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Zum Runden Geburtstag
Menschen in der Zeit
Aktenzeichen


Eckart von Hirschhausen
Religion hat eine ähnliche Funktion wie Humor

In unserer Sendung ‘Menschen in der Zeit’ spricht Aldo Parmeggiani in dieser Ausgabe mit dem Humoristen, Schriftsteller und Arzt Eckart von Hirschhausen. Er studierte Medizin und Wissenschaftsjournalismus in Berlin, London und Heidelberg. Eine seiner Spezialitäten ist: medizinische Inhalte in humorvoller Art zu vermitteln. Sein Motto: Ein Glück kommt selten allein. Eckart von Hirschhausen feiert im September seinen 45. Geburtstag.


Herr Dr. von Hirschhausen: Wurde Ihnen der Humor in die Wiege gelegt?

‘Ich glaube ja jeder Mensch hat Humor, die Gefahr besteht nur, dass man seinen Humor verliert. Ein guter Ort, um Humor einzüben, ist sicherlich die Familie. Gut, wenn man viele Geschwister und eine große Familie hat. Humor ist ja die genialste Fähigkeit unseres Geistes, nämlich Konflikte nicht mit Agressionen auszutragen, sondern mit einem Lachen und mit einem überrraschenden Wenden der Perspektive’.

Es gibt Vermutungen darüber, dass Humor eine angeborene, genetisch bedingte Eigenschaft ist. Ist Humor erlernbar?

‘Ich denke es ist wie bei den meisten Persönlichkeits-Eigenschaften so, dass es eine Grundaustattung gibt, die bestimmte Grenzen definiert. Humor ist nicht nur eine Gabe der Intelligenz, sondern auch eine Gabe des Herzens. Humor geht ja dann in den Zynismus über, wenn er nicht getragen wird von einer grundsätzlichen Herzenswärme den Menschen gegenüber und auch ein ‘Ja’ zum Leben. Deswegen glaube ich, dass man Humor sehr wohl üben kann, dass man viel lachen kann ohne dass man sich über andere lustig machen muss.’

Im deutschen Sprachgebrauch gibt es die sprichwörtliche Wendung ‘Humor ist, wenn man trotzdem lacht’. Wird diese bekannte Redewendung dem Begriff des Humors einigermaßen gerecht?

‘Ich definiere Humor selber so, dass es die Fähigkeit ist, erstens die Welt aus einer anderen Perpsektive zu sehen und zweitens vor allen Dingen auch sich selber. Die Fähigkeit sich selber auf den Arm zu nehmen ist ja durch die Schwerkraft nicht möglich. Letzten Endes ist die Welt nicht zu verstehen, das ist ähnlich wie beim Glauben. Man kann darüber auf drei Arten reagieren: man kann darüber verzweifeln, man kann darüber verrückt werden oder man kann darüber lachen. Ich glaube, dass die Fähigkeit des Lachens die gesündeste der drei Möglichkeiten ist.’

Kommt das Glück selten allein, wie Sie im Gegenzug zu dem bekannten Spruch ‘ein Unglück kommt selten allein’ behaupten?

‘Meine Idee, dieses Sprichwort umzudrehen, ist programmatisch. Denn es gibt nichts, was in allen Studien so permanent herauskommt wie die Tatsache, dass unsere Bestimmtheit maßgeblich von den Menschen abhängt, mit denen wir uns umgeben. Und viel viel weniger als wir glauben von äußeren Umständen, nicht einmal von Gesundheit und Krankheit. Auch nicht von Geld und nicht vom sozialen Status, sondern viel wichtiger ist das Gefühl, ich habe Freunde, ich habe Familie, ich habe Menschen, die ich liebe und die auf mich angewiesen sind. Besonders wichtig ist, dass man weiß, dass andere uns brauchen. So gesehen lohnt es sich, statt sich viel Zeit mit Arbeiten und Geldanhäufen zu verbringen, viel stärker auf das Pflegen seiner Freundschaften und positiven Beziehungen zu konzentrieren; und das stekt in dem Titel ‘Glück kommt selten allein’ mit drin.’

Im sozialen Kontext sind Humoristen eigentlich Wohltäter, im wahrsten Sinn des Wortes. Sie sind kreative, erfindungsreiche Menschen, die andere zum Lachen bringen….also unbedingte Philantropen?

‘Ja, was sich liebt, das neckt sich, sagt man. Kitzeln kann man sich nicht alleine, also kitzeln können wir nur den Nächsten. Man muss ihn und sich gut kennen, um ihn auf die Schippe nehmen zu können. Ich glaube nicht, dass alle Komiker Philantropen sind, es gibt viel zynischen, kalten, intelligenten Humor, es gibt schwarzen Humor, es gibt viele Spielarten, und die einfachste Art ist immer die Schadenfreude. Also auch das ist ein Teil des Spektrums, dass wir uns freuen, wenn es anderen schlecht geht. Das ist aber die niedrigere Form dieser Ausprägung, würde ich sagen.’

Wer war oder ist und bleibt Ihr großes Künstler-Vorbild?

‘Das ist Vicco von Bülow (Loriot), das ist ein ganz feiner Mensch gewesen.’

Warum eigentlich, Herr von Hirschhausen, lieben die Menschen den Humor, den Witz, die Schlagfertigkeit so sehr?

‘Ja, das Leben ist ja schon ernst genug, und ich glaube Humor tröstet uns über das hinweg, was auch an Unsicherheit im Leben existiert.’

Gehören Lachen und Weinen zusammen? Es gibt ja ein erlösendes Lachen und ein befreiendes Weinen. Beide lösen eng verwandte Reaktionen aus. Was sagt der Psycho-Therapeut dazu?

‘Es gibt ein tolles Sprichwort: Tränen, die du gelacht hast, mußt du nicht mehr weinen. Psychologisch steckt dahinter: dass wir beim Lachen tatsächlich den Muskel um unsere Augen zusammenkneifen. Das ist übrigens auch das Zeichen, dass ein Lachen echt ist. Wenn es falsch ist, wenn es nur ein aufgesetztes Lächeln ist, erkennt dies jeder sofort intuitiv. Wenn man genau hinschaut, weiß man auch, woher dieser Eindruck kommt, nämlich die Augen lachen nicht mehr, wenn nur der Mundwinkel hochgezogen wird, so wie bei Stewardessen, die betont freundlich sein wollen, aber eigentlich aggresiv gestimmt sind, da sind die Augen nicht dabei. Und die Tränendrüse liegt unter dem Augenmuskel, deswegen kann sie beim herzhaften Lachen auch aktiviert werden. Auf einer tieferen Ebene hängt dies natürlich auch zusammen, dass man nicht permanent gut gelaunt sein kann, und man soll auch nicht permanent nur mies drauf sein. Also das, was es eben ausmacht, sind die Schwingungen der Emotion, der Stimmung, der Situation. Der sicherste Indikator für eine beginnende seelische Erkrankung ist immer, wenn diese Schwingungsfähigkeit nachlässt. Also wir sind im wahrsten Sinne des Wortes symphatisch, nämlich mitleidend, mitfreuend, solange wir gesund sind. Und die Depression ist nicht erheiterbar von außen, ein Schizophrener ist von außen nicht einfühlbar. Für einen selber bedeutet das: was mir normalerweise Freude macht, aber mit vierzig keine Freude mehr macht, kein Spaß mehr macht, dann ist das ein Alarmzeichen, dass ich Richtung Burnout und Depression unterwegs bin.’

Können gute Witze auch gute Literatur sein?

‘Ich habe mit Helmut Karasek, dem Literaturpapst, ein sehr schönes Projekt gemacht, wo wir uns gegenseitig unsere Lieblingswitze erzählt haben, dazu auch ein bisschen philosophierend über das, was hinter dem Humor steckt. Wir kamen dabei zu der Aussage, dass ein guter Witz eigentlich eine ganze Geschichte erzählt. Und insofern die kürzeste Form von Literatur ist.’

Sie sind Arzt – wie kommt es, dass es so viele Ärztewitze gibt?

‘Humor löst Angst. Viele Menschen haben Angst vor dem Arzt und vor dem, was er herausfindet, sie haben Angst vor den Diagnosen, vor den Schmerzen, vor den Dingen, die das Leben bedrohen, und deswegen gibt es als Gegengewicht so viele Witze über Sterblichkeit, über den Tod, über Krankheiten und natürlich auch ganz viele Witze über die alltäglichen Gebrechen, die mit dem Alterungsvorgang verbunden sind.’

Wann kommt der Humor an seine Grenzen, wann bedarf der Humor der Mäßigung, der Kontrolle?

‘Ich glaube, das was einem sehr schnell auf den Geist geht, sind Menschen, die völlig unabhängig vom Kontext, von der Situation Witze erzählen. Ein guter Humorist wartet auf die Gelegenheit, wo ein Thema präsent ist, und dann hat er vielleicht eine Anekdote, die dazu passt. Ein herablassender Humor verbietet sich. Das Dosieren ist eine Sache des Feingefühls.’

Man sagt den Humoristen gerne einen Hang zur Schwermut nach. Kann das bis zu einem gewissen Maße stimmen?

‘Es gibt diese Porzellanfigur, die viele im Schrank haben, von einem Clown mit einer Träne im Auge. Ich halte dies für ein überstrapaziertes Klischee. Schwermut ist generell eine häufige Erscheinung, deswegen gibt die Schwermut auch unter Komikern. Aber ob das die Voraussetzung ist für die Komik, das würde ich bezweifeln. Es gibt meiner Ansicht genau so viele Schwermütige unter den humorlosen und umgekehrt. Andererseits ist es schon so, dass, wenn man berufsmäßig Humor produzieren muss, das es etwas anderes ist, als in privaten Kreisen komisch zu sein. Beruflich Menschen zum Lachen bringen, ist tatsächlich eine der schwierigsten Aufgaben überhaupt, weil es so unerbittlich die Rückmeldung gibt: wenn nämlich das Publikum nicht lacht, ist immer der Komiker schuld. In anderen Kunstzweigen, zum Beispiel in der bildenden Kunst, wenn ein Maler ein Bild malt und man darüber rätselt, was er damit ausdrücken will, dann hat man automatisch die Schuld beim Rezipienten, das heißt die Betrachter haben das Gefühl, sie sind nicht schlau genug, um die Tiefe des Kunstwerkes zu erspüren. Bei der Komik erwartet jeder, dass er es zum Lachen bringt, und wenn er das nicht kann, ist nie der Zuschauer schuld, sondern immer der Komiker. Und das führt wahrscheinlich dazu, dass er sich selbst unter einem enormen Druck setzt. Und da ist die Schwermut auch nah.’

Komiker sind in der Regel männlichen Geschlechts. Haben Frauen weniger Talent für diesen Berufszweig?

‘Nein, ganz und gar nicht. Es gibt sehr viele lustige Frauen, Frauen haben aber weniger Drang, sich in den Mittelpunkt zu stellen als Männer. Das hat viele verschiedene Ursachen, Männer müssen sich attraktiver machen als sie sind, um dadurch ihre Fortpflanzungschancen zu erhöhen. Das führt dazu, dass sehr viel Männer sich selber überschätzen in ihrer Wirkung auf andere und deswegen auf die Bühne gehen, ins Fernsehen gehen und da sich in die Mitte der Gesellschaft stellen und sagen: hört mal alle her. Frauen lachen lieber in kleineren Gruppen, lieber untereinander und Männer fabrizieren eher Dinge nach, sie erzählen Dinge, was mit ihnen persönlich nichts zu tun hat, Frauen lachen eher über sich selber, indem sie auch Geschichten erzählen, wo sie peinliche, dumme Dinge getan haben. Das hat den tieferen Sinn, dass man unter den Frauen sehr darauf bedacht ist, sich nicht im Status vor die andere zu stellen, sich nicht zu erhöhen, während die Männer eben tendentiell immer auf Konkurrenz gehen und sagen: mein Witz ist besser, meiner ist länger, meiner ist neuer.’

Ist der Mensch das einzige Lebewesen, das Humor besitzt, das lachen kann?

‘Schwer zu sagen, weil wir schon über die Menschen so wenig wissen und umso viel weniger über Tiere. Ich glaube, dass Humor tatsächlich die höchte Gabe des Geistes ist, voraussetzt, dass man sich in andere hineinfühlen kann. Und erkennt, dass der eigene Blick nicht der einzig mögliche auf die Welt ist. Das ist schon ziemlich komplex. Andererseits findet man das aber wieder auch bei Hunden, interessanter Weise, Hunde sind die Tiere, die sich am meisten in die Menschen hineinversetzen können. Das ist auch der Grund, warum Hunde in der Therapie auch eine Rolle spielen, und warum Hundebesitzer zum Beispiel auch sehr gern depressiv werden. Also der Hund als bester Freund des Menschen, das ist etwas auch dran. Es ist kein Zufall, dass blinde Menschen einen Hund an die Seite bekommen und keine Katze.’

Lachen ist die beste Medizin, sagt der Volksmund. Sie sind Mediziner: hilft Humor heilen? Sind humorvolle Menschen weniger anfällig für Krankkheiten?

‘Ich habe meine Stiftung ‘Humor hilft heilen’ genannt, und ich finde das drückt sehr gut aus, was die Wissenschaft weiß. Kein Mensch wird eine Krebserkrankung mit Lachen bekämpfen. Aber die Art und Weise, wie ich mein Leben gestalte, das hängt natürlich sehr sehr stark davon ab, ob ich eine neue Perspektive auf die veränderte Situation gewinnen kann; und da spielt Humor eine große Rolle. Auch bei den seelischen Erkrankungen ist das Wiederfinden von Komik in seinem eigenen Leben ein großes Zeichen der Gesundung. Depressive oder auch psychotische Menschen leben ja erst einmal in Angst und in vielen anderen Gefühlen und sind gar nicht zum Lachen in der Lage. Die physiologische Wirkung des Lachens ist vor allem eine lösende, also man kann sich vorstellen, dass Stress im Körper zur Anspannung führt. Und Lachen ist das natürlichste Antistressmittel, das es gibt. Wir lassen automatisch unsere Muskeln los und verlieren für einen Moment die Kontrolle - und das ist extrem entspannend und befreiend.’

Wieviel Esprit schöpfen Sie aus der Religion?

‘Ich glaube, dass die Religion eine sehr ähnliche Aufgabe hat wie der Humor, nämlich uns an eine andere Dimension zu erinnern. Uns daran zu erinnern, dass wir immer nur eine Erkenntnis über die Welt aus unseren eigenen Ansichten und Einsichten haben. Deswegen glaube ich auch, dass es in allen großen Religionen eine Tradition gab, die das Lachen auch als einen spirituellen Erkenntnisweg gesehen hat. Am bekanntesten ist der jüdische Humor, es gibt aber auch eine Humortradition im Islam, es gibt im Buddhismus eine große Tradition in Meditationsfragen. Im Christentum gab es einen Brauch, das Osterlachen, dass der Priester oder der Pfarrer über den Kirchhof ging und zu Ostern die Gemeinde zum Lachen bringen sollte. Mi der tiefen Idee, dass der Tod und der Schmerz nicht das letzte Wort haben, sondern dass es eine Frohe Botschaft gibt, die sich auch in Freude und im Lachen ausdrückt. Vielleicht ist dieses Osterlachen eine Tradition, die die Kirche wieder entdecken kann, gerade nach unserem Gespräch.’

Wieviel Humor verträgt die Kirche, die Religion?

‘Ich glaube, die Kirche würde an Glaubwürdigkeit gewinnen, wenn sie etwas von ihrem Dogmatismus aufgibt. Zu sagen, dass man weiß, wie es nach dem Leben weitergeht, oder dass man genau weiß, was Gott meint und was nicht, das ist in meinen Augen schwer durchzuhalten und auch nicht zeitgemäß. Ich glaube, es würden sich mehr Menschen für die Kirche interessieren, wenn die, die sich zu ihr bekennen, auch ein wenig erlöster gucken würden! Die Menschen, die sich als Christen begreifen, sind eigentlich die Botschafter, und da geht es in meinen Augen nicht darum, eine Geheimwissenschaft daraus zu machen, sondern das zu sagen, was auch in der Bibel steht: wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen. Das kommt meiner Idee vom ‘ein Glück kommt selten allein’ auch sehr nahe.’

Sie zeigen neue, bisweilen therapiefördernde Wege der Kommunikation auf. Einer dieser Wege heißt Meditation. Meditation ist Fitness für die Seele, behaupten Sie.Macht Meditation glücklicher? Ist Meditation und Achtsamkeitstraining demnach angewandte Spriritualität, oder etwas anderes?

‘Viele Menschen glauben, dass Meditation etwas ist, was die Buddhisten oder die fernöstlichen Traditionen vorweisen. Nein, das ist Gott sei Dank nicht so. Es gibt auch eine große christliche Tradition der Mystik und der Kontemplation. Die Techniken sind überraschend ähnlich und die Wirkung ist inzwischen medizinisch sehr gut nachgewiesen, d.h. Übungen zu finden, die den Geist zentrieren und beruhigen und die einem helfen, die oft negativen Gedanken loszulassen, die einem durch den Kopf geistern. Das ist extrem gesundheitsfördernd. Die am besten untersuchte Methode heißt Achtsamkeita-Meditation, und die hat ein Arzt entwickelt, der sich die Medidationstechniken angesehen hat und die dann ohne jeden religiösen Überbau einfach nur als Übung mit Patienten durchgeführt hat. Man kann in acht Wochen tatsächlich lernen, seinen Geist im ‘Loslassen und mehr Genießen des Moments’ zu schulen. Das hat tiefe spirituelle Dimensionen. Letzten Endes ist das auch das, was Jesus gesagt hat, im Sinne von: sieh die Blumen auf dem Felde. Das ist ja Achtsamkeit. Lauf nicht an den Blumen vorbei, weil du dir um morgen so viele Sorgen machst, schau dir die Vögel an, schau dir die Blumen an, die sorgen sich nicht und doch ist für sie gesorgt!’

In den Klöstern wird auch heute noch täglich meditiert, gebetet. Sind Mönche, Ordensfrauen glücklichere Menschen?

‘Ich habe in meinem ersten Buch eine Studie beschrieben, die zeigt, dass Männer im Kloster sieben Jahre länger leben als außerhalb. Das heißt, ein klösterliches Leben ist extrem gesund. Andererseits kann man auch sagen, auch wenn es von außen betrachtet ein hartes Leben ist, ist es auch ein sehr einfaches Leben. Es gibt viel soziale Sicherheit, es gibt eine Orientierung, die eben nicht materiell ist, das ist extrem entspannend wiederum. Die eigentliche Herausforderung ist, Ideen des glücklicheren Lebens im Alltag zu integrieren, und das kann man machen, wenn man sich pro Tag zehn Minuten zurückzieht, ob man dann betet oder meditiert oder spazierengeht und der Natur lauscht, das ist dann gar nicht so entscheidend!’

Wie weit darf ein Kabarettist gehen, wenn er sich das Thema Religion vornimmt?

‘Das werde ich in meinem nächsten Filmprogramm austesten! Den Titel habe ich schon:’ Wunderheiler’. Ich möchte mich genau mit diesem Grenzgebiet beschäftigen, wie sehr unser Glaube heilen kann, aber wie sehr auch Glaube missbraucht wird, von dubiosen Heilmethoden, von Scharlatanen, die den Menschen mehr versprechen, als sie halten können. Natürlich haben die Weltkirchen immer wieder Methoden verwendet, über Angst und schlechtes Gewissen Änderungen herauszufordern, statt über die Freude.’

Viele große Theologen, etwa Mario von Galli, Karl Rahner, Rudolf Bultmann, Karl Barth, verteidigen den Humor in der Kirche. Der Humor sei Ausdruck geistiger Reife, heißt es da. Auch die große Heilige Theresa von Avila überwand alle Widerstände mit Humor. Sollte die Kirche auch heute dem Humor, dem Lachen, dem Frohsinn mehr Raum zugestehen?

‘Ich glaube tatsächlich, dass der Humor nichts Oberflächliches ist. Ich glaube, die Angst der traditionellen Auffassung der dogmatischen Theologie, dass das Lachen etwas Teuflisches, etwas Oberflächliches, etwas Primitives ist, ist nur für einen kleinen Teil des Lachens richtig. Das ist der Bereich der Schadenfreude, des Schabernacks, des boshaften Lachens. Die Form des miteinander Lachens und Feierns, die hat in meinen Augen nichts Negatives, sondern etwas Verbindendes, etwas, was Menschen direkt im Herzen verbindet. Deswegen gehört das auch in meinen Augen unbedingt in die Kirche, in die Predigten, in die Gemeinden, und alles, was dazu beiträgt, dass Menschen miteinander verbunden sind, ist letzten Endes religiös. Denn Religion heißt – das weiß ich noch aus meinem Lateinunterricht – verbunden sein. Und Lachen verbindet.’

Kurze Witze sind meist gute Witze. Würden Sie den Hörerinnen und Hörern von Radio Vatikan abschließend ein Bonmot aus der Welt der Kirche erzählen?

‘Ich bin selber Protestant, also darf ich folgenden irischen Witz erzählen: ein katholischer Patriarch liegt im Sterben, und er ruft alle seine Familienangehörigen zusammen, und sagt: ich habe noch einen letzten Wunsch, ich möchte konvertieren, ich möchte evangelisch werden. Und alle sagen, meine Güte, wie kannst du nur, aber gut, es ist dein letzter Wunsch. Sie holen den evangelischen Pfarrer, der freut sich natürlich sehr. Nachdem er das Haus verlassen hat, fragen alle den alten Mann: wie kannst du nur in deinen letzten Tagen den katholischen Glauben verraten! Und er antwortet nur verschmitzt: Ich dachte es ist besser, es stirbt einer von denen!’

Aldo Parmeggiani

(rv 25.09.2012 ap)


Alfons Nossol – 80 Jahre

„Ich wollte eigentlich nicht Bischof werden“, bekennt der emeritierte Erzischof von Oppeln: Es ist der bekannte Theologe und einer der bedeutendsten Ökumeniker weltweit, Alfons Nossol. Dennoch hat Nossol während seines 32-jährigen Dienstes als Oberhirte Unglaubliches geleistet, er hat 71 neue Pfarreien gegründet, über hundert Kirchen und Kapellen errichten lassen und 527 Priester geweiht. Der Erzbischof (Jahrgang 1932) war Leiter der polnisch-oberschlesischen Diözese Oppeln. Als Theologe und Ökumeniker hat er sich einen beachtlichen Ruf erworben. Prägend für sein Wirken war die polnische Freiheitsbewegung „Solidarnosc“ und vor allem der Dienst der Versöhnung zwischen den Völkern und Konfessionen. In diesem Beitrag erzählt er offen über sein Leben und seinen Dienst als Brückenbauer zwischen Polen und Deutschland, zwischen Katholiken, Protestanten und Orthodoxen sowie zwischen Rom und Warschau. Unter den zahlreichen Ehrungen, die ihm zuteil wurden, schätzt Nossol die Brüsseler „Auszeichnung für Euopa“ ganz besonders. Er selbst bezeichnet sich als einen einfachen Mann der Kirche Christi.
 
 
*Herr Erzbischof, Sie sprechen Deutsch und Polnisch von Jugend auf – und natürlich den schlesischen Dialekt. Welches Idiom ist Ihre Sprache des Herzens ?
 
„Sowohl als auch: Wissen Sie, eigentlich alle diese drei Sprachen liegen mir. Es hängt davon ab, wie die Situation es manchmal erzwingt. Dann geht es von einer Sprache auf die andere über.“

*Was bedeutete für Sie und Ihre Familie – die ja zu den ‘Daheimgebliebenen’ zählte –die Erfahrung einer von außen auferzwungenen Identität ?
 
„Ja, das war nicht einfach, wissen Sie. Man musste nach 1945 total umschalten. Die russischen Truppen sind in unserem Heimatdorf am Fest des hl. Josef, dem 19.3.1945, einmarschiert – und da begann die totale Umwandlung. Auf diese Weise hat man anfangs natürlich alles in Deutsch gemacht, die Gebete hatte man immer auf Deutsch gelernt, und langsam ist man dann in die polnische Sprache hineingewachsen.“

*Wie definieren Sie den Begriff Heimat? Was bedeutet Verlust der Heimat im
  allgemeinen?
 
„Ja, das ist sehr wichtig. Die deutsche Sprache hat diesen Begriff so stark zu umschreiben versucht und ihn geprägt. Heimat ist dort, wo man zum ersten Mal den Himmel überblickt. Mit der Heimat ist so vieles verbunden... Und deswegen ist die Heimat etwas Großartiges. In der polnischen Sprache gibt es den Begriff Heimat nicht. Man pflegt Heimat zu umschreiben als das „kleine Vaterland“. Mir persönlich besagt der Begriff ernorm viel. Ich kann kann gut verstehen, was es bedeutet, wenn jemanden die Heimat auf diese oder andere Weise geraubt wird.“

*Ist es der deutschen Minderheit in Polen gelungen, die Bewahrung ihrer Identität beizubehalten, zu fördern?
 
„Weitgehend ist das der Fall. Langsam werden die rechtlichen Voraussetzungen der Minderheiten in Europa auch bei uns in Polen sehr realistisch betrachtet, und wer sich darum bemüht hat, der könnte eigntlich in dieser Sicht zufrieden sein. Natürlich, was die Schule betrifft, da hapert es immer noch. Man hat von vornherein das Gebiet der Kultur zu wenig ernst genommen; man wollte um jeden Preis „up to date“ sein, und so hat man diese wichtigste Komponente der Kultur etwas zu wenig ernst genommen.“
 
*Werden die Schlesier vom polnischen Staat als Polen zweiter Klasse behandelt?
 
„Anfangs war dies der Fall, heute eigentlich weniger. Hie und da ist es immer noch so, denn die sogenannten Radikalinskis, die nationalistisch, fast chauvinistisch eingeengt sind, die findet man überall. Aber im Großen und Ganzen ist es heute so, dass man nicht abgestempelt wird.“
 
*Sind in den heutigen deutsch-polnischen Beziehungen noch mögliche Minenfelder zu erkennen?
 
„In der Zwischenzeit ist es enorm menschlicher geworden. Es gab ja Zeiten, in denen man miteinander lebte... und dann ist die tragische Kriegszeit angebrochen, wo man gegeneinander lebte! Wo man ideologisch-politisch aufgehetzt wurde. Heute leben wir nicht nur nebeneinander, sondern füreinander in einem gemeinsamen Europa, einem Europa, das eine Gemeinschaft des Geistes, eine Werte- und Kulturgemeinschaft zu sein hat.“
 
*Welche kulturelle, politische und gesellschaftliche Funktion erfüllt die deutsche Volksgruppenminderheit in Schlesien heute zwischen Deutschland und Polen?
 
„Sie ist eine Brücke, auch zwischen Ost- und West. Und sie ist ein wichtiger Faktor sowohl auf dem Gebiet der Aussöhnung wie auf dem Gebiet der Versöhnung. Denn wir unterscheiden: Aussöhnung ist etwas Horizontales, die Versöhnung ist ein vertikales Anliegen. Es gibt keine echte Versöhnung ohne Gnade, weil es eine echte Versöhnung nicht ohne Vergebung geben kann.“
 
*Ihre Hinwendung zur deutschen Sprache und Kultur ist eindeutig: War für Sie diese Haltung eine Chance oder ein Hindernis auf Ihrem Lebensweg?
 
„Eine Chance. Man ist weitsichtiger und menschlicher und kann dadurch das Anderssein tiefer begreifen. Es ist etwas zutiefst Schlesisches: Das Anderssein ist nicht gleichbedeutend mit dem Verzeihen. Mit dem Anderssein kann man sich gegenseitig bereichern. Es kann zum wahren Austausch kommen. Im anderen Teil Polens ist dies nicht der Fall, weil oftmals das Anderssein mit dem Fremdsein gleichgesetzt wird. Wir pflegen hier – geschichtlich gesehen – immer zu unterscheiden: Anderssein, nicht Fremdsein.“
 
* Wir sprachen vorher von Europa: Sie sind gebürtig aus einem Grenzland, das die schweren Zeiten des Nationalismus besonders dramatisch zu spüren bekam. Was bedeuten für Sie in diesem Zusammenhang Europa und die EU ?
 
„Ganz konkret gesagt: Europa – Mittel- und Osteuropa – ist für uns das beste und konkreteste Antidotum gegen jedwede nationale und ethnische Einengung.“
  
*Als gebürtiger Oberschlesier gelten Sie seit Jahrzehnten als Brückenbauer zwischen Polen und Deutschland. Die Meilensteine auf diesem Weg der Versöhnung lauten?
 
„Erstens: Mut. Man muss aus der Reihe tanzen können – und das verlangt Mut. Zweitens Demut. Ich allein kann es nicht schaffen, ich muss mir helfen, ich muss mich belehren lassen. Und da braucht man eben Demut. Und schließlich kommt alles auf die Langmut an. Ich habe dies einmal dem früheren Bundeskanzler Kohl gesagt, und er hat mir dann noch den vierten Schritt beigebracht: Nach Mut, Demut und Langmut kommt noch Helmut dazu!“ (lacht)
 
*Als Brückenbauer werden Sie auch auf dem Gebiet der Ökumene genannt: Wie lautet Ihre ökumenische Grundformel?
 
„Wir alle – Christen, die aus dem großen Dreieck der Christenheit kommen, ob römisch-katholisch, ost-reformatorisch oder orthodox – bedürfen noch weit mehr der katholischen Weite und Breite, der evangelischen Tiefe des Wort Gottes und der orientalisch-orthodoxen Dimension des Heiligen Geistes. „In spiritu“ – das ist so wichtig. Und deswegen dürfen wir uns auf diesem Gebiet gemeinsam ergänzen, um noch katholischer - im Sinne von allemfassend – zu werden.“
 
*Welche kirchliche, welche weltliche Gestalt hat Sie in Ihrem Leben am meisten geprägt?
 
„Für mich sind die Päpste unseres Jahrunderts sehr exemplarischen Menschen geworden, die bemüht waren, das Christentum nicht nur ernst zu nehmen, sondern es auch auszulegen. Alle Päpste dieses Jahrhunderts haben mir persönlich enorm viel gegeben. Sie haben mich in das Wesen des Christentums und auch der katholischen Kirche eingeführt. Ich konnte vieles von ihnen lernen. Was mir leid tut, ist, dass Paul VI. etwas in Vergessenheit geraten ist: Er war einer der größten Päpste – ohne ihn hätten wir die Ergebnisse des II. Vatikanums nicht so konkret und klar zu spüren bekommen. Und dann Johannes Paul II. Seine Lehre von der Zivilisation der Liebe (aber damit hat eigentlich schon Paul VI. begonnen)... Und dann nach dem Papst aus Polen  ein Papst aus Deutschland! Nichts Größeres, Freudvolleres hätte in meinem Christsein und katholischen Leben passieren können – Im Sinne der wahren Versöhnung und Aussöhnung. Für mich ist diese Papstwahl ein konkreter Fingerzeig des Himmels.“
 
*Die Wahl eines polnischen Kardinals zum Oberhaupt der katholischen Kirche, d.h. die Wahl Johannes Paul II., hatte für den polnischen Widerstand gegen den Kommunismus zweifellos eine herausragende Bedeutung. Hing damit auch der Zusammenbruch des gesamten sowjetischen Politsystems, das Ende des Kalten Krieges zusammen?
 
„Ohne weiteres. Den ersten Stein aus der Berliner Mauer hat Johannes Paul II. gezogen. Und Gorbatschow hat es erlaubt... hat es zur Kenntnis genommen. Ohne diese zwei Menschen wäre es nicht so einfach zur deutschen Einheit, zum Umbruch gekommen. Das, was damals geschehen ist in diesem „annus mirabilis“, war etwas so Großartiges! Ich erlebte auf diese Weise auch das große Geschenk der Freiheit und bin mir bewußt, auch heute sind wir noch auf dem Weg, um frei zu werden.“
 
*Sie haben im Jahr der Wende 1989 auf dem Annaberg – dem Heiligen Berg Oberschlesiens – den 1. Gottesdienst seit Kriegsende in deutscher Sprache gehalten. Wie reagierte auf diese Mutprobe die polnische Regierung, und wie reagierte darauf die offizielle Kirche?
 
„Was die offizielle Kirche angeht - das habe ich alles mit Papst Johannes Paul II. abgesprochen. Schuld daran, das habe ich ihm auch ganz offen und ehrlich gesagt, war seine Friedensbotschaft von 1989: „Achtung der Minderheiten – ein Weg zum Frieden“. Ich sagte:“Heiliger Vater, etwas Großartiges! Darauf habe nicht nur ich, sondern darauf haben viele von uns gewartet. Und das hat mir auch Mut gemacht!“ Und ich fügte hinzu: „Aber wissen Sie, schön gesagt – aber das im Alltag zu realisieren, ist nicht so einfach, besonders bei uns in Oberschlesien.“ Darauf antwortete er: „Damit muß man einmal beginnen, du darfst dich ruhig auf mich berufen!“ Ich habe dies bei der Plenarsitzung der Bischofskonferenz auch so weitergegeben, aber fast alle Bischöfe haben abgeraten: Warten, warten, die Zeit ist noch nicht reif! Es könnte zu Schwierigkeiten kommen mit dem Regime.Ich sagte: Ja, aber das ist eine Friedensbotschaft, und sie fußt auf der Frohbotschaft des Evangeliums! Dadurch können wir die Drohbotschaften der zeitgenössischen Ideologien überwinden.“
 
*Durch Papst Paul VI. wurden Sie zum Bischof geweiht, Papst Johannes Paul II. hat Ihnen den Ehrentitel eines Erzbischofs ad personam verliehen. Womit war das begründet?
 
„Mit dem ökumenischen Wirken. Weil ich schon lange in der Ökumene tätig war, in der großen Dialog-Komission auf Weltebene zwischen der katholischen Kirche und den lutherischen Kirchen, 17 Jahre lang. Und von Anfang an, seit 1980, bin ich auch in der großen Dialog-Komission mit den orthodoxen Kirchen und habe bei uns zu Hause in der Diözese Oppeln zweimal die Plenarsitzung geleitet. Deswegen war für mich die Ökumene-Enzyklika „Ut unum sint“ von 1995 etwas so Großartiges. Die Ökumene ist ein Imperativ des christlichen Gewissens! Wenn man die deutsche Kultur, die deutsche Philosophie kennt, dann weiß man, was ein Imperativ zu besagen hat. Ich bin überzeugt: Man kann heute ohne die ökumenische Öffnung eigentlich nicht zutiefst Christ sein. Ja, ich hänge sehr an der Kraft und Macht des Dialogs; der Dialog ist für mich nämlich die Muttersprache der Menschheit. Denn er hilft, aus Feinden Gegner zu machen, und hilft dann auch dabei, Gegner schließlich in Freunde umzuwandeln. Der Christ muss von Natur aus ein Dialogmensch sein!“
 
*Über 1000 Jahre lang bildete die römisch-katholische Kirche ein mächtiges Element der polnischen Identität. Hat sich darin in den letzten Jahren etwas geändert?
 
„Die Säkularisierungswelle hat auch uns erreicht. Und weil es bei uns immer schon etwas emotionaler zugeht, war dies auch erkennbarer und hatte auch konkretere Folgen. Wir müssen uns daran gewöhnen. Ich pflegte immer meinen Studenten an den Lehranstalten, wo ich tätig war, zu sagen: An der ganzen Säkularisierung ist der liebe Gott selbst schuld. Er hat seinen Sohn in die Welt hinein gegeben, um die Welt zu erlösen. Die Zeit ist die Vergeschichtlichung, Verzeitlichung auch des ewigen Gottes. Wir haben an der Säkularisierung auch zu leiden, aber andererseits müssen wir uns an die Säkularisierung gewöhnen. Man ist – auch in der Kirche – in die zeitgenössische Epoche quasi hineingeworfen worden, und wir müssen bemüht sein, die Welt nicht immer zu sakralisieren; wir müssen sie allerdings zu sanktifizieren versuchen. Sakralisation kann manchmal auch eine gewisse Dosis Ideologie enthalten. Also: „Non sacrificatio sed sanctificatio mundi“– das ist unsere Aufgabe!“
 
*Sie sind u.a. ein exzellenter Prediger. Herr Erzbischof – was ist eine gute Predigt?
 
