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Home >  Kultur und Gesellschaft  > Artikel von 2014-06-14 08:34:26
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Nigeria: Auge in Auge mit Boko Haram



RealAudioMP3 Täglich berichten Medien mittlerweile über die vor etwa zehn Jahren gegründete islamistische Gruppe Boko Haram: Sie kämpft im mehrheitlich muslimischen Norden Nigerias für einen islamistischen Staat und verübt seit etwa fünf Jahren immer wieder Bombenanschläge, Attentate und Entführungen, die das bevölkerungsreichste Land Afrikas in Angst und Schrecken versetzen. Internationale Aufmerksamkeit erhält die Terror-Sekte, seit sie Mitte April mehr als 200 Schülerinnen aus einem Internat im Bundesstaat Borno entführte.

Der in Wien lebende 52-jährige Regisseur und Journalist Peter Kullmann aus Mainz/Rhein ist während der Recherche und Dreharbeiten zur Dokumentation „Gottes Krieger, Gottes Feinde“ im letzten Jahr der Terror-Sekte so nahe gekommen wie kaum jemand. In einem Interview mit Radio Vatikan erzählt er von seinen Eindrücken.


Sie waren für mehr als 6 Monate in Nigeria, um herauszufinden, wo die Wiege von Boko Haram ist. Was war ihr allgemeiner Eindruck vor Ort? Sind die Menschen dort in einer Religionskrise?

„Das sind Menschen wie du und ich auch. Die haben Ängste wie wir. Sie fürchten sich vor der Gewalt, die dort herrscht. Sie haben Angst, dass sie benachteiligt werden, und das gilt für beide Seiten, für Christen wie auch für Muslime. Keiner von beiden bekennt sich zu Boko Haram. Das heißt, dass ein Muslim nicht gleich ein terroristischer Islamist ist.“

In den Medien wird sehr viel berichtet. Kaum ein westlicher Journalist kann sich jedoch in Nigeria frei bewegen. Selbst die Journalisten der Nachrichtenagenturen haben Reiseverbot in den hauptsächlich muslimischen Norden. Sie hingegen waren genau dort unterwegs...

„Ich war mehrfach im Norden, im Bundesstaat Borno, dessen Hauptstadt Maiduguri die Heimstätte von Boko Haram ist. Ich war zeitweise inkognito vor Ort, und erst als die Sicherheitsbehörden auf mich aufmerksam geworden sind, ging der Ärger los. Die Hürde, die es für mich zu überwinden galt, waren die staatlichen Behörden, die alles daran setzten, dass westliche Journalisten nicht in das Gebiet können, um von dort zu berichten. Man darf davon ausgehen, dass die gewalttätigen Übergriffe, die Menschenrechtsverletzungen von Teilen der Sicherheitskräfte und der Behörden fast genauso groß und fast genauso schlimm sind wie der Terror, von dem wir in den Nachrichten hören. Nur: Von den Folterungen und willkürlichen Verhaftungen und Hinrichtungen hören wir hier im Westen sehr wenig."

In aktuellen Berichterstattungen liest man immer wieder davon, dass die Sicherheitskräfte und die Armee korrupt seien und mit Boko Haram zusammenarbeiteten. Können Sie dem etwas abgewinnen?

„Die Sicherheitskräfte wie fast sämtliche staatlichen Organisationen – dafür habe ich Belege – sind unterwandert von Boko Haram-Sympathisanten oder vielleicht sogar von Boko Haram-Kämpfern. Im Staatsapparat, in Ministerien und in Behörden sitzen Leute, die zumindest mit Boko Haram sympathisieren. Das zeigt natürlich auch, wie schwer die Bekämpfung der Terrorgruppe ist, wenn man sich dabei lediglich auf militärische oder polizeiliche Maßnahmen stützt.“

„Nicht jeder Boko Haram-Sympathisant ist automatisch ein Terrorist“

Wie ist es zu einem ersten Treffen mit Boko Haram gekommen?

