kam im Camposanto im Vatikan unter und stand dort als mahnendes Gewissen seinem Lehrer Hubert Jedin zur Seite: der Priester und große Kirchenhistoriker war schuldhaft in eine Liebesaffäre zu einer Diplomatengattin verstrickt.

An der Universität Trier erlangte Iserloh einen Lehrstuhl für Kirchengeschichte. Die jungen Priesterstundenten, mit denen er zusammen wohnte, bat er, ihn nicht als bloßen Ausbilder zu begreifen, sondern “als Menschen, die mit Ihnen um die Wahrheit ringen und kämpfen”. Seine große Stunde kam mit seiner Lutherforschung. Wolff schreibt: “Die Bestreitung des Thesenanschlages war eine Art Heimholung des jungen Luther in die katholische Kirche”. Auf entsprechenden Widerstand stieß Iserlohs Befund in beiden Lagern, dem katholischen wie dem reformierten. Wie oft, wenn historische Fragen zum Gegenstand erbitterter Debatten werden, ging es weniger um die krude historische Wahrheit: Hat er genagelt, oder hat er nicht, sondern es ging “um die Frage konfessioneller Identität”.

Das eigentlich Wirksame am Bild des Thesenanschlags ist seine Geste, das Hämmernde, das Laute daran: Luther, der seine Kritik ans Kirchentor nagelt. Iserloh kam zu dem Schluss, Luther sei gar nicht mit der Körperhaltung des Spalters aufgetreten. Nicht nur, dass er seine Thesen nirgendwohin nagelte, er wollte auch kein Reformator sein. Er wurde es unabsichtlich. Schon in den 1930er Jahren, lange vor dem Konzil, hatte Erwin Iserloh an einem differenzierteren Luther-Bild in der katholischen Kirche gearbeitet. Nun wurde seine These zu einem Pflasterstein des Weges der Ökumene, wenngleich “eine Ökumene mit Weichspüleffekt nicht Iserlohs Sache [war]”.

Vom äußeren Zuschnitt her ist diese biografische Studie gleichsam ein doppelt gewobenes ökumenisches Werk: Luther, durchleuchtet von einem katholischen Theologen, dessen Leben nun seinerseits ein evangelischer Theologe rekonstruiert. Uwe Wolff trägt die Lebensstationen des Erwin Iserloh, an dem sich die 68-er Generation in Münster so trefflich reiben konnte, mit Sensibilität für Sachverhalte des Glaubens und unübersehbarem zuordnenden Geschick vor. Die auch sprachlich hervorragende Biografie nährt sich wesentlich aus dem Nachlass sowie den Schriften Iserlohs, aber mehr noch aus dem Vermögen des Autors, seine Quellen auf Inhalte wie auf geistige Tragweite gleichermaßen zu befragen. Ergänzt ist das Werk unter anderem mit einer Dokumentation der Beiträge Iserlohs zum Thesenanschlag, der sich 2017 zum 500. Mal jährt.

(rv 24.10.2013 gs)


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