„Das Wort treu zu verkünden und es verstehbar für den Menschen zu gestalten versuchen. Natürlich, jede Predigt muss gut vorbereitet werden. Und der Heilige Geist muss zur Hilfe herangezogen werden. Meine Devise seit vielen, vielen Jahren: Wenn ich frühmorgens aufwache, mache ich eine Kniebeuge und rufe drei Mal: „Veni sancte spiritus“. Das hilft in so vielen Anliegen! Die Bedeutung dieser pneumatologischen Dimension habe ich auch durch die Ökumene von den orientalischen Kirchen zu konkretisieren gelernt. Man muss eine Predigt zu einem Wort Gottes zu gestalten versuchen. Aus eigener Kraft gelingt nichts. Da muss der Heilige Geist immer mit dabei sein. Wir müssen uns auch von ihm tragen lassen. Aber die Grundvoraussetzung für eine gute Predigt ist ein tiefes Sichhineinlesen in die biblischen Texte.“
 
Aldo Parmeggiani, Radio Vatikan


Frank Elstner - 70 Jahre

Sein Werdegang ist eine Art Streifzug durch die deutsche Fernsehgeschichte. Schon als Kind war er die Synchronstimme des Welt-Hits ‚Bambi’ von Walt Disney. Seine Traum-Karriere begann er in den 1960er Jahren bei RTL Luxemburg. Anfang der 1980er Jahre erfand und moderierte er die bis heute erfolgreichste Fernsehsendung im deutschen Sprachraum ‚Wetten dass…?’ Der gebürtige Österreicher aus Linz war der Initiator und Moderator von mehr als einem Dutzend beliebter Sendreihen und wurde für seine Arbeit mit zahlreichen Fernsehpreisen ausgezeichnet.
Aktuell steht der TV-Star und Journalist regelmäßig für den SWR mit ‚Menschen der Woche’ vor der Kamera. Und in der ARD präsentiert er ‚Die große Show der Naturwunder’. Und noch etwas Außergewöhnliches kann sich Frank Elstner in sein ‚Curriculum’ schreiben lassen: er hatte am 18. März bei der diesjährigen deutschen Bundespräsidentenwahl nicht als Parlamentarier, aber als prominenter Wähler im Bundestag seine Stimme abgegeben.
 
Herr Elstner, letzteres gehört doch sicher auch zu den Höhepunkten Ihres Lebens, das ist doch eine besondere Wertschätzung gegenüber Ihrer Person?
 
„Ja, ich bin sehr froh, dass man mich hier in Baden-Württemberg gefragt hat, ob ich als Wahlmann mitreisen möchte. Ich muss sagen, dass ich selten eine so entspannte Atmosphäre erlebt  habe, von so vielen wichtigen Menschen. Da war eben an dem Tag sozusagen alles klar, allen Parteien war mehr oder weniger klar, welchen Kandidaten sie wählen sollen, es gab kein ‚Geschubse’, kein Geringe, es gab keine Intrigen, es gab einfach nur gute Laune.“
 
Sie sind der Erfindergeist  in der deutschen Fernsehwelt und haben ein halbes Jahrhundert Fernseh-Geschichte geschrieben. Es kann kein Zweifel sein, dass Sie ein kreativer Mensch sind. Was ist Kreativität für Frank Elstner?
 
„Wenn Sie das lateinische Wort nehmen, hat das natürlich mit Schöpfung, Schaffenskraft und Erschaffung zu tun. Wenn ich mich als Kreativen sehe in meiner Landschaft, dann kann ich sagen, ich habe Rundfunksendungen erfunden, ich habe Fernsehsendungen erfunden, ich habe Werbekampagnen erfunden, ich hab’ halt meine ganze Phantasie hineingesteckt in die Aufgaben die man mir gestellt hat. Und dabei kam mir sehr zugute, dass ich halt furchtbar neugierig bin. Und ein Journalist, der neugierig ist, und der fleißig ist, der müsste dann eigentlich gut zum Ziel kommen.“
 
Sie sind im Laufe Ihres Berufslebens immer freiwillig aus der jeweiligen von Ihnen erfundenen Sendereihe ausgestiegen, um wenig später eine neue, innovative Sendung zu beginnen. Haben Sie da eine innere Stimme, die Ihnen sozusagen zuflüstert: Jetzt ist Zeit etwas Neues zu beginnen?
 
„Ja, diese innere Stimme habe ich. Und auf die habe ich auch immer gehört. Dass da ein gewisser Rhythmus hineinkam, das war nicht vorauszusehen. Ich habe sechs Jahre ‚Spiele ohne Grenzen’ gemacht, ich habe sechs Jahre ‚Montagsmaler’ gemacht und sechs Jahre ‚Wetten, dass…’. Und dass das dann immer das siebte Jahr war, das so genannte ‚sabatical year’, das war dann, glaube ich, eher ein Zufall. Also nicht von mir irgendwie in Regie geführt. Ich habe bei vielen Dingen, die ich ‚angeschoben’ habe, immer das Gefühl gehabt: wenn sie einmal laufen, dann können sie auch ohne mich laufen. Und dadurch ist mein Leben eben interessanter und bunter geworden“.
 
A propos ‚innere Stimme’ – ist sie Sie Ihnen auch außerhalb Ihres Berufes eine richtungweisende Instanz, der Sie immer wieder Gehör schenken?
 
„Ja, wenn ich Radio Vatikan, einem Kollegen, schon ein Interview gebe, da können wir auch gerne über den lieben Gott reden. Ich bin katholisch erzogen worden, ich war sechs Jahre  im erzbischöflichen Gymnasialkonvikt St. Bernhard in Rastatt und da hat man mir schon einmal gesagt, ‚Du endest irgendwann einmal bei Radio Vatikan’ (lacht). Das hat jetzt siebzig Jahre gedauert, bis ich zum ersten Mal mit Ihnen spreche. - Ja, ich spreche mit Gott…. und lasse mich auch gerne von ihm leiten.“
 
Was hat sich aus den Jahren der Studienzeit im erzbischöflichen Gymnasium an ‚Katholizität’ bei Ihnen fest geklammert, was ist an ihr möglicherweise verloren gegangen?
 
„Verloren gegangen ist mir, möchte ich sagen, ein bisschen mein Enthusiasmus für die Kirche. Als ich näher hingeschaut habe und festgestellt habe, dass die Kirche eben von Menschen gemacht wird und wir Menschen so voller Fehler sind. Das heißt, ich habe frühzeitig versucht zu unterscheiden, zwischen der Lehre, dem Glauben, und den Menschen die die Kirche vertreten. Und dabei bin ich eigentlich einen ganz guten Weg gegangen. Ich habe heute kein Problem mit der Kirche, weil ich sie entspannter interpretiere.“
 
Ein Blick von Baden-Baden nach Rom: was schätzen Sie an der römischen Kirche, wo hingegen stehen Sie ihr kritisch gegenüber?
 
„Das was ich an Kritik zu sagen habe, das entlädt sich meistens nach irgendwelchen Nachrichten, nach irgendwelchen Personalien. Ich hatte die Ehre den Papst, als er noch Kardinal war, kennen zu lernen. Ich hatte eine Audienz im Vatikan, ich habe mich über eine halbe Stunde mit ihm unterhalten dürfen und da ist so viel Sympathie übergelaufen, dass ich über ihn jetzt nur mehr subjektiv urteilen kann. Ich weiß nur, dass an dem Tag, als es hieß, er ist Papst geworden…da schossen mir die Tränen ins Gesicht.“
 
Papst Benedikt XVI. steht in seinem 8. Regierungsjahr. Viele Menschen auf der ganzen Welt werten das Pontfikat dieses ersten deutschen Papstes nach beinahe 500 Jahren als sehr hoch ein, andere wiederum – besonders in Deutschland - sind gegenüber Rom und seinen oberstem Hirten nicht immer positiv eingestellt….
 
„Ja, das ist leider so. Das tut mir weh, weil ich glaube, dass Benedikt ein bisschen verkannt wird von einigen Intellektuellen in unserem Lande. Ich kann nur sagen: ich hatte vierzehn Tage vor der Papstwahl das große Vergnügen seinen Bruder als Gast im Interview zu haben. Auf der Reise nach Rom fast schon unterwegs, zur Papstwahl, habe ich Georg Ratzinger gefragt:
‚Geben Sie Ihrem Bruder Chancen, meinen Sie, dass er Papst wird?’. Da hat er gesagt: ‚Auf keinen Fall, auf keinen Fall! Erstens wählen die keinen Deutschen und zweitens ist er schon viel zu alt dazu’. Und Sie haben ja gesehen, was daraus wurde.“
 
Zurück zu Ihrem beruflichen Umfeld: Wenn Sie einen Blick in die fernere Vergangenheit richten – wann ist Ihnen zum ersten Mal bewusst geworden, dass die Welt der Medien, die Unterhaltung mit Substanz, wie Sie sie führen, Ihre wahre Berufung ist?
 
„Ich glaube, das ist mir schon in der Schule widerfahren, weil ich doch immer schon sehr zur Unterhaltung der Menschen beigetragen habe. Zumindest nach Aussprüchen meiner Tanten. Ich bin aus einer künstlerischen Familie kommend, über Linz an der Donau, Wien, Berlin, Köln, Baden-Baden, in meiner Jugend in furchtbar vielen Schulen gewesen und….ich möchte nicht sagen, dass ich der Klassenclown war, aber ich hab’ eigentlich immer für Unterhaltung gesorgt. Und man erzählt sich in der Familie, meine erste Frage, als ich am ersten Schultag in die Schule kam, war vor versammelter Mannschaft; ‚Frau Lehrerin, bitte, wann gibt es Ferien? Und da hatte ich schon meine ersten Lacher auf meiner Seite.“
 
Hatten oder haben Sie insgeheim manchmal auch andere berufliche Ambitionen ? Ich nenne einmal drei Optionen: Schauspieler, Politiker, Wirtschaftsmanager?
 
„Also Wirtschaftsmanager war ich, ich war jahrelang der Direktor des deutschen Programms Radio Luxemburg. Da sind Sie ein Wirtschaftsmanager. Politiker hätte ich mir nie zutrauen wollen, weil ich meiner Meinung nach  hier leider zu schwankend bin: Also bei mir kann es durchaus sein, dass ich alle vier Jahre eine andere Partei wähle. Ich mache das immer sehr abhängig von derzeitigen Programmen und auch von den Menschen, die dahinter stehen. Das ist bei mir wie mit Fussball-Mannschaften: ich bin nicht für einen Verein, sondern ich bin meistens für den Verein, wo ein Freund oder guter Bekannter von mir mitspielt.“
 
Sie stehen auch mit 70 Jahren im Rampenlicht gleißender Scheinwerfer: haben Sie eigentlich immer noch Lampenfieber?
 
„Ja, das werde ich auch nicht ablegen. Denn Lampenfieber für mich übersetzt heißt, dass man in einer gewissen Spannung steht, weil man gerne das erfüllen will, was man sich vorgenommen hat. Und die Stunden vor einem Auftritt, die sind bei mir immer mit ein bisschen Schweiß und etwas erhöhtem Blutdruck verbunden. Aber, ich hatte mal vor dreißig Jahren ein sehr gutes Gespräch mit einem Arzt, der mir gesagt hat, Sie werden nie daran sterben.“
 
Gibt es ein einschlägiges Mittel, mit dem das Lampenfieber nachweislich unter Kontrolle gebracht werden kann?
 
„Es gibt verschiedene Mittel, mit denen man es unter Kontrolle bringen kann: ich habe eine Zeitlang meditiert, aber bei mir ist auch das Gebet durchaus nützlich gewesen, wenn ich Lampenfieber hatte.“
 
Ich wollte Sie gerade fragen: Kann manchmal auch ein ‚Stoßgebet’ hilfreich sein?
 
„Ja, und ich muss sagen, auch ein Rosenkranz hat seine guten, meditativen Seiten.“
 
Herr Elstner sie haben auch mit 70 vermutlich tausend neue Ideen im Kopf, über die Sie in der Öffentlichkeit  selbstredend nicht unbedingt sprechen wollen. Gestatten Sie, dass ich an dieser Stelle an den erfolgreichen Moderator, Programmdirektor, Sprecher, Journalist und Themen-Erfinder Elstner, dennoch die Frage stelle: Haben Sie auch schon einmal an ein wissenschaftliches Format gedacht, das die Theologie, die Philosophie, die Kirche mit einschließt? Könnten Sie sich eine Sendung in diesen Themenbereich vorstellen? Denken wir nur an die Dogmatik, die Fundamental- oder Moraltheologie, an das Kirchenrecht, an die Bibelwissenschaft, an das Alte und Neue Testament, an die Kirchengeschichte überhaupt und an die Geschichte der Päpste. Eine hochkarätige Jury mit ebenso hochkarätigen Teilnehmern unter der Leitung des Zeremonienmeisters Frank Elstner könnte doch eine spannende Sendereihe ergeben? Was meinen Sie?
 
„Da bin ich Ihrer Meinung: genau diese Sendereihe habe ich angeboten vor ungefähr 25 Jahren dem Vertreter der deutschen, katholischen Kirche. Die haben eine Abteilung, die sozusagen die Verbindung herstellt für die öffentlich-rechtlichen Anstalten. Und damals hatte ich ein Manuskript abgegeben, mit der Idee, eine so wie von Ihnen eben beschriebene Sendung zu machen, der Titel war ‚Bibel-fest’ und ich konnte mich damals bei den Sendern fast durchsetzen, aber der Vertreter der katholischen Kirche hat diese Geschichte mehr oder weniger zu seiner eigenen gemacht und hat mich ausgebootet.“
 
Wollen wir einen neuen Anlauf dazu wagen?
 
(Lacht) „Ich habe den Anlauf als Umweg-Anlauf gemacht und 138 Nobelpreisträger interviewt und habe sie alle nach ihrem Gottesbegriff gefragt. Das ist ja schon mal so ein Ansatz.“
 
Sie werden, nehme ich an, die 1. Sendung von ‚Wetten dass…’ mit Markus Lanz besonders intensiv verfolgen: Halten Sie ihn für den richtigen Nachfolger von Thomas Gottschalk? Ich frage Sie das auch deshalb, weil Markus Lanz ein Landsmann von mir ist.
 
„Mit anderen Worten, Sie sind ein Südtiroler. Mit Südtirolern habe ich übrigens nur gute Erfahrungen gemacht. Eine meiner ersten großen Wetten war ein Südtiroler Baggerfahrer und der hat bei mir gewettet, dass er mit seinem Bagger ein Feuerzeug anzünden könnte. Das hat dann auch geklappt. Aus Südtirol kamen immer sehr, sehr phantasiereiche Angebote, auch der wunderbare Bergsteiger, Reinhold Messner, war oft in meinen Sendungen. Also, Südtirol, das ist ein schönes Stichwort, was Sie mir da geben.
Ich bin ein Fan von Markus Lanz, er ist neugierig, er ist fleißig, er wird sich große Mühe geben, er wird die Wette wieder in den Mittelpunkt der Sendung stellen, ich hätte ihm gewünscht, dass vorher weniger Trara in Deutschland entstanden wäre über die Nachfolge von Thomas Gottschalk und ich hoffe jetzt, dass er mit guten Gefühlen auch von den Zuschauern aufgenommen wird. Es stehen die Zeichen wirklich auf grün und das ZDF hat eine gute Wahl getroffen.“
 
Eine letzte Frage, Herr Elstner: ich weiß, Sie sind kein Prophet, kein Seher, aber Sie haben sehr viel Gespür, Einfühlungsvermögen und Empathie: wenn Sie in die Zukunft schauen, was sehen Sie das auf unsere Gesellschaft zukommen?
 
„Ich bin wirklich kein Prophet….aber, das was ich in den Medien im Moment sehe, ist, dass sich unsere Welt jeden Tag so schlagartig verändert, dass ich fast Angst habe, dass wir bald nicht mehr hinterherlaufen können.“

(rv 10.06.2012 ap)

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Alexander Kluge – Seismograph der Gegenwart

Alexander Kluge ist der Chronist und Seismograph unserer Zeit. Er hat abendfüllende Spielfilme gedreht, Kulturprogramme geprägt und neue Fernsehformate kreiert. Wie kaum ein zweiter Künstler oder Intellektueller in Deutschland setzt Alexander Kluge – einst Assistent bei Fritz Lang - in Film, Fernsehen und Literatur seit vielen Jahren entscheidende Impulse im deutschen Kulturraum. Bekannt ist der promovierte Jurist, Historiker und Kirchenmusiker als Regisseur – er hat den Neuen Deutschen Film aus der Taufe gehoben – als Filmproduzent, Hochschulprofessor, Kunsttheoretiker, Medienmanager und Philosoph, doch sein Hauptwerk – so sagt er selbst – sind seine Bücher. Darin zeigt er sich als Sammler  und Denker über Daseinsspuren, der die Signatur der Zeit zu interpretieren versteht. Erfahrungen sammeln und weitergeben, ein Lebensmotiv von Alexander Kluge. Er feierte vor kurzem seinen 80. Geburtstag.
 
Herr Dr. Kluge, Sie sammeln Erfahrungen und geben sie weiter. Seit vielen Jahren. Wie kaum ein zweiter Künstler und Intellektueller in Deutschland setzen Sie gleichermaßen in Film, Fernsehen und Literatur entscheidende Impulse. Sie sind in erster Linie ein Erzähler und nennen sich selbst einen Chronisten. Gibt es dazu ein literarisches Vorbild?
 
‚Zum Beispiel Tacitus, Robert Musil, Heinrich von Kleist, aber auch Ovid’.
 
Wir leben nicht in der Gegenwart, sondern wir leben gleichzeitig in der Vergangenheit, in der Zukunft und in der Möglichkeitsform, im Konjunktiv. Eine Aussage von Ihnen. Ist das einer der Schlüssel zu Ihrer literarischen Partitur ?
 
‚Das ist die Grammatik der Erfahrung. Und Sie können zum Konjunktiv noch den Optativ zählen, den es in der griechischen Grammatik gibt. Das ist die Form der Hoffnung und des Wünschens. Menschen werden sich die Hoffnung und die Wünsche nicht verwehren lassen. Alles das gehört zur Realität. Wenn Sie fragen: was ist wirklich? Dann brauchen Sie alle Zeiten, Sie brauchen den Erzählraum.’
 
Sie sind sozusagen -wenn ich das richtig sehe -  ein Veredler der nüchternen Chronik. Sie wandeln das Märchen von einst in moderne Balladen, Moritaten, Legenden um. Gibt es ein Märchen, das Ihnen besonders gefällt ?
 
‚Es gibt viele Märchen, die mir besonders gefallen, in den Grimm-Märchen zum Beispiel die ‚Glückshaut’, ein sehr schönes Märchen. Das war ein Kind, das geboren wurde mit einer Glückshaut. Ein ganz einfaches Märchen, es handelt davon, dass wir Glücksucher sind, und zwar nicht im Sinne von Glückspieler, sondern, dass wir vorbereitet sein können; dass wir auf der Oberfläche, auf der Haut mehr Glück haben, als Verstand. Wir sollen nicht dem Verstand folgen, wir sollen das Glück in uns suchen’.
 
Jeder Mensch ist auf der Suche nach dem Glück, der Zufriedenheit, der Sicherheit. Dazu ist er bereit alles zu opfern. Kann ein Weg zum Glück auch die Religion sein?
 
‚Mit Sicherheit. Und ich glaube nicht, dass einer für die Glücksuche alles opfern muss. Sondern das Glück liegt im Gleichgewicht. In der unerschütterlichen Ruhe. Und die Religion ist eine Form davon, diese unerschütterliche Ruhe zu gewinnen. Ich glaube, die Religion ist eine andere Bezeichnung für das, was im Menschen unverkäuflich ist. Religion ist etwas, was eine ganz breite Aura hat.’
 
Sie produzieren für das deutsche Privatfernsehen unabhängige Kulturmagazine. Gibt es darin auch religiöse, kirchliche Themen?
 
‚Zum Beispiel mit dem Abtprimas der Benediktiner, Notker Wolf haben wir eine sehr intensive Sendung gehabt: ‘Das unruhige Herz’ und ‘Stationen der Ruhe’. Wir haben Märchen gesendet, die von Mönchen im Mittelalter geschrieben wurden. Wir haben über die Anfänge des Christentums und die frühen Jesus-Romane, könnte man sagen, Filme gemacht. Nicht die vier ‘kanonischen’ Erzählungen über das Leben Jesu, sondern über die vier anderen, weil auch dort viele spirituelle Themen ausgebreitet sind. Und dann haben wir einen 90 Minuten Film im privaten Fernsehen gemacht, über die Engel. Engel sind Boten Gottes.’
 
Von vielen Millionen Menschen auf der Welt wird Papst Benedikt hoch verehrt, andere bewerten das katholische Kirchenoberhaupt eher kritisch. Wie lautet Ihre Einschätzung über den derzeitigen Pontifex – der im April 85 Jahre alt geworden ist?
 
‚Ich habe sehr gestaunt, wie ein 85Jahre alter Mann, in Mexiko zum Beispiel, die Kirche sehr würdig und auch körperlich sehr vital vertritt. Er ist eine starke spirituelle Erscheinung. Ich finde, der Vorwurf, der oft erhoben wird, er sei zu konservativ, ist kein Vorwurf. Man soll bewahrend sein. Man soll nicht Dompteur sein, aber man soll Gärtner sein. Er ist in diesem Sinne ein guter Gärtner des Glaubens’.
 
Ein guter Vergleich, wenn man bedenkt, dass Benedikt XVI. sich selbst seit Anfang des Pontifikates und immer wieder als einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn bezeichnet.
Sie selbst sind ein großer Fragensteller: welche Frage würden Sie an Papst Benedikt XVI an die erste Stelle stellen, wenn Sie dazu die Möglichkeit hätten?
 
‚Also, wenn ich ihm begegnen dürfte, würde ich ihn zunächst fragen, welcher der vielen Benedikte eigentlich der Grund war, für seine Namenswahl. Es gibt einen Benedikt im Mittelalter, das war ein sehr frommer, gelehrter Mann. Ein Dialektiker, ein Philologe. Und ich würde ihn befragen, wie ernst er mit dem Wort umgeht. Das tut dieser Papst!’.
 
Es wäre an dieser Stelle schön, wenn Sie noch etwas über den Papst als Person sagen würden….
 
‚Ich würde mich für seine Lebenserfahrung interessieren. Vieles verbindet mich mit seinem Lebenslauf. Ich bin zwar fünf Jahre jünger als er, aber wir haben sehr viel gesehen, in diesem 20. Und beginnenden 21. Jahrhundert. Und ich würde ihn schon nach seinen Einschätzungen über das 21. Jahrhundert auch befragen wollen.
Ich könnte mit ihm zum Beispiel sprechen über seine Sicht auf die Gegenwart und das würde unwillkürlich bei mir auslösen die Frage, dass er sich mit mir über die Antike unterhält. Über die Geschehnisse aus der Zeit Jesu. Ich würde ihn zum Beispiel befragen, nach dem Pilatus-Evangelium. Das ist ein sehr eigenartiges Buch, nachdem Pilatus – nach dem Tode Jesu – zu Kaiser Tiberius berufen wird. Kaiser Tiberius will ihn strafen. Und er verurteilt ihn zum Tode. Und da bekehrt sich Pilatus in der Nacht vor seinem Tod. Und sein Haupt wird von einem Engel empor getragen. Eine solche Fantasie. Keine ketzerische, sondern eine gläubige Phantasie. Ich würde versuchen, über so einen antiken Text, mich mit ihm zu unterhalten’.
 
Da stoßen Sie auf ein Lieblingsthema des Papstes: Sie wissen ja, er hat bereits zwei ‚Jesus von Nazareth’ - Bücher geschrieben, beide wurden ein Welterfolg, und er ist dabei den dritten Band dieser Trilogie zu beenden.
Wie überzeugend wirkt die Kirche von Rom auf Sie persönlich?
 
‚Ich wünschte mir von Herzen, dass das Augsburger Konkordat – also bevor die Reformation kam – zu einem Religionsfrieden geführt hätte. Das ist hinterher jetzt nicht mehr künstlich herzustellen. Aber dass es keine Spaltung gegeben hätte, wenn die Kräfte der Reformation und Gegenreformation sich vereinigt hätten, so wie in der Oper von Palestrina, dass also die Kirchenreform allseitig gelungen wäre, ist etwas was ich sehr schön fände. Ich glaube an die Universalität der Kirche’.
 
Sie haben unter anderem auch Kirchenmusik studiert: Das ist eine interessante Konstellation: Juristerei und Musik. Davon gibt es herausragende Beispiele. Albert Einstein, Dr. Schweitzer, Bundestagspräsident Lammert usw. Warum haben Sie gerade dieses Musikgenre ausgewählt ?
 
‚Mein Vater hat mich an die Musik herangeführt: die Kirchenmusik gehört zu den ernstesten Formen der Musik und auch zu den schönsten, zu den ornamentreichsten, zu den entfaltetsten. Ich muss dazu sagen, dass Kirchen für Musik sehr geeignet sind. Kirchen sind ganz große Musikhäuser. Eine ihrer Funktion ist, dass Töne in ihnen groß klingen. Kirchenmusik ist im Allgemeinen polyphon. Das ist etwas, was ich sehr liebe und schätze’.

Der Mensch hat gleichzeitig zwei entgegen gesetzte Eigenschaften: Einfühlung und Sachlichkeit. Empathie und Nüchternheit. Wie könnte das religiöse Pendant dazu lauten? Fides et Ratio? Eine Enzyklika Papst Benedikt XVI.?
 
‚Dies wäre korrekt wiedergegeben, Einfühlung ist natürlich Empathie, würde mit Glauben übersetzbar sein, aber es ist weiter als das…Es ist eigentlich eine Hingabefähigkeit. Für den Glauben brauchen sie sie, sie brauchen sie aber auch zum Verstehen. Zur Poesie, wenn Sie so wollen. Und die Sachlichkeit, das ist auch vom Gefühl her gesteuert, ist die Fähigkeit, eigentlich die Demut im Geiste. Und beides hat der Mensch in sich. Nämlich Einfühlung und Sachlichkeit. Wir können es nicht wählen, wir haben immer beides’.
  
Welche betrachten Sie als die größte Sünde, die ein Mensch begehen kann?
 
‚Wenn Sie mich als Schriftsteller fragen, würde ich sagen: Die Trägheit des Herzens. Die Gleichgültigkeit. Sie ist die größte Sünde, denn sie ermöglicht Auschwitz.’
 
Wie lauten die Tugenden, die Sie an Menschen besonders schätzen?
 
‚Sie würden bei mir im Kern heißen, die Tugenden des Ohres. Das heißt das Gleichgewicht, das Maß. Das Ohr ist ja nicht nur ein Organ für die Musik, sondern ist ein Gleichgewichtsorgan.

Eine letzte Frage: Auf Wunsch dieses Papstes gibt es im Vatikan seit zwei Jahren eine neue Einrichtung: Sie nennt sich ‘Vorhof der Völker’ und ist dazu da, den Dialog mit den Nichtglaubenden, den Agnostikern und Atheisten aufzunehmen und zu intensivieren. Denn die Kirche braucht auch die Stimmen jener, die nicht an sie glauben…..Finden Sie diese einmalige Initiative der katholischen Kirche richtungweisend?
 
‚Ich finde sie sehr weise. Denn ich glaube nicht, dass wir nur mit den wenigen Glücklichen, die die Wahrheit besitzen, in der Welt auskommen, sondern, dass der Irrtum auch etwas ist, aus dem wir dauernd lernen. Insofern glaube ich, dass Dialog, der hier angedeutet ist, überhaupt ein Grundprinzip ist, das seit der Antike heilsam war. Der Dialog und nicht das Geschlossene ist etwas Positives.’

(rv 06.05.2012 ap)


Sieben Jahre Benedikt XVI.

„Annuntio vobis gaudium magnum. Habemus Papam: Eminentissimum ac Reverendissimum Dominum, Dominum Iosephum, Sanctae Romanae Ecclesiae Cardinalem Ratzinger, qui sibi nomen imposuit Benedicti Decimi Sexti.“

Übersetzt: „Ich verkünde euch große Freude: Wir haben einen Papst, und zwar Seine Eminenz, den hochwürdigsten Herrn Joseph, der Heiligen Römischen Kirche Kardinal Ratzinger, der sich den Namen Benedikt der Sechzehnte gegeben hat.“

„Als langsam der Gang der Abstimmungen mich erkennen ließ, dass sozusagen das Fallbeil auf mich herabfallen würde, war mir ganz schwindlig zumute. Ich hatte nämlich geglaubt, mein Lebenswerk getan zu haben und jetzt auf einen ruhigen Ausklang meiner Tage hoffen zu dürfen. Deswegen habe ich mit tiefer Überzeugung zum Herrn gesagt: Tu mir das nicht an, Du hast Jüngere und Bessere, die mit ganz anderem Elan und mit ganz anderer Kraft an diese Aufgabe herantreten können”.

Mit diesen Gefühlen beginnt Joseph Alois Ratzinger am 19.April 2005 als erster Deutscher Papst seit 482 Jahren und als 265. Nachfolger Petri das höchste Amt in der katholischen Kirche. Noch steht er im Schatten seines Vorgängers, noch trägt er den Stempel eines strengen Glaubenshüters. Doch nach sieben Jahren Pontifikat ist längst deutlich geworden, dass Benedikt XVI. mit eigenem Stil und eigenem Profil regiert. Er ist nicht der Medienstar und Charismatiker wie sein Vorgänger, aber er führt die Kirche mit theologischer Gradlinigkeit, akademischer Brillanz und bescheidener Freundlichkeit durch die Wirrnisse unserer Zeit. Obwohl seine physischen Kräfte nachlassen, absolviert er ein enormes Arbeitspensum. ‚Ich bin alt, kann aber meinen Pflichten noch nachkommen’ sagt das 85-jährige Kirchenoberhaupt zum Abschluss seiner Kubareise dem gleichaltrigen Fidel Castro. Und wischte damit Spekulationen eines möglichen Rücktritts vom Tisch. Er begeistert Millionen von Menschen, auch Nichtkatholiken, weltweit - auf seinen vielen Reisen und jeden Mittwoch bei den Generalaudienzen auf dem Petersplatz.

Im Folgenden bringen wir Höhen aber auch Rückschläge der bisherigen sieben Pontifikatsjahre in der gebotenen Kürze und beginnen mit der  ersten Reise 2005 zum Weltjugendtag nach Köln. Mit rund einer Million Menschen feiert er den bisher meistbesuchten Gottesdienst auf deutschem Boden.

„Liebe Jugendliche,
ich freue mich, Euch hier in Köln am Rheinufer zu treffen! Als Pilger in der Gefolgschaft der Heiligen Drei Könige seid Ihr aus verschiedenen Teilen Deutschlands, Europas und der Welt gekommen. Indem Ihr ihren Spuren folgt, wollt Ihr Jesus entdecken. Ihr wart bereit, Euch auf den Weg zu machen, um selber ebenfalls dahin zu gelangen, persönlich und zugleich gemeinschaftlich das Angesicht Gottes zu betrachten, das sich in dem Kind in der Krippe offenbart. Wie Ihr habe auch ich mich auf den Weg gemacht, um zusammen mit Euch niederzuknien vor der weißen Hostie, in der die Augen des Glaubens die reale Gegenwart des Erlösers der Welt erkennen. Gemeinsam werden wir dann über das Thema dieses Weltjugendtags »Wir sind gekommen, um ihn anzubeten.”

Anfang 2006 legt Benedikt XVI. mit ‘Deus caritas est’ seine erste Enzyklika vor. Sie beschäftigt sich mit der Liebe Gottes zum Menschen und der Antwort des Menschen darauf sowie mit der Liebe zwischen den Menschen, deren Hochform die eheliche Liebe ist. Die zweite Auslandsreise führt Benedikt in die Heimat von Johannes Paul II. Den dramatisch - bewegenden Höhepunkt bildet dabei das symbolträchtige Gedenken des ‘deutschen Papstes’ an die Opfer des Nationalsozialismus im ehemaligen Konzentrationslager Birkenau-Auschwitz.

„An diesem Ort des Grauens, einer Anhäufung von Verbrechen gegen Gott und den Menschen ohne Parallele in der Geschichte, zu sprechen, ist fast unmöglich – ist besonders schwer und bedrückend für einen Christen, einen Papst, der aus Deutschland kommt. An diesem Ort versagen die Worte, kann eigentlich nur erschütterndes Schweigen stehen, - Schweigen, das ein inwendiges Schreien zu Gott ist. Warum hast du geschwiegen? Warum konntest du dies alles dulden? In solchem Schweigen verbeugen wir uns inwendig vor der ungezählten Schar derer, die hier gelitten haben und zu Tode gebracht worden sind. Dieses Schweigen wird dann doch zur lauten Bitte um Vergebung und Versöhnung, zu einem Ruf an den lebendigen Gott, dass er solches nie wieder geschehen lasse”.

Im Herbst 2006 besucht das Kirchenoberhaupt seine – wie er selbst sagt geliebte - bayerische Heimat. Unter anderem löst dabei ein in einem Vortrag unter Anführungszeichen stehendes Zitat über den Propheten Mohammed in der Regensburger Universität einen längeren weltweiten Disput aus. Der Vatikan startet darauf eine umfassende, letztendlich erfolgreiche  Krisendiplomatie mit dem Islam. Ende des Jahres reist Benedikt unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen in die Türkei. Weltweite Beachtung findet dabei seine Versöhnungsgeste gegenüber dem Islam: der Besuch in der Blauen Moschee in Istanbul. Am 80. Geburtstag des Papstes erscheint 2007 sein erstes Buch, ein theologisches Grundsatzwerk über ‘Jesus von Nazareth’. Ein Welterfolg. - Die Reform der Karfreitags-Fürbitte im vorkonziliaren Messritus ruft 2008 Proteste und Verstimmung in der jüdischen Welt hervor. Seine achte Auslandsreise führt den Papst im selben Jahr in die USA. Dabei sind seine Rede vor den Vereinten Nationen sowie der Besuch am ‚Ground Zero’ in New York die absoluten Höhepunkte.

„Durch die Vereinten Nationen haben die Staaten universale Ziele aufgestellt, die, auch wenn sie nicht mit dem Gemeinwohl der Menschheitsfamilie in seiner Gesamtheit zusammenfallen, zumindest einen entscheidenden Teil von ihm darstellen. Die Gründungsprinzipien der Organisation – das Streben nach Frieden, der Sinn für Gerechtigkeit, die Achtung der Menschenwürde, die humanitäre Zusammenarbeit und Hilfeleistung – sind Ausdruck der richtigen Bestrebungen des menschlichen Geistes und stellen die Ideale dar, die den internationales Beziehungen zugrunde liegen sollten. Wie meine Vorgänger Paul VI. und Johannes Paul II. von diesem Rednerpult aus angemerkt haben, gehört all dies zu den Wirklichkeiten, welche die katholische Kirche und der Heilige Stuhl mit Aufmerksamkeit und Interesse verfolgen, weil sie in ihrer Tätigkeit ein Beispiel dafür sehen, wie die Probleme und Konflikte, die die Weltgemeinschaft betreffen, in den Genuss einer gemeinsamen Regelung kommen können”.

2009 nimmt Benedikt die Exkommunikation für vier Bischöfe der traditionalistischen Priesterbruderschaft Pius X. aus dem Jahr 1988 zurück. Er versteht es als Versöhnungsgeste. Fast zeitgleich wird ein Interview veröffentlicht, in dem einer der vier den Holocaust leugnet. Dadurch wird ein Proteststurm, vor allem in Deutschland, ausgelöst. - Im Mai desselben Jahres folgt die Pilgerfahrt ins Heilige Land. Die Reise nach Israel und in die Palästinensergebiete wird ein diplomatischer Erfolg.-  Im Juni veröffentlicht Benedikt XVI. seine erste Sozialenzyklika ‘Caritas in veritate’ - Sie befasst sich  mit den ethischen Aspekten der Globalisierung und der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise. 2010 erreichen die Skandale um sexuellen Missbrauch nach den USA  und Irland auch Deutschland und Österreich. Monatelange dramatische Debatten und eine Welle von Kirchenaustritten sind die Folge. Die katholische Kirche beginnt darauf eine beispiellose Aufklärkampagne – angeführt von Benedikt XVI. – die nach wie vor anhält. - Die Reise nach Schottland und England im September ist der erste Besuch eines Papstes in Großbritannien überhaupt. Mit seiner Rede in Westminster Hall gelingt Benedikt XVI. ein spektakulärer positiver Meinungstrend der Briten gegenüber dem Vatikan:

„Die Monarchen Englands und Schottlands sind seit frühester Zeit Christen gewesen und schließen herausragende Heilige wie Eduard den Bekenner und Margareta von Schottland ein. Wie sie wissen, haben viele von ihnen ihre Pflichten als Souverän bewußt im Geiste des Evangeliums ausgeübt und auf diese Weise das Land durch und durch zu seinem Wohl geprägt. Als Ergebnis ist die christliche Botschaft über einen Zeitraum von mehr als tausend Jahren ein wesentlicher Bestandteil von Sprache,Gedanken und Kultur der Britischen Inseln geworden. Die Achtung Ihrer Vorfahren für Wahrheit und Gerechtigkeit, für Barmherzigkeit und Nächstenliebe erben sie von einem Glauben, der eine starke Kraft zum Guten in Ihrem Königreich zum Nutzen für Christen ebenso wie für Nichtchristen bleiben wird”.

