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Home >  Kultur und Gesellschaft  > Artikel von 2014-02-16 15:04:38
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Aktenzeichen: Ein Papst erhält den Aachener Karlspreis



RealAudioMP3 Der Internationale Karlspreis zu Aachen, der 1950 erstmals vergeben wurde, ist der älteste und bekannteste Preis, mit dem Persönlichkeiten oder Institutionen ausgezeichnet werden, die sich um Europa und die europäische Einigung verdient gemacht haben. Zum Namensgeber für den Preis wurde Karl der Große, der als erster Einiger Europas gilt und dessen 1.200 Todesjahr in diesem Jahr begangen wird. Die Auszeichnung wird traditionell am Christi Himmelfahrtstag im Krönungssaal des Aachener Rathauses im Rahmen eines Festaktes überreicht. Er fördert die Völkerverständigung und das Zusammenleben der Bürger, Völker, Nationen und Staaten in Europa.

Am 24. März 2004 wurde in Rom der Außerordentliche Internationale Karlspreis an den bereits von schwerer Krankheit gezeichneten Papst Johannes Paul II. verliehen - in Würdigung seines herausragenden Wirkens für die Einheit Europas, die Wahrung seiner Werte und die Botschaft des Friedens. Außerordentlich wird dieser Karlspreis auch genannt, erstens weil er nicht in Aachen, sondern in Rom vergeben wurde, zweitens, weil er erstmals in der Kirchengeschichte einem Papst zuerkannt wurde und drittens – aber das wusste man vor zehn Jahren noch nicht - weil in wenigen Wochen zu den bisherigen Preisträgern Karls des Großen erstmals ein Heiliger der katholischen Kirche zu zählen sein wird.

Wir lassen den 24.März 2004 nochmals Revue passieren und beginnen unsere Rückschau mit Auszügen aus der Rede des damaligen Oberbürgermeisters der Stadt Aachen, Jürgen Linden, an Seine Heiligkeit Papst Johannes Paul II. - an Karol Wojtyla: Ort der Preisverleihung ist die Sala Clementina im Apostolischen Palast im Vatikan. Es spricht Jürgen Linden.

„Eure Heiligkeit, Eminenzen, Exzellenzen, verehrte Festversammlung, die Stadt Aachen ist durch ihre Jahrhunderte lange Situation an der Grenze, durch ihre Geschichte und durch ihre heutige Lage im Herzen Europas dem Zusammenwachsen unseres Kontinents, der Überwindung der Grenzen und der Freundschaft der europäischen Völker besonders verpflichtet.

