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Home >  Vatikanische Dokumente  > Artikel von 2014-01-03 15:23:11
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Papst traf Ordensleute: „Weckt die Welt auf!“



RealAudioMP3 Papst Franziskus traf Ende November rund 120 Generalobere der katholischen Männerorden im Vatikan. Das Protokoll des Gesprächs des Papstes mit den Oberen hat die italienische Jesuitenzeitschrift „La Civiltà Cattolica“ an diesem Freitagnachmittag veröffentlicht. Der Chefredakteur der Zeitung, Pater Antonio Spadaro, war vom Leiter der Vereinigung der Oberen, Pater Adolfo Nicolás, gebeten worden, bei der Begegnung dabei zu sein und Protokoll zu führen. Die Begegnung fand zum Ende der 82. Generalversammlung der Generaloberen statt. Spadaro fasst die dreistündige Unterredung, bei der der Papst in ungezwungener Atmosphäre und in freier Rede Fragen beantwortete, auf 15 Seiten zusammen – in einem ähnlichen Stil wie bereits das Interview, das der Jesuit selbst vor einigen Wochen mit dem Papst führte. Wir haben für Sie die Kernaussagen des Papstes herausgefiltert.

„Kirche muss attraktiv sein“
„Kirche muss attraktiv sein. Weckt die Welt auf! Seid Zeugen eines anderen Handelns!“ Mit diesem Appell an die Ordensoberen knüpfte Franziskus an Ausführungen seines Vorgängers Benedikt XVI. an (vgl. dessen Predigt vom 13. Mai 2007). Benedikt sagte, dass die Kirche „durch das Zeugnis wächst, nicht durch Proselytismus“. Ein anziehendes Zeugnis sei „nicht an die gewohnte Haltungen gebunden“, fügte hier Franziskus an. Es zeichne sich durch „Großmut, Distanz, Opfer“ und Selbsthingabe im Dienste am Anderen aus, so der Papst: „Das ist das Zeugnis, das ,Martyrium‘ des Ordenslebens“. Für die Welt habe dieses „Über den weltlichen Horizont Hinausgehen“ Signalwirkung, fuhr er fort, es sei ein „Alarmsignal“.

Dabei zu irren sei menschlich, so der Papst weiter: „Das Leben ist komplex und besteht aus Gnade und Sünde. Wenn jemand nicht sündigt, ist er kein Mensch. Wir alle irren und müssen unsere Schwächen anerkennen.“ Ein Ordensmann, der dies erkenne, widerspreche nicht dem eigenen Auftrag, präzisierte hier der Papst, sondern „verstärke ihn“ sogar, und dies „tue allen gut“, so Franziskus. Dieses besondere, „prophetische“ Zeugnis erwarte er von einem Ordensmann, so der Papst. Und er betonte: „Auch ich bin ein Ordensmann.“

Perspektivenvielfalt und Erfahrung
„Die großen Veränderungen der Geschichte haben sich verwirklicht, wenn die Realität nicht vom Zentrum, sondern vom Rande aus betrachtet wurde.“ Franziskus plädierte hier für einen Blick, der „aus verschiedenen Blickpunkten“ Welt erschließt. Standortwechsel seien für ein tiefes Verständnis der Dinge notwendig, so Franziskus: „Wir müssen uns ans Denken gewöhnen.“ Zugleich müsse die Realität „durch Erfahrung“ erschlossen werden, fuhr der Papst fort. Und er schlug vor: „eine Zeit lang an die Peripherie gehen, um wirklich die Realität zu kennen und das Leben der Menschen. Wenn das nicht passiert, riskiert man, abstrakte Ideologen oder Fundamentalisten zu sein, und das ist nicht gesund“. Das Hinausgehen an die „existentiellen und geografischen Peripherien“ sei der Weg Jesu, erinnerte der Papst. Seine Botschaft sei nicht exklusiv, betonte er weiter: „Habt keine Angst, euch an jeden zu wenden.“

Nach der Priorität des Ordenslebens gefragt, betonte der Papst, es gehe darum, tatsächlich „Prophet zu sein“ und „nicht nur einen solchen zu spielen“. Dabei dürfe auch ruhig einmal „Krach“ gemacht werden, so Franziskus: „Prophetie macht Lärm“. Ein halbherziges Ordensleben sei dagegen des Teufels, führte der Papst aus. Ordensmänner und Ordensfrauen müssten dagegen „die Zukunft erleuchten“. Mit Blick auf die einzelnen Charismen müsse es darum gehen, „das zu verstärken, was im Ordensleben institutionell ist“, so der Papst. Dabei dürfe jedoch „nicht das Institut mit dem apostolischen Werk verwechselt“ werden: „Das Charisma bleibt, ist stark, das Werk vergeht (…) Das Institut ist kreativ, sucht immer neue Wege.“