2011 legt der Papst den zweiten Band seiner Trilogie ‘Jesus von Nazareth’ vor. Er wird, wie der erste Teil zu einem literarischen Welterfolg. Nach dem erfolgreichen Weltjugendtag in Madrid im August folgt im September die dritte Deutschlandreise Benedikt XVI. Es ist zugleich der erste Staatsbesuch des Papstes in seiner Heimat. Die Rede im Deutschen Bundestag wird von den meisten Beobachtern als absoluter Erfolg gewertet.

„Es ist mir Ehre und Freude, vor diesem Hohen Haus zu sprechen – vor dem Parlament meines deutschen Vaterlandes, das als demokratisch gewählte Volksvertretung hier zusammenkommt, um zum Wohl der Bundesrepublik Deutschland zu arbeiten. Dem Herrn Bundestagspräsidenten möchte ich für seine Einladung zu dieser Rede ebenso danken wie für die freundlichen Worte der Begrüßung und Wertschätzung, mit denen er mich empfangen hat. In dieser Stunde wende ich mich an Sie, verehrte Damen und Herren – gewiss auch als Landsmann, der sich lebenslang seiner Herkunft verbunden weiß und die Geschicke der deutschen Heimat mit Anteilnahme verfolgt. Aber die Einladung zu dieser Rede gilt mir als Papst, als Bischof von Rom, der die oberste Verantwortung für die katholische Christenheit trägt. Sie anerkennen damit die Rolle, die dem Heiligen Stuhl als Partner innerhalb der Völker- und Staatengemeinschaft zukommt. Von dieser meiner internationalen Verantwortung her möchte ich Ihnen einige Gedanken über die Grundlagen des freiheitlichen Rechtsstaats vorlegen. Lassen Sie mich meine Überlegungen über die Grundlagen des Rechts mit einer kleinen Geschichte aus der Heiligen Schrift beginnen. Im ersten Buch der Könige wird erzählt, dass Gott dem jungen König Salomon bei seiner Thronbesteigung eine Bitte freistellte. Was wird sich der junge Herrscher in diesem wichtigen Augenblick erbitten? Erfolg - Reichtum - langes Leben - Vernichtung der Feinde? Nicht um diese Dinge bittet er. Er bittet: „Verleih deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk zu regieren und das Gute vom Bösen zu unterscheiden versteht" (1 Kön 3,9).
Die Bibel will uns mit dieser Erzählung sagen, worauf es für einen Politiker letztlich ankommen muss. Sein letzter Maßstab und der Grund für seine Arbeit als Politiker darf nicht der Erfolg und schon gar nicht materieller Gewinn sein. Die Politik muss Mühen um Gerechtigkeit sein und so die Grundvoraussetzung für Friede schaffen.”

Die Reise des Papstes im März 2012 nach Mexiko und Kuba wird als eine der wichtigsten dieses Pontifikats bezeichnet. Der Papst wendet sich in Mexiko gegen die Drogenkriminalität und fordert auf Kuba mehr Freiheit für die Kirche ein. Benedikt XVI. hat bis jetzt 23. Auslandsreisen und weit über 30 Reisen innerhalb Italiens unternommen: Er führt die Weltjugendtage weiter und ladet zu einem interreligiösen Friedensgipfel nach Assisi ein; starke Akzente setzt er in die Ökumene und in die Beziehungen zu China Und Moskau. Gefestigt und ausgebaut hat Benedikt XVI. die ökumenischen und interreligiösen Kontakte. Ein zentrales Programm ist für ihn die ’Neuevangelisierung’. Mit ihr will er den müde gewordenen Christen in Europa  neuen Elan vermitteln. Aber nicht nur Christen ruft er auf den Plan: mit der Einrichtung des ‘Vorhofes der Völker’ wirbt das katholische Kirchenoberhaupt um das Gespräch auch mit den Nichtglaubenden, den Agnostikern und Atheisten. Das ist nicht nur absolut neu in der Geschichte der römischen Kirche, sondern geradezu sensationell und viel versprechend.

Am Tag seines 85. Geburtstages – am 16. April 2012 – spricht der Papst zu einem kleinen Kreis von Kardinälen, Bischöfen und Priestern in freier Rede unter anderem folgende bewegende Worte:

„Ich stehe vor der letzten Wegstrecke meines Lebens und weiß nicht, was mir verhängt sein wird. Aber ich weiß, dass das Licht Gottes da ist, dass er auferstanden ist, dass sein Licht stärker ist als alles Dunkel; dass Gottes Güte stärker ist als alles Böse dieser Welt. Und das lässt mich in Gewissheit weitergehen. Das lässt uns weitergehen, und allen, die dieses ‘Ja’ Gottes immer wieder durch ihren Glauben auch mir gewiss machen, danke ich von ganzem Herzen in dieser Stunde.”

(rv 29.04 2012 ap)


Aktenzeichen: Der Schriftsteller Giovanni Pascoli

Dem heute fast vergessenen Poeten und Schriftsteller Giovanni Pascoli wird in diesen Tagen – dem hundersten Todestag – eine Briefmarke gewidmet, auf dem sein wohl bekanntestes Gedicht ‘La cavallina storna – die graue Stute‘ abgedruckt ist, das an die schmerzvolle Episode des Mordes an seinem Vater erinnert. Gleichzeitig werden anlässlich des 100. Todestages Pascolis ab dem 16. April 2012 in ganz Europa Münzen im Wert von zwei Euro zirkulieren, die an den großen italienischen Literaten erinnern sollen. Giovanni Pascoli wurde 1855 in San Mauro di Romagna geboren und starb am 6. April 1912 in Bologna. Nach schweren Schicksalsschlägen - 1867 wurde sein Vater ermordet, ein Jahr darauf starben die älteste Schwester und die Mutter - begann Pascoli als Stipendiat an der Universitäte Bologna das Literaturstudium. 1906 wurde er als Professor für die italienische Literatur an der bedeutenden Universität Bologna der Nachfolger seine Lehrers und Meisters Giosuè Carducci an dessen Lehrstuhl. Mit Carducci bildete Pascoli das Zweigestirn der neueren italienischen Lyrik. Bezeichnend ist, dass Pascoli seine umfangreichen lateinischen Hymnen, die einem religös gefärbten Vaterlandskult huldigen, selbst ins Italienische übersetzte und damit in die lebende Sprache humanistische Bildungselemente übertrug.
 
Es ist lange her, seit man in der Schule noch Gedichte auswendig lernen musste. In Italien waren es die Verse von Carducci, Giacomo Leopardi, Ugo Foscolo und vor allem Giovanni Pascoli, an denen man sich die Zähne ausbeißen musste. Man kennt kaum jemanden in Italien, dem dies als Jugendlicher, als Student keine Qual war. Aber heute - heute versetzt allein das Lesen dieser Poeten in eine fast beglückende Stimmung. Und man wünschte sich, man hätte sie damals besser verstehen können .....
 
Jesus: ein Ostergedicht von Giovanni Pascoli
 
E Gesù rivedeva, oltre il Giordano, campagne sotto il mietitor rimorte, il suo giorno non molto era lontano. E stettero le donne in sulle porte delle case, dicendo: Ave, Profeta! Egli pensava al giorno di sua morte. Egli si assise, all’ombra d’una mèta di grano, e disse: Se non è chi celi sotterra il seme, non sarà chi mieta. Egli parlava di granai ne’ Cieli: e voi, fanciulli, intorno lui correste con nelle teste brune aridi steli. Egli stringeva al seno quelle teste brune; e Cefa parlò: Se costì siedi, temo per l’inconsutile tua veste; Egli abbracciava i suoi piccoli eredi: -Il figlio – Giuda bisbigliò veloce- d’un ladro, o Rabbi, t’è costì tra ‘piedi: Barabba ha nome il padre suo, che in croce morirà.- Ma il Profeta, alzando gli occhi -No-, mormorò con l’ombra nella voce, e prese il bimbo sopra i suoi ginocchi.

Und Jesus richtete seinen Blick über den Jordan hinaus  auf das Land des Todesmähers. Der Tag seines eigenen Todes lag nicht mehr weit entfernt. An die Eingangstüren der Häuser gelehnt sprachen die Frauen: Gegrüßest seist Du Prophet. Er dachte an die Stunde seines eigenen Todes. Er hielt im Schatten eines Weizenstocks inne und sagte:  Wer den Samen nicht unter die Erde bringt, wird nicht ernten. Er sprach von der Weizenkammer des Himmels. Und Ihr, Jünglinge, hattet in euren dunklen Köpfen nur welke Halme. Er drückte jene Köpfe an seine Brust. Und umarmte seine kleinen Erben: Der Sohn – Judas sprach hastig – eines Diebes oh Rabbi. Barabbas trägt den Namen seines Vaters, der am Kreuz sterben wird. Und der Prophet hob seinen Blick, sprach ganz leise NEIN und setzte das Kind auf seine Knie.

Es ist nicht das bekannteste Gedicht von Giovanni Pascoli, aber in diesem Gedicht ist die tiefe Religiosität des Dichters Pascoli gut zu erkennen. Der Poet hält sich den Erlöser in jenen Tagen vor Augen, die seinem Tod vorausgehen. Im Hintergrund des Gedichtes stehen jene bäuerliche Welt, die Natur und die Gottesverbundenheit, die Pascoli so nahe waren. In ihm finden Freude und Leid gleichermaßen ihren spürbaren Ausdruck.
 
Verzweiflung über sein Geschick führte Pascoli als Studenten zunächst zum Sozialismus und Anarchismus. Es folgte eine lange Periode der Melanchonie. Von Carducci unterscheidet ihn – außer dem sanfteren Temperament – die Innigkeit seiner Natur- und Gottesnähe. Seine lateinischen Verse gehören zu den vollkommensten Leistungen der neulateinischen Poesie. Am Ursprung seiner Lyrik steht das Erlebnis seiner Familie, des heimischen Landlebens und des durch den Feudalismus hervorgerufenen sozialen Unrechts. Nach einem vorübergehenden Anschluss an die politische Linke beurteilte Pascoli später den Klassenkampf als Irrtum, der nicht zur Gerechtigkeit führen könne. Giovanni Pascolis sozialer Sinn gipfelt in der Auffassung der Natur als Trösterin des leidenden, arbeitsamen und genügsamen Menschen. Tiefe Schwermut überschattet viele seiner Gedichte. Das Leiden ist ihre wesentliche menschliche Aussage.
 
Die Episode, die das Glück der Jugend Pascolis zerstörte, war – wie wir gehört haben - die Ermordung seines Vaters. Dieser wurde am 10. August 1867 erschossen, als er auf einer kleinen Pferdekutsche auf der Straße zwischen San Mauro und Savignano (Romagna) unterwegs war. Ein Jahr darauf verstarben auch Pascolis Mutter und seine Schwester Margherita. In den Jahren 1871 und 1876 folgten diesem traurigen Schicksal die beiden Brüder. Eines der berühmtesten Gedichte Pascolis, La cavallina storna (aus den Canti di Castelvecchio), handelt von der dramatischen Episode des Todes des Vaters. Diese Verse sind in die italienische Kulturgeschichte eingegangen.

 
DIE GRAUE STUTE
Der Hof der Torre lag nun schon im Düstern
Vom Rio Salto kam der Pappeln Flüstern
Und Ketten klirrten, denn es brach die Reihe
Normannischer Pferde rauschend ihre Kleie.
Im Stallals letzte stand die wilde Stute,
Wuchs zwischen Wald und Meer aus edlem Blute,
Noch in den Nüstern Schaum vom Wogenschwall,
Im spitzen Ohr der starken Brandung Hall.
Und Mutter legt auf dieser Krippe Bord
Den Arm und seufzt und spricht ein traurig Wort:
"O, graue Stute, liebes treues Pferd,
Den trugst du ja, der uns nicht heimgekehrt!
Vernahmst sein Wort, gingst seinem Wirken nach;
Er ließ ein Söhnlein, noch an Kräften schwach,
Allein von meinen acht das ält'ste Kind;
Noch weiß nicht seine Hand, was Zügel sind:
Doch dich, der an den Bug der Seesturm drängt,
Hat seine kleine Hand so leicht gelenkt.
Dich, deren Herz noch träumt das Meer im Grimme,
Hat er gelenkt mit seiner Kinderstimme."
Sie dreht den schlanken Kopf zu der, die klagt
Und immer trüber leise Worte sagt:
"O, graue Stute, liebes treues Pferd,
Du trugst ja den, der uns nicht heimgekehrt.
Ich weiß es wohl, ein treues Tier war sein,
Der Tod und du und er, ihr wart allein.
Die du aus Fichten kamst und Meeresbläue,
Dein Herz bezwang in sich das schrecklich Neue,
Das dich zu scheuen Jagen wollt entraffen,
Als du die Zügel fühltest jäh erschlaffen;
Gings deine Straße hin, als ob befehle
Dein Herr, dem so in Friede schied die Seele."
Das lange schlanke Haupt schien sich zu lehnen
An meine Mutter Antlitz, ganz in Tränen.
"O, graue Stute, liebes treues Pferd,
Du trugs ja den, der uns nicht heimgekehrt.
Wenn er ein Wort sprach, da sie ihn erschlagen,
Hast du's gehört, doch kannst du mirs nicht sagen.
Du schleiftest lang die Zügel, staubigfahl,
Im starren Aug der Schüsse Feuerstrahl,
Im Ohr der Echos knatternd scharfe Schläge,
So zwischen Pappeln kamst du auf dem Wege.
Im Sterben war der Tag, da kam sein Wagen,
Als sollt er selbst sein letztes Wort uns sagen."
Der stolze Kopf spannt sich in jeder Sehne
Und Mutter küßt ihn weinend auf die Mähne.
"O, graue Stute, liebes treues Pferd,
Trugst den nachhaus der doch nicht wiederkehrt.
Du kannst nicht reden andre schweigen feige,
So sei mir jetzt in einer Sache Zeuge:
Den Menschen sahst du, der mir ihn erschossen,
Sein Bild ist da, ins Aug dir eingeschlossen.
Wer? Einen Namen nenn ich dir mit Zagen,
Du gib ein Zeichen; wie, mag Gott dir sagen."
Kein Pferd brach mehr in raschem Fraße,
Sie schliefen, träumend von dem Weiß der Straße.
Und in die Streu schlug keines Hufes Scharren,
Sie schliefen, träumend von des Rades Knarren.
In dieser Stille Mutter hob die Hand, Ein Wiehern scholl - ein Name war genannt.
 
 
Dem Poeten Pascoli wird in diesen Tagen – dem hundertsten Todestag – eine Briefmarke gewidmet, auf dem ein Vers des eben vernommenen Gedichtes ‘La cavallina storna – die graue Stute‘ abgedruckt ist, das an den Mord an seinem Vater erinnert. Das Pferd, die Stute wird zur Vertrauten seiner Mutter, die einzige Verbindung der letzten Augenblicke desjenigen, der nicht mehr zurück kehren wird. Die Mutter des Poeten wendet sich an die Stute, indem selbst sprachliche Hindernisse überwunden werden: am Ende des Gedichtes heißt es ja: ‘Ein Wiehern scholl – ein  Name war genannt’. Durch dieses Wiehern wird der Mutter Giovanni Pascolis der Name des Mörders ihres Mannes preisgegeben. - Gleichzeitig werden anlässlich des 100. Todestages Pascolis morgen, am 16. April 2012 in ganz Europa Münzen im Wert von zwei Euro in Umlauf gesetzt, die an den großen italienischen Literaten Giovanni Pascoli erinnern sollen.

Verehrte Hörerinnen und Hörer, wenn Sie eine solche Münze in die Hand bekommen, werden Sie sich vielleicht an diese Sendung von Radio Vatikan erinnern.

Von Aldo Parmeggiani
(rv 15.04.2012 ap)


Joachim „Blacky“ Fuchsberger wird 85
Schauspieler, Menschenfreund, Rebell

Joachim Fuchsberger braucht dem breiten Publikum nicht vorgestellt zu werden. Unzählige Filme, Fernsehauftritte, Talkshows, Moderationen, langjähriger Unicef-Botschafter, Chefsprecher der Olympiade in München, Großer-Fernsehpreis-Träger und und und haben das Multitalent weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt gemacht. Der heute 85 Jahre alte Künstler kann auf eine fabelhafte Karriere zurückblicken. Joachim Fuchsberger, alias Blacky, ist ein Mensch, der mit Haltung durchs Leben geht. Seitdem er – in Stuttgart geboren und in Heidelberg aufgewachsen – im Alter von 15 Jahren in den Krieg geschickt wurde, als Soldat in russische Gefangenschaft geriet und mit 18 Veteran des Zweiten Weltkrieges war, hat er sich als Lebensprinzip geschworen, „unabhängig” zu bleiben. Seine Lebens-Erfahrungen bringt er in einem Buch mit dem aufschlussreichen Titel: ‚Altwerden ist nichts für Feiglinge’ zum Ausdruck. Es ist ein hohes Lied auf alte Menschen, voll Klugheit und Philosophie, Heiterkeit und Lebensweisheit. Ein Bestseller. Vor zwei Jahren haben Joachim Fuchsberger und seine Frau Gundula ihren 54-jährigen Sohn Thomas durch einen Unfall verloren. Es war die schwierigste Zäsur im gemeinsamen Leben einer glücklichen, nunmehr 60 Jahre währenden Ehe.

Herr Fuchsberger …

„In den zehn Geboten steht: Du sollst nicht lügen, Du nennst mich Herr Fuchsberger. Das lehne ich ab. Ich bin Blacky für Dich! Wir haben uns zum freundschaftlichen DU entschlossen und ich möchte unsere Zuhörer nicht belügen. Für mich bist Du Aldo, mit großem Respekt, und ich freue mich, dass ich heute in Radio Vatikan sein darf.“

Danke für diese freundschaftliche Richtigstellung, Blacky – Du sagst, der tägliche Blick in den Spiegel ist ein Dialog mit sich selbst: sagt er uns die Wahrheit?

„Der Spiegel kann keine Wahrheit sagen, die Wahrheit liegt in dir selbst. Du musst Dir gegenüber ehrlich sein und sagen: die Zeit des Ruhmes, die Zeit des Jubelns scheint vorbei zu sein. Es kommt die Zeit des Nachdenkens und zur Nachdenklichkeit gehört die Ehrlichkeit vor sich selbst. Ich glaube, eine der schwierigsten Aufgaben für den Menschen ist es, sich nicht selbst permanent etwas vorzugaukeln, sondern das Altern anzuerkennen und sich damit abzufinden. Nur so kann die innere Fröhlichkeit erhalten bleiben. Unabhängigkeit ist der Luxus, n e i n sagen zu können! Zu den Angeboten dieser Zeit, die an Quantitäten vielleicht zunehmen und an Qualität rapide abnehmen“.

Dein Curriculum vitae ist zweifellos von Erfolg gekennzeichnet. Aber auch in Deinem Leben mussstet Du – wie die meisten Menschen – große Hürden überwinden. Welche würdest Du als Deine schwierigste nennen?

„Lass es mich mit einem Vergleich beantworten: vor vielen Jahren habe ich einen weltberühmten Jockey interviewt, und habe ihn gefragt, ob er nicht Angst habe, sich an einem der Rennen das Genick zu zerbrechen? Und er hat mir eine philosophische Antwort gegeben: Wenn er beim Start schon an jede Hürde denken würde, die er zu überwinden hat, würde er das Rennen nie beenden. Die härteste Prüfung war ohne Zweifel der Tod unseres Sohnes, der Diabetiker war und durch einen unglücklichen Zustand der Unterzuckerung auf schreckliche Weise ertrinken musste. Das war die wohl härteste Prüfung, die uns ausgerechnet auch im hohen Alter erwischt hat“.

Wir haben es in der Einleitung erwähnt, Deinen unstillbaren Drang nach Unabhängigkeit. Sie zählt zu den festen Charakterzügen von Joachim Fuchsberger. Was ist das, ‚Unabhängigkeit’?

„Dass man noch frei entscheiden kann. Oder: Du hast kurze Sätze verlangt: Unabhängigkeit ist der Luxus, ‚Nein’ sagen zu können! Zu den Angeboten dieser Zeit, die an Quantitäten vielleicht zunehmen und an Qualität rapide abnehmen. Ich habe immer daran gedacht: was muss i c h dazu tun, um unabhängig zu bleiben? Was mir dabei ungeheuer geholfen hat, war mein Bekenntnis zu den zehn Geboten – ohne die Religion. Weil ich denke, die 10 Gebote sagen den Menschen, was er tun muss, um mit sich selbst zufrieden zu sein, um mit sich selbst ins Reine zu kommen. Und vor sich selbst Verantwortung zu übernehmen. Nicht immer alles anderen zuschieben und nicht immer die Hilfe von wo anders zu erwarten.“


Was steht hinter der Erfolgsformel Deiner langjährigen glücklichen Ehe?

„Es sind die vier V. Verstehen, Vertrauen, Verzeihen, Verzichten! Das hört sich sehr einfach an, aber wenn du es praktizieren musst, dann merkst du, wie schwer es ist. Ich habe meiner Frau immer vertraut, ich habe immer versucht, sie zu verstehen - obwohl, ein Mann versteht eine Frau nie ganz richtig (lacht) – bis an sein Lebensende nicht. Aber ich habe, um es zu entdramatisieren – zum Schluss gesagt: Ich habe aber immer auf alles verzichtet. Der Beruf, in dem ich bin, ist gespickt von Versuchungen jeglicher Art. Und darauf zu verzichten, was angeblich ja so schön ist im Leben, Gefühlen nachzugeben oder sich treiben zu lassen….Nein, das ist nicht gut.“

Bist Du in Deinem Leben eher der Vernunft, als Deinen Gefühlen gefolgt?

„Ich glaube, es ist eine Mischung aus beidem. Manchmal ist das Gefühl gefragt und manchmal ist die Vernunft gefragt. In der Position, in die mich das Schicksal glücklicherweise geführt hat, hatte ich oft wichtige Dinge zu entscheiden. Die vielleicht wichtigste Entscheidung, die ich in meinem Leben treffen musste – das war bei der Schlussfeier der Olympischen Spiele 1972 in München, als es in meiner Hand gelegt war, das Stadion räumen zu lassen oder einfach den Mund zu halten in Bezug auf die angedrohte Gefahr des Attentats. Und da habe ich rein nach Gefühl entschieden.“

Ein von Vernunft getragenes Gefühl, allerdings….

„… und da habe ich dem Gefühl folgend gesagt: das Risiko, dass ungezählt viele Menschen sterben müssen, bloß weil ich irgend etwas sage, da halte ich lieber den Mund. Ich habe Angst gehabt, eine falsche Entscheidung zu treffen, aber es war die richtige Entscheidung. Das war nicht die Vernunft. Die Vernunft hätte geboten, das Stadion räumen zu lassen.“

Seit den tragischen Kriegserlebnissen in Deiner frühen Jugendzeit hast Du den Kontakt zur Religion verloren. Du bekennst Dich zwar zu den 10 Geboten, nennst Dich aber einen Agnostiker?

„Ja.“

Lass’ mich dazu sagen: Die Kirche sucht den Austausch mit Agnostikern, im vermehrten Maße seit es die Stiftung ‚Vorhof der Völker’ gibt. Was heißt das? ‚Vorhof der Völker’ beruht auf einer Idee Papst Benedikts XVI. und wird vom Kulturminister des Vatikans, Kardinal Gianfranco Ravasi, geleitet. Die Kirche glaubt nämlich – und das ist wichtig – dass Agnostiker, Nichtglaubende, Andersdenkende – vielleicht unbefangener als Gläubige – mögliche Verkrampfungen oder Fehldeutungen religiöser Ideen manchmal besser erkennen können.

„Wenn das eine durch Benedikt XVI. eingeleitete Institution ist, dann sei er dafür gelobt! Es ist im Augenblick erkennbar, in welchen Schwierigkeiten vornehmlich die römisch-katholische Kirche steckt. Und ich glaube, dass die Überwindung dieser Schwierigkeiten gerade diese Dogmen sind, auf denen aber die Macht der Kirche beruht. Sie wurde vor 2000 Jahren gegründet, und hat im Laufe dieser langen Zeit sich in eine Richtung entwickelt, die diametral den heutigen Erkenntnissen entgegen steht. Aus dem einfachen Grund, weil es heute die Medien gibt, die über alles, was in der Welt geschieht, permanent und rund um die Uhr nicht nur berichten, sondern es auch zeigen! Das bringt sehr viele Menschen, die sich weniger kritisch mit der Religion auseinandersetzen in Verwirrung. Sie vergleichen und sagen: wenn Gott allmächtig ist, warum lässt er das und jenes zu?“

In der Tat, eine immer wieder gestellte Frage.

„Für mich ist Gott ein Begriff mit vier Buchstaben. Den jeder Mensch nur für sich selbst zum Leben erwecken kann. Wer Gott nicht in sich fühlt, sondern dazu eine Institution braucht, dann habe ich Schwierigkeiten.“


Ein Suchender also? Jeder Mensch ist auf der Suche nach den großen Fragen des Lebens.

„Nein, ich habe gefunden. Die Art, wie ich mit Gott umgehe, die habe ich gefunden. Ich suche nicht mehr, denn ich merke, dass ich mit mir innerlich zufrieden bin, weil ich mich nicht gegen Gott auflehne. Ich lehne mich auf gegen eine Institution, die mir befiehlt, was ich zu tun und zu lassen habe. Das entscheide ich selbst!“

Wie gesagt, die Kirche, in diesem Fall die Stiftung ‚Vorhof der Völker, sucht den Austausch mit Agnostikern. Sie richtet den Fokus auf Andersdenkende. Deiner Meinung nach haben wir eben gehört, ist Gott nicht allmächtig, aber allgegenwärtig. Das ist eine interessante Aussage.

„Richtig, ja…das ist ein Satz….“

Und wer diesen Gott nicht in sich hat, wird ihn nicht finden.

„Richtig“.

In keiner Kirche, in keinem Dom, schreibst Du ja in Deinem Buch….

„Ich schreibe, er wird ihn nicht in der Sixtinischen Kapelle finden. Wir sehen heute Menschen im All herumfliegen, die also diesem versinnbildlichen Gott viel näher zu sein scheinen. Und alle kommen zurück und haben sich in ihrem Glauben völlig verändert. Weil sie nicht Gott gesehen haben, aber die Erde aus einem ganz anderen Blickwinkel.
Ich bin eher ein Anhänger der Evolution, aber, und immer wieder komme ich darauf zurück: das ist schon gewaltig, dass man in zehn Geboten zusammen fassen kann, wie Menschen leben sollen, um glücklich zu werden.
So wie die Kirche sagt, Du wirst glücklich, wenn Du die zehn Gebote befolgst. Und, um zu deiner Frage zurück zu kommen: ich finde, dass die Bemühung von Papst Benedikt XVI. - sich mit den Agnostikern auseinander zu setzen – um dadurch vielleicht eine Möglichkeit zu finden, diese Diskrepanz friedlich auszufüllen, zu einem besseren Empfinden führen wird. Viele Menschen fragen sich, ob sie eine Seele haben oder ob das nur das Gewissen ist, das in uns schlägt. Und da, glaube ich, ist noch sehr viel zu tun. Und wenn die institutionalisierte Kirche das einsieht, kann sie einen großen Teil ihrer eigenen Schwierigkeiten vermindern und in den ganz wesentlichen Punkten möglicherweise sogar vermeiden“.

Eben war die Rede von Unabhängigkeit. Und was ist Ungerechtigkeit?

„Ei, ei, ei…. Wir haben in Deutschland im Augenblick eine sehr kritische Zeit im Bezug auf politische Moral, auf Ethik. Ungerechtigkeit ist, wenn es Gesetze gibt, ebenso so wie verschiedene Dogmen, die nicht mehr einsehbar sind. Warum ein Gericht so oder so entscheidet, und jeder Mensch sagt: das ist ungerecht. Dann kommen die großen Juristen und sagen: das Gesetz verlangt es so!
Ich bin einer von diesen Rebellen, die immer sagen, ich sehe Gesetz so lange ein, wie ich sie einsehe. Wenn sie für mich keinen Sinn machen, bin ich sehr geneigt Gesetz zu umgehen oder sogar sie zu brechen. Sie nicht einzuhalten, weil ich es als ungerecht empfinde, und dann empfinde ich das Leben überhaupt als keine Veranstaltung der Gerechtigkeit, sondern es ist für mich mehr das Ergebnis eigener Bemühungen und das Ergebnis von Glück und – jetzt weiß ich, werden viele aufheulen – für mich ist es nicht Gottes Fügung – sondern für mich ist es Schicksal. Ich muss mit mir selbst ins Reine kommen.
Du hast vorher den Vergleich gebraucht, in den Spiegel zu schauen: ich muss in den Spiegel schauen, ob ich mir dabei noch selbst in die Augen schauen kann’“

Das Wort Moral ist jetzt gefallen. Ist Moral ein Reizwort, das die Generationen scheidet?

„Ich glaube Ja! Ich glaube die Auslegung und die Vorstellungen dieses sehr überhöhten Begriffes Moral sind heute eben anders. Man nimmt es etwas lockerer mit der Moral. Wo fängt Moral an, wo hört sie auf?
Die Moral zum Beispiel in der Politik, die unser Leben ja im wesentlichen bestimmt, ist die Moral nicht mehr hoch angesehen. Sondern es sind eben einfach die Erkenntnisse von Menschen, die sich mit bestimmten Dingen befassen und sagen: so ist das und wir bestimmen was Moral ist. Ich lass mir Moral und Ethik nicht vorschreiben; sondern ich handle nach meinem Empfinden. Nach meinem Gefühl.“

Wieder dieses Wort Gefühl.

„Ja! es muss irgendwo eine Verbindung da sein zu dem, was wir besprochen haben. Dass viele Menschen mir im Laufe unseres Lebens – auch meiner Frau – immer gesagt haben: also wenn Du ein Pfarrer wärst, dann würden wir wieder in die Kirche gehen. Und ich bin dann jedes Mal sehr erschrocken, weil ich gesagt habe, ich glaube nicht, dass ich diese große Verantwortung offiziell übernehmen könnte oder dürfte.
Und dann hat man mir einen Titel gegeben, auf dem ich fast, fast ein bisschen stolz bin. Man hat mich den wandelnden ‚Seelenmülleimer’ genannt. Sie kamen mit ihren großen Sorgen immer zu mir. Vor allem: prüfe Dich, ob du den Aufgeben denen du gegenüber stehst auch gewachsen bist. Und wenn du sagt, ja, diese Aufgabe übernehme ich, dann tu’s und tu’s mit vollem Einsatz und mit deinem ganzen Herzen und was immer du zur Verfügung hast.“

Danke für dieses Gespräch, Blacky, in dem es durchaus auch gemeinsame Frequenzen gegeben hat.

„Ja, da sage ich begeistert Ja. Ich bin gerne bereit, weiter zu diesem Gedankenaustausch. Es ist ja kein Streit, es ist ein Gedankenaustausch, im Respekt voreinander. Menschen tun gut daran, wenn sie sich gegenseitig respektieren. Und nicht ständig sagen: Du bist falsch und ich bin richtig! Sondern der Respekt voreinander ist die Grundvoraussetzung für das miteinander auskommen.“

(rv 18.03.2012 ap)


Martin Walser wird 85

Martin Walser ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller Deutschlands. Geboren wurde er 1927 in Wasserburg am Bodensee. Nach einem Studium der Literaturwissenschaft und einer Tätigkeit als Journalist feierte Walser bereits 1957 mit seinem ersten Roman ‘Ehen in Philippsburg’ einen großen Erfolg. Seither macht er sich einen Namen als ein unermüdlicher Schriftsteller, ein literarischer Seismograph, dessen Produktivität im Alter noch zu steigen scheint. Kurz vor seinem 85. Geburtstag hat er einen seiner leidenschaftlichsten Romane vorgelegt.
‚Muttersohn’ – eine Art Jesusbuch. Ein Lebens-, ein Liebes- und ein Glaubensbuch. Ein Buch über die Transzendenz, über religiöse Themen, über die letzten Dinge. Alles fließt, wie am Ufer eines Stromes, an dem Leser vorbei, ohne Halt. Auf die Fragen folgen immer neue Antworten, hin bis zum Jenseits.

Herr Walser, Jenseits, das ist ein großes, geheimnisvolles Wort.

„Ja, da haben Sie den Roman ganz erschöpfend umrissen. Aber natürlich ist das ihre Bildung, die Sie so sprechen lässt. Andere reagieren auf den Roman ganz anders. Manchen sagt der Roman überhaupt nichts, weil sie mit alldem, was da erzählt wird, nichts mehr zu tun haben. Für mich ist es ein Roman einer erlösteren Stimmung, verglichen mit meinen früheren Romanen, die immer die gesellschaftlichen Probleme im Mittelpunkt hatten.“

Bedeutende Künstler lieben in der Regel keine Vergleiche: dennoch - liege ich falsch - wenn ich Ihr jüngstes Werk - filmisch gesprochen - etwa in die Welt eines Federico Fellini, literarisch in der Dramaturgie eines Faust, einer Walpurgisnacht, einer griechischen Tragödie-Komödie, eines dostojewskijschen ‚Idioten’, und religiös betrachtet in der Bibel ansiedle?

„Das sind alles große europäische Daten, die Sie da nennen, und mit denen hat man, ohne dass man es weiß, einfach zu tun. Das muss alles in einem Menschen, der möglichst nicht fragmentarisch, sondern ganz leben will, vorkommen.“

Percy, die Hauptfigur in dem Roman ‘Muttersohn’ wird offensichtlich als Jesus-Figur dargestellt. Eine Gestalt, die das Hauptgebot der Liebe vorlebt. Eine Jesus-Figur, die am Ende dem Hass zum Opfer fällt. Gemeint ist die Nächstenliebe, das höchste Gebot der Christenheit.

‚Das stimmt so bei mir nicht, denn bei mir heißt es ja nicht Nächstenliebe, sondern Liebe. Wenn zwischen dem Gebot der Nächstenliebe und dem Gebot der Liebe ein Unterschied wäre, dann wäre dieser Unterschied bei mir vorhanden.’

In Ihrem neuen Roman wird die Frage nach dem Glauben etwa so umschrieben: der Glaube ist nicht festhaltbar, man kann den Glauben nicht an - oder ausschalten wie ein Licht. Der Glaube ist eine Bewegung und nicht ein Zustand. Ich weiß, Herr Walser, dass Sie religiös durchaus interessiert sind: Wie groß aber ist die Glaubensbereitschaft bei Martin Walser?

‚Von einer Glaubenbereitschaft würde ich persönlich nicht viel halten, sondern mehr von einem Glaubensbedürfnis. Das kommt daher, dass uns etwas fehlt. Meine Botschaft ist: man kann nicht darüber sprechen, ob es Gott gibt oder nicht Gott gibt, aber man kann darüber sprechen, dass er fehlt.’

Im ewigen Konflikt zwischen Ratio und Glauben entscheidet sich Martin Walser für?

‚Den Glauben. Wir glauben viel mehr, als wir wissen. Diesen Satz kann jeder an seiner eigenen Biografie überprüfen. Ich glaube, er wird dann auch zu dem Urteil kommen: wir sind viel, viel mehr glaubensabhängig als wissensabhängig. Wissen haben wir immer von einem anderen, Glauben haben wir aus uns selbst. Mein Percy sagt, der Glaube ist die Handschrift der Seele.“

Wenn man den Glauben mit dem Verstand beweisen will, kommen viele Menschen in Bedrängnis. Fides et ratio begegnen sich wie Wasser und Feuer. Die Kirche sagt: Für den Glauben bedarf es der Gnade Gottes und verweist auf die Offenbarung. Die Wissenschaft auf die Vernunft. Muss der Glaube also – wie es sprichwörtlich heißt – blind sein? Muss der Mensch demnach seinen Verstand unter den Gehorsam des Glaubens beugen?