Seit mehr als fünf Jahrzehnten wird in unserer Stadt der Internationale Karlspreis an Persönlichkeiten und Einrichtungen vergeben, die in überdurchschnittlicher Weise die Einigungsbestrebungen der europäischen Völker fördern und das Bemühen um ein Zusammenleben in Frieden, Freiheit und Demokratie tatkräftig unterstützen. Heute ist der Aufbruch zu einem vollkommenen Zusammenschluss Europas keine Utopie mehr. Allerdings: Europa ist für viele Menschen auch komplizierter geworden. Antworten auf existenzielle Lebensfragen, z. B. der äußeren und der sozialen Sicherheit, dem Schutz vor Terrorismus und Gewalt bleiben unklar. Auch die Fragen nach dem Funktionieren der Institutionen und der demokratischen Beteiligung am weiteren Entwicklungsprozess sind noch unbeantwortet. Die großen politischen Herausforderungen - Eingliederung der neuen Mitgliedsstaaten und innere Reform durch den Verfassungsvertrag - verlangen deshalb jetzt neuen politischen Mut und Weitsicht. In diesem ernsten Augenblick schätzt sich das Direktorium zur Verleihung des Internationalen Karlspreises glücklich, zum ersten Mal in seiner Geschichte einen Außerordentlichen Internationalen Karlspreis verleihen zu dürfen, der Dank für außergewöhnliches Engagement an eine außergewöhnliche Persönlichkeit ist, der aber auch die überzeugenden Visionen eines überzeugenden Visionärs stärken möchte. Heiliger Vater, wir danken Ihnen, dass Sie uns die Ehre erweisen, diese Auszeichnung anzunehmen. Hochverehrter Heiliger Vater, Sie haben zeit Ihres Wirkens die Einheit Europas gefördert und vor den Menschen ein lebendiges und wahrhaftiges Bekenntnis zu Europa abgelegt. In herausgehobener Weise leben Sie uns die europäischen Werte vor, insbesondere den Respekt vor der Würde und der Freiheit des Menschen, die Gleichheit, die Solidarität und die Mitmenschlichkeit. Überzeugend treten Sie ein für die Unantastbarkeit der Menschenrechte und vor allem für die Unzerbrechlichkeit des Friedens. Achtung vor dem Leben, Achtung vor der Schöpfung sind Ihre unverrückbaren Botschaften für unsere Lebensgestaltung. Wer die Macht Ihres Wortes ernst nimmt, weiß zudem: Europa hat gerade mit diesen Werten auch einen Beitrag in der Welt zu leisten. Das Erbe der ethischen Werte und religiösen Erfahrungen, der Austausch der geistigen Traditionen und Errungenschaften, die Vielfalt der europäischen Kultur und ein gemeinsames Streben nach Wahrheit, Gerechtigkeit, Liebe und Freiheit sind für Sie die ausschlaggebenden Ziele der europäischen Integration. Europa erlebt Sie, Heiligkeit, als einen der großen geistigen Führer, als vitalen und konstruktiven Mittelpunkt im europäischen Entwicklungsprozess, als Leitstern vor allem für viele junge Menschen bei der Suche nach ihrem Lebensweg. Die Vollendung der europäischen Einheit, die durch den Fall des Eisernen Vorhanges erst möglich wurde, ist maßgeblich von Ihnen beeinflusst worden. Mit Ihrer ersten Reise nach Polen 1979, haben Sie das Selbstbewusstsein der Menschen in Mittel- und Osteuropa nachhaltig gestärkt. In der beginnenden Aufbruchstimmung um die Gewerkschaft Solidarnosc erklärten Sie die katholische Soziallehre zum dritten Weg zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Die freie Gewerkschaft hat den Umbruch in Polen eingeleitet, dem in einer Kettenreaktion die übrigen Ostblockstaaten folgten. „Europa muss mit beiden Lungenhälften atmen", haben Sie vielfach erklärt - und so uns Europäer immer wieder ermutigt, nach der Einheit zu streben und die dauerhafte Chance für Verständigung, Freiheit und Humanität zu nutzen. Durch Ihre besondere Fähigkeit, Menschen unterschiedlicher Herkunft, Auffassung und verschiedenen Glaubens zusammenzubringen, haben Sie die Suche nach Gemeinsamkeiten in Europa vertieft und uns Mut und Kraft für den neuen Weg gegeben. Das interreligiöse Gespräch mit den christlichen Kirchen sowie mit den Juden und Muslimen haben Sie zur Grundlage und Voraussetzung für den inneren Frieden in Europa gemacht - einen Frieden nicht nur zwischen den Völkern und Ethnien, sondern auch in der bunt gemischten, sich wandelnden Gesellschaft unserer Städte. Ihr bewegender Besuch an der Klagemauer zu Jerusalem, Ihr Gedenken in Yad Vashem, Ihr Gebet in der Omaijaden-Moschee zu Damaskus sind Ausdruck ihrer Überzeugung, dass Dialog und Versöhnung das Fundament für eine bessere Welt sind. Eure Heiligkeit, das Direktorium zur Verleihung des Internationalen Karlspreises würdigt Ihre Leistung als herausragenden und vorbildlichen Beitrag zur Einheit Europas und seiner Rolle in der Welt. Sie verkörpern wie keine andere Persönlichkeit die europäischen Werte von Gleichheit und Brüderlichkeit. Ihr Eintreten für die Unantastbarkeit des Friedens und für Versöhnung sind Vorbild und Verpflichtung für uns alle. Heiliger Vater, wir danken Ihnen für die Annahme des Außerordentlichen Internationalen Karlspreises zu Aachen.“