Für neue Vermittlungswege sprach sich der Papst mit Blick auf die Arbeit mit Jugendlichen aus: „Wer mit der Jugend arbeitet, kann nicht dabei stehen bleiben, die Dinge zu geordnet und zu strukturiert wie in einem Traktat zu sagen, denn diese Dinge gleiten an der Jugend ab. Es braucht eine neue Sprache, eine neue Art, die Dinge zu sagen.“

„Charisma ist keine Flasche mit destilliertem Wasser“
Mit Blick auf das Gefälle der Berufungen in der Welt – während ihre Zahl in Europa sinkt, nimmt sie in Afrika und Asien zu – betonte der Papst die Kraft und den Beitrag der jungen Kirchen: „Es gibt Kirchen, die neue Früchte tragen. (…) Das hält uns natürlich dazu an, die Inkulturation des Charisma neu zu überdenken.“ Der Papst plädierte hier für interkulturelle Sensibilität sowohl in der Mission als auch bei der Ausbildung der Novizen weltweit. Das Charisma sei „eines“, unterstrich er, müsse aber je nach kulturellem Kontext gelebt werden: „Wir dürfen das Charisma nicht starr und uniform machen. Wenn wir unsere Kulturen gleichmachen, töten wir das Charisma“, erinnerte Franziskus. Aufgrund von zu großer Ängstlichkeit seien in der Geschichte bei der Mission Chancen verschenkt worden, merkte der Papst hier weiter an. Und er nannte als ein Beispiel die Chinamission des „Pioniers“ Matteo Ricci. Viele der Intuitionen des italienischen Jesuites seien damals fallen gelassen worden, bedauerte Franziskus wohl mit Blick auf die damaligen Spannungen der Jesuiten mit dem Vatikan.

Mit Sensibilität für den jeweiligen kulturellen Kontext sei freilich kein „folkloristisches Anpassen an die Gewohnheiten“ gemeint, präzisierte der Papst. Es geht ihm vielmehr um eine Offenheit für das kulturelle bzw. gewachsene Umfeld. Franziskus nannte ein weiteres Beispiel: „Ich kann eine Person nicht zu einem Ordensmann ausbilden, ohne sein Leben, seine Erfahrung, seine Mentalität und seinen kulturellen Kontext in Erwägung zu ziehen.“

Über die sinkenden Berufungen bei nicht geweihten Ordensmitgliedern sagte der Papst: „Ich glaube keinesfalls, dass die Krise der Ordensmitglieder, die keine Priester sind, ein Zeichen der Zeit ist nach dem Motto: diese Berufung ist vorbei. Wir müssen verstehen, was Gott hier von uns will.“

Bildung des Herzens, nicht zu Monstern
„Ausbildung ist ein Handwerk, kein Polizeiwerk. Wir müssen das Herz bilden. Sonst schaffen wir kleine Monster. Und diese kleinen Monster schaffen das Volk Gottes. Das verschafft mir wirklich Gänsehaut.“ Erneut wandte sich der Papst gegen Klerikalismus, den er als Ursache von mangelhafter Reife und fehlender Freiheit vieler Kirchenmänner sieht. „Heuchelei als Folge von Klerikalismus“ sei „eines der schlimmsten Übel“, so der Papst. In der Ausbildung des kirchlichen Nachwuchses müsse auf einen „ernsthaften“ und „ehrlichen“ „Dialog ohne Angst“ geachtet werden, es brauche eine umfassende „spirituelle, intellektuelle, gemeinschaftliche und apostolische“ Ausbildung: „Wir dürfen keine Verwalter und Geschäftsführer heranbilden, sondern Väter, Brüder und Weggefährten“, so Franziskus.

Ebenso müsse streng auf die Eignung des Ordensnachwuchses geachtet werden, so der Papst: „Wenn ein Jugendlicher aufgrund von Problemen in der Ausbildung und ernster Probleme dazu eingeladen wurde, aus einem Ordensinstitut auszutreten, dann aber in einem anderen akzeptiert wird, ist das ein großes Problem. (...) Es werden Sünder, aber keine Korrupten akzeptiert.“ Franziskus lobte in diesem Zusammenhang den beispielgebenden Einsatz des emeritierten Papstes Benedikt XVI. im Kampf gegen sexuellen Missbrauch in der Kirche.