„Ich könnte da keinem Menschen etwas vorschreiben. Wenn er glaubt, dass er seinen Verstand dem Glauben beugen muss, dann soll er das eben tun. Bei mir? Erstens, glauben kann man nur, wenn man muss. Glauben kann man nur aus Not, glauben kann man nur, weil einem etwas fehlt. Dann allerdings macht der Glaube die Welt schöner, als sie ist. Ganz wichtig für mich: glauben ist eine Begabung. Glauben können ist eine Begabung.“

Vieles dreht sich auf dieser Welt auf das Großsein, Reichsein, mächtig sein, gewaltig sein…Ist das der ewige Irrweg der Menschheit?

„Das muss die Menschheit, wenn es sie gibt, selber einsehen. Ich kann über die Menschheit nicht urteilen. Ich ahne nur, dass jeder Weg selber zu etwas führt, was er gar nicht wollen kann.“

Wie meinen Sie das?

„Ich selbst wusste nie, wohin ein Weg führt. Ich habe immer so reagiert, wie ich musste. Und dadurch kommt ein Weg zustande, den man nicht planen kann, und den man hinnehmen muss, wie er uns gegeben ist“.

In unserem letzten Gespräch, das ich mit Ihnen zum Anlass Ihres 80. Geburtstages führen durfte, haben Sie die oberschwäbische Volksdichterin Maria Menz als Ihre geistliche Meisterin bezeichnet: was hat Sie an dieser Frau so fasziniert, was religiös so sehr angesprochen?

„Ihre vorgelebte Religiosität. Sie hat keine Sekunde eine Gewissheit gehabt, sie hat Gott ununterbrochen angesprochen und auf eine Antwort gewartet. Sie hat nie aufgehört in dieser Richtung nach oben zu sprechen und das war eben ein Bedürfnis, das war ihre Not. Und das hat sie sprachlich so unglaublich schön und überzeugend getan. Ich habe nie etwas gleichartiges erlebt. Wenn einem eine solche Frau begegnet, dann kann man froh sein und ich war froh, dass ich ihr begegnete“.

Sind Sie mit zunehmenden Alter religiöser geworden?

„Wenn das so wäre, dann ist es meine ganze Bewusstseins-Textur, - und die ist vielfältig und widerspruchsvoll und Gott sei Dank immer noch bedürftig und lebendig - und ich kann nicht mit Ja oder Nein auf diese Frage antworten“.


Rom ist mein Jenseits, nicht mein Jenseits ist Rom: was bedeutet dieser Satz so aus dem Konzept Ihres Romans genommen?

„Ja, das ist ein wichtiger Satz. Der Glaube macht die Welt schöner, als sie ist. Und Rom ist dafür das konkreteste Beispiel auf dieser Welt. Alles was schön ist, durch den Glauben, das überzeugt Feinlein (neben Percy die zweite Hauptperson in ‘Muttersohn) von der Glaubensnotwendigkeit. Das gibt es den Satz, ‚dass wir die Fähigkeit haben, etwas schön zu finden’. Das ist – glaube ich – die Fähigkeit, die uns zum Glauben bringt.’“

Caravaggio und Rom: beides verarbeiten Sie in Ihrem neuen Roman. Da ist die Rede von einer ‚Glaubenskraft’, die ein Caravaggio-Gemälde in der Basilika Sant’Agostino ausstrahlt. Demnach ist der Glaube eine Seelenarbeit, eine Kraft, eine Fähigkeit?

„Ja ganz sicher. Eine Fähigkeit ganz sicher. So angesteckt werden von einem schönen Bild, von einer schönen Musik, So angesteckt, so motiviert werden, das ist das, was wir unserer Schönheitstradition und Glaubenstradition zu verdanken haben. Und das ist das Positivste was es gibt. Man muss sich das nur eine Sekunde vorstellen, was in Europa fehlen würde, wenn dieses Bedürfnis, sich nach oben zu richten, fehlen würde. Das ist die Offenbarung, das ist das Geheimnis, wie Kirkegaard sagt. Ich sage: Dass wir etwas schön finden können, heißt – dass wir Transzendenz praktizieren können“.

Karl Barth – der große Theologe – gehört zu Ihren Vorbildern, ebenso wie der Hl. Augustinus, der Philosoph Kirkegaard, der Dichter Hölderlin, das Genie Friedrich Nietzsche – was verbindet diese großen Geister der weltweiten Kultur?

„Dass sie die Frage nicht erlöschen ließen: Wie sind wir gerechtfertigt oder wie sind wir nicht gerechtfertigt? Von Augustinus, von Nietzsche bis Karl Barth. Hölderlin hat das nicht so formuliert, aber seine Gedichte, in denen Gott vorkommt, sagen es unmittelbar. In der weltlichen Kultur Europas ist die Frage – wie wir gerechtfertigt sein können – erloschen oder reduziert oder verkommen in der Frage, wer recht hat und wer hat nicht recht?. Das glaubt man ja nicht, wie Nietzsche und Karl Barth miteinander verwandt sind.“

Wo finden Sie in der Bibel den schönsten Satz, die bedeutendste Stelle?

„Das Weihnachtsevangelium ist die schönste Geschichte, die je von Menschen geschrieben wurde. Das ist die Geschichte, die ich als Kind schon erlebt habe und seither nie mehr aufgehört habe, sie zu erleben. Das nenne ich auch Literatur. Das ist sehr wichtig. Ich habe durch Studium und Lesen erkannt, dass es eine Zeit gab, in der es keinen Unterschied gab zwischen Religion und Literatur. Das war einfach eins. Die Psalmen, sind einfach eins. Und ich sage, mir ist die Genesis wichtiger und lieber, als der Urknall. Und ich wünschte mir, dass diese beiden auseinander laufenden Geisteskräfte der Menschen wieder näher zusammenkämen.“

Ihr 4. großer Roman ‚Ein liebender Mann’ erzählt vom alten Goethe und dessen Liebe zu einer jungen Frau. Er ist 73, sie 19 : Ulrike von Levetzow. Als er abgewiesen wird, schrieb er die ‚Marienbader Elegie’, eines der schönsten Liebesgedichte der deutschen Sprache. Braucht die Liebe den Schmerz, um groß zu sein?

„Aus kultureller Erfahrung kann man sagen: es gibt ganz wenige Werke, die von glücklich verlaufender Liebe handeln. Das beantwortet Ihre Frage. Wenn eine Liebe sich ihrer selbst bewusst werden will, dann meistens dadurch, dass sie unglücklich ist.“

Unter welchem Weltschmerz haben Sie am meisten gelitten?

„Wenn Sie vor dem Wort Schmerz das Wort Welt weglassen, dann kann ich sagen: der Schmerz nimmt von Jahrzehnt zu Jahrzehnt ein anderes Gesicht an. Eine andere innere Frequenz an. Der Schmerz mit dreißig ist ein anderer als mit achtzig. Insofern kann man schon sagen, das Leben ist eine Schmerzgeschichte. Und ohne jeweils einen aktuellen Schmerz wäre man gar nicht bemerkbar geworden? Auch sich selbst nicht bemerkbar geworden. Ich will es total banalisieren und es ganz ernst meinen: ‚Mir tut etwas weh - also bin ich’.“

Worin bestand Ihr großes inneres, vielleicht selbst für Martin Walser, nur schwer
beschreibbares Freuden-Erlebnis?

„Es gibt solche, die sind sicherlich ganz äußerlich und trotzdem sehr wichtig. Also, wenn ich daran denke, dass ich mit dreißig Jahren den Herman-Hesse-Preis bekommen habe. Ich war gerade sehr krank gewesen und hatte kein Geld usw. Und den 10.000 Markscheck habe ich meiner Mutter überreicht und geschenkt, nur um ihr zu beweisen, dass man als Schriftsteller auch Geld verdienen kann. Und der Augenblick, indem ich ihr das gegeben habe, und gesehen habe, wie erstaunt sie war, das war einer der großen Freude-Momente in meinem Leben.“

Denken Sie beim Schreiben an die Gunst Ihrer Leserschaft?

„Nein, nein nein. Die kenne ich nicht und die will ich auch nicht kennen. Die lerne ich erst kennen, wenn sie Leser sind. Und dazu muss ich aber schreiben, ohne an sie zu denken. Mein Percy sagt es so: jeder ist sich selbst der Nächste. Und wenn ich über mich spreche, dann bin ich mit denen zusammen, die sich auch die Nächsten sind. Dann haben wir zusammen eine große Gemeinsamkeit. Und sind keine Einzelgänger.“

Sie werden 85. Wie weit in die Zukunft reichen Ihre Buchpläne, wie weit Ihre Träume?

„Ja, meine Buchpläne reichen ganz sicher über mich hinaus. Ich muss eben sorgfältig leben, dass ich noch drei oder vier dieser Buchpläne realisieren kann. Allein in diesem Jahr erscheinen drei Titel: im März diese Schrift über die ‚Rechtfertigung, eine Versuchung?’, dann erscheinen aus meinen Tagebüchern alle Stellen, die mit Ausland zu tun haben, das heißt: ‚Meine Lebensreisen’ und im September erscheint für mich ein ganz wichtiger Roman mit dem Titel: ‚Das 13. Kapitel’.“

Unser letztes Gespräch vor fünf Jahren haben Sie mit einem Gedicht von Ihnen abgeschlossen: ‚Ich bin an den Sonntag gebunden, wie an eine Melodie, ich habe keine andere gefunden, ich glaube nicht, aber ich knie’. Sind Sie innerlich bei diesem Vierzeiler geblieben?

„Ja dieser Vierzeiler ist eben eine kleine Dekoration eines Lebenszustandes. Sie haben vorher Karl Barth erwähnt, der sagt man darf nie an einem Punkt halt machen und zufrieden sagen: so bin ich, damit habe ich es erreicht. Man darf eben keinen Zustand erreichen, auch wenn man ihn - wie Sie in mir dankenswerter Weise nahelegen - schon einmal formuliert hat. Man kann nicht bei diesem Zustand bleiben, das habe ich – wenn ich es je verlernt haben sollte, jetzt wieder durch Karl Barth gelernt: er ist ein Bewegungs-Genie, der niemals in seiner Glaubensnot an irgend einen Punkt kommt, wo er sagt: das ist es, das ist es, jetzt habe ich es erreicht. - Das ist das einzige, wenn ich es so pathetisch sagen darf, das das Leben lebenswert macht“.

(19.02.2012 ap)


Rita Süssmuth im Gespräch mit Aldo Parmeggiani

Professor Dr. Rita Süssmuth hat auf sehr eindrückliche Weise die Politik in Deutschland über Jahrzehnte mit gestaltet und mit bestimmt. Zehn Jahre lang – von 1988 bis 1998 – war sie Präsidentin des deutschen Bundestages, davor Bundesfamilien – und Gesundheitsministerin. Daneben ist die überzeugte Christin ordentliche Professorin, Präsidentin des Volkshochschulverbandes und war langjähriges Mitglied im Zentralkomitee der Deutschen Katholiken. Rita Süssmuth feiert in diesen Tagen ihren 75. Geburtstag.

Frau Professor Süssmuth, sie galten lange Zeit in Deutschland als die ‚beliebteste Politikerin’. Einer Umfrage zu folge waren Sie jene Politikerin, der die meisten Befragten ‚ohne Bedenken’ ihr Auto anvertrauen würden. Wie würden Sie selbst Ihre ‚Andersartigkeit’, Ihre öffentliche Popularität in kurze Worte fassen?

„Ich bin angetreten mit bestimmten Vorstellungen: wie die Rolle der Frau künftig verändert werden müsste, was sie tun müssen gegen Ausgrenzung von Menschen, was sie tun müssen in der Frage Schutz des Lebens. Dafür habe ich mich eingesetzt – vielleicht manchmal auch zu hartnäckig – aber ohne Hartnäckigkeit geht es nicht.“

Wer viel Anerkennung hat, erntet meistens auch Kritik. Bisweilen sind Sie durch ungewöhnliche Auftritte auch auf Widerstand gestoßen. War das bewusste Provokation, politische Ambition oder einfach Zivilcourage?

„Ich bin meiner Überzeugung gefolgt, manchmal nach langem Nachdenken darüber – wagst Du’s oder Wagst Du’s nicht – ich bin manchmal auch gescheitert dabei, aber ich finde schon wichtig, dass die Überzeugungen stärker sind als die Ängste oder Opportunitäten“.

Was erwarten sich die meisten Menschen eigentlich von einer Bundestagspräsidentin in erster Linie? In nenne einmal: Orientierung, beispielhafte Lebensführung, glaubhafte Positionierung?

„Sie handelt danach, was sie sagt; Das ist das, was Sie glaubhafte Positionierung nennen. Ich denke zum anderen, wichtig sind die Umgangsformen. Wenn wir vom Parlament sprechen, dann lebt unsere Demokratie zugleich von Freiheiten, aber auch von Regeln, die von allen einzuhalten sind. Das sind so wichtige Umgangsregeln, die im Parlament praktiziert werden müssen, Es gibt manchmal Verbalangriffe, die sind schlimmer als körperliche Auseinandersetzungen.’

Und damit sind wir bei der Moral angekommen: Moral und Politik, passt das zusammen? Eine häufige Frage.

„Diese Frage irritiert mich: ich kann mir keine Politik ohne Moral vorstellen! Selbst Macchiavelli wusste sehr wohl um diesen Zusammenhang“.

Was ist das Wichtigste in der Politik? Was muss in der Politik im Mittelpunkt stehen?

„Also für mich muss im Mittelpunkt stehen, der Mensch mit seiner Umgebung. Mit seinen kognitiven, seinen verstandeskräftigen, seinen emotionalen und seinen sozialen Kräften. Und wir in der Politik haben es zu tun mit dem Zusammenleben der Menschen. Da geht es um die Frage: wie fair geht es zu, wie gerecht geht es zu. In welcher Weise werden die grundlegenden Menschenrechte geachtet.“

Ein neues Buch von Ihnen, es wird im kommenden März erscheinen, mit dem Titel: ‚Das Gift des Politischen’. Das klingt wie ein Krimi….

„Das ist kein Krimi, das ist nicht die Thematik meines Buches. Die Politik hat nach wie vor hohe Attraktivität. Wenn ich von mir selbst spreche, weil ich etwas verändern möchte. Und bei diesem Verändern ist es ganz wichtig, mit welchen Mitteln ich das tue. Was ich den Menschen sage über unsere Situation. Das Problem in unserer Republik ist in den letzten zwei Jahrzehnten gewesen, dass wir immer mehr versprochen haben, als wir halten konnten. Das ist Gift. Dass wir die Frage von Freiheiten, von Rechten und Pflichten nicht mehr ernst genug genommen haben. Es hat sich so ein Demokratieverständnis entwickelt: ich habe Rechte aber Pflichten habe ich eigentlich nicht. Das ist Gift!“

Sie sind eine engagierte Katholikin und weisen sich auch immer als solche aus: was heißt katholisch sein, heute?

„Ja, ich bin engagiert und der Glaube bedeutet mir sehr viel. Aber vor das Katholische kommt für mich das Christliche, Katholisch sein heißt für mich, offen sein für die Menschen. Das ist kein regionaler Glaube, das hängt mit den Botschaften unserer Schöpfungsgeschichte und der Rolle des Menschen in der Welt zusammen. Das heißt, dass wir gebunden und verbunden sind mit dem was ich Transzendenz nenne, Wir wissen: wir sind nicht allein gelassen. Und wir sollten andere nicht allein lassen. Wir sind zuständig für alle Menschen. Nicht nur für die Katholiken. Und keiner soll verloren gehen. Die Liebesbotschaft und die Erlösungsbotschaft: das ist für mich der Inhalt dessen, was mich bewegt und Vertrauen zu den Menschen zu haben, bei allem Wissen um unsere Schwächen“.

Wo ist die katholische Kirche für Sie ein wirkliches, echtes Beispiel, wo ist sie es nicht?

„Also am stärksten ist sie für mich Beispiel in der Caritas. In der Liebe, der sich uns Gott offenbart hat und die wir in dem Maße, wie wir Menschen es vermögen, weitergeben. Wo Menschen für Menschen eintreten, da ist sie beispielhaft. Sie ist beispielhaft, wenn es um die Freiheit der Menschen geht, ich würde mir wünschen, sie würde diese Freiheit auf der einen Seite noch konsequenter zulassen. Denn wir sind ein Leben lang Suchende. Unser Papst Benedikt XVI. hat als Theologe nie vertreten, dass wir d i e Wahrheit erkennen, sondern das sind Annäherungsschritte. Es ist mir wichtig, dass die katholische Kirche – auch sie hat ihre Schwächen – denken Sie an die Missbrauchsfälle - keinen Menschen aufgibt, auch wenn er nicht mehr in ihrem Sinne katholisch ist.“

Vor zehn Jahren haben Sie sich aus der aktiven Politik zurückgezogen, sich aber vermehrt in den Bereichen Zuwanderung, Integration eingesetzt. Sie sind eine ausgewiesene Expertin in Zuwanderungsfragen. Wie lauten Ihre Lösungskonzepte? Ist die Sorge vor Überfremdung begründet oder nicht?

„Was mir ganz wichtig ist: Einbeziehung der Menschen, nicht Ausgrenzung. Ob der Frauen, der Behinderten, der Fremden, der Aids-Infizierten, das ist der rote Faden, das Kontinuum in meiner Politik gewesen, und ist es auch heute noch. Ich bin wirklich von der Frauenpolitik zur Migrationspolitik gekommen, weil ich festgestellt habe, bei der Ausgrenzung der Frauen galten ähnliche Merkmale, wie bei der Ausgrenzung der Migranten. Hauptfrage ist die Sorge vor Überfremdung begründet? Da möchte ich Ihnen sagen: das verstehe ich als Christ überhaupt nicht, dass wir diese Sorge vor Überfremdung haben. Ob wir uns nun an die biblischen alt- oder auch neutestamentarischen Stellen besinnen, da geht es doch darum; dass kein Mensch uns fremd sein sollte, sondern dass wir aufgefordert sind: Nimm Dich des Menschen an. Überfremdung passiert dann, wenn wir selbst als Christen keine Position mehr haben. Und uns nicht einlassen auf den anderen. Deshalb halte ich den Dialog unter Christen genauso wichtig, wie den Dialog mit Menschen aus nicht christlichen Religionen“.

Im Umgang mit dem Schutz des ungeborenen Lebens – ein Paradigma der katholischen Kirche – ist es in Deutschland immer wieder zu Kontroversen gekommen. Sie haben darin eine liberale Haltung eingenommen.

„Ja, ich habe eine Haltung eingenommen, die auch abweicht von der römischen Position. Ich habe Schwierigkeiten damit, dass man das liberal nennt. Wenn liberal verstanden wird – also man kann so oder anders machen, man kann Leben erhalten und man kann Leben töten – dann habe ich nicht eine liberale Haltung eingenommen, sondern eine Haltung wo ich mich gefragt habe: wie können wir den Schutz des Lebens wirksamer durchsetzen? Das heißt – ich kann dies auch mit den Worten von Kardinal Lehmann sagen – das geht nur mit den Betroffenen und nicht gegen sie. Da betone ich noch einmal, dass es ganz entscheidend darauf ankommt, dass wir nicht relativieren, was nicht zu relativieren ist. Lebensschutz ist Lebensschutz. Und zwar das Leben von Anfang an. Klarheit in den grundlegenden Prinzipien. Aber das andere ist auch die Liebe zum Menschen, die Zuwendung in der Not. Wieder das Christliche: Lass niemand allein, niemand darf verloren gehen. Man kann mich kritisieren, aber ich möchte Ihnen sagen: die letzte Entscheidung muss diejenige treffen, die das Kind austrägt. Dabei kann es sein, dass sie eine falsche Entscheidung trifft. Aber, sie zu zwingen, das Kind auszutragen, gegen ihren Willen, kann genau so falsch sein. Um des Kindes und der Mutter Willen. Insofern haben wir nach Möglichkeiten gesucht, beide Gesichtspunkte, den Schutz und die verantwortliche Entscheidung, zusammenzuführen. Aber das ist letztlich ein nicht lösbarer Konflikt“.

Wie schätzen Sie das bisherige Pontifikat von Papst Benedikt XVI im allgemeinen ein?

„Ich möchte einfach sagen: mein Papstverständnis ist das Verständnis des guten Hirten, der sich kümmert, der aber auch Leitlinien angibt, der diese Gemeinschaft zusammenhält. Der nicht spaltet, sondern verbindet. Ich bewerte sehr positiv die Bereitschaft Benedikt XVI. zum Dialog, seine Aufrufe zu Frieden, Friedensfähigkeit zu entwickeln, Ich wünsche mir, dass dieser Papst noch mehr die Menschen spüren lässt: wir wissen nur bedingt etwas, wir begeben uns in Gottes Schutz, manchmal zweifelnd, manchmal in dem Gefühl der Geborgenheit und Sicherheit, aber Gott muss an uns erfahren, wie sehr wir versagen, aber er braucht auch uns Menschen – um es mit dem Theologen Metz zu sagen – das ist ein wechselseitiges Verhältnis und wir sind dabei Lernende und Irrende wie auch mitunter uns auf dem rechten Weg befinden“.

Sind Glaube und Vernunft Gegensätze oder Herausforderungen, die sich ergänzen?

„Als erstes nennen ich: sie sind Herausforderungen. Sie schließen sich nicht aus, im Gegenteil. Aber es gibt für den Glauben Grenzen der Vernunft, wo ich mich entweder auf die Glaubensebene hinbewege oder nicht. Da werden die Gegensätze deutlich. Denn der Glaube an ein Leben nach dem Tod ist nicht beweisbar, sondern da gibt es eine Evidenz die nur in der Tiefe unserer Überzeugung liegen kann. Da spüren wir dann auch die Gegensätze, die Grenzen der Vernunft, ohne dass die Vernunft sagen kann: das ist ausgeschlossen, dass da noch etwas sein kann. Der Glaube bleibt auch ein Fragender der neuen Vergewisserung, die manchmal auch verloren gehen kann“.

Was würden Sie als den Kern der christlichen Botschaft bezeichnen?

„Der Kern der christlichen Botschaft – das sagt ja der Theologe Ratzinger selbst, ist die Liebesbotschaft. Und mit der Liebesbotschaft verbunden, die Erlösungsbotschaft. Da möchte ich auf eine Paradoxie eingehend, die offenbar überzeugten Gläubigen anderer Religionen sehr zu schaffen macht: Wie könnt ihr Christen einen Gekreuzigten zu euern Gott erheben? Die Paradoxie – ich sage das mal mit Erasmus - ist das Kreuz, das ist die Kernbotschaft – auch zugleich ein sich Einlassen, nicht Herablassen, auf die extremsten existentiellen Situationen eines Menschen und andererseits in dieser Schwäche sich eine Stärke offenbart, die uns immer wieder neu im Glauben bewusst wird. Das nenne ich Paradoxie, weil man denkt, jemand der schwach ist kann nicht stark sein. Doch, das erleben wir an Menschen mit oft tiefer Krankheit, aussichtsloser Situation. Und von daher diese Liebes- und Erlösungsbotschaft ist für mich der Kern des Christlichen“.

Welche Gestalten würden Sie im Bezug auf Ihre Lebensphilosophie nennen?

„Da nenne ich Ihnen als erstes Thomas Morus. Das ist ein Stück meiner Lebensphilosophie, auch ein Mensch, der sehr gerungen hat mit seinem Leben. Der vita activa und der vita kontemplativa, einlassend sich engagierend auch im Alltag der Politik. Ich nennen Ihnen zum anderen Persönlichkeiten wie Franziskus. Jetzt werden Sie sagen: das sind ja nicht mehr Lebende, aber Tote können sehr lebendig sein. Und der afrikanische Kämpfer für Rassismus, Nelson Mandela, der ist für mich ein Lebensbeispiel.“

Was bereitet Ihnen heute am meisten Sorgen?

„Die immer größer werdende Kluft zwischen Menschen verschiedener sozialer Lagen, verschiedener Lebensalters . Wir sind wieder stärker bei Ausgrenzung als bei Einbindung. Mich bedrückt, wenn ich in der arabischen Revolution erfahren muss, dass das Leben der Menschen dort so aussichtslos von Armut bestimmt ist. Und wir darüber kaum sprechen…. Wir haben uns so sehr an Wohlstand gewöhnt, dass wir anderei sträflich vernachlässigt haben. Und unserer Jugend zum Teil Steine statt Brot angeboten haben“.

Was geben Sie von Ihren beruflichen und menschlichen Erfahrungen der Jugend weiter?

„Ich gebe nicht nur meine Erfahrung weiter, sondern, - das ist wunderbar beim Älterwerden – Erfahrung mit Jugendlichen von denen ich viel mitnehme und in meinem Denken und Handeln beachte. Das ist eine wechselseitige Begegnung. Wir geben nicht einfach nur an die Jugend weiter, sondern die Jugend auch an uns“. (rv 22.01.2012 ap)

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Aktenzeichen: Stefan Andres

Stefan Andres wurde im Jahre 1906 als Sohn eines Müllers im Tal der kleinen Dhron auf der Breitwieser Mühle nahe dem Moselort Trittenheim geboren. Die Jahre der frühen Kindheit und Jugend in Dhrönchen und in Schweich, erzählt Andres in seinem Roman ‚Der Knabe im Brunnen’, einem faszinierenden, phantasie- und humorvollen Buch, hinter dessen nur scheinbar kindlich-naiven Beobachtungen sich religiöse und philosophische Fragen von existentiellem Gewicht verbergen. Eigentlich zum Priester bestimmt, erkannte er jedoch früh seine literarische Berufung. Nach kurzem Studium wurde er freier Schriftsteller.

Im Jahre 1937 verließ Stefan Andres zusammen mit seiner Frau Dorothee und Familie Nazideutschland und emigriert nach Positano, einem unterhalb Neapel unter einem Berghang am Meer gelegenes idyllisches armes Fischerstädtchen. Es folgte eine Zeit der Entbehrungen, aber auch des literarischen Schaffens: Das bekannte ‚Wir sind Utopia’ und ‚Das Tier aus der Tiefe’. 1951 nach Deutschland zurückgekehrt und in Unkel am Rhein niedergelassen, wird Andres zum politisch engagierten Dichter, Kämpfer gegen atomare Aufrüstung und für Aussöhnung mit dem Osten sowie europäische Einigung. ‚Hochzeit der Feinde’ ist hier zu erwähnen. 1961 übersiedelte Stefan Andres nach Rom, dem Zentrum der Antike und des Christentums als wichtiger Quelle seiner Inspiration. In seinem letzten Werk, ‚Die Versuchung des Synesios’, 1971, ein Jahr nach seinem frühen Tod erschienen, vereinte Andres meisterhaft die Leitmotive seines künstlerischen Schaffens: Antike - Christentum, Schuld - Sühne, Gewalt - Gnade.

Mit einer Auflage von drei Millionen Exemplaren zählte Stefan Andres in den 50-er und 60-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts zweifellos zu den meistgelesenen Autoren der deutschen Sprache. Heute ist der in den vergangenen Jahrzehnten etwas in Vergessenheit geratene Schriftsteller wieder in den Olymp der modernen Literatur aufgestiegen. Stefan Andres: Phönix aus der Asche. Seine Werke wurden mittlerweile in mehr als ein Dutzend Sprachen übersetzt. Stefan Andres starb im Jahre 1970 in Rom an den Folgen einer Operation. Er liegt auf dem Campo Santo Teutonico, dem historischen deutschen Friedhof im Vatikan zusammen mit seiner Frau Dorothee begraben.

Wofür Stefan Andres gelebt, geschrieben und gekämpft hat, ist und bleibt aktuell: die leidenschaftliche Wahrheits- und Gottsuche, der Gedanke der Toleranz und der Humanität, das Engagement gegen jeden Machtanspruch in Kirche und Staat, die Verteidigung des mündigen und freien Christen und Staatsbürgers, die Abrüstung und Überwindung des Blockdenkens, die Aussöhnung mit den osteuropäischen Staaten und die Einigung Europas. Das bestätigt uns auch der Enkelsohn von Stefan Andres, Christopher Andres:

Es gibt jetzt eine wissenschaftliche Werkausgabe von Stefan Andres. Wie entsteht eine Werkausgabe, und warum ist es dazu gekommen?

„Vor über einem Jahrzehnt hatte die Stefan-Andres–Gesellschaft in der Zusammenarbeit mit der Familie von Stefan Andres die Idee, eine Werkausgabe des derart umfangreichen Oeuvres von Stefan Andres zu realisieren. So entstanden die ersten konzeptionellen Ideen zur Werkausgabe noch in enger Absprache und Kooperation mit der Witwe von Stefan Andres, Dorothee Andres. Leider konnte meine Großmutter nicht mehr die Realisierung der Werkausgabe erleben, sie starb 2002.
Ziel der Werkausgabe ist die Realisierung des literarischen, aber auch des gesellschaftspolitischen Wirkens von Stefan Andres, der ja in den 50er und 60er Jahren des 20. Jahrhunderts zu den meistgelesenen Autoren gehörte.
Für die Edition der Werkausgabe zeichnet nun der Wissenschaftliche Beirat der Stefan-Andres-Gesellschaft verantwortlich, ihm obliegt die Auswahl der einzelnen Titel, die Reihenfolge der Veröffentlichungen usw. Momentan sind bereits fünf Bände der mehrbändigen Werkausgabe auf dem Markt“.
Stefan Andres gilt als größter deutscher Autor der „Inneren Emigration“. Ist seine Sehnsucht nach Italien der uralten sprichwörtlichen Sehnsucht der Deutschen nach dem Land, wo die Zitronen blühen, oder vielmehr der politischen Entwicklung in seiner Heimat zuzuschreiben?

„Als Stefan Andres im Jahre 1932 den renommierten Abraham-Lincoln-Preis erhielt, wurde er von der Jury gefragt, was er mit dem Preisgeld – immerhin damals 600 Reichsmark – machen werde. Seine Antwort war eindeutig. Er sagte: „Reisen! Nach Italien!“ Er stamme aus der Gegend von Trier, der Roma Secunda! Nun würde es Zeit, Roma Prima kennen zu lernen. Insofern hatte auch er die Sehnsucht der Deutschen nach Italien internalisiert, aber nun kamen ab 1933 die politischen Verhältnisse des Dritten Reiches hinzu, die es ihm schon 1933 ratsam erscheinen ließen, Deutschland – wenn auch nur kurzfristig – zu verlassen. Endgültig emigrierte die Familie Andres im Jahre 1937 nach Italien, dessen damals unbeschreibliche Gastfreundschaft es der Familie Andres ermöglichte, dort während der bittersten Jahre zu verweilen. Deshalb spielten beide Aspekte – Sehnsucht und die politischen Verhältnisse – eine entscheidende Rolle, in Italien Zuflucht zu suchen“.

Italien wurde für Stefan und Dorothee Andres zur neuen Heimat, was bedeutete Rom für beide?

„Einen ersten, wichtigen Bezug zu Rom erhielten beide in den Jahren 1940/41, als Andres aufgrund einer Denunziation eines italienischen Faschisten sein Refugium im süditalienischen Positano verlassen musste. Die Familie Andres tauchte in Rom unter. Ganz anders das endgültige Übersiedeln meiner Großeltern im Jahre 1961 nach Rom: Andres konnte als viel gelesener und gefeierter Schriftsteller nun freiwillig seine Domizil aussuchen. Aus einem nur auf wenige Monate geplanten Rom-Aufenthalt wurde für beide ein endgültiger, da Stefan Andres erkannte, dass Rom – Anfang der 60er Jahre – für sein Werk enorme, unschätzbare Inspirationen (man denke an das II. Vatikanum und generell an die kulturelle Szene) bereithalten würde. Hier in Rom fanden beide nun ihre wahre Heimat, beide sind auch in Rom gestorben. Sie sind auf dem Campo Santo Teutonico im Vatikan beerdigt, für sie bedeutet dies nun ein endgültiges Verweilen in der Ewigen Stadt“.

Für Stefan Andres war das II. Vatikanum eine große Hoffnung. War Stefan Andres auch ein theologischer Denker?

„In der Tat verband Andres – ja nicht zu Unrecht – große Hoffnung mit dem II. Vatikanischen Konzil, z. B. größere Selbstständigkeit der Laien, der Umgang mit anderen Konfessionen. Nun hatte er die Möglichkeit, mit hochrangigen Konzilstheologen (z. B. mit Kardinal Frings aus Köln oder mit Kardinal König aus Wien) und Konzilsberatern, aber auch mit interessierten Laien das gesamte Spektrum der theologischen Fragen zu erörtern, die ihn bereits sein gesamtes schriftstellerisches Leben beschäftigt hatten. Da er ursprünglich für den Priesterberuf vorgesehen war, verwundert es nicht, dass gerade in seiner römischen Schaffensperiode, also von 1961 bis zu seinem Tode im Jahre 1970, theologische Themen im Vordergrund standen. So entstanden u. a. der Roman „Der Mann im Fisch“, die „Biblische Geschichte“ und nicht zuletzt sein opus magnum „Die Versuchung des Synesios“ Hier erweist sich Stefan Andres eindeutig als ein theologischer Denker“.

Kann man sagen, dass aus dem politischen Schriftsteller Stefan Andres schrittweise ein philosophischer Poet, und trotz seiner Diesseitserfahrung ein moderner Verfechter des Mythos wurde?

„Zum einen war Stefan Andres ein gesellschaftspolitischer Schriftsteller, aber auf gar keinen Fall ein parteipolitisch ausgerichteter Autor, dafür war ihm seine geistige Unabhängigkeit viel zu wertvoll. Zum anderen entwickelte er sich durchaus zu einem philosophischen Poeten, dies lässt sich u. a. an Hand seines letzten und posthum 1971 erschienenen Romans „Die Versuchung des Synesios“ sehr gut erkennen, da die Hauptfigur – nämlich Synesios – gleichzeitig Philosoph, Schriftsteller, Feldherr und Bischof ist.
Ja, Stefan Andres war – trotz seiner Diesseitserfahrungen – ein moderner Verfechter des Mythos, da er in seinen Werken immer den engen Zusammenhang des menschlichen Daseins mit Gott aufzeigte. Er war ein zutiefst religiös geprägter Mensch, für den eine Zielgerichtetheit Richtung Gott unumstößlich war“.

„Der Tod gehört mithin zum Paradies“ – wie würden Sie diesen Ausspruch von Stefan Andres interpretieren?

„Stefan Andres verlor 1942 seine älteste Tochter Mechthild, sie starb im Alter von neun Jahren an Typhus. Er versuchte seine Trauer u. a. lyrisch auszudrücken.
In seinem Gedicht mit dem Titel „An den Tod“ heißt es am Ende:
„Vielleicht wird Liebe wehen
Um uns, bin ich bereit –
Dann zeug ich im Vergehen
Mit dir: Unsterblichkeit.“
So entstanden viele, sehr schmerzvolle Gedichte, die aber immer wieder auch darauf hinweisen, dass der Tod nicht das absolute Ende ist, sondern eben eher das Tor zum Paradies“.

(rv 27.11.2011 ap)


Menschen in der Zeit: Tomi Ungerer

Tomi Ungerer, geboren 1931, stammt aus einer Straßburger Uhrmacherfamilie. Er verpatzte die Reifeprüfung, trampte dafür durch ganz Europa und veröffentlichte erste Zeichnungen im legendären ‚Simplicissimus’. Mitte der 50er Jahre ging er nach New York, wo sein unaufhaltsamer Aufstieg als Zeichner, Maler, Illustrator, Kinderbuchautor und Werbegrafiker begann. Nach einigen Jahren auf einer Farm in Nova Scotia, Kanada, lebt er heute mit seiner Familie im Südwesten Irlands und in seiner Heimatstadt Straßburg, die ihm 2007 ein eigenes Museum gewidmet hat. Der Elsässer hat ein Werk hervorgebracht, das an Vielfalt kaum zu überbieten ist. Seine Plakate und Zeichnungen haben in ihrer Schärfe Epoche gemacht. Die mittlerweile fast über 100 Kinderbücher aber, mit denen in den späten fünfziger Jahren alles begann, zählen mit unvergesslichen Titeln wie ‚Die drei Räuber’ oder ‚Kein Kuss für Mutter’ sowie ‚Otto’ zu den Klassikern dieses pädagogischen Genres.