„Über das Zustandekommen der mehreren Treffen kann ich naturgemäß nur bedingt sprechen. Zum einen habe ich mich zur Verschwiegenheit verpflichtet und davon hängt auch das Leben meiner Mitarbeiter in Nigeria ab, dieses Schweigen nicht zu brechen. Ich kann nur sagen, dass mein erstes Treffen mit Boko Haram ein äußerst unangenehmes war. Denn es war ein Überfall, nur wenige hundert Meter entfernt vom zerstörten ehemaligen Wohnhaus des Gründers von Boko Haram Mohamed Yusuf. (Anm. Red.: Nach der Tötung des Gründers Mohammed Yusuf im Jahre 2009 übernahm Abubakar Mohammed Shekau die Führung der Gruppe.) Ich war dort mit nigerianischen Kollegen für Dreharbeiten. Das hat auch alles gut geklappt. Bis wir dann fast schon draußen waren aus der auch vom Militär zur No-Go-Area deklarierten Zone, und dann wurden wir überfallen. Plötzlich standen vermummte, bewaffnete Männer vor uns. Wir lagen am Boden. Die Sache wurde apokalyptisch. Wir dachten, dass wir da nicht mehr heil rauskommen.“

Durch genau diesen Überfall sind zwar Ihre Dreharbeiten zum Erliegen gekommen, aber durch diesen Kontakt ist es Ihnen über Umwege gelungen, nach Wochen und Monaten ein Interview mit zwei Boko Haram-Mitgliedern zu führen. Was waren hier die Fragen, die Antworten?

„Wie weit geht ihr, ihr persönlich mit euren Aktionen für Boko Haram? Tötet ihr? Mordet ihr? Schmeißt ihr Bomben? Entführt ihr? Da waren die Antworten nicht eindeutig und trotzdem sehr aussagekräftig. Und dann ging es um die Ideologie dahinter. Warum tun Sie das? Sie persönlich und Boko Haram. Warum morden Sie Menschen – und da sind die Aussagen ganz eindeutig, von ‚Der Koran und Gott befiehlt uns, gegen alle Ketzer vorzugehen und sie zu töten‘, bis ‚Ich kann alle Menschen töten und bin trotzdem kein schlechter Muslim‘. Es mangelte nicht an Rechtfertigungen für das Morden. Eine Begründung war auch, wir werden genauso verfolgt, und die Christen töten auch Muslime.“

„Wären wir hier, um dich zu töten, dann wärst du längst tot“, so ein Boko Haram Kämpfer in Ihrer Dokumentation. Das demonstriert eine gewisse Taktik. Welchen Eindruck hatten Sie von den jungen Männern, mit denen Sie gesprochen haben? Woher, denken Sie, kommt diese Wut, der Hass?

„Diese Leute, die ich kennengelernt habe, waren keine ungebildeten Menschen; die hatten, das weiß ich, für dortige Verhältnisse eine sehr gute, sogar eine akademische Ausbildung. Ich kann natürlich nicht beurteilen, inwiefern ihre Familien von Konflikten mit Christen betroffen waren, was zu Hass hätte führen können. Aber diese Menschen, die mir gegenüber sehr ruhig und höflich waren, würde ich als ideologisch vollkommen verblendet bezeichnen. Alles, was sie von sich gegeben haben, ist mit Sicherheit so von ihrer Religion nicht gedeckt.“

Der UN-Sicherheitsrat stuft Boko Haram als Terrororganisation ein. In dieser Woche wurden wieder zwanzig junge Frauen entführt, in derselben Gegend bei Chibok wie die mehr als 200 Schülerinnen, die noch immer verschwunden sind. Man kann derzeit die Todeszahlen nur schätzen. Was man aber weiß, ist, dass diese Zahlen steigen. Was wäre notwendig, um dem ein Ende zu bereiten?

„Man muss trennen zwischen dem harten Kern der Boko Haram und der weitaus größeren Gruppen der Mitläufer und Sympathisanten. Diese Menschen orientieren sich an ihren eigenen Lebensbedingungen, wenn es darum geht, wen unterstützen wir. Etwa den Staat, die Regierung oder die Behörden und die freie Gesellschaft... oder eben Boko Haram. Boko Haram bietet eben die Alternative zu dem oft sehr tristen und aussichtslosen Alltag in Nigeria in Form einer streng gelebten Religion. Was man akut machen kann, um 200 Mädchen zu befreien oder das Töten zu stoppen, kann ich auch nicht sagen. Aber ich denke, man müsste mit Boko Hara wie mit jeder anderen terroristischen Gruppe umgehen - entweder sie bekehren oder sie bekämpfen. Nicht jeder, der mit Boko Haram sympathisiert, ist auch automatisch ein Terrorist oder ein Mörder. Er könnte es werden, wenn sich die Gewaltspirale weiterdreht; dann könnte es sein, dass noch mehr Leuten zu den Waffen greifen.“

(rv 11.06.2014 no)


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