Das waren Ausschnitte aus der Rede des damaligen Oberbürgermeisters der Stadt Aachen, Jürgen Linden, bei der Preisvergabe des Karlspreises vor zehn Jahren am 24. März 2004 in Rom. Wir haben gehört: die Entwicklung zum umfassenden Zusammenschluss der europäischen Völkerfamilie ist untrennbar mit der Persönlichkeit und dem Lebenswerk von Johannes Paul II. verbunden. Sein über 25-jähriges Pontifikat wird als ein Zeitraum in die Geschichte eingehen, in dem das Fundament für eine dauerhafte Friedens- und Freiheitsordnung und für Stabilität und Wohlstand für zukünftige Generationen auf dem ganzen Kontinent geschaffen wurde. – Für Johannes Paul II. war es mühsam, seine Dankesrede und Ansprache an die versammelten Festgäste zu halten. Zu sehr war er schon vom schweren Leiden gekennzeichnet. Dennoch bringen wir hier noch die wichtigsten Auszüge aus seiner vielbeachteten Rede. Es war eine seiner letzten großen Auftritte auf dem internationalen Parkett. Ein Jahr später war Johannes Paul II. bereits verstorben.

„Sehr geehrter Herr Oberbürgermeister, verehrte Mitglieder des Karlspreis-Direktoriums, hochwürdigste Herren Kardinäle, Exzellenzen, sehr verehrte Gäste, meine sehr geehrten Damen und Herren!
Ein herzliches Willkommen entbiete ich Ihnen allen hier im Vatikan. Mein besonderer Gruß gilt den Vertretern der Stadt Aachen mit Herrn Oberbürgermeister Linden sowie den Gästen aus der Bundesrepublik Deutschland. Im Bewusstsein, dass die Einigung Europas der Katholischen Kirche seit langem ein Herzensanliegen ist, sind Sie hierher gekommen, um dem Nachfolger Petri die Ehre der Auszeichnung mit dem außerordentlichen Internationalen Karlspreis zu erweisen. Wenn ich diesen in einmaliger Weise verliehenen Preis heute entgegennehmen darf, so tue ich das in Dankbarkeit gegenüber dem Allmächtigen Gott, der die Völker Europas mit dem Geist der Versöhnung, des Friedens und der Einheit erfüllt.“

Der Preis, mit dem die Stadt Aachen Verdienste um Europa zu würdigen pflegt, ist mit gutem Grund nach Kaiser Karl dem Großen benannt. In der Tat hat der Frankenherrscher, der Aachen zu seiner Hauptstadt machte, zu den politischen und kulturellen Grundlagen Europas nicht unwesentlich beigetragen und sich daher schon von seinen Zeitgenossen den Namen eines „Pater Europae“ verdient. Die glückliche Verbindung von klassischer Kultur und christlichem Glauben mit den Traditionen der verschiedenen Völker gewann in Karls Reich Gestalt und hat sich als geistig-kulturelles Erbe Europas durch die Jahrhunderte hindurch unter verschiedenen Formen entfaltet. Wenn auch das moderne Europa in vielerlei Hinsicht eine andere Wirklichkeit darstellt, so kann deshalb der historischen Figur Karls des Großen doch ein hoher symbolischer Wert zuerkannt werden.

Heute hat die wachsende Einheit Europas auch andere Väter. Sie verdankt sich zu einem nicht zu unterschätzenden Teil jenen Denkern und politischen Gestaltern, die der Versöhnung und dem Zusammenwachsen ihrer Völker den klaren Vorrang vor dem Beharren auf eigenen Rechten und vor Abgrenzungen gegeben haben und geben. In diesem Zusammenhang möchte ich an die bisherigen Preisträger erinnern, von denen wir einige hier begrüßen können. Der Apostolische Stuhl anerkennt und ermutigt ihr Wirken und das Engagement vieler anderer Persönlichkeiten zugunsten des Friedens und der Einheit der europäischen Völker. Besonders danke ich allen, die ihre Kraft in den Dienst des Aufbaus des gemeinsamen Hauses Europa auf der Grundlage der durch den christlichen Glauben vermittelten Werte sowie der abendländischen Kultur stellen.