Herr Ungerer, Sie blicken auf eine weit über 60 Jahre erfolgreiche, künstlerische Tätigkeit zurück und gelten heute weltweit als ein Multitalent, als einer der besten Zeichner unserer Zeit. Aus Ihren Werken kann man erkennen, dass Sie den Humor, die Satire beherrschen, die Menschen, vor allem die Kinder, lieben. Vielleicht sind Sie aber auch jemand, der sich jeglicher Einordnung entzieht, für manche sogar ein nicht ganz bequemer Freigeist. Beginnen wir mit letzterem: hängt das zusammen, mit Ihrer Familie, Ihrer Erziehung oder weil Sie Elsässer sind?

„Ja das hängt mit alldem zusammen. Der frühe Tod meines Vaters, die Faschisten, die Nazis, das Elsass. All dies hat mich geprägt. Wir Elsässer können gut vergleichen und später im Leben viel mehr Verständnis haben für andere Minoritäten, die es noch zwanzig Mal schlimmer erlebt haben, als wir, wie zum Beispiel die Juden, die Zigeuner und heute viele Menschen auf der ganzen Welt. Ich leide an Weltschmerz, mein großes Problem ist mein Zorn, der überträgt sich dann auf meine satirischen Zeichnungen, Ich sage immer, mir ist eine Barrikade lieber als ein Stau”.

Sie haben Ihr Glück zunächst in der neuen Welt gesucht und auch gefunden. Dann aber trieb Sie das Heimweh wieder nach Europa zurück. Seither leben Sie abwechselnd in Straßburg und Irland. Was ist das, das Heimweh, für einen Menschen, der stets das Neue sucht?

„Ja also Heimweh, wissen Sie, das ist ganz relativ. Im Moment habe ich Heimweh nach dem Ozean und nach  meiner Familie. Aber ich muss immer sagen, meine Wurzeln liegen im Elsass. Wir Elsässer sind ‚Chamälionisten’. Wir können uns sehr leicht überall adaptieren. Ich habe gelernt, dass es mit dem Lächeln fast keine andere Sprache braucht. Und das ist das, was ich in Irland so sehr liebe: es ist ein Land des grünen Lächelns”.

Vor wenigen Jahren konnten Sie eine schwere gesundheitliche Krise mit drei Herzinfarkten und einer Krebserkrankung überwinden und haben erneut zu Ihrer alten Produktivität zurück gefunden. War es das positive Denken, war es der Humor, war es der feste Glaube, dass Sie da herauskommen werden?

„An erster Stelle, das Akzeptieren. Man muss einfach akzeptieren, was auf einem zukommt. Ich liebe die Herausforderung. Zum Beispiel mit dem Krebs, da habe ich gesagt: Tumor mit Humor. Ich glaube, mit dem Humor kann man vieles, vieles überwinden. Ich bin glücklich, Solange ich noch lesen, arbeiten und denken kann”.

Sie haben einmal den ‚Mut zur Hoffnungslosigkeit’ als Ihre Lebensphilosophie bezeichnet. War das reiner Galgenhumor?

„Nein, nein. Wissen Sie, schon seit meiner frühen Kindheit musste ich lernen, die negativen Elemente des Lebens zu positivieren. Und das kann ich mit meinem Willen tun. Aus der Hoffnungslosigkeit ist für mich eine Energiequelle geworden. Und wenn ich zweifle, dann ist das Zweifeln bei mir ein positives Zweifeln. Das bedeutet: alles ist möglich. Alles ist akzeptabel. Man muss sogar den Zweifel positivieren”.

Vor vielen Jahren haben Sie den Tod einmal als Quelle der Kraft bezeichnet. Sehen Sie das im Alter genau so?

„Ja sicherlich. Wissen Sie, ab dem Moment wo man geboren ist, ist man zum Tode verurteilt. Und ich war schon ein paar Mal tot und ich habe sogar eine Sehnsucht nach dem Tod. Ich erinnere mich, dass ich dabei kein Sündengefühl mehr hatte, kein Schuldgefühl mehr. Ich habe nie in meinem Leben so intensiv eine Schuldfreiheit gefühlt, als wenn ich im Koma lag. Und das ist eine enorme Erfahrung”.

Es ist bekannt: neben Ihrer künstlerischen Arbeit setzen Sie sich sehr für soziale Aktionen ein, zum Beispiel für die Integration von Ausländern, für jugendliche Straftäter, für Aidspatienten, für an Krebs erkrankte Kinder. Kann man als Ironiker und gelegentlicher Zyniker ein echter Philanthrop sein?

„Also, entweder ist man Mensch oder nicht. Und wenn man Mensch ist, dann muss man Mitmensch sein. Ich bin wirklich ein Moralist, ein Humanist und Pazifist auch im politischen Sinn. Ganz besonders in den letzten 25 Jahren, bei dem Aufbau der Freundschaft zwischen Frankreich und Deutschland. Das ist für mich eine Riesenmission gewesen. Und ich habe dieses enorme Glück, dafür sogar anerkannt zu werden. Am Anfang war es schon schwierig – von der französischen Seite her – da habe ich sogar Todesdrohbriefe gekriegt. Kommst du zurück nach Frankreich, wirst du erledigt….Aber die Zeiten ändern sich. Wissen Sie, in der alten Zeit habe ich gesagt: Elsass ist wie eine Toilette, immer besetzt. Das sage ich jetzt nicht mehr….das hat sich geändert. Und ich habe gegen den französischen Zentralismus und den Jacobinismus kämpfen müssen”.

Sie brachten 40.000 Zeichnungen zu Papier und haben über 150 Bücher veröffentlicht, die meisten davon sind hervorragende Kinderbücher. Sie ergreifen darin immer Partei für die Rechte der Kinder auf Eigenständigkeit, auf Neugierde und Selbstverwirklichung. Die Helden Ihrer Kinderbücher sind alles Antikonformisten, so wie Sie.

„Ja, ganz genau. Die meisten Kinderbücher, heute, haben kein Lebensmaterial mehr zum Inhalt. Da ist alles so idealistisch. Mein jüngstes Buch hingegen ‚Die blaue Wolke’ handelt über den Bürgerkrieg. ‚Freunde, Freunde’, das handelt über einen kleinen Schwarzen in einer weißen Nachbarschaft, also über den Rassismus. ‚Otto’ ist ein Buch über einen kleinen Juden und einem kleinen Deutschen. Da sieht man Szenen aus dem Krieg, wie ich sie im Colmarer Brückenkopf erlebt habe. Aus diesen Erfahrungen muss man etwas lernen. Aus der Geschichte, muss man etwas lernen, sonst hat die Geschichte keinen Sinn. Kinder sind keine Idioten. Man muss ihre Empfindsamkeit schätzen. Kinder müssen respektiert werden, sie haben das Recht, Meinungen zu haben”.  

Eine Lebensweisheit von Erich Kästner – dessen Preisträger Sie geworden sind – lautet: ‚Nur wer erwachsen wird und Kind bleibt, ist ein Mensch’. Sind Sie ein Kind geblieben?

„Ja, unbedingt. Ich glaube, das ist fast eine Disziplin, die man beherrschen sollte: ein Kind zu bleiben. Oder besser: die Welt durch die Augen eines Kindes zu empfinden. Ich bin ein ewiges Kind geblieben.”.

Da gibt es noch mehrere geistige Verwandtschaften zwischen Ihnen und Erich Kästner:  Sie sind beide weltbekannt und haben weltberühmte Kinderbücher geschrieben. Sie sind beide Moralisten, der eine ein schreibender, Sie vorzugsweise in zeichnender Weise. Beide sind Meister der Ironie und der Satire, beide mit einem unterschiedlichen Schuss Zynismus behaftet. Beide schreiben und karikieren in sozialkritischer Absicht, um vor allem den jungen Lesern zu lehren, was gerecht und schlecht ist in dieser Welt. Beide sind und waren leidenschaftliche Pazifisten. Und beide verband ein problematisches Verhältnis zu ihrer Mutter, deren abgöttische Liebe zu Ihnen, Herr Ungerer, Sie beinahe erdrückte.

„Ich wurde übergeliebt, weil ich auch der Jüngste war in der Familie. Und das mochte ich eigentlich nicht. Und darüber habe ich auch wieder ein Kinderbuch herausgebracht: ‚Kein Kuss von Mutter’, von einem kleinen Jungen, der sich wehrt, von der Mutter geküsst zu werden. Darauf habe ich so viele Briefe erhalten von Müttern, die sich bei mir bedankten, dass sie jetzt endlich ihren Bub verstehen konnten. Das war schon auch autobiographisch. aber ich bin für meine Mutterliebe sehr dankbar, sonst wäre ich nicht das, was ich bin”.

Wenn man mit und über Tomi Ungerer spricht, kann man seine satirischen und erotischen Arbeiten für die Erwachsenen nicht ausklammern. Sie haben in ihren Karikaturen menschliche Sehnsüchte und Begierden ironisch, mitunter sarkastisch glossiert und dabei die Pornographie gestreift.....Gedanken sind gottlob frei, aber wenn man sie konkretisiert, legt man sie in Ketten, oder?

„Ja, wissen Sie, wenn man die Pornographie anklagt, dann muss man die Pornographie auch zeigen und benützen. Besonders die Feministen vor vielen Jahren, haben das total missverstanden. Zum Beispiel mein Buch über die Mechanisierung des Sexes, das ist fast ein klinisches Buch. Das sind Symptome. Wenn man die Symptome unserer Zeitalters und die perverse Welt zeigen will, dann müssen auch die Zeichnungen über diese Perversität gezeigt werden”.

Es ist Ihnen vorgeworfen worden, dass Sie dabei die Frauen diskriminieren.

„Nein, dann wäre ich nicht verheiratet. Genau im Gegenteil: schon damals in New York, war ich einer der ersten, die die Frauenbewegung unterstützt haben. Ich war besonders für die Rechte der Frauen sehr engagiert”.

Gibt es Dinge, an die Sie glauben, oder an denen Sie nicht zweifeln?

„Ja, ganz einfach. Das ist der gute Wille. Und der Respekt vor den anderen, die Menschen zu nehmen, wie sie sind. Der gute Wille, ist etwas sehr, sehr wichtiges.”

Es ist eine der großen Grundfragen der menschlichen Existenz überhaupt: hat der Mensch eine Seele und was passiert mit ihr nach dem Tod?

„Ja, das ist die große Frage. Und da muss ich sagen: Ich glaube, der Mensch ist viel zu neugierig, er will alles erklären, alles wissen, der Mensch hat seine Arroganz, anstatt einfach zu akzeptieren und zu warten. Mit seinem Gewissen, natürlich. Aber die Seele….wissen Sie, ich habe eine Erfahrung gemacht: ich war so jung, als mein Vater  gestorben ist. Ich habe immer dieses Gefühl gehabt, dass er mir alles gegeben hat, alle seine Talente. Und in meinem ganzen Leben, in schlimmeren Zeiten, habe ich ihn immer an meiner Seite gespürt. Gäbe es so ein Gefühl, wenn es keine Seele geben würde? Ich habe Ihnen schon gesagt, mein Zweifeln ist positiv. Also, warum soll es sie nicht geben”?

Sie sind Botschafter des Europarates für Jugend und Erziehung. Wie lautet Ihre Botschaft für die Kinder – wie für die Erwachsenen?

„Meine Botschaft für die Kinder ist, dass es im Leben immer wieder die Möglichkeit gibt, sich zu verbessern und aus seinem Leben ein Erfolg zu machen. Und der Mensch muss lernen, seine Ängste überwinden zu können.  In meinen Kinderbüchern haben die Kinder nie Angst. Die Erwachsenen ja, aber die Kinder nicht.”

Gibt es Dinge, die man nicht sagen, sondern nur zeichnen kann?

„Man kann manchmal mit ein paar Strichen eine ganze Philosophie auf’s Papier legen. Das kann manchmal viel stärker wirken als viele Seiten in einem Buch”.

Wenn man Sie nach Ihrem Innersten fragen würde, als was würden Sie sich am ehesten bezeichnen?

„Als Sucher, ich bin ein Sucher. Und das ist viel Arbeit, viel Arbeit”.

(rv 06.11.2011 ap)


Adolph Kolping – Vorläufer der katholischen Soziallehre
(Sendung am 16. Oktober 2011)

Adolph Kolping versuchte, die Christen aus ihrer Trägheit aufzurütteln und sie an ihre Verantwortung für die Welt zu erinnern. Für ihn war das Christentum in erster Linie für den Alltag und für die Gestaltung der gesellschaftlichen Wirklichkeit gedacht. Die Lebensräumen, in denen sich die menschliche und christliche Berufung zu erfüllen hat, sind für ihn: die Familie, die Kirche, der Beruf und die Politik. Das sagte Papst Johannes Paul II. bei der Seligsprechung von Adolph Kolping am 27. Oktober 1991 in Rom. Mit dieser Seligsprechung bestätigte der Papst vor aller Welt feierlich, was er bei seinem ersten Deutschlandbesuch am 15. November 1980 am Grab des "Gesellenvaters" in der Minoritenkirche in Köln sagte: " Solche Leitbilder wie Adolph Kolping brauchen wir für die Kirche von heute." Am 8. Dezember 1813 in Kerpen geboren, wuchs Adolph Kolping in bescheidenen Verhältnissen auf und erlernte das Schuhmacherhandwerk. Er wanderte wie andere Gesellen damals, von Ort zu Ort. Doch Adolph Kolping hatte andere Pläne. Mit 23 Jahren wagte er den ungewöhnlichen Schritt und besuchte das Marzellengymnasium in Köln. Nach Ablegen der Reifeprüfung, studierte er Philosophie und Theologie. Zum Priester geweiht, lernte er den in Elberfeld gegründeten Gesellenverein kennen. In diesem Zusammenschluß der Gesellen erkannte er ein geeignetes Mittel zur Bewältigung sozialer Probleme junger Menschen. Am 6. Mai 1849 gründete er in Köln mit sieben Gesellen ebenfalls einen katholischen Gesellenverein, der sich später zum Mittelpunkt einer großen, weit verzweigten Gemeinschaft entwickelte. Sein Anliegen war: "Sozialer Wandel durch Veränderung der Menschen." Durch viele Reisen und unermüdlichen Einsatz gelang es Adolph Kolping, Idee und Praxis seiner Gemeinschaft bis an die Grenzen Europas und sogar bis nach Übersee zu verbreiten. In seinem letzten Lebensjahr gab es bereits 420 örtliche Gesellenvereine - heute Kolpingsfamilien genannt - in Europa und Nordamerika. Am 4. Dezember 1865 starb Adolph Kolping, geschwächt durch rastlosen Einsatz und geringe Rücksichtnahme auf seine angegriffene Gesundheit.Heute umfaßt das internationale Kolpingwerk rund eine halbe Million Mitglieder.

Wir sprechen heute mit dem Generalsekretär des internationalen Kolpingwerkes, Hubert Tintelott, der dieser Einrichtung seit 1973, also seit beinahe 40 Jahren, vorsteht. Herr Tintelott, Adolph Kolping stammte aus ärmlichen Verhältnissen, arbeitete viele Jahre als Schustergeselle und wechselte dann nach seinem Theologiestudium in den Priesterstand – mit weitreichenden Folgen. Er wurde Wegbereiter für die katholische Sozialbewegung und Soziallehre. Welches Leitbild markiert den Aufbruch des Kolpingwerkes ins 21. Jahrhundert?

„Adolph Kolping hat sich seinerzeit der Lösung der sozialen Frage seiner Zeit zugewandt. Das war die Situation, wie er sie in Wuppertal-Elberfeld kennen gelernt hatte. Eine Stadt damals, die groß von industrieller Produktion geprägt war, Webereien entstanden und damit wurden die Weber, die Handweber ins Abseits gedrängt und der Handwerkerstand verarmte. Das war die soziale Frage der damaligen Zeit, des 19. Jahrhunderts. Kolping wollte zur Lösung dieser sozialen Frage einen Beitrag leisten und – wie man das heute in Geschichtsbüchern nachlesen kann – er hat das auch getan. Was wir heute tun ist, wir greifen diese soziale Frage nicht nur innernationalen Kontext auf, sondern wir stellen uns der internationalen sozialen Frage, das heißt der Spannung in der Welt zwischen arm und reich, zwischen Industrieländern und Entwicklungsländern, wie sie in „Popolo in Progressio“ beschrieben sind. Das internationale Kolpingwerk hat einen wichtigen Impuls aus dieser Encyclica bekommen, weil dort steht, dass die soziale Frage des vorigen Jahrhunderts sich zu einer internationalen sozialen Frage entwickelt hat. Seit dieser Zeit bemüht sich das Kolpingwerk auch auf diese internationale soziale Frage eine Antwort zu finden.“

Adolph Kolping hat gesagt, „die Nöte der Zeit werden euch lehren, was zu tun ist“. Insoweit sind auch die Aufgaben und Arbeitsschwerpunkte des Kolpingwerkes dem Wandel unterworfen, Sie sagten es eben. Bei allem heutigen Handeln ist dabei die Zukunft in den Blick zu nehmen. Wie laufen die Schwerpunkte dazu?

„Ich glaube die Schwerpunkte sind eigentlich sehr gleich geblieben wie damals zur Zeit Adolph Kolpings. Adolph Kolping wollte den engagierten Christen, der aus seinem Glauben heraus versucht, die Welt mitzugestalten. Er wollte den verantwortungsbewussten Vater, die verantwortungsbewusste Mutter, er wollte den engagierten Staatsbürger und er wollte denjenigen, der in seinem Beruf tüchtig war und etwas leisten konnte. Und er wollte mithelfen durch seinen Verband – durch den Gesellenverein damals und wie heute durch das Kolpingwerk – dass die Mitglieder, unsere Mitglieder in diesem Lebensbereich befähigt werden, wie sie dort ihr Christsein leben können: als Vater und Mutter, als Staatsbürger, in der Arbeitswelt, in allen Bereichen soll unser Christsein in unserem Handeln durchscheinen. Die Mitglieder dazu zu befähigen, durch Bildungsarbeit, Seminare und andere Aktivitäten, bleibt die wichtigste Aufgabe des Kolpingwerkes heute. Hinzu kommt als zweites, dass wir den Mitgliedern Lebenshilfen anbieten wollen, das heißt wir helfen ihnen bei der Bewältigung ihrer sozialen Probleme, bei der Bewältigung ihres Lebensalltags. Und als drittes wollen wir einen Beitrag zum Allgemeinwohl leisten, indem wir gesellschaftliche Aufgaben übernehmen als lebendiger Teil der Zivilgesellschaft.“

Herr Generalsekretär, Europa befindet sich zur Zeit in einer der wohl schwierigsten Finanzkrisen seit Bestehen der EU. Kann das Kolpingwerk Leitlinien aufzeigen, die aus dem aktuellen wirtschaftlichen Turbulenzen führen können?

„Ob wir in der Lage sind, hier große Leitlinien aufzuzeigen, die die Rettung des Euroraums unterstützen könnten, das wage ich zu bezweifeln. Aber wir sind natürlich sehr interessiert daran, dass wir in der Wirtschaft- und Finanzwelt zu Regeln kommen, die der katholischen Soziallehre entsprechen. Wir orientieren uns bei all unserem Handeln an der katholischen Soziallehre und holen daraus unsere Impulse. Wir sind also zum Beispiel davon überzeugt, dass das Leitbild, das heute die Wirtschaft beherrscht – immer größeres, immer mehr Wachstum – dass das auf Dauer kein Leitbild sein kann, das trägt. Wir haben immer vor einem Kapitalismus ohne Adjektive gewarnt, also einem reinen, puren Kapitalismus, der die soziale Dimension außen vor lässt. Ich denke, was dringend erforderlich ist – dazu hat das Kolpingwerk sich schon mehrfach geäußert – wir werden in Rom, wenn wir dort unsere Generalratstagung haben, die Einführung einer Finanztransaktionssteuer fordern und das politisch verabschieden. Das sind also Wege, dass auch die Finanzmärkte stärkeren Regeln unterworfen werden müssen, damit diese Turbulenzen, wie sie zur Zeit auf den Finanzmärkten existieren und die zu den Problemen auch in der Realwirtschaft führen, überwunden werden können.“

Die Gemeinschaftsstiftung Kolpingwerk hat sich die Aufgabe gestellt, die vielfältigen sozialen, kirchlichen, Völker verständigenden Jugend- und Altenpflegerischen sowie Erziehungs- und Bildungsaufgaben des Kolpingwerkes zu unterstützen und langfristig finanziell abzusichern. Ist das bis jetzt gelungen? Mit welchen Gefühlen schauen Sie auf diesem Gebiet in die Zukunft?

„Ich denke es ist im hohen Maße gelungen, die Mitglieder zu motivieren, sich als ein solidarisches, internationales Netzwerk zu verstehen. Das heißt, die Mitglieder sind weltweit miteinander verbunden. Wenn in irgendeinem Teil der Welt, beispielsweise durch Naturkatastrophen Probleme auftauchen, sind die Mitglieder der anderen Teile der Welt hier solidarisch und helfen. Darüber hinaus kann man sagen – was Sie eben schon einmal zitiert haben – die Nöte der Zeit werden euch lehren, was zu tun ist. Dass das Kolpingwerk in den unterschiedlichsten Strukturebenen auf örtlichen, diözesaner, nationaler Ebene sehr sensibel darauf reagiert, wo neue Probleme, neue Nöte entstehen und dafür auch versucht, angemessene Antworten zu finden. Wir können nun sagen, dass es in vielen Teilen der Welt beispielhafte Antworten auf konkrete soziale Nöte gibt, angefangen mit Gesundheitszentren über Mikrokredit- und Ausbildungsprogramme, über Ausbildungsprogramme im handwerklichen Bereich und im ländlichen Entwicklungsprogramme. Alle gesellschaftlichen Probleme, die uns zur Zeit bedrängen, werden von Kolpingfamilien thematisiert, aufgegriffen und man arbeitet mit an der Lösung durch solche Programme und ich denke, die Gemeinschaftsstiftung hat mit dazu beigetragen, dass die Mittel dazu zur Verfügung stehen und wird – Gott sei Dank – auch von den Mitgliedern sehr stark unterstützt, damit diese Mittel immer wieder bereit stehen.“

Die Kolpingfamilie von heute, Herr Tintelott, ist nicht mehr der katholische Gesellenverein von einst. Das gegenwärtige Kolpingwerk weist in seinen Strukturen und Aktivitäten selbstredend andere Akzente auf als der Verband in früheren Zeiten. Umso spannender ist es, sich mit der Geschichte des Verbandes eingehend auseinanderzusetzen. Welche würden Sie dabei als die wichtigsten Etappen aufzählen?

„Ich denke, wichtig ist immer wieder die Rückbesinnung auf unseren Gründer. Wir nennen uns nicht ohne Grund Kolpingwerk, was ja einen starken Bezug zu unserem Gründer signalisieren soll. Wenn man immer wieder in die Geschichte und auch in das Leben von Adolph Kolping und seine Schriften schaut, ist man immer wieder erstaunt, welche Tiefe diese Aussagen haben und wie allgemeingültig sie sind. Unabhängig von der Zeit, in der sie geschrieben sind, aber auch unabhängig vom Kulturkreis, man kann sie weithin anwenden. Die wichtigste Etappe ist dann eigentlich das Jahr 1968, als das Kolpingwerk sich entschieden hat, sich der internationalen sozialen Frage zu stellen. Bis dahin war das Kolpingwerk eigentlich ein deutschsprechender Verband, also nur auf Deutschland, Österreich, Schweiz, Südtirol und deutschsprachige Auswanderer begrenzt. Aber seit 1968 hat sich der Verband geöffnet und aus dieser Zeit kam dann auch die Entwicklung, die heute dazu geführt hat, dass wir in 61 Ländern vertreten sind.
Nicht ohne Bedeutung war allerdings auch die Entscheidung, aus dem katholischen Gesellenverein eine Kolpingfamilie zu machen. Das war etwa Ende der 20er Jahre des vorigen Jahrhunderts. Es ging darum zu sagen, wir sind nicht mehr allein auf Handwerker begrenzt, sondern wir sind auch für andere soziale Schichten offen. Das hat dazu geführt, dass das Kolpingwerk heute kein Handwerkerverband mehr ist, sondern ein Verband von sozial engagierten Katholiken mit in Gaststatus und Freundschaft verbundenen Protestanten, die auch bei uns im Verband mitarbeiten.“

Sie haben zu den deutschsprachigen Ländern auch Südtirol genannt. Gibt es dort etwas, das Sie als Generalsekretär des internationalen Kolpingverbandes spezifisch sagen könnten?

„Das Kolpingwerk in Südtirol hat sich in besonderer Weise dazu verpflichtet gefühlt, den jungen Menschen eine Unterkunft anzubieten, wenn sie aus den Dörfern zur schulischen und beruflichen Weiterbildung in die Städte müssen. Damit ist das Kolpingwerk Südtirol einer Aufgabe verbunden geblieben, die das Kolpingwerk von Anfang an aufgegriffen hat. Nämlich Jugendwohnen anzubieten, und zwar in einem Umfeld, das den jungen Menschen entspricht, was modern ist, andererseits aber auch in dem Wohnumfeld bestimmte Werte vermittelt. Ich glaube das Kolpingwerk Südtirol gehört heute mit zu den größten Trägern für Jugendwohnen in Südtirol und bringt in dem Bereich beispielhafte Leistungen. Nicht zu vergessen ist aber auch das Engagement des Kolpingwerk Südtirol für internationale Projekte. Hier hat der Verband in den letzten Jahren wirklich Beispielhaftes geleistet.“

Noch einmal einen Blick in die Vergangenheit. War die offizielle Kirche oder sagen wir ein Teil der kirchlichen Hierarchie immer einverstanden mit den Ideen und dem Wirken Adolph Kolpings? War da nicht auch Skepsis vorhanden, weil ihr Kolpingsgesellenverein vielleicht zu weltlich erschien, sich zumindest zu viel mit weltlichen und zu wenig mit religiösen Dingen befasste? Kolpings Gesellenverein war ja ein durchaus aus Laien bestehende Organisation.

„Das war schon ein Problem zu Zeiten Kolpings. Schon Adolph Kolping hat sich schwer getan, Mitbrüder zu gewinnen, die die Notwendigkeit gesehen haben, dass die Kirche in die Gesellschaft hineinwirkt, dass sie gesellschaftliche Aufgaben aufgreift und dafür auch Laienstrukturen nutzt. Bis heute ist das ein Problem. Nicht immer finden wir Priester und auch Bischöfe, die diesen Ansatz unseres Verbandes unterstützen, dass Laien aus eigener Verantwortung soziale Aufgaben definieren, die sie lösen wollen und dass sie sich dann auch für die Lösung dieser Aufgaben engagieren. Das ist immer wieder ein durchaus nicht ganz leidfreies Miteinander, weil es immer wieder die Situation gibt, dass man einfordert, dass wir uns verstärkt auf spirituelle Aktivitäten konzentrieren sollen und müssen. Allerdings denke ich haben wir über die Geschichte hinweg bei Kolping eine gute Balance gefunden. In jedem unserer Vorstände ist als Vertreter der Hierarchie ein Priester mit eingebunden, sodass wir eigentlich immer in der Mitte der Kirche gestanden sind und nie extrem links oder rechts bzw. nur spirituell oder nur sozial, sondern immer wieder versucht haben, beide Seiten angemessen in unseren verbandlichen Aktivitäten einzufangen. Uns geht es um die ganzheitliche Entwicklung des Menschen und dazu gehört sowohl seine spirituelle Entwicklung, aber auch seine Entwicklung im Hinblick auf Partizipation in der Gesellschaft, im Hinblick auf seine materielle Situation.“

Die Namen der Personen, die Kolpings Lebenslauf begleiten, sind hochrangig. Nennen wir Joseph von Görres zum Beispiel, den Kunsthistoriker Ignaz von Döllinger, sein Beichtvater Prof. Windischmann, woher oder von wem erhielt der junge Adolph Kolping die wirklich entscheidende Prägung zu seinem späteren Lebenslauf? Waren es auch seine Eltern?

„Seine Eltern und vor allem seine Mutter, die er auch in einem Gedicht hoch gerühmt hat, haben sicherlich einen wesentlichen Anteil daran, bei Adolph Kolping die Frömmigkeit zu Grunde zu legen. Seine tiefe Verbundenheit mit Gott, mit Jesus Christus kommt ohne Zweifel aus seinem Elternhaus. Dann ist eigentlich, was sein späteres Wirken angeht, für ihn der Kontakt mit den Menschen die Lebensschule gewesen. Die Lehrer haben ihn sicherlich geholfen, sich akademisch zu entwickeln – und er wollte ja eigentlich akademischer Lehrer werden. Er war nicht unbedingt darauf erpicht, Sozialreformer zu werden, wie er das später geworden ist. Erst durch den Kontakt mit den sozialen Nöten der Menschen in Wuppertal, wo er Kaplan war, hat er seine eigentliche Berufung gefunden. Dass das ein kontinuierlicher Weg gewesen ist vom Schuhmachergesellen zum Vater der Handwerker, wie das manchmal beschrieben wird, das entspricht nicht ganz der Wirklichkeit. Denn eigentlich hat er nach seiner Lehre einen Weg aus der sozialen Not heraus finden wollen, die er als Handwerksgeselle erlebt hatte. Er wollte akademisch etwas leisten und erst die Konfrontation mit den Problemen im Wuppertal, die Not der Gesellen, die er dort gesehen hat, hat ihn dann motiviert zu sagen, ich muss mich dieser Aufgabe zu wenden und dafür bin ich eigentlich auch gut ausgestattet, weil ich die Not der Menschen persönlich kennen gelernt habe.“

Eine letzte Frage. Ich möchte Sie noch an diesem 20. Jahrestag der Seligsprechung, Herr Tintelott, um ein Schlusswort bitten, das sowohl die Bedeutung Adolph Kolpings in der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft stichwortartig zusammenfasst. Anders gefragt, wer war Adolph Kolping, wer ist Adolph Kolping und wer wird Adolph Kolping in Zukunft sein? Ein Heiliger?

„Ich denke Adolph Kolping war für die Menschen seiner Zeit das, was man ihm als Ehrentitel gegeben hat: Vater Kolping. Er war also eine große Vaterfigur für die Menschen der damaligen Zeit, für die Gesellen, die ihn persönlich kennen gelernt haben. Er war ihnen Richtschnur und Vorbild und das ist er glaube ich, bis heute für viele Mitglieder im Kolpingwerk geblieben. Wer in sein Leben hineinschaut wird immer wieder feststellen können: Ich kann mich am Lebensbeispiel Adolph Kolpings aufrichten, ich kann aus seinem Lebensbeispiel für mich als Christ auch heute Perspektiven gewinnen. Er war eben kein Heiliger, der auf dem Sockel gestanden hat, sondern er war mitten im Leben. Er hat Freud und Leid mit den Menschen geteilt, er hat Dankbarkeit erlebt, aber auch Undankbarkeit. Er hat Rückschläge hinnehmen müssen, eben alles, was zu einem menschlichen Leben dazugehört. Im großen Gottvertrauen hat er immer wieder diese Probleme gemeistert. Ich denke, das muss für uns als Kolping-Mitglieder das Zeichen sein. Wir nennen ja unsere Wallfahrt „Auf dem Weg zur Heiligkeit“. Damit meinen wir nicht nur die Heiligsprechung Adolph Kolpings, sondern dass wir alle uns selbst auf den Weg zur Heiligkeit machen müssen und dabei an Adolph Kolping Maß nehmen können, sowohl in seinem Gottvertrauen und seiner Orientierung an Jesus Christus, wie aber auch in seiner Offenheit für die sozialen Probleme der Menschen in seinem Umfeld. Ich denke diese beiden Dinge sind die Leitschnur, an der wir uns immer wieder ausrichten müssen. Die Nöte der Zeit werden uns lehren, was zu tun ist. Adolph Kolping kann uns dabei eine gute Richtschnur sein.“

(rv 16.10.2011 ap)

Aldo Parmeggiani


Otto von Habsburg - Kaisersohn, Abgeordneter und glühender Europäer
Zum runden Geburtstag heute mit Otto von Habsburg, vom Thronfolger zum Visionär. Eine Sendung von Aldo Parmeggiani.

Er war nicht nur der älteste Sohn des letzten Kaisers von Österreich und Ungarn – sondern vor allem mit Leib und Seele Europäer: Otto von Habsburg ist vor drei Monaten mit 98 Jahren gestorben. Wir bringen ein Interview mit Otto von Habsburg, das er Radio Vatikan anlässlich seines 90. Geburtstags gewährte.

Wäre die Geschichte anders verlaufen, verehrte Hörerinnen und Hörer, wäre Dr. Otto von Habsburg heute Kaiser von Österreich und König von Ungarn. Aber die Geschichte kennt das Wort „wäre“ eben nicht. Otto von Habsburg Lothringen wurde am 20. November 1912 als ältester Sohn des letzten Kaisers von Österreich, Karls des I. in der Villa Wartholz bei Reichenau in Niederösterreich geboren. Schon als junger Akademiker vertrat Otto von Habsburg auf vielen politischen Ebenen den Gedanken einer Einigung Europas auf christlicher Grundlage. Erst im Jahre 1961 verzichtete er offiziell auf seine Thronansprüche. Otto von Habsburg, dem wir für dieses Geburtstagsgespräch herzlich danken, ist Präsident der Paneuropäischen Union und war langjähriges Mitglied des europäischen Parlamentes in Brüssel. Herzlich Willkommen, Herr Dr. von Habsburg.

Ihr Schicksal ist lebendige Geschichte, europäische Geschichte. Was bedeutet es heute, den Namen Habsburg zu tragen?

„Es ist eine Herausforderung an jeden. Wenn man die Geschichte ein bisschen studiert, hat man gesehen, dass das Haus Habsburg speziell seine großen, bedeutenden Figuren tatsächlich in Europa etwas zusammen gehabt hat. Sie haben eine Linie, eine Idee gehabt und da ist es selbstverständlich, dass man das versucht einzubringen und gleichzeitig aber auch schon diese Ideen auf die moderne Zeit einzustellen, denn das ist ja unsere Aufgabe.“

Als ältester Sohn des letzten Kaisers von Österreichs und Königs von Ungarn hätten Sie Anspruch auf die Krone des bedeutendsten europäischen Herrscherhauses gehabt. Es kam aus politischen Gründen nicht dazu. Herr Dr. von Habsburg, wie kann ein so gravierendes Ereignis innerlich überwunden werden.

„Es ist gar nicht schwer, wenn man die Krone als eine Aufgabe sieht. Ich glaube, dass Monarchie und Republiken immer sein werden, dass sie immer wieder wechseln werden – das hängt von der Situation ab. Aber auf der anderen Seite, in meiner Zeit eine andere Aufgabe ist, die wesentlich wichtiger ist, das ist die europäische Einigung herbeizuschaffen und zweitens, in dieser europäischen Einigung einige grundsätzliche Ideen einzubringen. Denn dass dieses Europa, man braucht nur ein bisschen mit unserer Kultur zu tun zu haben, ohne seine christliche Substanz nicht existieren kann, ist vollkommen klar.“

Wir kommen auf das Europa sicher noch zurück. Herr Dr. von Habsburg, gibt es eine Episode in Ihrer Jugend, wo Sie diesen Verzicht besonders gespürt haben?

„Eigentlich wenige. Es ist so langsam gegangen, meine Eltern haben etwas getan, was bei Ihnen zweifelsohne nicht leicht war und was sie mit wirklicher innerer Überzeugung getan haben. Sie haben uns Kinder, wir waren ja immer mehrere, förmlich abgeschirmt gegen die Ereignisse. Ich will Ihnen ein praktisches Beispiel sagen. Damals, im Winter 1918/1919, da waren wir in Ekhardsau. Die Ereignisse vom November 1918 waren vorbei, aber man hat noch nicht gewusst, wohin es geht, es ist eine sehr kritische Zeit gewesen, wir hatten das Land noch nicht verlassen. Da sind einmal ein paar Offiziere zu meinem Vater gekommen, der sie auch dann vor mir beim Essen gehabt hat. Einer von denen hat begonnen, unsagbar gegen die Juden zu schimpfen, weil ja in der österreichischen Regierung damals eine Mehrheit von Juden war. Und da habe ich zum ersten Mal gesehen, wo mein Vater wirklich zornig geworden ist und ihm gesagt hat, er soll davon nicht reden, denn die Juden seien genauso unsere Landsleute, wie es dir anderen sind. Und das sind solche Sachen, die man dann auf das Leben bewahrt.“

Sie haben als bereits 26jähriger Österreich im Jahr 1938 beim Anschluss zum entschlossenen Widerstand gegen die Nazis aufgefordert. Auf was war diese Weitsicht gegründet, sie waren ja auch noch jung?