„Konflikte umarmen, Handeln mit dem Herzen“
„Ein verdeckter Konflikt führt zu Spannungen und explodiert dann“, warnte der Papst mit Blick auf die Gemeinschaft des Ordenslebens. In einer Gemeinschaft seien Konflikte unvermeidlich, ja sie gehörten sogar dazu. Wichtig sei der richtige Umgang in solchen Fällen: Konflikte dürften nicht ignoriert werden, ihnen müsse mit franziskanischer Zärtlichkeit und Milde begegnet werden: den „Konflikt umarmen“, riet Franziskus. Wenn das nicht reiche, müsse die Gemeinschaft gewechselt werden oder etwa ein Psychologe hinzugezogen werden – auch davor dürfe man sich nicht fürchten, so der Papst. Wichtig sei, mit dem Herzen zu handeln: „Die eucharistische Zärtlichkeit verdeckt einen Konflikt nicht, sie hilft, ihn menschlich anzugehen“, so der Papst.

Das geschwisterliche Leben habe eine große Kraft, Menschen zusammenzubringen, sei aber auch große Herausforderung und Prüfung: „Die Versuchungen gegen die Geschwisterlichkeit behindern den Weg des geweihten Lebens am Allermeisten.“ Idealismus sei am Ende ein Weg der Flucht aus dem geschwisterlichen Leben. Doch „wer die Geschwisterlichkeit nicht leben kann, kann kein Ordensleben führen“, so Franziskus.

Ordensleute und Ortskirche: „Mutuae relationes“ überarbeiten
Im Zusammenhang mit der Frage, wie die verschiedenen Charismen respektiert und zum Wohle der Ortskirchen und der Ordensgemeinschaften gefördert werden können, kritisierte der Papst die Richtlinien zu den Beziehungen von Kirche und Ordensleuten im Dokument „Mutuae relationes“ der Ordenskongregation und der Bischofskongregation aus dem Jahr 1978: Es sei überholt und müsse dringend überabeitet werden. Diesen Auftrag erteilt Franziskus der Ordenskongregation.

Er kenne die Probleme, die es zwischen Ordensgemeinschaften und Bischöfen gebe, führte Franziskus dazu aus. Er wisse aber auch, dass die Bischöfe nicht immer über die Charismen und Werke der Ordensgemeinschaften informiert seien: „Wir als Bischöfe müssen verstehen, dass Menschen geweihten Lebens kein ,Hilfsmittel‘ sind, sondern Charismen, die die Diözese bereichern. Die Einbeziehung des diözesanen Lebens in die Ordensgemeinschaften ist wichtig.“ Ebenso unerlässlich sei es, den Dialog zwischen Bischöfen und Ordensgemeinschaften zu wahren.

Grenzgebiete der Mission
Eine Aufgabe der Ordensgemeinschaften ist laut Franziskus, an den Randgebieten in der Welt zu wirken. Hier gelte es einerseits, geographische Grenzen zu überwinden, mobil zu sein, so Franziskus. Zweitens müssten auch individuelle Grenzen überwunden werden, je nach der Persönlichkeit der entsendeten Ordensleute und den jeweiligen Charismen der Institute. Praktisch heißt das: An die Randbereiche müssen die fähigsten und geeignetsten Ordensleute geschickt werden. Solche Situationen erforderten Mut und Gebete, zugleich dürften die Entsandten nicht allein gelassen werden, erinnerte der Papst.

Kultur und Erziehung spielen Schlüsselrolle
Mit Blick auf die gesellschaftlichen Erziehungsaufgaben der Ordensgemeinschaften betonte der Papst die Schlüsselrolle der Erziehung in der heutigen Zeit. Sie sei heute aber aufgrund vieler Herausforderungen, beispielsweise beim Unterrichten von Kindern aus Patchwork-Familien, nicht immer leicht: „Wie können wir diesen Kindern und Jugendlichen Christus verkünden? Wie einer Generation im Wandel? Wir müssen dabei sehr aufpassen, das wir ihnen nicht eine ,Impfung gegen den Glauben‘ verpassen“, so der Papst. Die Säulen der Erziehung sind für ihn: „Wissen vermitteln, Werte vermitteln und Handlungsbeispiele geben.“ So lasse sich Glaube vermitteln.


(rv 03.01.2014 pr/sta)


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