Auf Grund der Beheimatung des Heiligen Stuhls auf europäischem Boden steht die Kirche zu den Völkern dieses Kontinents in einer besonderen Beziehung. Von Anfang an hat daher der Heilige Stuhl auch am Prozess der europäischen Integration regen Anteil genommen. Nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs hat mein Vorgänger seligen Angedenkens Pius XII. das lebendige Interesse der Kirche an der Einigung Europas deutlich gemacht, indem er der Idee der Schaffung einer „Europäischen Union" nachdrücklich seine Unterstützung gab. Dabei hat er keinen Zweifel daran gelassen, dass ein dauerhaftes Gelingen einer solchen Union an das Christentum als ihren identitäts- und einheitsstiftenden Faktor gebunden sein müsse).

„Sehr geehrte Damen und Herren, was ist das Europa, welches man sich heute erträumen müsste? Lassen Sie mich Ihnen an dieser Stelle meine Vorstellung von einem geeinten Europa skizzieren. Ich denke an ein Europa ohne selbstsüchtige Nationalismen, in dem die Nationen als lebendige Zentren kulturellen Reichtums wahrgenommen werden, der es verdient, zum Vorteil aller geschützt und gefördert zu werden. Ich denke an ein Europa, in dem die großen Errungenschaften der Wissenschaft, der Wirtschaft und des sozialen Wohlergehens sich nicht auf einen sinnentleerten Konsumismus richten, sondern im Dienst eines jeden Menschen in Not sowie der solidarischen Hilfe für jene Länder stehen, die ebenfalls das Ziel der sozialen Sicherheit verfolgen. Möge Europa, das in seiner Geschichte so viele blutige Kriege hat erleiden müssen, ein tätiger Faktor des Friedens in der Welt sein. Ich denke an ein Europa, dessen Einheit in einer wahren Freiheit gründet. Die Religionsfreiheit und die gesellschaftlichen Freiheiten sind als edle Früchte auf dem Humus des Christentums gereift. Ohne Freiheit gibt es keine Verantwortung: Weder vor Gott noch gegenüber den Menschen. Die Kirche will gerade nach dem Zweiten Vatikanum der Freiheit weiten Raum zumessen. Der moderne Staat weiß darum, kein Rechtsstaat sein zu können, wenn er nicht die Freiheit aller Bürger, sowohl in ihren individuellen wie auch in ihren gemeinschaftlichen Ausdrucksmöglichkeiten, schützt und fördert. Ich denke an ein geeintes Europa dank des Engagements der jungen Menschen. Mit welcher Leichtigkeit verstehen sich die Jugendlichen untereinander, ungeachtet bestehender geographischer Trennlinien! Aber wie kann eine junge Generation erstehen, die empfänglich ist für das Wahre, das Schöne, das Edle, für das, wofür es sich lohnt, Opfer zu bringen, wenn in Europa die Familie nicht mehr eine gefestigte Einrichtung darstellt, die offen ist für das Leben und für selbstlose Liebe? Eine Familie, in der auch die älteren Menschen im Blick auf das Allerwichtigste ganz selbstverständlich dazugehören: die aktive Vermittlung der Werte und des Lebenssinnes. Das Europa, das mir vorschwebt, ist eine politische, ja mehr noch eine geistige Einheit, in der christliche Politiker aller Länder im Bewusstsein der menschlichen Reichtümer, die der Glaube mit sich bringt, handeln: engagierte Männer und Frauen, die solche Werte fruchtbar werden lassen, indem sie sie in den Dienst aller stellen für ein Europa des Menschen, über dem das Angesicht Gottes leuchtet. Dies ist der Traum, den ich im Herzen trage und den ich bei dieser Gelegenheit Ihnen und den kommenden Generationen anvertrauen möchte.“

(rv 16.02.2014 ap)


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