„Schauen Sie, das war keine Weitsicht. Es war einfach die Tatsache, ich habe in meinem Leben immer sehr viel Glück gehabt. Immer an den interessanten Momenten am richtigen Ort zu sein. Ich habe damals den Vorteil gehabt, dass ich die drei letzten Monate der Weimarer Republik in Berlin miterlebt habe. Ich habe damals an meiner Doktoratsarbeit gearbeitet, an der Dokumentation an der Berliner Universität. Ich habe mich daneben für die Politik interessiert und mit vielen führenden Politikern gesprochen, außer mit Hitler. Der wollte zweimal mit mir sprechen, ich habe das abgelehnt, aus dem praktischen Grund, weil ich das Gefühl hatte, dass Hitler mich nur vor seinen Karren spannen will. Aber ich habe „Mein Kampf“ gelesen. Es war zwar sehr schwer, denn es ist in einem scheußlichen Deutsch geschrieben gewesen, und ich habe immer – das hat mir schon meine Mutter eingebläut – ein Gefühl für Stil und Sprache gehabt. Daher war es für mich nicht leicht, „Mein Kampf“ zu lesen. Aber „Mein Kampf“ war doch alles gesagt, ich meine wenn die Chemberlains und so weitervon damals gelesen hätten, was Hitler gesagt hat, sie wären nie überrascht gewesen, es war ja alles gesagt. Ich habe das erlebt. Ich habe außerdem in der Agonie der Weimarer Republik die Tatsache erlebt, dass das, was man heute immer wieder erzählt, dass die Republik ermordet worden sei, ein absoluter Unsinn ist. Die Republik hat Selbstmord begangen. Wenn damals das katholische Zentrum und die Sozialdemokraten bereit gewesen wären, die Regierung von General Schleicher zu unterstützen, wäre Hitler niemals an die Macht gekommen.“

Wenn man Ihre Biographie liest und ich habe sie mit großem Interesse gelesen, dann bin ich auch noch auf etwas gestoßen. Sie hielten sich in jenen Jahren – 1938 – in Paris auf und hatten dort Anteil an einer Hilfsaktion, bei der rund 10.000 Juden vor dem Zugruf der Deutschen gerettet werden konnten. Was war die Triebfeder zu der für Sie wahrscheinlich lebensgefährlichen Aktion?

„Die Triebfeder war ganz einfach, das waren doch meine Landsleute. Meine Landsleute haben ein Recht darauf, dass ich, der Sohn des Kaisers bzw. Sohn des Königs in Ungarn, mich für ihre Interessen voll und ganz einsetze. Das war so selbstverständlich, da hatte es für mich überhaupt keinen Zweifel gegeben. Diese Leute mussten gerettet werden, denn man genau gewusst, was ihnen passieren wird. Ich möchte das noch einmal sagen: viele Sachen werden mir als Verdienst angerechnet, die kein Verdienst sind, sondern die aus der Tatsache gekommen sind, dass ich immer wieder das Glück gehabt habe, dort zu sein, wo es notwendig war.

Sie waren einer jener Politiker, Herr Dr. von Habsburg, der relativ früh auch das Ende des Kommunismus vorhergesagt haben. Und damit wiederum politische Weitsicht bewiesen haben. Hat Europa diese Chance, die ihm eigentlich unverhofft in den Schoß gefallen war, bisher richtig genutzt?

„Leider nicht. Das ist es genau, Sie haben aber auch schon auf den Grund hingewiesen, die Chance ist unverhofft gekommen. Es hat einen Mann gegeben, der entscheidend gewesen ist, das war Ronald Reagan. Ich habe mit Ronald Reagan gesprochen, lange bevor er Präsident geworden ist. Er war Gouverneur von Kalifornien. Wir haben damals über Russland gesprochen und er hat mir damals gesagt, Russland ist tot – durch den Kommunismus. Es weiß es nur noch nicht. Unsere ganze Aufgabe wird sein, es zu zwingen, noch eine letzte Anstrengung zu machen, dann fällt es um. Und das ist genauso eingetreten, darum sein ganzer, von allen Idioten hier in Europa kritisierter Kampf der Sterne. Das war das einzige Mal, dass ein Rüstungsprogramm zum Frieden und nicht zum Krieg geführt hat. Und außerdem dürfen wir auch etwas zweites nicht vergessen: Wir haben einen heiligen Vater gehabt. Er hat ja bei uns weitgehend unterschätzt, die Wahl des heiligen Vaters in seinem Wirken auf die Kommunisten, auf die Länder, in denen der Kommunismus geherrscht hat. Denn das ist denen wie ein Donnerschlag gewesen, zum einen ein Slave auf dem Thron Petri, zweitens ein Mann, der unter ihnen gelebt hat und sie gekannt hat. Der daher vor ihnen nicht die Angst gehabt hat, die die Westlichen gehabt haben.“

Welche Note würden Sie in diesem Zusammenhang Michail Gorbatschow geben?

„Also ich bin nicht für ihn, aus einem Grund, man ist irgendwo ehrlich. Er ist Kommunist heute, genauso, wie er es war. Er ist hoch intelligent, das ist eine Tatsache, dafür kann man ihn achten. Aber er hat auch alles gemacht, um den Kommunismus zu retten. Er war nur intelligent genug. Wenn das zu Zeiten von Breschnew geschehen wäre, wäre natürlich auch eine größere Schießerei ausgebrochen. Am Schluss wäre der Leidtragende sein eigenes Land gewesen, während dadurch, dass er es verstanden hat, zeitgerecht nachzugeben, außerdem dadurch, dass er die Partnerschaft mit Kohl gefunden hat – der ein ganz unterschätzter und sehr großer Mann war. Er war sozusagen der Dritte im Bund: Reagan, der heilige Vater und Kohl, das waren die, die uns die Freiheit gebracht haben.“

Sie haben politische Ziele und Bestrebungen mit Leidenschaft auf die Einigung Europas gesetzt. Ist ein Teil Ihres Traums schon in Erfüllung gegangen?

„Dass ein Teil meines Traumes noch in der Zukunft liegt, ist vollkommen klar. Ich werde es nicht mehr sehen, aber die Erweiterung kommt, die Erweiterung wird lebenswichtig sein, wir werden unbedingt diese europäische Union zu einer großen europäischen Friedensmacht machen, wir kommen in ein Zeitalter der Supermächte, und in den Supermächten hat Europa eine ganz große Rolle, wenn es auf der Höhe dieser Rolle ist. Ich werde es nicht mehr sehen und die meisten Leute, die heute leben, werden es nicht mehr sehen. Man hat auch, um die Vereinigten Staaten zu schaffen, 200 Jahre gebraucht. Europa muss wachsen wie ein Baum, es darf nicht hergestellt werden wie ein amerikanischer Wolkenkratzer.“

Ebenso haben Sie ein christlich geprägtes Europa, Herr Dr. von Habsburg, zu Ihrem Junktim erhoben. Wie sehen Sie die Chance des Christentums heute? Wir es seine kulturprägende Kraft von einst wieder ins Spiel setzen können oder wird es an Bedeutung verlieren?

„Ich glaube erstens, wir haben alle Chancen, die möglich sind. Wir müssen uns aber einsetzen. Meine Kritik an gewissen offiziellen Seiten des Christentums ist, dass man die Möglichkeiten, die geboten werden, nicht voll ausnutzt. Wir müssen endlich den Mut haben, offener einzutreten. Hierzu möchte ich speziell eine Sache sagen, die für mich eine Herzensangelegenheit ist. In der Vergangenheit war es selbstverständlich, dass man von Gott gesprochen hat. In den islamischen Ländern, mit denen ich mit Freundschaft verbunden bin, wird immer von Gott gesprochen. Kein Mohammedaner würde sich trauen, eine größere Reden anzufangen, ohne zuerst zu sagen: Im Namen Gottes, des Allmächtigen und Barmherzigen. Wer bei uns spricht noch davon? Wir müssen wieder davon sprechen. Wir haben jetzt diese Sache der Tendenz, zum Beispiel das Angelus-Läuten einzustellen, aus Rücksicht auf den Fremdenverkehr. Dabei ist das Angelus-Läuten eines der wichtigsten Zeichen, wie oft würde ich nicht an den Angelus denken, wenn nicht die Glocken läuten würden. Die Wegkreuze, die müssen uns auch wieder einmal an Gott erinnern und diese Wegkreuze fallen langsam weg. Diese äußeren Symbole müssen wir uach wieder größer schreiben und wir müssen uns trauen, auch als christliche Politiker in unseren Reden auch über Gott zu reden. Denn schließlich ist Gott nicht eine Nebensache, sondern eine Hauptsache. Das müssen wir einfach durchsetzen, das hängt von uns ab. Da ist die ganz große Aufgabe der christlichen Laien. Die müssen sich endlich trauen, wesentlich lauter zu sprechen. Sie sollten da beim Islam in die Schule gehen.“

Sie haben als Abgeordneter, als Politiker und als Publizist jahrzehntelang Botschaften an die Menschen gerichtet. Welche Botschaft vermitteln Sie heute zu Ihrem 90. Lebensjahr an sie?

„Also als allererste Aufgabe natürlich, in der europäischen Politik die Erweiterung. Denn wir dürfen nicht vergessen, je weiter es uns gelingt, die Grenzen der Freiheit nach Osten zu verschieben, desto größer wird die Sicherheit des Mittleren und des Westens sein. Aber ganz abgesehen davon ist es auch kulturell von entscheidender Bedeutung, dass wir das weiter hinaus tragen. Wir müssen wieder einen missionarischen Geist haben und nicht ständig zufrieden am Ofen sitzen und uns zu wärmen.“

Wenn wir uns zum Abschluss gemeinsam im Spiegel anschauen, Herr Dr. von Habsburg, wie sieht sich da Otto von Habsburg selbst?

„Sagen wir, ich habe in meinem ganzen Leben vielleicht eines getan, ich bin nie von der Linie abgewichen, die ich gehen sollte, und das ist ein gutes Gefühl. Denn man hat eine Pflicht gegenüber Gott, gegenüber den eigenen Landsleuten. Ich arbeite sehr gerne, ich sehe große Aufgaben für uns und diese Aufgaben machen das Leben wirklich sinnvoll. Ich denke oftmals, wenn ich jetzt 90 Jahre alt werde, wenn ich zurück blicke, hat das ganze einen Sinn gehabt. Und wie wenig Leute haben die Chance, das davon zu sagen. Daher kann man Gott nicht genug dankbar sein, dass er einem einen Sinn gegeben hat.“

(rv26.09.2011 ap)

William Shakespeare - Ein heimlicher Katholik?

Das Leben und das Werk William Shakespeares ist seit Jahrhunderten ein permanentes Faszinosum. Im Leben dieses genialen Dichters gibt es aber noch immer viele Rätsel. Die wichtigsten davon sind durch Hildegard Hammerschmidt-Hummel gelöst worden: so konnte die rennomierte Professorin für englische Literatur und Kulturwissenschaft an der Universität in Mainz verbindlich nachweisen, dass William Shakespeare Katholik im Untergrund war. Mit ihren präzisen kulturhistorischen Recherchen, ihrer Erschließung neuer Quellen und ihrer Zusammenarbeit mit Wissenschaftlern unterschiedlicher Fachrichtungen, darunter auch Kriminologie, die zu neuen Erkenntnissen über Shakespeares Aussehen, seine Religionszugehörigkeit und die zeitgeschichtlichen Entstehungsbedingungen seiner Werke führten, erwarb Hildegard Hammerschmidt-Hummel internationales Ansehen. Die im folgenden unterbreiteten Erkenntnisse gelten als revolutionär.

*Frau Hammerschmidt-Hummel, Ihnen ist es in jahrelangen akribischen und äußerst präzisen, wissenschaftlichen Recherchen gelungen, große Geheimnisse über William Shakespeare zu lüften: durch Sie wissen wir wie der geniale Dichter in Wirklichkeit ausgesehen hat, Durch Sie wissen wir verbindlich, dass Shakespeare Katholik war. Beginnen wir mit dem wirklichen Aussehen Shakespeares: Sie konnten die Lebensechtheit von vier Bildnissen des großen Dramatikers nachweisen, darunter das berühmte so genannte ‘Flower Portrait’. Dabei haben Sie nicht nur unzählige historische Quellen neu erschlossen, sondern sich auch auf neueste technische Verfahren des Bundeskriminalamtes und mehrere medizinische Gutachten gestützt: Wie ist es dazu gekommen. Was geschah mit dem Original-Flower-Porträt und wo befindet sich dieses Bild heute?
“Alles begann mit einer faszinierenden Bühnenzeichnung von 1594 zu Shakespeares ‘Titus Andronicus’. Auf ihr glaubte ich Shakespeares ersten großen Darsteller und Freund Richard Burbage zu erkennen; zur Überprüfung meiner gewagten Annahme wandte ich mich an das Bundeskriminalamt. Der zuständige Sachverständige bestätigte meine These – und er erklärte sich bereit, eine Identitätsprüfung bei vier Shakespeare-Bildnissen vorzunehmen, die beanspruchten, den Dichter lebengetreu wieder zu geben, deren Echtheit allerdings in der Forschung bezweifelt wurde. Unter diesen Bildnissen befand sich das ‘Flower Portrait’ und die Darmstädter-Totenmaske. Die mit neuesten kriminaltechnischen Verfahren durchgeführten Untersuchungen im Bundeskriminalamt ergaben, alle Bildnisse zeigten dieselbe Person: William Shakespeare. Das war eine Sensation. Das ‘Flower-Portrait’ – unter dem sich eine Madonna mit dem Jesuskind und Johannes befindet, war für mich der Anstoß, der Frage nachzugehen, welcher Religion der Dichter wirklich angehört hat. Denn der Besitz eines Marienbildes galt in England als Hochverrat. Leider ist das Original des ‘Flower-Portraits’ seit 1999 verschollen. Man kann nur hoffen, dass dieses einzigartige englische Kulturgut bald wieder aufgefunden wird”.

*Sie konnten wissenschaftlich nachweisen, dass William Shakespeare ein engagierter Katholik und für die damals in England verbotene katholische Kirche im Untergrund tätig gewesen war. Diese These hat weltweites Aufsehen erregt und ist ein kulturwissenschaftlicher Volltreffer. Wie lautet Ihre These?

“Wie mein Studium neuer Quellen ergab, waren die älteren Verwandten und Freunde Shakespears blühende Anhänger des alten Glaubens. Der Vater des Dichters hat sogar ein hochgefährliches borromäisches Testament unterzeichnet und damit schriftlich seinen katholischen Glauben bekannt. Shakespears Stratforder Schulmeister outete sich als Katholik, wurde dann Priester und in Rom Jesuit und sogar englischer Pönitentiar am Stuhl von St.Peter. Der Dichter hatte später Kontakte zu den Anführern der jesuitischen Missionsbewegung 1613 erwarb Shakespeare ein Torhaus des alten Dominikanerklosters Blackfriars in London und dies war die geheime zentrale Anlaufstelle für flüchtige Priester, die ihnen Unterschlupf und Fluchthilfe gewährte. Shakespeare trug damit entscheidend zum Überleben des englischen Katholizismus bei”.

*Was bedeutet der Ausdruck "The lost years" - die verlorenen Jahre - im Leben Shakespeares? Was muss man sich darunter vorstellen?

“Die “Lost years” 1585 bis 1592 waren im Leben Shakespears zuvor eine tabula rasa. Meinen neuen Quellen entnahm ich, dass 1585 in Rom ein Treffen führender englischer Katholiken stattfand, bei dem Strategieen der Rückgewinnung Englands für den Katholizismus erarbeitet wurden. Der wegen seiner Verstösse gegen die antikatholische Strafgesetzgebung hochgefährdete Dichter hatte Stratford fluchtartig verlassen müssen, mit unbekanntem Ziel. Vor diesem Hintergrund und auf Grund der Tatsache, dass Shakespears Lehrer Pönitentiar in St. Peter war, sah ich mich veranlasst, in Rom zu recherchieren und wurde im dortigen Collegium Anglicum fündig.”

*Aus Ihren Nachforschungen geht hervor, dass Rom für Shakespeare eine große Rolle spielte. Wie oft war er in Rom und wie lange hielt er sich in der Ewigen Stadt auf?
“Ja, Rom spielte für Shakespeare in der Tat eine große Rolle. Die Stadt wird in seinem Werk rund 90 Mal erwähnt. Für die Zeit der “lost years” fand ich im Pilgerbuch Nr. 282 des Collegium Anglicum in Rom drei Pseudonyme, die nur Shakespeare verwendet haben konnte. Darunter 1589 William Sekretär aus Stratford. Der Dichter blieb 8 Tage. 1587 hielt er sich sogar vier Wochen in Rom auf und 1613 reiste Shakespeare ein letztes Mal nach Rom, logierte im Pilgerhospiz des Kollegs und benutzte den Decknamen Ricardus Stratfordus. Dazu muss man sagen, dass Richard der Vorname seines acht Monate zuvor gestorbenen Brunders war”.

*Kann man sagen, dass die Religion einer der Schlüssel zum besseren Verständnis von Leben und Werk dieses genialen Mannes geworden ist?
“Shakespeares heimlicher Katholiszimus ist tatsächlich der eigentliche Schlüssel zum besseren Verständnis seines Lebens und Werks. Die unvorstellbar drakonische antikatholische Strafgesetzgebung unter Elisabeth I. hatte verheerende Konsequenzen für die englischen Katholiken. Sie wurden entrechtet, wirtschaftlich ruiniert, in die Emigration getrieben oder ins Gefängnis geworfen und oft als Hochverräter hingerichtet. Der in den 1590ger Jahren mächtig gewordene Graf von Essex, der engste Freund des Grafen von Southampton, Sheakespears Förderer und Freund, erkannte die Notwendigkeit der Toleranz gegenüber den Anhängern der alten Religion. Essex war der Held des Volkes und der Hoffnungsträger der englischen Katholiken, aber auch Shakespeares. Als er zu Fall gebracht und 1601 hingerichtet wird, erscheint Shakespeare wie traumatisiert und vollzieht in seinem Werk, die Wende zum Tragischen. In dieser Zeit entsteht Hamlet, eine Tragödie, mit der Shakespeare seinem getöteten poltischen Idol ein einzigartiges literarisches Denkmal setzt. Horatio spricht für den toten Prinzen genau das katholische Gebet, das Essex auf dem Schafott drei Mal betete: dass nämlich die Engel des Himmels herniedersteigen und seine Seele zu den himmlischen Freuden geleiten mögen. Als Elisabth I. 1603 starb, schrieb Shakespeare ihr bezeichnender Weise keine einzige Zeile des Gedenkens”.

*Welches Drama Shakespeares würden Sie als das katholischste bezeichnen?

“Sicher ist zuvorderst Maß für Maß zu nennen. Dieses Stück hat ürbigens Kardinal Schönborn auf den Brettern des Burgtheaters in seiner Dominikanerkutte ganz eindrucksvoll interpretiert. Das sensationelle an diesem Stück ist, dass seine Heldin eine Novizin ist. Seit Heinrich VIII. gab es in England keine Klöster mehr. Mönchen und Nonnen wurden seither ridikülisiert, nicht aber bei Shakespeare. Denn dort fungieren sie als Ratgeber und Tröster der Protagonisten. Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang noch, dass Shakespeare mit König Johann beispielsweise ein Lehrbeispiel für seine eigene Zeit gesetzt hat. Der König bricht mit Rom und wird, wie später Elisabeth I. exkommuniziert. Doch am Ende versöhnt er sich mit Rom und nimmt die Krone Englands aus der Hand des päpstlichen Legaten zurück.”

*Warum wurde der Faktor, dass Shakespeare Katholik gewesen ist, von der Forschung so lange übersehen? War die Zulassung seiner Theaterstücke am Hof von Königin Elisabeth I. nicht geradezu ein Beweis dafür gewesen, dass Shakespeare Protestant gewesen war?

“Shakespeares Katholizismus war im protestantischen England politisch unerwünscht. Wenn seine Stück bei Hofe aufgeführt wurden, läßt sich daraus natürlich nicht schließen, dass der Dichter Protestant war. Shakespeare hat dafür gesorgt, dass seine Dramen mit religionspolitisch explosivem Inhalt nicht bei Hofe gezeigt und erst sieben Jahre nach seinem Tod gedruckt wurden.”
*Warum meinten viele, Shakespeare stehe eher über der Religion und sei so etwas wie ein säkulärer Humanist oder aufgeklärter Agnostiker gewesen?

“Die tiefen, psychologischen wie philosophischen Einsichten Shakespeares mögen den Eindruck erweckt haben, als stehe er über der Religion. Sicher ist, dass Shakespeare das neue humanistische Gedankengut seiner Zeit rezipiert und geteilt hat. Aber ein aufgeklärter Atheist wie sein Dramatikerkollege Christopher Marlow war er mit Sicherheit nicht”.

*Welche besonderen menschlichen Eigenschaften würden Sie bei William Shakespeare hervorheben?

“Ich würde zuvorderst seine große Sensibilität gegenüber menschlichem Leid hervorheben. Dann aber auch seinen Wagemut, wenn es darum ging, das Überleben der alten katholischen Religion in England zu gewährleisten”.

Danke für das Gespräch.

Walter Pichler - Bildhauer, Architekt, Zeichner

Walter Pichler ist einer der bedeutendsten visionären Künstler der Gegenwart. Geboren wurde er vor 75 Jahren in Deutschnofen, im Eggental in Südtirol. Seine Familie wanderte im Zuge der Option nach Österreich aus. Nach seinem Abschluss an der Hochschule für Angewandte Kunst in Wien folgten Aufenthalte in Paris, New York und Mexiko. 1972 erwarb Pichler einen alten Bauernhof in St. Martin im südlichen Burgenland, wo er bis heute lebt und arbeitet. Hier verbringt er mehr Zeit als in seinem Atelier in Wien, hier schafft er eine ideale Umgebung für seine Skulpturen. Diese werden grundsätzlich nicht verkauft, sondern Walter Pichler baut für sie eigene Häuser. Der Künstler schickt seine Werke nur ungern zu Ausstellungen auf Reisen. Eine weitere Besonderheit Walter Pichlers: er arbeitet extrem langsam, benötigt manchmal Jahrzehnte für die Fertigstellung einer Skulptur. Die Zeit ist für ihn ebenso wichtig wie seine Werkstoffe: Holz, Stein, Lehm, Plastik, Eisen, Blei, Kupfer, Zinn und Zink. Er legt größten Wert auf handwerkliche Qualität und Genauigkeit. Den finanziellen Unterhalt bestreitet Pichler aus dem Verkauf von Skizzen, Plänen und Zeichnungen sowie der Gestaltung von Büchern, zunächst für den historischen Residenz-Verlag und jetzt für „Jung und Jung“. Lehraufträge an Universitäten und staatliche Auszeichnungen hat er fast immer abgelehnt, mit Ausnahme des Großen Österreichischen Staatspreises für Bildende Kunst 1985.

Wer mit Walter Pichler spricht, begibt sich in eine virtuelle Welt. Denn die Werke dieses Bildhauers sind Produkte futuristischer Visionen. Pichler ist einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart – und wäre es lieber nicht. Er will schon lange nicht Künstler genannt werden – denn den „meisten geht es ja nur darum, möglichst bald reich und berühmt zu werden. Aber das sei doch das ödeste Ziel, das sich jemand setzen kann, meint Walter Pichler ohne lange Umschweife. Seine Aufgabe sei es hingegen, in der Entfernung der Macht zu leben, mit größter Skepsis alles zu beurteilen und in langwierigen Arbeitsprozessen zu formulieren. Worum also geht es dem Visionär Walter Pichler wirklich?

„Das ist sehr schwer zu beantworten. Ich kann nur ganz wenige Sachen. Auf die möchte ich mich reduzieren. Und wenn das was wert ist - von meiner Sicht aus was wert ist – dann habe ich das erreicht, was ich wollte“

Sie sagten, dass die meisten Künstler weltbekannt werden wollten und reich werden wollten und das sei nicht Ihr Ziel.

„Das stimmt. Das ist mir zu einfach muss ich ehrlich sagen. Ich weiß wie ich heiße, ich brauche meinen Namen nicht permanent hören und die Welt lässt mich ganz gut leben von der Arbeit, die ich mache. Ich lebe ausschließlich von Zeichnungen – also lebe ich von dem Weg, der dort hinführt, um mich in den Zustand zu versetzen, eine Plastik machen zu können. Wenn mich jemand fragen würde, welchen Beruf ich habe, würde ich immer noch Bildhauer sagen“.

Herr Pichler, die Zeit, die Figur und der Raum sind die Hauptakteure in Ihrer Welt: Ich denke, die Reihenfolge ist so richtig. Was ist für Sie die Zeit?

„Für mich ist die Zeit meistens Arbeitszeit. Ich bin - wie gesagt- nicht sehr fähig zu denken, wenn ich nicht arbeite.Und ich habe mir eine Disziplin ausgesucht, die sehr zeitaufwendig ist und in der man das Ergebnis nicht sofort sieht. Also das Produkt ist oft jahrelang zu erwarten. Dann bin ich immer noch nicht damit einverstanden und fange wieder eine neue Arbeit an, wo ich vielleicht diesen Punkt, diesen Kern, auf den ich losgehen wollte bei der vorhergehenden Skulptur mit den neuen Erkenntnissen jetzt besser beurteilen kann. Ich glaube, dass man einiges lernt, wenn man arbeitet.“

Werden Sie manchmal ungeduldig bei Ihrer Arbeit, wenn Sie merken, dass sie doch mehr Zeit beansprucht, als vorgesehen?

„Ich werde manchmal ungeduldig, so wie jetzt, wenn ich eine Ausstellung habe. Von Zeit zu Zeit brauche ich eine Ausstellung, um nicht ganz nur mehr selbstbezogen zu sein. Deshalb brauche ich eine Ausstellung, die eine Art Test darstellt. Da habe ich mir dann meistens ein sehr genaues Programm vorgenommen. Wenn dieses Programm dann unter Zeitdruck kommt, das habe ich nicht so gern. Jetzt ist mir das so passiert, weil ich mir den rechten Arm gebrochen habe. Da konnte ich nicht so arbeiten, wie ich es mir vorgenommen habe.“

Herr Pichler, Sie gelten als der große Einzelgänger unter Österreichs Künstlern. Jede Skulptur aus ihrer Hand erhält auf Ihrem Grundstück im Burgenland ihr eigenes Haus, ihren eigenen Platz, in dem sie wirken kann. Sie verkaufen keines Ihrer Werke, Sie scharen sich um Ihre Produkte wie ein Patriarch um seinen Familienkreis. Völlig undenkbar, dass Ihre Figuren in einem Museum oder in einer Privatsammlung eine neue Heimat fänden. Das ist ein radikaler Weg: eine Antithese zum gängigen Kunstmarkt….

„Es wäre nicht undenkbar…aber die Umstände, die ich meistens vorfinde, lassen diese Skulptur nicht mehr erkennen. Früher habe ich immer Modelle gebaut und gedacht: wie wäre der ideale Raum für diese Skulptur. Habe viele Zeichnungen gemacht und Modelle gebaut, das ist nicht sas gleich wie eins zu eins. Wenn man in einem Raum hineingeht und die Tür aufmacht und nichts mehr sagen muss:dann erst sieht man, wie ich es gemeint habe. Nicht in allen Fällen, aber es gibt Beispiele, wo ich das sagen kann“.

Leonardo da Vinci und viele Künstler seiner Zeit sahen sich nicht als Vollstrecker der Wünsche ihrer Auftraggeber, sondern als Anwalt einer neuen Kunst von eigenem Recht. Sie arbeiteten nicht für ihre Auftraggeber, sondern für eine Öffentlichkeit, die sich noch lange Zeit später für ihre Werke begeistern sollte. Kann der modernen Kunst ein ähnliches Schicksal beschieden sein?

„Ein harter Vergleich. Aber, das ist nicht in meinem Blickfeld, muss ich ehrlich sagen. Ich bin nicht mein eigener Historiker.Ich denke nicht daran. Ich bin verpflichtet, gegenwärtig mit meiner ganzen Konzentration und meinen Möglichkeiten das zu machen, was ich machen kann. Und etwas auf die Erdoberfläche zu stellen, das vielleicht noch nie da war. Dann wäre ich schon zufrieden. Die weitere Entwicklung meiner Arbeit kann ich nicht kontrollieren, deshalb interessiert es mich auch nicht besonders.“

Sie werden im Zusammenhang von Spiritualität und Avantgarde einmal mit dem Satz zitiert: Religiosität ist heute nur noch in der Kunst möglich. Das klingt einschränkend…Es gibt doch eine uralte Gegenseitigkeit von Kunst und Religion, oder?

„Die ist leider nicht zu sehen. Wenn man die Kirche sieht, welche Aufträge sie gegeben hat, in der letzten Zeit, sind sehr wenige Beispiele dabei, die von Kenntniskunst wissen und umgekehrt, die Künstler wissen sehr wenig, sind kaum gebildet über Religion“.

Es ist jetzt – seit kurzer Zeit – im Vatikan ein Kulturminister im Amt – Kardinal Ravasi – der kühne Schritte wagen will: er will religiöse Kunst auf der nächsten Biennale von Venedig, dem Schaufenster der Welt der Kunst schlechthin, sichtbar machen. Das wäre doch ein kühner Schritt, für den Vatikan, oder?

„ Ich habe eine sehr strenge katholische Kindheit gehabt.Das ist sehr wichtig für mich. Ich bin nach wie vor ein guter Bibelleser und weiß wenigstens in jenen Punkten, wo ich mich von der Religion entfernt habe – wo es mir schwer fällt, Mitglied einer Konfession zu sein – habe ich versucht, zu wissen, von was ich mich entferne oder wo ich Distanz einlegen muss. Das ist mir gegenwärtig wichtig“

Könnten Sie sich vorstellen, dass eine Ihrer Skulpturen oder Zeichnungen – vorübergehend – in einer Kirche wirkungsvoll aufgestellt werden könnte?

„Das würde ich nicht machen. Ich habe viele Angebote bekommen. Auch Kirchen zu bauen. Man ist mir von der Kirche mit großem Wohlwollen entgegengekommen. Aber, gerade meine Arbeit darf ich nicht zu einer konfessionellen Arbeit machen, sonst denunziere ich sie“.

Sie haben einmal ein Kreuz aus Metall gefertigt, das als Meisterwerk bezeichnet wird. Ein Brückenschlag zwischen Kirche und Kunst?

„Es zeigt meine Beziehung zur Religion ziemlich gut.“

Und das wäre?

„Große Würde und Respekt. Aber doch große Distanz“.

Welche Grundwerte halten Sie für die wichtigsten im Leben eines Menschen?

„Ich halte Respekt und Würde für die wichtigsten. Und Anteilnahme. Ich brauche zum Beispiel, um meine Arbeit zu machen – manchmal muss ich fast hochmütig sein. Aber diese Portion Hochmut, die man dafür braucht, um etwas angehen zu können, darf man nicht weiter transportieren. Hochmut ist etwas, was schon mit Schöpfertum zu tun hat. Da nimmt man sich so Ähnliches heraus, was schon die Schöpfung gemacht hat.“

Hatten Sie oder haben Sie Vorbilder?

„Für mich ist Constantin Brancusien einer der großen Bildhauer.“

Der rumänisch-französische Bildhauer. Herr Pichler, während die Welt über die Kunst Walter Pichlers gut informiert ist, weiß man über den Menschen Walter Pichler relativ wenig. Gibt es eine Skulptur, sie Sie möglicherweise autobiographisch darstellt oder würden Sie selbst gerne hier ein kurzes Portrait Ihrer Persönlichkeit weitergeben?

„Ich gebe die Liebe ein bisschen zu sehr einseitig aus.Und du hast die Liebe nicht, dann bist du ein tönernes Erz und eine Schelle. Aber, es ist sehr schwer diese Liebe in Menschenliebe und Sachliebe zu teilen.“

Könnte eine Beschreibung über Sie etwa so lauten: Freiheit in der Kunst und Unabhängigkeit im Leben: das sind die wichtigsten Koordinaten im Wertesystem von Walter Pichler?

„Ja, ein großes Anliegen ist mir Unabhängigkeit. Weil dann, bin ich mir selbst verantwortlich. Wenn isch mich ausreden kann auf viele Dinge, dann ist die Verantwortung auch nicht groß“.

Vor einem Jahr wurde im Landesmuseum Schloss Tirol bei Meran eine Ausstellung gezeigt – sie ist jetzt um ein Jahr verlängert worden – die Ihrer Mutter gewidmet war. Welches Verhältnis hatten Sie zu Ihrer Mutter, zu Ihrem Elternhaus?

„Meine Mutter war eine sehr eindrucksvolle Person. Sie hatte es nicht leicht gehabt. Besonders die Auswanderung, die Option…das hat ihr gar nicht gefallen. Sie wollte gar nicht weg von Südtirol. Aber mein Vater musste aus wirtschaftlichen Gründen das Land verlassen. Er war auch mit den Italienern in Äthiopien und Abessinien damals und hat die Nase voll gehabt. Und dann sind wir nach Nordtirol und dann ist das Gleiche weiter gegangen. Aber eine der wichtigsten Merkmale meiner Mutter war, dass sie absolut unbestechlich war in ihren politischen Ansichten. Sie hat immer ohne jeden Zweifel gesagt, diese Leute sind Gottlose. Das war das Schlimmste für sie. Rückblickend war es gut, dass sie als Kind schon – mitten in dem Mist – gehört hat, dass das gottlose Menschen sind, mit denen man nichts zu tun haben darf. Mit den Faschisten in Italien und den Nazis in Deutschland.“

Ihre nächste Ausstellung wird ab 26. September im Museum für Angewandte Kunst in Wien gezeigt.Rechtzeitig zu Ihrem 75. Geburtstag. Auch von unserer Seite, herzlichen Glückwunsch.

Aldo Parmeggiani

Franz Liszt – Zum 200. Geburtstag

Franz Liszt – dessen 200. Geburtstag in diesem Jahr gefeiert wird - stammte aus dem damals ungarischen Dorf Raiding im heutigen österreichischen Burgenland, doch zu Hause war er stets in Europa. Er war der erste wirklich europäische Komponist. Liszt begann seine Laufbahn als achtjähriges Wunderkind und wuchs zum Klaviervirtuosen allerersten Ranges heran. Als "Paganini des Klaviers" war er - vergleichbar mit heutigen Popstars - eine der berühmtesten Persönlichkeiten des 19. Jahrhunderts überhaupt: Die Frauen lagen ihm zu Füßen und Kunstfreunde vergötterten ihn bis zur Hysterie. Später entsagte er dem weltlichen Ruhm und Glamour und lebte zeitweise abgeschieden in römischen Klöstern, empfing sogar die Weihen des niederen Klerus' und trug den Titel "Abbé". Über sich selbst sagte er "zur Hälfte bin ich Franziskaner, zur Hälfte Zigeuner".

Franz Liszt, einer der ganz großen Pianisten des 19. Jahrhunderts und einer der bedeutenden Komponisten seiner Epoche, war eine außrgewöhnlich charismatische Persönlichkeit; Während jene Jahre, in denen Liszt als gefeierter Klaviervirtuose durch Europa reiste oder als Komponist und Hofkapellmeister in Weimar wirkte, bekannt und gut dokumentiert sind, wurde den mehr als 25 Jahren, die er in Rom verbrachte, bislang wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Diese kulturelle Lücke schließt jetzt eine opulent ausgestattete Bildchronik, eine monumentale Glanzausgabe – mit dem Titel: Franz Liszt – die Jahre in Rom und Tivoli – aus dem Schott-Verlag in Mainz. In kenntnisreichen Texten und zahlreichen, überwiegend unveröffentlichten Bilddokumenten wird erstmals das Leben und Wirken dieses Künstlers in der ‘Ewigen Stadt’ geschildert, in der Liszt sich dem Katholizimus zuwandte. Die Partitur dazu schrieb der bekannte Pianisten und Schriftsteller Ernst Burger.

