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Home >  Kirche  > Artikel von 2014-06-13 15:41:10
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Zwei Bücher von Pater Bergoglio: „Den Menschen zur Aufrichtigkeit führen“



RealAudioMP3 Ein Mann, der in der Gegenwart lebt, diese aber mit Hilfe der geistlichen Tradition aufschlüsselt: So kann man Papst Franziskus in den Schriften des Paters Jorge Mario Bergoglio erkennen. Der Herder Verlag hat zwei seiner früheren Schriften herausgegeben, eine zur Selbstbetrachtung und eine über die Sünde. Pater Michael Sievernich kennt seinen Ordensbruder Jorge Mario Bergoglio bereits seit einigen Jahrzehnten, bei seinen Studien in Argentinien war Bergoglio damals sein Oberer. Danach sind sich die beiden in Frankfurt, in der Hochschule Sankt Georgen wieder begegnet, wo Sievernich damals lehrte. Für die beiden Schriften hat Pater Sievernich nun Einleitungen geschrieben.

Pater Sievernich, Sie haben zwei Einleitungen geschrieben, für jeweils einen Text von Jorge Mario Bergoglio. Das eine Buch heißt „Über die Selbstanklage“, das andere „Korruption und Sünde“. Fangen wir beim ersten an, das einen etwas sperrigen Titel hat. Was für ein Buch ist das?

„Eigentlich ist das Buch ein Kommentar zu einem alten Wüstenvater, der in der Wüste von Palästina gelebt hat und über die Selbstanklage nachdenkt, also über das entscheidende Prinzip, dass es nicht darauf ankommt, andere anzuklagen, sondern erst einmal auf das eigene Herz zu sehen. Diese Aussage des Dorotheus von Gaza legt der heutige Papst in dieser kleinen Meditation über das Gewissen aus.“

Steckt da etwas vom Jesuiten Bergoglio drin, von dem, was die Jesuiten das ‚Examensgebet’ nennen, also den täglichen Rückblick auf den eigenen Tag und in das eigene Innere?

„Das könnte man sagen. Es steckt sehr viel Ignatius [Gründer und geistlicher Vater der Jesuiten] dahinter, denn das ist ein jesuitisches Prinzip: Was war gewesen, was war nicht gewesen, wo waren die Fehler, wo waren die guten Erlebnisse, wo habe ich vielleicht Gott gesucht und gefunden oder auch nicht gefunden.“

Gelebte Spiritualität

Die Einsicht, dass man Fehler erst einmal bei sich selber suchen soll, ist so originell nicht. Was ist Bergoglios besondere Sichtweise?

„Bergoglio nimmt diesen Text, der in der geistlichen Tradition immer eine große Rolle gespielt hat. Weil die Menschen halt so sind, wie sie sind, sie tendieren dazu, wenn etwas schlecht ist, erst einmal die anderen zu beschuldigen. Erst an letzter Stelle – wenn überhaupt – denken sie an sich selbst als Verursacher. Das ist für ihn etwas, das mit gelebter Spiritualität zu tun hat. Er war ja lange Zeit tätig in der Ausbildung junger Jesuiten, und da spielt diese Frage eine große Rolle. Genauso wie in der Kritik, die er übt, sei es in wirtschaftlichen oder politischen Zusammenhängen, ganz besonders in seinem Heimatland Argentinien.“

Das zweite Buch heißt ‚Korruption und Sünde’, was ist das für ein Buch?

„Der Text befasst sich mit dem Unterschied von Korruption und Sünde. Was Korruption ist, wissen wir alle, es ist ein altes Thema, das durch die ganze Philosophie hindurch geht und auch die gesamte politische Theorie. Es bezeichnet ein bestimmtes Handeln, wo jemand eigennützig handelt statt gemeinnützig. Aber das auf eine hintergründige Weise, die natürlich nicht in die Öffentlichkeit treten darf. Und genau eine solche Korruption, wie sie überall vorkommt, in Politik und Wirtschaft, die nimmt er hier aufs Korn, und er sagt, dass der Sünder ja noch bekennen kann, dass er Sünder ist. Er hat ja noch die Chance. Aber der Korrupte kann es nicht, weil er seine Korruption verbergen muss!“

Mich hat bei der Lektüre beeindruckt, dass Bergoglio davon spricht, dass der Sünder den Horizont der Hoffnung hat, der Korrupte nicht mehr. Pater Bergoglio geht immer mit dem Horizont des Geistlichen an die Probleme heran, genau so, wie er es als Papst heute auch tut.

„So ist es. Korruption ist ein allgemeines Problem und eine Frage des Strafrechts und eine Frage der Moral, aber er geht hier aus der religiösen Perspektive, aus der Perspektive der Sünde heran. Er macht im Grunde klar, dass es bei der Korruption um so etwas geht, das man ‚soziale Sünde’ nennt. Soziale Sünde ist keine persönliche Sünde, sondern eine Sünde, die in die System eindringt, systemisch wird, aber versteckt, wer die eigentlichen Verursacher dieses Fehlverhaltens oder dieser Systeme sind.“

Die Texte stammen von Pater Bergoglio bzw. von Erzbischof Bergoglio. Aber können Sie etwas über den Papst aus diesen Texten heraus lesen?

„Ich kann aus diesen Texten heraus lesen, dass er ein Mann ist, der in der Gegenwart lebt, aber diese Gegenwart in aller Unterscheidung der Geister mit Hilfe der geistlichen Tradition neu aufschlüsselt und deshalb dem modernen Menschen eine Erkenntnis mitgibt. Das ist die große Leistung, die er hier vollbringt: Den Menschen zur Aufrichtigkeit führen, den Menschen zu einer Gewissenhaftigkeit führen. Das ist ja das, was alle Zeitgenossen eigentlich interessiert.“


Die Bücher: Jorge Mario Bergoglio: Über die Selbstanklage, eine Meditation über das Gewissen. Und: Korruption und Sünde, eine Einladung zur Aufrichtigkeit. Beide Bücher sind im Herder-Verlag erschienen und kosten 10 bzw. 8 Euro.

(rv 14.06.2014 ord)


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