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Home >  Religion und Dialog  > Artikel von 2013-11-28 12:55:58
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Vorhof der Völker: „Da muss man ganz schön das Gehirn einschalten“



RealAudioMP3 Mit einer Eucharistiefeier ist am Donnerstagmittag in Berlin der „Vorhof der Völker“ zu Ende gegangen. Hunderte von Kirchenleuten, Wissenschaftlern und Künstlern hatten seit Dienstag in der deutschen Hauptstadt, in der eine Mehrheit der Bevölkerung konfessionslos ist, über das Miteinander von Glaubenden und Nichtglaubenden diskutiert. Stefan Kempis berichtet.

Mittwochnacht im Bode-Museum von Berlin: Zwei seltsame Prozessionen ziehen durch das dunkle Gebäude auf der Museumsinsel, eine Prozession der Glaubenden und eine der Nichtglaubenden. Die beiden Gruppen sind bunt gemischt: Berliner Schüler, Professoren, Kulturschaffende, Kirchenleute und natürlich einige als Pilger getarnte Journalisten. Vielleicht sieht ja auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, die in der Nähe wohnt, die Lichter im Museum herumhuschen. Die Kunstaktion lässt keine Zuschauer zu, sondern nur Beteiligte. Sie gehört zum „Vorhof der Völker“, dem Vatikan-Dialog zwischen Glaubenden und Nichtglaubenden. Kurienkardinal Gianfranco Ravasi läuft übrigens – das Los hat das so entschieden – in der Prozession der Nichtglaubenden mit.

„Glaube und Kunst sind Schwestern“: Diese Losung hatte Ravasi am Mittwochnachmittag ausgegeben, bei einer Debatte im Deutschen Theater. Dabei hatte der Denkerkardinal sich auf einen Satz von Paul Klee bezogen:

„Glaube und Kunst geben nicht das Sichtbare wieder, sondern machen das Unsichtbare sichtbar. Henry Miller, der „anstößige“ Autor des Werkes „Wendekreis des Herbstes“, behauptete in seinem Aufsatz „Die Weisheit des Herzens“, dass die Kunst wie die Religion „nichts lehrt, es sei denn, den Sinn des Lebens zu offenbaren“. Und das ist sicherlich nicht wenig. Selbst die Liturgie hat eine dramatische Dimension, wie aus ihrer Ritualität, dem Bühnenbild des Gotteshauses, den Gerätschaften, den Gewändern und Handlungen ersichtlich ist. Sie ist gleichzeitig numen und lumen, das heißt Mysterium, Transzendenz und Heiligkeit, aber auch Licht, Sichtbarkeit, Inszenierung und Ergreifung der Sinne.“

Auf eben diese Ergreifung der Sinne sind auch die Regisseure der nächtlichen Museumswanderung aus. Schauspieler stehen neben Skulpturen oder Gemälden mit religiösem Inhalt, einem pfeildurchbohrten heiligen Sebastian zum Beispiel, ringen die Hände und deklamieren immer wieder Fragen: „Wieso? Warum eigentlich? Weshalb denn?“ Eindringliche, lebende Bilder. Die Schauspielerin Sophie Rois von der „Volksbühne“ führt den Zug der Glaubenden an; sie bleibt vor drei Kunstwerken stehen, hier zum Beispiel vor dem Gemälde „Adam und Eva“ von Lukas Cranach, und erzählt, was ihr bei diesem Anblick so durch den Kopf geht.

Einige der Berliner Schüler werden hinterher sagen: „Das fanden wir verwirrend.“ Oder: „Das war etwas zu einseitig auf das Christentum ausgerichtet.“ Tatsächlich sind auch einige junge Muslime, und Musliminnen mit Kopftuch, in der Prozession der Glaubenden dabei. Alle lauschen für einen Moment in der Dunkelheit Musikern, die eigens für den „Vorhof“ komponierte Stücke aufführen. Die Kunstaktion ruft alle Sinne auf.

Am Schluss mischen sich die beiden Prozessionen symbolträchtig, und Kardinal Ravasi lädt mit einer Geste der „Grandezza“ alle Teilnehmer nach Rom ein: Er träume davon, die beiden Prozessionen noch einmal unter den Kolonnaden des Petersplatzes, links und rechts, zu wiederholen, auf St. Peter zu.

Dass Glaube und Kunst eng zusammengehören (so eng wie Glauben und Nichtglauben), war schon am Nachmittag bei der Debatte im Deutschen Theater klargeworden. Theater und Kirche seien doch „die einzigen Orte, wo die Leute einfach nur dasitzen und den Mund halten“, behauptete der Moderator. Das Theater sei, so wurde Friedrich Nietzsche zitiert, „aus dem Tempel entstanden“, und darum würden sich beide nie „aus den Augen verlieren“. Kardinal Ravasi übrigens, dem ein neuer Bund zwischen Kirche und Kunst vorschwebt, schimpfte im Deutschen Theater über moderne Kirchen in Neubauvierteln, „die sakralen Garagen ähneln, in denen Gott geparkt ist und die Gläubigen in Reih und Glied aufgestellt werden“.

Viele anregende Debatten, viele Fragen, kaum Antworten – so sah der „Vorhof der Völker“ in der säkularen deutschen Hauptstadt aus. „Da muss man ganz schön das Gehirn einschalten“, kommentierte Pater Hans Langendörfer, der Sekretär der Deutschen Bischofskonferenz. Und er erzählt, viele hätten ihm gegenüber den Wunsch nach Fortsetzung, nach einem Weiterdreh dieses Dialogs geäußert. Da müsse man sehen, was sich machen ließe. Nach den Berliner Veranstaltungen, als die Mikrofone ausgeschaltet waren und die Schnittchen kamen, haben die Glaubenden und die Nichtglaubenden jedenfalls ihre Gespräche immer intensiv fortgesetzt.

(rv 27.11.2013 sk)


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