„Er war vom Anfang an, er war schon als jun ger Mensch, er war immer ein tiefgläubiger Mensch. Aber hier in Rom hat er sich besonders dem Katholizismus zugewandt und legte alle Äußerlichkeiten ab. Er wurde natürlich nach wie vor von den Menschen verehrt, er wurde eingeladen in die Salons und in die Aristrokatie, er wurde nach wie vor von Frauen umschwärmt, und führte hier ein anderes Leben als früher, als er als Virtuose auftrat. Und hier in Rom hat er hauptsächlich komponiert, hat sich dann in die Villa d Este zurückgezogen und führte hier in Rom ein ganz besonderes Leben“.

Soweit also Ernst Burger über die Jahre von Franz Liszt in Rom und Tivoli, erschienen in dem eben erst erschienenen großartigen Kunstband im Mainzer Schott-Verlag. In religiöser Hinsicht sind zwei Kapitel von Liszts vielschichtiger Biografie besonders bemerkenswert: Ein markanter Einschnitt war der Tod seines erst 50-jährigen Vaters in Frankreich. Er war der ehrgeizige Förderer seines Sohnes. Franz Liszt zog sich in der Folge aus dem grellen Licht der Konzertsäle zurück. Den größten Einfluss auf ihn übte Abbè de Lammenais aus, dessen Buch ‘Worte eines Glaubenden’ Liszt mit Begeisterung las. Er erwog schon damals, selbst Priester zu werden und sich der Kirchenmusik zu widmen. Nach künstlerisch und privat turbolenten Wanderjahren mit Wohnsitzen in der Schweiz, in Italien und schließlich in Waimar übersiedelte Liszt mit seiner Seelenverwandten und Geliebten Carolyne zu Sayn-Wittgenstein nach Rom. Die lange gelante Heirat mit der polnischen Fürstin kam jedoch nicht zustande, die am 50. Geburtstag Franz Liszts in der Kirche San Carlo in Rom angesetzte Hochzeit wurde kurzfristig abgesagt. Ein dumpfer Schicksalsschlag für beide.

„Er blieb zunächst in Rom, wahrscheinlich um die Fürstin zu trösten, die natürlich totungklücklich darüber war, denn sie hat die Jahre um die Annulierung dieser Ehe gekämpft. Aber anschließend mag Liszt Gefallen an Rom gefunden haben, an dem schönen Klima, an dem Umgang mit der Geistlichkeit, er hat mit Kardinälen verkehrt, Gefallen an der schönen Stadt und war bald wieder umschwärmt von den Malern und Künstlern, die damals in Rom lebten. Also, er galt bald als eine bekannte Persönlichkeit hier in Rom und es gibt ja viele Berichte darüber, dass Reisenden, die aus Rom zurückkehrten, die Frage gestellt wurde: Haben Sie Liszt in Rom gesehen? Er gehörte also sozusagen bald zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt, natürlich auch auf Grund seiner äußerlichen Erscheinung. Zum Beispiel hat er einmal Hans von Bülow geschrieben: Adressieren Sie einfach Franz Liszt Rom - so bekannt war er bald in Rom“.

Liszt blieb bis 1870 überwiegend in Rom und führte gemäß den ‘zwei Seelen in seiner Brust’ ein teils mondänes, teils mönchisches Leben. Im Sommer 1863 zog er sich in das Kloster Madonna del Rosario auf dem Monte Mario zurück, wo ihn auch Papst Pius IX. besuchte. Quartier bezog er auch im Vatikan und im Kloster Santa Francesca Romana auf dem Forum Romanum. Nach weiteren Konzertreisen empfing Franz Liszt von Pius IX. persönlich die niederen Weihen und wurde damit nicht-zölibatärer Kleriker. Er trug fortan das Kollar und ließ sich Abbè nennen.

„Ich möchte vor allen Dingen seine Großzügigkeit betonen und auch seine Uneigennützigkeit - er lebte stets anspruchslos hier in Rom. So spektakulär seine Wohnungen auch waren, er besaß nie ein eigenes Mobilar, war mit allem zufrieden, die Wohungen waren sehr schön, aber auf Einrichtiung legte er überhaupt keinen Wert. Und als besondere Eigenschaft möchte ich noch auch seine äußere Anspruchslosigkeit im Alter betonen. Es gibt zum Beispiel Berichte, wo er mit seinem Diener gereist ist - und er hat dann im Hotel gesagt: Bitte ein schönes Zimmer für meinen Diener und für mich ein anspruchsloses Zimmer. Er war Zeit seines Lebens ein tiefgläubiger Mann. Er hat zum Beispiel jeden Tag die Messe besucht in der Früh. Das hat er auch schon in Weimar gemacht, bevor er das priesterliche Gewand gewählt hat.In Tivoli, in dieser kleinen Kirche neben der Villa d Este und hier in Rom in der Kirche San Carlo al Corso. hat im Brevier gelesen. Also seine Gläubigkeit war in keiem Fall gespielt, sondern sie war echt“.

Der Umfang von Liszts religiös inspirierter Musik ist beeindruckend: Neben zahlreichen Chorwerken, Messen, Oratorien und Psalmen gehören dazu auch Klavierkonzerte für Klavier und Orchester sowie gregorianische Melodien. Herausragend sind etwa die Missa somenis, die neben den Messen von Anton Bruckner zu den Höhepunkten der Kirchenmusik des 19. Jahrhunderts gezählt wird. Große Verbreitung fand auch die Ungarische Krönungsmesse, in der der Tonkünstler Melodien im Stile der Ungarischen Rhapsodien verwendete. In dieser Zeit komponierte Liszt auch seine Oratorien ‘Legende von der Heiligen Elisabeth’ und ‘’Christus’. Franz Liszts Spätwerk – fast durchwegs Sakralmusik – greift häufig Themen rund um Tod und ewigen Leben auf, der große Komponist fand dafür eine eigenwillige musikalische Sprache.

„Man kennt viele seiner wirklich wertvollen Werke nicht,aber seine besten Werke - zum Beispiel die H-Moll-Sonate - sind den besten Werken Schumanns und Chopins zur Seite zu stellen.Und diese falsche Beurteilung von Liszt kommt hauptsächlich daher, dass er sehr beneidet wurde.Alfred Brendel hat einmal gesagt, er gilt als der größte Neiderreger in der Musikgeschichte, weil ihm alle Attribute fehlen, die man gewöhnlich von einem Genie erwartet: Und außerdem kommt hinzu, dass sein großer Ruhm als Pianist, sein Können als Komponist verdunkelte. Beides, ein großer Komponist und ein großer Pianist - soviel konnte man von einem Menschen nicht erwarten,sowas mutete man ihm nicht zu. Eigenschaften, die den Nachruhm der Genies zu garantieren pflegen, also zum Beispiel Mozarts früher Tod, Mozarts Verarmung, Beethovens Taubheit, Schumanns Wahnsinn - Liszts Leben bietet dem Mitleid zu wenig Nahrung, so möchte ich sagen“.

Ernst Burger über die Jahre von Franz Liszt in Rom und Tivoli in dem eben erst erschienenem großartigen Kunstband im Mainzer Schott-Verlag.

Im Zuge einer Reise zu dem von seiner Tochter Cosima Wagner geleiteten Bayreuther Festspielen starb der zu diesem Zeitpunkt schon schwerkranke Liszt am 31. Juli 1886 mit 75 Jahren. Er wurde am 3. August in Bayreuth beigesetzt, bei der Totenmesse spielte Anton Bruckner an der Orgel.

Stimmen der Zeit

„Wisst Ihr einen Musiker, der musikalischer sei, als Liszt?, der alles Vermögen der Musik reicher und tiefer in sich verschließe, als er? Der feiner und zarter fühle, der mehr wisse und könne, der von Natur begabter und durch Bildung sich energischer entwickelt habe, als er? Könnt ihr mir keinen zweiten nennen, so vertraut euch doch diesem einzigen – der noch dazu ein viel zu nobler Mensch ist, um euch zu betrügen – und seid sicher, dass ihr durch dieses Vertrauen da am meisten bereichert sein werdet, wo ihr, mißtrauisch, jetzt Beeinträchtigung fürchtet!”.

Richard Wagner

„Natürlich war Liszt kein Heiliger. Dennoch gibt es keinen Komponisten, dem ich lieber begegnet wäre. Sein Geltungsbedürfnis, der Glanz seiner magnetischen Wirkung wurden in Zaum gehalten durch einen Zug von Selbstlosigkeit und Demut. Welcher andere Musiker hat so oft und so großmütig anerkannt, so gern seine Gaben mit anderen geteilt? Wer sonst hätte die ‘Bitternis des Herzens’, die persönlichen und künstlerischen Enttäuschungen seiner späteren Jahre mit so imponierender Fassung getragen, wer die Kraft gehabt, aus den Exzessen seiner Virtuosenzeit die Konsequenzen zu ziehen: vom Konzertpodium abzutreten und, im Spätwerk, alle übeflüssigen Noten der Vergangenheit in einer Kargheit abzubüßen, die die Musik bis an den Rand des Verstummens bringt “.

Alfred Brendel

(Aldo Parmeggiani)

Angelika Pokropp-Hippen - Therapeutin der Seele

Ein jeder Mensch hat das Recht auf Leben. So steht es im Grundgesetz Artikel 2,2., und so steht es auch in den Zehn Geboten der christlichen Glaubenslehre. Ein jeder Mensch hat das Recht auf Leben – auch das noch ungeborene Kind.
Die katholische Kirche lehnt die Tötung eines Menschen in jedem Fall ab und bezeichnet Abtreibung als ein verabscheuungswürdiges Verbrechen. Für die katholische Kirche ist ein jedes Leben, auch das kranke oder behinderte, auch das Leben im Alter, von Gott her gesehen, lebenswert, und der Mensch handelt anmaßend, wenn er sich zum Herrn über das Leben überhebt.
Nicht nur die Kirche, auch die Wissenschaft stellt klar, dass das Leben eines Menschen mit der Zeugung beginnt. Schon 21 Tage nach der Zeugung ist der Herzschlag festzustellen. Der werdende Mensch ist zwar klein, aber im Wesentlichen schon durchgebildet.
Das ungeborene Kind ist demnach das eigentliche Opfer einer jeden Abtreibung. Das zweite Opfer ist jeweils die Frau, die eine Abtreibung vornimmt. Viele Frauen kommen seelisch nicht darüber hinweg. Es gibt zahlreiche Beispiele, wo Frauen sich in einer ganz schwierigen Lage für das Kind entschieden und es nie bereut haben. Leider gibt es auch zahlreiche andere Beispiele, wo sich Frauen gegen das Kind entschieden haben, es nachher bitter bereuten und nie mehr rückgängig machen konnten.
Abtreibung ist eine tiefe soziale Wunde. Doch nicht nur Frauen sind betroffen. Auch Männer, deren Frauen eine Abtreibung vornehmen ließen, können schwer an der Last tragen, dass sie eigentlich Vater wären, ihr Kind aber nie geboren wurde. Weltweit werden nach jüngsten Schätzungen pro Jahr über 50 Millionen Kinder abgetrieben. Bei einem Schwangerschaftsabbruch handelt sich vorwiegend um eine „geistliche“ Schuld. Das hinterlässt Spuren, sagt die in Münster wirkende Ärztin und Psychotherapeutin Angelika Pokropp-Hippen, die sich auf die Betreuung und Begleitung von Menschen nach einer Abtreibung spezialisiert hat. Nicht alle Frauen, die abgetrieben haben, brauchen eine Therapie, so Pokropp-Hippen. Aber für 80 Prozent von ihnen ist es eine schwere traumatische Erfahrung, mehr als 20 Prozent tragen - ihren Erkenntnissen zufolge - dauerhafte psychische Schäden davon. Heute spricht Angelika Prokopp-Hippen mit uns über ihre Gedanken und über therapeutische Forschungsergebnisse zu diesem heiklen menschlichen, wissenschaftlichen und religiösem Thema, für das der Begriff „Post Abortion Syndrom“ geprägt wurde.

„Ich kenne eine Hebamme, die steht regelmäßig vor einer Abtreibungsklinik in München. Sie versucht im letzten Moment, die Frauen, die Männer zu einem Gespräch zu bewegen, um vielleicht doch noch einen Weg mit dem Kind zu finden. Sie macht das schon seit zehn Jahren. Es ist für sie immer eine tiefe Freude, wenn es ihr gelingt. Sie erlebt aber auch sehr häufig, dass es nicht gelingt. Und dann beobachtet sie auch die Menschen, die in diese Praxis hineingehen, sie beobachtet die Männer, die draußen stehen oder im Auto warten. Und beobachtet die Frauen, die wieder herauskommen; vor kurzem hat sie mir ein Bild geschildert, wie ein junges Pärchen in diese Praxis hineinging, sich auch nicht davon abhalten ließ. Sie gingen Arm in Arm hinein,und als sie wieder hinauskamen, die Frau sehr blass, da standen sie und warteten auf einen Taxi, und jeder schaute in eine andere Richtung.“

Szenen vor einem Krankenhaus in Deutschland, in dem Abtreibungen durchgeführt werden. Wer da spricht ist Dr. Angelika Pokropp-Hippen, Ärztin und Psychotherapeutin in Münster.

„Also was wichtig ist – nach einer Abtreibung - ist Versöhnung. Versöhnung auch auf verschiedensten Ebenen. Für dieses Klima der Versöhnung brauch ich auch ein Klima der Öffnung zu einem Gespräch. Denn nur das was ich erkenne und ausspreche – aussprechen heißt auch, dass ich jemanden habe, der mir zuhört – nur da kann wirklich ein Klima wachsen, wo ich dann zur Versöhnung finden kann. Versöhnung ist ja nicht etwas, was auf Knopfdruck geschieht, sondern es ist ein Weg, ein Prozess. Es gibt verschiedene Ebenen, wo nach einer Abtreibung diese Versöhnungsarbeit stattfinden muss. Sie muss in mir selbst stattfinden. Das ist auch das Allerschwierigste. Denn ein Teil von mir hatte ja der Abtreibung zugestimmt und ein anderer Teil war vielleicht ambivalent, war aber zu schwach. Dann muss die Versöhnung mit dem Partner stattfinden, der nicht die Initiative gefunden hat, zu sagen: das ist unser Kind, wir schaffen das. Oder: ich halte zu dir, auch wenn wir nicht zusammen leben, ich lasse dich nicht im Stich. Es ist auch die Versöhnung mit anderen, die zur Abtreibung geraten haben, oder die eben nicht geholfen haben, aus der Familie oder aus dem Freundeskreis. Es ist die Versöhnung mit sich selbst in Beziehung zu Gott, denn Gott – egal in welcher Konfession ich stehe – Gott wird immer als Quelle des Lebens erkannt und anerkannt. Und diese Quelle hat das Leben geschenkt und ich habe diese Quelle sozusagen zum Versiegen gebracht. Und dann ist auch eine Versöhnungsarbeit notwendig, die je nach Ausformung, je nach konfessioneller Ausrichtung oder je nach Religion ihre eigene Färbung und ihre eigenen Rituale hat. Aber die auch ganz wichtig ist. Ich muss mich auch mit meinem eigenen Leben wieder versöhnen. Das heißt: den Lebensfaden wieder aufnehmen.“

Versöhnungsarbeit
„Aber ich möchte auch betonen, dass nicht jeder, der daran leidet eine Abtreibung zu bedauern, eine Therapie braucht. Es braucht jeder einen Menschen, der spricht, der zuhört. Es wird sich dann zeigen, wenn ich mich öffne, wenn dann das Gespräch beginnt, inwieweit ich dann in das natürliche Trauern hineinfinden kann, und darüber auch Wege finden kann, die Trauer in mein Leben zu integrieren – denn das gehört zu einer natürlichen Trauerarbeit dazu. Dass der Verlust eines Tages integriert wird in mein Leben, ich dann mein Leben wieder fortsetze und dieses Verlorene ein Teil meines Lebens geworden ist. Aber ein versöhnter Teil. Wenn das aber nicht gelingt, wenn ich da stecken bleibe, wenn meine Gedanken und Gefühle kreisen, wenn ich dann körperlich und seelisch daran leide, dann ist der Punkt gekommen, dass ich Hilfe brauche. Und dann sollte auch Hilfe da sein. Also die Versöhnungsarbeit, die Heilung zur Versöhnungsarbeit setzt immer voraus, dass ich wirklich in der Tiefe eine Versöhnung erfahre. In der Tiefe meiner eigenen Seele, in der Tiefe meiner eigenen Lebensbeziehungen.
Und die allertiefste Lebensbeziehung, die wir haben, ist ja die Beziehung zu Gott: Ob sie uns bewusst ist oder nicht. Häufig ist es so, dass wenn ich anfange eine Abtreibung zu bereuen, ich auch nach meiner Gottesbeziehung suche. Weil – so wie es Johannes Paul II. im „Evangelium vitae“ ausgedrückt hat: es ist nichts verloren, die Kinder leben bei Gott, die Kinder bitten für euch bei Gott, sucht einen Weg, dass ihr zum Vater allen Erbarmens im Sakrament der Versöhnung Vergebung und Frieden findet. So sagt er es im katholischen Kontext. Das gilt für andere konfessionelle Ausrichtungen auf ihrer Seite, aber ich glaube, dass die Heilung der Gottesbeziehung etwas sehr, sehr Wesentliches ist, wenn es eine tiefe Versöhnung sein soll. Eine Versöhnung, die wirklich mein Leben lang, bis in meine Sterbestunde hineinträgt. Dann kann ich nämlich erleben, dass das geschieht, was wir in der Osternacht in der katholischen Kirche sagen: wir sagen, wenn wir die Osterkerze entzünden „glückliche Schuld, welch großen Erlöser hast du“. Ich kann also erleben, dass – so groß meine Schuld ist – die Erlösung durch Gott immer noch viel größer ist. Und das ist dann eine Tiefenerfahrung, die mich in vielen Konflikten meines Lebens, in vielen Wunden meines Lebens heilen wird. Aber nicht jede Therapie kann diesen Weg gehen, weil nicht jeder, der in eine Therapie kommt, religiös bewusst ist.
Ich glaube, dass jeder Mensch im Grunde religiös ist. Ich glaube, wir haben alle einen religiösen Kern. Aber es gibt viele Menschen in unserer Zeit, die keinen religiösen Zugang haben. Ihre religiöse Gottesbeziehung ist verschüttet. Und da muss man dann sehr sensibel die Menschen dort abholen, wo sie sind. Man darf sie nicht „zwangsevangelisieren“ und seine Meinung sozusagen zum Allheilmittel anbieten. Das werden sie nicht annehmen. Sie müssen in sich selbst diesen Weg in diese tiefe, innere, religiöse Ebene freilegen. Dabei kann man helfen.“

Das Sakrament der Versöhnung
„Ich kenne aber auch Patientinnen, die schon öfter gebeichtet haben, oder die Versöhnung mit Gott gesucht haben und die sagen: Gott hat mir vergeben, aber ich kann mir nicht vergeben. Da möchte ich vielleicht noch einen Impuls sagen dürfen: Schauen wir uns das Kreuz an. Das Kreuz besteht aus einer Horizontalen und einer Vertikalen. Die Horizontale ist die Versöhnung mit mir selbst, und die fällt Frauen oft schwer. Die Vertikale ist die Versöhnung, die ich von Gott erhalte. Die wird mir geschenkt, wenn ich Gott darum bitte. Wir katholischen Christen sagen auch, wenn wir im Sakrament der Versöhnung diese Freisprechung bekommen: aber was steht im Zentrum dieses Kreuzes, da wo sich die beiden Balken kreuzen, wenn ich jetzt mir selbst nicht vergeben kann? Dort wartet Christus. Er ist an dieses Kreuz gegangen, und er ist für mich zur Sünde geworden, um meine Sünde zu tragen. Auch die Sünde der Abtreibung findet Erlösung in seiner Liebe.“

Trauer um ein verlorenes Kind
„Ich schließe dann mit einem Gedicht: dieses Gedicht habe ich geschrieben, nicht nach einer Abtreibung, sondern nach einer Fehlgeburt, wo ich selbst ein Kind verloren habe. Aber ich denke, was ich ja schon zum Ausdruck brachte, die Trauer um ein vorgeburtlich gestorbenes Kind kann alle vereinen, die daran leiden und so widme ich es auch allen, die einen Verlust eines Kindes leiden, sei es nach einer Abtreibung, oder sei es nach einer Fehlgeburt.

An mein totgeborenes Kind und seine Engel:

Du großer Engel, wenn Du zurückfliegst in das Licht
sag meinem Kind, dass ich es liebe.
Du großer Engel, wenn Du sein Lachen hörst
still meine Tränen mit seinem Glück.
Du großer Engel, deck seinen kleinen Leib
mit Deinen Flügeln zu.
Nie sah ich seine Augen, nie hege ich seine Hand.
nie spürte ich seinen Atem.
Du großer Engel, ich danke Dir,
dass Du seine Seele zu meiner Seele begleitest.
Ich danke Dir, dass Du die Brücke bist,
dass Du der Helfer bist. Dass in Deiner Gottesnähe
mein Kind geborgen ist. Amen“

(rv 03.07.2011 ord)

Harald zur Hausen – Nobelpreisträger in Medizin

 

Vor zwei Jahren wurde der Krebsforscher aus Heidelberg, Harald zur Hausen, - heute 75 Jahre alt – mit dem Nobelpreis für Medizin ausgezeichnet. Der Tumorvirologe erhielt diese höchste Auszeichnung für sein Lebenswerk. Er trat den Beweis an, dass Krebs auch durch Viren ausgelöst werden kann. Ein medizinisches Dogma war gebrochen. In dem vor zwei Tagen aufgenommenen Gespräch nimmt Harald zur Hausen auch auf eine Frage Bezug, die sich in diesen Tagen förmlich aufdrängt: auf den sogenannten EHEC-Erreger, über dessen Herkunft noch keine Gewissheit herrscht, wohl aber zahlreiche Spekulationen kreisen. Können Sie dazu gleich einige kurze Worte sagen?

„Der Erreger selbst ist anscheinend auf eine Rekombination von spezifischen Bakteriengenen zurückzuführen, die in der Natur leider auch immer wieder einmal stattfinden. Also hier hat sich ein sehr virulenter Erregertyp herausgebildet. Wesentlich ist natürlich die Ursache der Infektion festzustellen und zu sehen, dass wir wirklich auch die Quelle bekämpfen können, aus der diese Infektion stammt. Es sind zu viele Spekulationen hier herumgereicht worden, es fehlen noch die stichhaltigen Ergebnisse, also es ist sicher eine wesentliche Aufgabe des öffentlichen Gesundheitsdienstes hier mit Nachdruck weiter nachzuforschen”.

Herr Professor zur Hausen, Sie sind 2008 mit dem Nobelpreis für Medizin in Stockholm ausgezeichnet worden. Sie haben erkannt, dass der Gebärmutterhalskrebs, an dem zahlreiche Frauen erkranken, auch durch Virusinfektionen ausgelöst werden kann. Ihre Forschung hat es ermöglicht, einen Impfstoff gegen einen der häufigsten Krebserkrankungen zu entwickeln. Dieser Impfstoff wird seit etwa fünf Jahren angewandt. Bis dahin war es ein langer Weg. Ist es möglich, heute schon annähernd zu schätzen, wie viele Menschenleben durch Ihre Entdeckung gerettet werden konnten?

„Wir wissen heute, dass praktisch alle Gebärmutterhalskrebse durch Papillomviren ausgelöst werden. Praktisch 100 Prozent sind positiv für diese Viren. Durch den Impfstoff werden derzeit etwa 70 Prozent der hochgradigen Vorstufen des Gebärmutterhalskrebses verhütet. Wir gehen davon aus – weil die Zeitspanne noch nicht lang genug ist, um das bewerten zu können - dass ein ähnlicher Prozentsatz an Krebs auch verhütet wird. In der Zukunft werden sicherlich Stoffe zur Verfügung stehen, die im breiteren Umfang noch schützen als 70 Prozent”.

Ihr heilbringender Impfstoff richtet sich gegen das sogenannte humane Papillonvirus HPV – das Sie eben genannt haben. Würden Sie uns bitte kurz erklären, was darunter zu verstehen ist?

„Das sind bestimmte Typen von Viren, die ganz spezifisch durch Sexualkontakte übertragen werden. Und hier sind es vor allem die Typen 16 die zu 50 Prozent bei Gebärmutterhalskrebs vorliegen. und 18, die in etwa 20 Prozent vorliegen. Darüber hinaus besteht aber eine gewisse Kreuzreaktion mit drei weiteres Typen, die auch beim Gebärmutterhalskrebs eine gewisse Rolle spielen, die Typen 31, 33 und 45. Sodass wir eigentlich davon ausgehen, dass der Impfschutz zur Zeit etwa gegen 80 Prozent der Gebärmutterhalskrebs-Erkrankung vorliegen dürfte. Das muss allerdings in der Zukunft noch klar bestätigt werden”.

Ab welchem Alter würden Sie den Zeitpunkt für eine Impfung empfehlen?

„In der Regel wird heute empfohlen im Alter zwischen neun und zwölf Jahren, hier in Deutschland zum Beispiel, zwischen zwölf und siebzehn Jahren, was ich für relativ spät halte. Also ich würde für die Altersgruppe zwischen neun und zwölf Jahren für ganz besonders geeignet für die Impfung halten”.

Kann sich denn jedes Mädchen, jede Frau die HPV-Impfung finanziell leisten? Auch in Ländern der sogenannten Dritten Welt?

„Leider ist der Impfstoff außerordentlich teuer und im Augenblick für viele Bereiche der Dritten Welt wirklich unerschwinglich. Ich habe gerade heute Morgen erst gesehen, dass eine der Firmen, die diesen Impfstoff herstellt, über eine internationale Allianz für die Imunisierung in Genf Impfstoffe zur Verfügung stellt, die vermutlich nur fünf Dollar pro Impfung kosten werden. Das wäre natürlich ein gewaltiger Fortschritt, wenn sich das so bestätigt, wie heute die Meldung durchkam. Dann würden in der Tat ein großer Teil der Bevölkerung geimpft werden können, die für diese Impfung in Frage kommt”.

Gilt der von Ihnen entwickelte Impfstoff auch gegen männliche Krebserkrankungen?

„Ja, er gilt auch gegen männliche Krebserkrankungen und zwar in besonderer Weise gegen Krebserkrankungen in der Aftergegend, auch in einem gewissen Umfang des Penis, und darüber hinaus im hinteren Mundbereich vor allem in den Mandeln. Hier ist der Impfstoff sicherlich sehr wirksam. Männer reagieren in gleicher Weise wie Frauen, sie sind natürlich auch Überträger der Infektion. Im Prinzip, wenn wir nur Junge impfen würden, würden wir wahrscheinlich einen gleichen, oder fast noch besseren Effekt erreichen, als wenn wir nur Mädchen impfen”.

Die Diagnose und Therapie von Krebserkrankungen haben sich zwar deutlich verbessert, nach wie vor kann laut Statistiken jedoch  jeder zweite Krebspatient nicht erfolgreich behandelt werden. Welche Erfolgsaussichten prognostizieren Sie für die Zukunft? Wird man eines Tages den Krebs ganz besiegen können?

„Also den letzten Punkt kann ich nicht klar beantworten. Im Augenblick spricht nichts davon, dass in absehbarer Zeitspanne dies geschehen kann, der Krebs also ganz besiegt werden kann. Ich gehe aber davon aus, dass vor allem in der Prävention, also an der Vorbeugung des Krebses in Zukunkt deutliche Fortschritte erreicht werden können. Vorbeugung ist immer besser  und auch weniger kostenfordernd. Ich gehe aber auch davon aus, dass die Krebsbehandlung in Zukunft noch deutlich verbessert werden kann. In welchem Umfang ist jetzt schwer vorauszusagen”.

Welche Voraussetzungen benötigen Forscher in der heutigen Zeit, um eine große Entdeckung – wie sie Ihnen gelungen ist – zu realisieren?

„Sie benötigen auf der einen Seite eine gute Förderung, auf der anderen Seite natürlich auch einen hohen persönlichen Einsatzund geeignete Möglichkeiten ihre Forschungen in einer guten Umgebung durchführen zu können”.

Wie sieht es in der Praxis aus, welche charakterlichen Eigenschaften muss ein Forscher auf jeden Fall besitzen, um Erfolg zu haben?

„Ich denke, dass unkonventionelles Denken, Präzision, Geduld und Beharrlichkeit ganz gewiss dazu gehören. Die Beharrlichkeit ist vielleicht ein ganz wichtiger Punkt, denn gerade die jungen Wissenschaftler stehen heute unter einem gewaltigen Druck rasch und schnell in besonders guten Journalen zu publizieren. Und das steht gelegentlich einem beharrlichen und langfristigen Forschungsprogramm entgegen”.

Welchen Stellenwert messen Sie dem Zufall auf Ihrem Lebensweg bei ?

„Soweit es meinen persönlichen Lebensweg betrifft eigentlich sehr wenig. Denn eigentlich waren unsere Forschungen relativ lange voraus geplant und sind auch sehr kontinuierlich über Jahrzehnte verfolgt worden. Also es ist hier vergleichsweise wenig der Zufall im Spiel gewesen”.

Was ist dem Menschen Harald zur Hausen außer der Wissenschaft und Forschung noch wichtig?

„Eine ganze Reihe von Punkten: ich bin auf der einen Seite ein leidenschaftlicher Tierfotograf, ich liebe klassische Musik, übrigens in besonderer Weise italienische Opernarien, darüber hinaus bin ich ein großer Landschafts- und Gartenfreund, lese viel und vor allem bin ich ein sehr intensiver Safari-Liebhaber. Das heißt meine Frau und ich – meine Frau stammt aus Südafrika – wir sind eigentlich jedes Jahr in einem der afrikanischen Länder – wo wir zwei Wochen lang in einer der großen Wildnis-Safari mitmachen. Das ist jedes Mal ein großes Erlebnis für uns beide”.

Für Radio Vatikan nun eine besonders wichtige Frage: der Widerspruch zwischen dem, was Sie als junger Mensch im Religionsunterricht hörten und dem, was Sie aus den Naturwissenschaften erfahren haben, bedeutete Ihnen immer eine Herausforderung und bestimmte Ihr Denken, heißt es in einer Biografie über Harald zur Hausen. Glaube und Vernunft würden sich nicht widersprechen, betont Papst Benedikt XVI. immer wieder. Sind Sie auch dieser Meinung?

„Auch nach meiner Meinung müssen sich Glaube und Vernunft nicht widersprechen. Allerdings gibt es eine Reihe von Schwierigkeiten, die wissenschaftlichen Ergebnisse der heutigen Zeit, vor allem auf dem Gebiet der Molekularbiologie und der Genetik, mit einigen der Glaubensgrundsätze in Einklang zu bringen. Und darüber in der Tat grübele ich sehr viel. Und habe auch darüber geschrieben, dass es hier eine Reihe von Punkten gibt, die eine Herausforderung für das Denken darstellen. Wenn Sie etwa die Berichte über die Wunder im Neuen oder im Alten Testament betrachten, ist das ein Punkt, der eigentlich nicht so ohne weiteres mit wissenschaftlichem Denken in Einklang zu bringen ist. Wenn man sich die Entstehung des Weltalls vor Augen führt, die heute auf einen Urknall zurückgeführt wird, die von dem Glauben her als genialer Schöpfungsakt betrachtet wird, von der Wissenschaft heute als ein noch unverstadenes Phänomen betrachtet wird, sind einige Schwierigkeiten da, das gemeinsam zusammen zu bringen. Es sind eine Reihe von Punkten, die einer intensiven Diskussion bedürfen und hoffentlich auch in der Zukunft eine intensive Diskussion finden”.

Welche Visionen für die Zukunft hat ein Arzt und Forscher, der mit dem Nobelpreis für Medizin – die höchste Anerkennung, die es für einen Wissenschaftler gibt, erhalten hat - und der 20 Jahre lang das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg leitete und es zu einem der führenden Institutionen dieser Art in der Welt machte?

„Meine Vision für die Zukunft ist die, dass wir in verstäktem Umfang in der Lage sein werden, Krebs vorzubeugen. Ich gehe davon aus, – wir können heute etwa 21 Prozent der weltweit auftretenden Krebserkrankungen mit Infektion in Verbindung bringen – dass dieser Anteil sich in Zukunft noch deutlich erhöhen wird, was allerdings intensive Forschung erfordert. Wenn wir in der Tat in der Lage sind einen größeren Teil von Krebserkrankungen Infektionsereignisse,  die zum Teil Jahrzehnte zurückliegen zurückzuführen, dann haben wir allerdings auch eine besonders gute Chance verbesserte Vorbeuge zu leisten. Wir werden vermutlich auch in der Lage sein, eine bessere Frühdiagnostik besser durchzuführen und auch die Therapìie für die Krebserkrankung besser zu gestalten. Ich sehe das als einen ganz besonders wichtigen Forschungssektor an, und glücklicherweise, obwohl ich selber seit acht Jahren emeritiert bin, habe ich immer noch die Gelegenheit, aktiv weiter zu arbeiten und mit einem Team von jungen Leuten zusammen zu arbeiten. Ich hoffe, dass es uns oder anderen gelingen wird, diese Zusammenhänge näher darzustellen und zu belegen”. (rv)

Aktenzeichen: Die Sozialenzykliken der Katholischen Kirche
Von „Rerum Novarum“  bis „Caritas in veritate“
(Sendung: 26. Juni 2011)

Die Industrielle Revolution des 19. Jahrhunderts hat die moderne Arbeitswelt von Grund auf verändert. Als Antwort auf die "Soziale Frage", die diese Umwälzungen aufgeworfen haben, legte Papst Leo XIII. 1891 – also vor genau 200 Jahren - seine Enzyklika "Rerum novarum" vor. Seitdem haben die Päpste regelmäßig die Soziallehre der Kirche gemäß den wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Bedingungen ihrer Zeit ausgelegt. Wir stellen Ihnen heute die wichtigsten Eckpfeiler  - angefangen von der ersten Sozialenzyklika Leo XIII. bis zur Sozialenzyklika von Papst Benedikt XVI. vor: Die katholische Soziallehre geht vom Grundgedanken eines Ordo Socialis (“Soziale Ordnung”) aus, also einer vernünftigen Ordnung des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Je mehr Sozial-, Rechts- und Wirtschaftsordnung an die Prinzipien der Personalität, Solidarität, Subsidiarität, Nachhaltigkeit und des Gemeinwohls angenähert werden, umso mehr entspricht die politische oder wirtschaftliche Realität dem prinzipiell erreichbaren Ideal sozialer Gerechtigkeit.

1891: Die Enzyklika "Rerum novarum" ("Über die neuen Dinge") ist das erste päpstliche Rundschreiben zur Arbeiterfrage und das grundlegende Dokument der katholischen Soziallehre. Verfasst vor dem Hintergrund der Industriellen Revolution, setzt sich Rerum novarum mit den sozialen Verwerfungen des Sozialismus und des Liberalismus auseinander. Leo XIII. beklagt die oft sklavenähnliche Lage der Arbeiterschaft, wendet sich aber gegen den Klassenkampf und plädiert für eine Zusammenarbeit von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. Er verteidigt das Privateigentum, betont aber zugleich seine Sozialverpflichtung. Weitere zentrale Forderungen sind gerechte Löhne und staatlicher Schutz für Arbeitnehmer. Alles Begriffe, die man damals in der Kirche nicht wahrgenommen hatte. Die katholische Kirche hat zu allen Zeiten bestimmte Tugenden für das Zusammenleben der Menschen gelehrt. Darin findet sich auch der Ursprung der Lehre von „gottgewollter Ordnung“.Die neuere Soziallehre kam mit der Enzyklika "Rerum novarum"  zum Durchbruch, v.a. unter dem Eindruck der unübersehbar negativen Auswirkungen der industriellen Revolution  und der Verstädterung  für die soziale Lage der Arbeiterschaft (Soziale Frage . Im Zusammenhang mit der lehramtlich bedeutsamen Hinwendung der katholischen Kirche zur Sozialtätigkeit in Staat und Gesellschaft verwies Papst Leo XIII. auf Bischof von Ketteler, auf den zusammen mit Adolph Kolping der institutionelle Ansatz der katholischen Sozialbewegung in Praxis und Theorie zurückgeführt wird.

1931: 40 Jahre später aktualisiert Pius XI. in der Enzyklika "Quadragesimo anno" die Lehren von Leo XIII. Unter Einfluss und Mitgestaltung der deutschen Jesuiten Gustav Gundlach und Oswald von Nell-Breuning richtet er sein Augenmerk vor allem auf die Gesellschaftsordnung aus christlicher Sicht. Pius XI. entfaltet unter anderem das Prinzip der Subsidiarität, nach dem das jeweils gesellschaftlich oder institutionell untergeordnete Glied alle Probleme und Aufgaben möglichst eigenständig lösen soll. Nur wenn die Aufgabe zu groß ist, soll die übergeordnete Instanz in die Verantwortung treten. Zudem grenzt die Enzyklika Christentum und Sozialismus differenziert voneinander ab. Die Quintessenz lautet freilich, es sei «unmöglich, gleichzeitig guter Katholik und wirklicher Sozialist zu sein». Quadragesimo anno (lateinisch  für im vierzigsten Jahr) ist eine am 15. Mai 1931  veröffentlichte Enzyklika . Ihr Name leitet sich – wie alle Enzykliken -  aus den Anfangsworten ab und bezieht sich auf den vierzigsten Jahrestag der Veröffentlichung der Enzyklika Rerum novarum unter Papst Leo XIII.  Die Enzyklika spricht, über die Arbeiterfrage hinaus, die gesellschaftliche Ordnung insgesamt an. Sie drängt auf Gesellschaftsreformen und entfaltet unter diesem Aspekt die Gedanken des Subsidiaritätsprinzips und der beruflichen Ordnung. Das Prinzip der Subsidiarität  garantiert gesellschaftliche Freiräume. Sie sucht nach Wegen der angemessenen Hilfe durch staatliche oder kommunale Stellen.

1961: Die Enzyklika "Mater et magistra" ("Mutter und Lehrerin") von Papst Johannes XXIII. haben Zeitgenossen auch als "Mitbestimmungs-Enzyklika" bezeichnet. Sie spricht den Arbeitern ein Recht auf aktive Teilnahme am eigenen Unternehmen zu. Erstmals werden auch Probleme der wirtschaftlich weniger stark entwickelten Länder und damit auch die Frage des Gemeinwohls in globaler Perspektive thematisiert. Die Enzyklika wurde aus Anlass des siebzigjährigen Jubiläums der Enzyklika Rerum novarum  am 15. Mai 1961 veröffentlicht.Das unverkennbar für die Mitbestimmung der Arbeiter eintretende Rundschreiben erklärt, dass den Arbeitern das Recht auf aktive Teilnahme an dem sie beschäftigenden Unternehmen zustehe. Mater et magistra öffnet die katholische Soziallehre damit verstärkt der sozialen Wirklichkeit des Arbeitslebens. Darüber hinaus zeigt sie auch die Probleme der wirtschaftlich weniger stark entwickelten Länder auf, die niemals zuvor explizit Thema einer Enzyklika waren. Es geht dabei nicht nur um das Gemeinwohl des eigenen Landes und Volkes, Mater et magistra geht vielmehr das Arbeiterproblem als erstes päpstliches Schreiben auch global an.

1967: Zwei Jahre nach Ende des Zweiten Vatikanischen Konzils behandelt Papst Paul VI. in seinem wichtigsten Sozialschreiben "Populorum progressio" ("Der Fortschritt der Völker") die Themen Frieden und Gerechtigkeit. In der Enzyklika wird ein gerechter Ausgleich zwischen entwickelten und unterentwickelten Ländern verlangt. Als Schlüsselwort für globale Gerechtigkeit führt Paul VI. den Begriff der "Entwicklung in die katholische Soziallehre ein, der auch mehr Teilhabe an Bildung, sozialem und politischem Leben bedeute. Revolution als Mittel dorthin lehnt der Papst ab. Dennoch räumt er "im Fall der eindeutigen und lange dauernden Gewaltherrschaft" auch die Möglichkeit eines legitimen Umsturzes ein. Populorum progressio ist die erste Sozialenzyklika, die sich ganz der internationalen Entwicklung zuwendet. Weltwirtschaftliche Gerechtigkeit und die Überwindung der Spannung zwischen den reichen und armen Ländern - so die Hauptaussage der Enzyklika - sind Voraussetzung und Grundlage des Friedens. Dem ist das Recht auf Privateigentum unterzuordnen, denn das Privateigentum sei für niemanden ein unbedingtes und unumschränktes Recht. Niemand sei befugt, seinen Überfluss ausschließlich sich selbst vorzubehalten, wo anderen das Notwendige fehle.Es geht in diesem Lehrschreiben nicht darum, dass sich die reichen Nationen durch finanzielle Entwicklungshilfe oder einen Schuldenerlass aus ihrer historischen oder moralischen Schuld freikaufen könnten. Die armen Länder selbst müssten Maßstab sein und die Frage, ob ihnen nachhaltig geholfen wird. Ob diese Hilfe auch ankommt und Erfolg hat, darüber sagten absolute Zahlen noch gar nichts aus. Richtig sei, dass Entwicklungshilfe finanziell in den letzten Jahren immer weiter zurückgegangen sei.
1981: "Laborem exercens" ist die erste von mehreren Sozialenzykliken von Papst Johannes Paul II. Sie befasst sich mit dem Wert der menschlichen Arbeit und sucht einen "dritten Weg" zwischen Kapitalismus und Kommunismus. Analysiert werden soziale Fehlentwicklungen sowohl im bereits brüchiger werdenden kommunistischen System wie auch im wirtschaftlich erfolgreichen Kapitalismus. Mit Blick etwa auf die wachsende Arbeitslosigkeit im Westen betont der Papst unter anderem den Vorrang der Arbeit vor dem Kapital; mit Blick auf den Kampf der Gewerkschaft "Solidarnosc" erklärt er das Recht auf Gewerkschaften zum unantastbaren Grundrecht. Die Veröffentlichung der Enzyklika verzögerte sich durch das Papstattentat von Ali Agca auf dem Petersplatz im Mai 1981 um vier Monate. Erst vier Monate später am 14. September 1981 konnte er sie vorstellen. Während vorausgegangene Sozialenzykliken durch Arbeitsgruppen vorbereitet worden waren, wird vermutet, dass diese Enzyklika allein seiner Feder entstammt. Sie hat nicht so sehr die wirtschaftlichen und sozialen Strukturen im Blickfeld, sondern befasst sich thematisch mit dem arbeitenden Menschen. Die Enzyklika wurde zu einer Zeit verfasst, als in der kommunistischen Welt der Glaube bzw. die Vertröstung der Arbeiter auf ein Leben in Wohlstand und Gerechtigkeit immer brüchiger wurde, wohingegen in den freiheitlichen Gesellschaften der Wohlstand und die erreichte soziale Sicherheit zu neuen Fehlleistungen führten.

1987: Zum 20. Jahrestag von "Populorum progressio" widmet sich Johannes Paul II. nach dem Gegensatz von Ost und West nun auch dem Nord-Süd-Konflikt. "Sollicitudo rei socialis" ("Die Sorge um das Soziale") ermahnt die reichen Länder des Nordens zu wirksamer Hilfe. Zugleich fordert der Papst darin grundlegende Reformen in den Entwicklungsländern ein. Zum Gedenken an  die Enzyklika Populorum progressio, die Papst Paul VI. am 26. März 1967 unter dem Motto „Weltweite Ausmaße der sozialen Frage“ veröffentlicht hatte, sollte erneut die Thematik der solidarischen Entwicklung der Menschen und Völker ins öffentliche Bewusstsein gerückt werden.Besonders will Johannes Paul II einer Engführung des Begriffs der Entwicklung entgegenwirken, als ob es sich dabei im wesentlichen um die wirtschaftliche, soziale und politische Entwicklung handele. Im Hinblick auf manche einseitigen Positionen heißt es, dass eine wirtschaftliche Entwicklung den Menschen nicht zu befreien vermag; im Gegenteil, sie versklave die Menschen schließlich nur noch mehr. Was den „gegenwärtigen Entwicklungsstand“ in der Welt betrifft, so beklagt der Papst den „Graben zwischen Reichtum  und Armut sowohl zwischen den Ländern des Nordens und des Südens als auch innerhalb vieler Entwicklungsländer und Industriestaaten“. Als Haupthindernis wird der politische Gegensatz der „Blöcke“ und ihrer ideologischen Wurzeln gesehen, die sich in den „Prinzipien des liberalistischen Kapitalismus “ und des „marxistischen Kollektivismus “ finden. In mehreren Stellen geht er auf diese Gefahren ein, und war dabei bemüht keinerlei kirchliche Kompetenzüberschreitungen zu begehen. Er war sich aber auch darüber bewusst, dass weder die Kirche, noch die Christen und die Gläubigen allein die Probleme lösen könnten.

1991: "Centesimus annus": Zum 100. Jahrestag von Rerum novarum - und zwei Jahre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus in Mittel- und Osteuropa - rechnet der Papst aus Polen nicht nur mit dem untergegangenen System ab, sondern auch mit den Auswüchsen eines ungezügelten Kapitalismus. Gewürdigt wird erstmals in dieser Deutlichkeit die positive Rolle des Unternehmertums für eine funktionierende Volkswirtschaft. Verfechter des klassischen Konzepts einer Sozialen Marktwirtschaft lasen das Dokument als päpstliches Bekenntnis zu dieser Idee.Nicht verschwiegen werden darf, dass der Papst zugleich scharfe Kapitalismuskritik übt und vor der „Vergötzung des Marktes“ warnt. Die Behauptung, die Niederlage des sogenannten realen Sozialismus lasse den Kapitalismus als einziges Modell wirtschaftlicher Organisation übrig, sei „unhaltbar“. Es bestehe „die Gefahr, daß sich eine radikale kapitalistische Ideologie breitmacht, die ihre Lösung in einem blinden Glauben der freien Entfaltung der Marktkräfte überlässt. Privateigentum an Produktionsmitteln sei „gerechtfertigt, wenn es einer nutzbringenden Arbeit dient“. Es werde hingegen rechtswidrig, wenn es dazu diene, einen Gewinn zu erzielen, der aus der unzulässigen Ausbeutung, aus der Spekulation und aus dem Zerbrechen der Solidarität in der Welt der Arbeit erwachse. Ein solches Eigentum besitze keinerlei Rechtfertigung.Die Verpflichtung, im Schweiße seines Angesichtes sein Brot zu verdienen, besage gleichzeitig ein Recht.

2009: Die erste Sozialenzyklika von Benedikt XVI. trägt den Titel "Caritas in veritate" ("Die Liebe in Wahrheit"). Sie beschäftigt sich mit den Folgen der Globalisierung und der Wirtschafts- und Finanzkrise für das menschliche Zusammenleben. Eigentlicher Anlass war der 40. Jahrestag von "Populorum progressio". Das bereits nahezu fertiggestellte Dokument wurde jedoch mehrfach umgearbeitet und aktualisiert, zuletzt nach Ausbruch der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise. Thema der Enzyklika ist die Bedeutung der in der Wahrheit verankerten Liebe für das gesamte gesellschaftliche Handeln, insbesondere in der ganzheitlich menschlichen Entwicklung der Gesellschaft.Benedikt bezieht seine neue Enzyklika ausdrücklich auf die Enzyklika seines Vorgängers Paul VI. Populorum progressio und will sie als eine Aktualisierung der dort entwickelten Gedanken verstanden wissen.: Die Liebe, die der Mensch von Gott erhalte und die zu verbreiten er bestimmt sei, sei der Hauptweg der kirchlichen Soziallehre; aus ihr gehe alles hervor.Allerdings erstrahle die Liebe nur in der Wahrheit. Ohne die Wahrheit drohe die Liebe zur Sentimentalität abzugleiten oder für gesellschaftliche Entwicklungen zwar als nützlich, aber entbehrlich betrachtet zu werden und auf private Beziehungen beschränkt zu bleiben. Die Wahrheit zu verteidigen sei eine wesentliche Form der Liebe.Als Beispiele dafür, wie das Prinzip der in der Wahrheit verankerten Liebe, caritas in veritate, in Maßstäben sozialen Handelns Gestalt annimmt, nennt Benedikt Gerechtigkeit  und Gemeinwohl. Die Liebe schließe die Gerechtigkeit ein, Ungerechtigkeit widerspreche ihr; Paul VI. habe Gerechtigkeit als das Mindestmaß der Liebe bezeichnet. Die Liebe schließe außerdem ein, auf das Wohl des anderen zu achten. Da die Menschen in eine Gesellschaft eingebunden seien und nur in ihr zu ihrem Wohl gelangen könnten, sei die Orientierung auf das Gemeinwohl als Voraussetzung für das Wohl des Einzelnen ein Erfordernis der Liebe.Nur in der von Vernunft und Glaube erleuchteten Liebe sei es möglich, gesellschaftliche Ziele zu erreichen, die einen wirklichen, menschlicheren Fortschritt bedeuten.Die Enzyklika CiV ist einerseits vorsichtiger im Urteil als manche ihrer Vorgängerinnen, aber doch auch deutlicher im Detail. Der „Weltauftrag“ der Kirche bleibt gebunden an ihre geistliche Sendung, doch beansprucht das kirchliche Amt weniger denn je eine eigene „Allzuständigkeit“ zur Lösung politischer und sozialer Fragen. Der Papst weicht den brisanten Fragen jedoch keineswegs aus, lässt sich sein Amt also nicht von „außen“ auf den spirituellen Bereich zurückschneiden. Insbesondere argumentiert er mehrmals, ein unethisches Wirtschaften sei auf lange Sicht auch nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten unvernünftig. Mit Optimismus und performativen Aussagen begegnet die Enzyklika der hochaktuellen Problematik der Globalisierung. Papst Benedikt XVI. bekräftigt die Ansichten seines Vorgängers und fügt aus heutiger Sicht hinzu, dass der Globalisierungsprozess, der eine Explosion der weltweiten wechselseitigen Abhängigkeiten bedeute und eine noch nie da gewesene Interaktivität der Menschen brächte, viele positive Seiten habe und vielfältige Entwicklungsmöglichkeiten biete. Wenn man dies verkenne, könne man die große Chance verpassen, daran teilzuhaben. Die Enzyklika ortet aus christlicher Sicht hoffnungstragende Berührungspunkte dieses neuen Phänomens zum Evangelium, das ein fundamentales Element der Entwicklung sei: „Die Wahrheit des Globalisierungsprozesses und sein grundlegendes ethisches Kriterium sind in der Einheit der Menschheitsfamilie und in ihrem Voranschreiten im Guten gegeben.“ Dies biete der Kirche, die unter allen Gegebenheiten eine Sendung der Wahrheit zu erfüllen habe, eine ganz neue kreative Herausforderung in der globalisierten Welt. Inspiriert von der Liebe und der Wahrheit, die sich im Evangelium offenbaren, müssten die Christen aktive Gestalter der Globalisierung werden und die eindrucksvolle neue Dynamik des globalen Integrationsprozesses nach Gottes Plan für eine globale Menschheitsfamilie ausrichten.

Aldo Parmeggiani

Kardinal Karl Lehmann zum 75. Geburtstag

Ein Geburtstagsgeschenk hat Kardinal Karl Lehmann schon am Vorabend seines 75. Geburtstages erhalten: Papst Benedikt XVI. hat das aus Altersgründen vorgebrachte Rücktrittsangbot des Mainzer Bischofs abgelehnt und Karl Lehmann gebeten, über seinen 75. Geburtstag am 16. Mai hinaus im Amt zu bleiben. Lehmann nimmt diese Ablehnung seines Rücktritts relativ gelassen – so wie man es von ihm gewohnt ist. Pragmatisch, praktisch, offen:

„Ich bin kein großer Freund dieser Verlängerungen”,

sagt er etwas barsch über die vatikanische Praxis, Kardinäle in der Regel erst mit 80 zu pensionieren. Aber die Geste Roms wird er sicher als das empfinden, was sie ist: eine öffentliche Anerkennung. Und er stellt fest:

„Ich hätte keinen Tag Sorge, Langeweile zu haben, wenn ich jetzt viele Aufgaben nicht mehr hätte. Ich werde jetzt einfach meinen Dienst weiter tun, soweit ich kann",

sagte Karl Lehmann im Gespräch mit Journalisten in Mainz vor wenigen Tagen.

„Ich weiß mich bei Belastung sehr gut gerade vom Bistum hier unterstützt."

Das Laufen fällt ihm am Abend sichtlich schwer. Man müsse schauen, wie weit gesundheitliche Grenzen da seien, schränkt Lehmann ein.

„Ich weiß schon, dass viele Aufgaben da sind, die einen täglich fordern und andere sind schon zehn, zwölf Jahre pensioniert."

Das katholische Kirchenrecht setzt Bischöfen eine Altersgrenze von 75 Jahren. Kardinäle besitzen ein ungeschriebenes Gewohnheitsrecht, dass ihre Amtszeit als Bischof verlängert wird, so sie es wünschen. Lehmann steht seit 1983 an der Spitze des Bistums Mainz. Von 1987 bis Anfang 2008 war er ohne Unterbrechung Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz. Ein einsamer Rekord. Anfang 2001 erhob ihn der damalige Papst Johannes Paul II. zum Kardinal.
Er sei froh, dass ihn der Bescheid aus Rom vor seinem Geburtstag am 16. Mai erreicht habe.

„Ich muss nicht Abschied feiern."

Die Entscheidung aus Rom habe auch gewisse Annehmlichkeiten, kommentierte Lehmann pragmatisch, so müsse er beispielsweise nicht umziehen.

„Ich kann zunächst im selben Haus bleiben."

Doch für ihn steht fest, dass in fünf Jahren die Pension in Reichweite ist:

„Der Vatikan kennt außer dem Papst selbst kein Amt, keine Aufgabe über 80. Das ist also ein absolut eisernes Gesetz mit 80 ist in jedem Fall Schluss."

Es sei ihm wichtig, dass der Geburtstag nicht gekoppelt sei an einen Wechsel und Diskussionen über einen Nachfolger.

„Ich kann also etwas fröhlicher nur Geburtstag feiern",

sagte der Kardinal. Eine richtige Feier verbiete sich allerdings, denn:

„Wir müssen gerade in der heutigen Situation, in der die Kirche ist, aufpassen, dass wir so persönliche Dinge wie es auch ein 75. Geburtstag ist, nicht zu sehr ins Rampenlicht bringen."

An seinem Geburtstag sei eine „normale Messe" mit Mitarbeitern des bischöflichen Ordinariats geplant. Am Abend werde mit einer kleinen Zahl von Leuten gemeinsam essen,

„und zwar hier zu Hause".

Lehmann äußerte sich in dem Gespräch mit Journalisten mit mahnenden Worten zum innerkirchlichen Dialogprozess. Er forderte eine zielgerechte Gestaltung des von den deutschen Bischöfen auf den Weg gebrachten Prozesses. Der Prozess dürfe kein Selbstzweck sein, sagte der Kardinal. Es müsse klar sein, was man machen könne und was nicht. Man dürfe keine falschen Hoffnungen haben, müsse überlegen, wo man selber Beschlüsse fassen und Antworten geben könne und wo man bestimmte Probleme in Rom anmelde.

Nicht immer ist der langjährige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz mit Entscheidungen aus dem Vatikan glücklich gewesen. Vielen seiner Gedanken ist abzuspüren, dass er mehr als einmal mit dem Kopf gegen die Mauern des Kirchenstaats gelaufen ist. Lehmann nennt selbst die markantesten Differenzen:

„Den Streit um die Zulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion sowie die zermürbende Auseinandersetzung um die katholische Schwangerenberatung”.

Ein römisches Ereignis war es aber auch, das Kardinal Lehmann als einen der größten Glücksmomente seines Lebens bezeichnet: die Ankündigung des Zweiten Vatikanischen Konzils. Die damalige Öffnung der katholischen Kirche wird heute zunehmend kritisch gesehen. Zur bevorstehenden 50-Jahrfeier ruft der Kardinal dazu auf, die Texte und „wirklichen Aussagen“ des Konzils wieder stärker wahrzunehmen. Das könne der Kirche neuen Schwung geben.

„Man kann sich nicht auf den Geist des Konzils berufen, und den Buchstaben kennt man nicht”.

Kardinal Karl Lehmann, der 87. Nachfolger des heiligen Bonifazius als Bischof von Mainz hat sein Bistum in vielfältiger Weise geprägt und immer wieder die Sorge um die Nöte der Menschen in den Mittelpunkt seines Handels gerückt. Ein Schwerpunkt seines Wirkens, das er als Bischof und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz immer sehr intensiv verfolgt hat, ist die Ökumene. Stets weist Lehman bei seinen öffentlichen Auftritten darauf hin, dass es keine Alternative zur Ökumene gibt.

„Ich bin überzeugt, dass wir auf dem eingeschlagenen Weg des ökumenischen Gesprächs weiter vorangehen müssen”.

Kardinal Karl Lehmann wurde am 16. Mai 1936 in Sigmaringen als Sohn des Volkschullehrers Karl Lehmann und seiner Frau Margarete geboren. Er studierte Philosophie und Theologie in Freiburg und Rom, wo er von Kardinal Döpfner zum Priester geweiht wurde. Als Assistent von Karl Rahner arbeitete er an den Universitäten von München und Münster und erlebte das Zweite Vatikanische Konzil aus nächster Nähe mit. Karl Lehmann erwarb den Doktortitel in Philosophie und Theologie mit Arbeiten über den Philosophen Martin Heidegger mit dem Thema: „Auferweckt am dritten Tag nach der Schrift”. Mit 32 Jahren wurde er auf den Lehrstuhl für Dogmatik in Mainz berufen. 1983 wurde er zum Bischof von Mainz ernannt. 1987 folgte die Wahl zum Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz und 2001 ernannte ihn Papst Johannes Paul II. zum Kardinal.

In dem Pressegespräch vor wenigen Tagen äußerte sich Karl Lehmann unter anderem auch zu seinem Verhältnis zu Papst Johannes Paul II., der vor zwei Wochen selig gesprochen wurde. Seine Wertschätzung für diesen Papst sei in den vergangenen Jahren noch gestiegen, sagte Lehmann.

„Er hat mir zugehört, er war nie ungeduldig, und ich hatte immer das Gefühl, dass ich mit meinen Anliegen ernst genommen werde”

Abschließend äußerte sich Kardinal Karl Lehmann noch zu dem Begriff ‘Heimat’:

„Je älter ich werde, desto mehr spüre ich, dass mir meine Wurzeln wichtig sind. Wenn man weiß, wo seine Wurzeln sind, hat man Kraft, sich zu verändern”.

Er sei geprägt von der religiösen Sozialisation durch seine Eltern.

„Je älter ich werde, desto dankbarer bin ich auch meinen Eltern. Denn sie haben mir jede Freiheit gelassen und jede Unterstützung gegeben”.

(rv 10.05.2011 ap)

Eine Sendung von Aldo Parmeggiani

Dieter Kronzucker – 75 Jahre

Der promovierte Geisteswissenschaftler zählt seit über 40 Jahren zu den bedeutendsten Journalisten der deutschen Fernsehkultur. Einem breiteren Publikum unvergesslich wurde die einzigartige Auslandsberichterstattung Dieter Kronzuckers, mit der er die bundesdeutsche Öffentlichkeit über die Gräuel des Vietnamkriegs, die Verhältnisse in Lateinamerika oder die Situation in den USA auf dem Laufenden hielt. 1978 gründete er im ZDF das ‚heute-journal’, das er bis zu seinem Wechsel zu Sat 1 1991 regelmäßig moderierte. Von 2001 bis 2007 war er als Professor für Fernsehjournalismus und Dokumentation an der Hochschule für Fernsehen und Film in München tätig. Seit 2005 moderiert Dieter Kronzucker die Sendung ‚Kosmos’ auf N24.

Dieter Kronzucker ist das, was man sich als einen Weltbürger vorzustellen hat. Sie haben als Kosmopolit zunächst in Ihrem eigenen Land, dann aber ebenso in Asien wie in Amerika, im Fernen Osten wie im Westen als Fernsehjournalist Dokumentationen, Reisereportagen und politische Analysen erstellt und weitergegeben. Und da wären wir schon bei den ersten beiden Themen unserer Zeit, die uns in den letzten Wochen, Tagen und Stunden in Atem halten: Atomkraftwerk-Unglück in Japan und die Revolutionen im nordafrikanischen Landstreifen von Tunesien, über Ägypten, nach Libyen bis Syrien. Beide Ereignisse könnten die Welt verändern. Es herrschen allgemeine Ratlosigkeit, Verunsicherung, Angst. Beginnen wir bei der Krisenstimmung in Japan, Herr Kronzucker:

„Also, Japan hat mich immer sehr berührt aus doppeltem Anlass: Das eine, das ist die Nation, die die beiden ersten Atombomben erleben musste und damals eine solche Warnung an die Welt war, dass eben dann keine Atomkriege mehr geführt worden sind. Zum anderen die ungeheure Disziplin bei den Japanern, die auch jetzt wieder zu sehen und zu spüren war. Dass es zum Beispiel zu keinerlei Plünderungen kam, wie das bei solchen Katastrophen ansonsten üblich ist – erinnern wir uns an das Erdbeben in Chile, wo das Militär eingreifen musste oder auch an andere Katastrophen dieser Welt – das ist wahrscheinlich auch der Tatsache geschuldet, dass es da eine große Solidargemeinschaft gibt, die auch verursacht ist dadurch, dass die Japaner ein ethnisch relativ einheitliches Volk sind. Was die Bedrohung angeht, die von diesen Reaktoren ausgeht – ich muss sagen, dass ich heimlich, aber wirklich nur ganz heimlich froh bin, dass so etwas passiert ist. In der Hoffnung, dass es sich eindämmen lässt, weil dieser Zukunftsglauben, dieser Fortschrittsglauben in den meisten Ländern dieser Welt – vor allem in den Schwellenationen wie zum Beispiel China – so um sich gegriffen hat, dass der Horizont der Menschheit als unendlich schien. Dies hat jetzt einen Stopp erfahren. Ganz interessant ist, dass jetzt besonders so ein Land wie Deutschland darauf extrem reagiert hat. Und sicherlich ist eine der Folgen, dass wir das erste Mal in Deutschland einen grünen Ministerpräsidenten in einem an sich konservativen Land bekommen, in Baden Württemberg.“

Das zweite Thema lautet Nordafrika beziehungsweise der Nahe Osten. Wo steuert dieser Landstreifen, dieser Nordteil Afrikas, in dem ja schließlich die Wurzeln unserer Kultur und Religion liegen, hin? Wird es hier zu einer neuen Weltordnung kommen? Und wie wird Europa daraus hervorgehen?

„Zunächst ist es so, dass diese ganze Zone an unser gemeinsames Mittelmeer grenzt. Die Europäer unter der Führung von Frankreich haben versucht, eine Mittelmeer-Union zu gründen, die diese Länder mit einschließt. Dass das nicht richtig funktioniert hat, sehen wir daran, dass die Revolutionen ohne unsere Vorausschau entstanden sind. Besonders in Libyen aber auch in Syrien erscheint es uns ganz unbegreiflich, dass in einem autoritären Regime wie dort so etwas passieren konnte. Interessant finde ich in diesem Zusammenhang, dass wir keinen Begriff finden für die Länder, die da betroffen sind. Es gibt ja eigentlich kein Pan-Arabien, sondern es gibt einen arabischen Islam, der sich überkreuzt mit dem Welt-Islam. Wir bezeichnen dies manchmal als den Fruchtbaren Halbmond. Dieses Arabien hat dennoch einen gemeinsamen Nenner, denn es zeichnet sich durch eine gemeinsame Sprache aus, die damals von dem Islam über die gesamte Zone eingeführt worden ist. Wenn wir uns die heutige Situation ansehen, müssen wir uns die Frage stellen: Was können wir im Rest der Welt, vor allem in Europa tun, um entweder einzugreifen, schützend die Hand darüber zu halten, oder mit dem berühmten Ausdruck ‚nation building’ versehen dort der Demokratie auf die Sprünge zu helfen? Wir sind aber relativ ratlos, vor allem was Libyen angeht, weil wir gar nicht wissen, aus welchen Gruppen sich diese Opposition zusammensetzt. Und ob wir da nicht – vielleicht aus menschenrechtlichen Gründen – auf die falsche Karte setzen? Ich glaube, das ist irgendwie so wie damals beim Machthaber im Irak, Saddam Hussein. Der Herr Gaddafi hat zu oft bewiesen, dass er auf die Menschenrechte keine Rücksicht nimmt, und um den ist es auch nicht schade.“

„Die Welt blickt nach Amerika“ ist häufig zu lesen und zu hören, wenn wichtige weltpolitische Entscheidungen anstehen: Sie gelten als begeisterter Anhänger des amerikanischen Präsidenten Barack Obama. Wie wird Amerika nach Ende seiner Amtszeit dastehen?

„Ich glaube zunächst einmal, dass es nicht das Ende seiner Amtszeit sein wird, was wir da in zwei Jahren erwarten, sondern dass er wiedergewählt wird. Das hat aber damit zu tun, dass die Opposition keinen geeigneten Kandidaten hat und auch in sich zerstritten ist. Wenn wir uns die Gegensätze in den Vereinigten Staaten vor fünfzig Jahren noch einmal vor Augen halten, mit der Civil-Rights-Bewegung, mit der Unterdrückung oder Missachtung der Schwarzen bis zu der Tatsache, dass ein zumindest zum Teil schwarzer Amerikaner zum Präsidenten geworden ist – das alles weist doch darauf hin, dass es da auch einen Heilungsprozess innerhalb der Nation gegeben hat. Und dass deshalb diese Nation, die man oft als Schmelztiegel der Welt bezeichnet, auch ihrer Rolle wieder gerecht werden kann, in der Welt Frieden mitzustiften. Ich finde es auch ganz interessant, dass Barack Obama so zögerlich war, in diesen Konflikt in Libyen einzugreifen. Das heißt, die Amerikaner – ich sage mal, ganz gleich unter welchem Präsidenten – scheuen davor zurück, immer als Policemen dieser Welt dargestellt zu werden. Sie wollen, dass vielleicht auch einmal die anderen Nationen sich ihrer Verantwortung bewusst sind und eingreifen. Nach Barack Obama – also sagen wir einmal, in sechs Jahren – werden wir ein Amerika vorfinden, dass sehr viel weniger selbstbewusst auftreten wird, sehr viel vorsichtiger sein wird und sich – leider muss man das so sehen – sehr viel stärker nach innen wenden wird, sich mit den eigenen Problemen beschäftigen wird und nicht mit denen draußen in der Welt.“

Es gibt außer Obama noch jemanden, über dessen Wahl Sie hoch begeistert waren. Das liegt freilich ein bisschen zurück, ist aber dennoch sehr aktuell, weil dieser Mann in wenigen Tagen in Rom seliggesprochen wird: Papst Johannes Paul II. Was hat dieser Papst politisch und innerkirchlich weltweit bewirkt?

„Wir wissen ja, dass er – ohne sich direkt in die Politik einzumischen – einfach aus seinem christlichen Standpunkt heraus sich gegen den Kommunismus gestellt hat und deswegen zum Fall des Kommunismus ohne jeden Zweifel mit beigetragen hat. Ich glaube auch, dass seine Art zu glauben, seine Glaubhaftigkeit, heute noch in der Welt anerkannt wird. Besonders schätze ich an Johannes Paul II. den Marianismus, weil in vielen Völkern der Welt, wo der katholische Glaube zu Hause ist, bei den Menschen der Glaube an die Gottesmutter eine Art Schirmherrschaft darstellt für die Nöte, die besonders die armen Menschen in der Dritten Welt zu erleiden haben. Es kommt noch hinzu, dass mir diese demütige Geste immer in Erinnerung bleiben wird, wenn er – aus der Maschine steigend – bei einem Staatsbesuch den Boden geküsst hat. Das erinnert mich daran, dass Christus die Fußwaschung bei armen Leuten durchgeführt hat und damit auch ein Zeichen gesetzt hat: ein Gegenbeispiel gegen den Übermut, gegen die Radikalisierung des Kapitalismus, gegen den Glauben an den Mammon und an die Geldwertigkeit.“

Um bei Papst Johannes Paul II. zu bleiben: Ich weiß, Herr Kronzucker, dass Sie und Ihre Familie – auch nach dreißig Jahren – nicht darüber sprechen wollen. Doch sei mir diese Frage erlaubt: In den 80iger Jahren wurden Ihre beiden Töchter und ein Neffe von Ihnen in der Toskana verschleppt und über zwei Monate gefangen gehalten. Der Fall ging als ‚Kronzucker-Entführung’ in die Geschichte ein. Selbst Papst Johannes Paul II – und das war für damals eine große Besonderheit – appellierte im Fernsehen und im Rundfunk an die Vernunft der Entführer. Die Affäre ging letzten Endes gut aus. Meine Frage: Hatten Sie im Anschluss eine persönliche Begegnung mit diesem Papst?

„Ja, ich hatte eine persönliche Begegnung mit diesem Papst, und zwar bei seinem Deutschlandbesuch. Da hatte ich die Ehre, in der Papstmaschine mitfliegen zu können und mit ihm im Flugzeug ein Gespräch führen zu können. Er hat mich da auch wieder sehr beeindruckt. Aber, weil wir schon bei diesem Thema sind: Zu besonderem Dank bin ich dem damaligen Erzbischof von Florenz, Kardinal Giovanni Benelli (1921-1982), in dieser Affäre verpflichtet. Er hatte sich für meine Kinder ungemein eingesetzt.“

Hatten Sie Gelegenheit, auch dem heutigen Papst Benedikt XVI. zu begegnen? Werden Sie ihn bei seiner nächsten Reise nach Deutschland journalistisch begleiten, über ihn berichten, seinen Pastoralbesuch kommentieren?

„Ich bin fest davon überzeugt, dass er bei seiner Reise nach Deutschland in diesem Jahr einen großen Widerhall und ein großes Echo bei den Gläubigen finden wird. Ihn selber werde ich wohl nicht begleiten, denn ich bin zwar immer noch journalistisch tätig, aber ich gehöre nicht mehr zu den Korrespondenten, die fest eingeteilt sind für einen solchen journalistischen Begleitschutz. Aber ich gehe fest davon aus, dass ich den einen oder anderen Kommentar über diesen Papstbesuch machen werde.“

Jedes Jahr zieht es Millionen von Menschen zum Grab des Apostels Jakob nach Santiago de Compostela. Dieser Apostel wurde als Vorreiter des Christentums damals im Kampf gegen den Islam verehrt. Auf seinem langen und mühseligen Weg nach Santiago de Compostela entstand die Idee des vereinigten Abendlandes als Gegenpol zum islamischen Morgenland. Auch Sie haben diesen Jakobsweg mit einem Kamerateam begangen. Was ist davon zurückgeblieben?

„Ich konnte mir damals – inzwischen scheint dieser Pilgerpfad ziemlich ausgetreten zu sein – vergegenwärtigen, wie die ersten Pilger diesen Weg wohl empfunden haben. Wie Sie richtig sagen, ist hier das erste Mal der Gedanke eines gemeinsamen Europa entstanden. Eben in Abgrenzung zum Islam. Was mir besonders imponiert hat – und daran sehen Sie, dass das schon eine Zeit lang her ist: dass erstmals eine wirklich große Menge von Leuten aus dem bis dahin kommunistischen Osteuropa als Pilger nach Santiago de Compostela gezogen sind. Viele von ihnen aus christlichem Anlass, also des Glaubens wegen, viele andere aber auch, um Dankbarkeit zu zeigen, dass man aus dem Gefängnis, dem kommunistischen Vielvölkerkerker, entflohen ist. Übrigens sind die meisten von denen weitergereist bis ans Ende der Welt: dorthin, wo Spanien zu Ende ist.“

Sie haben unzählige große, wichtige Preise und Ehrentitel erhalten. Gewürdigt wurde dabei immer Ihr hervorragendes journalistisches Talent. Verraten Sie uns abschließend, was Sie von den heutigen Medien halten und welche Attribute Sie für einen guten, interessanten und korrekten Journalismus als unersetzlich betrachten?

„Ich lehre immer noch an einer Universität, in der das Kommunikationswesen unterrichtet wird, und habe da so einen Slogan zu einem Leitfaden gemacht. Das ist der Slogan der drei ‘T’: Transformation, Transzendenz, Teamgeist. Transformation: wir sollten uns ständig bewusst sein, dass wir uns in einer entscheidenden Phase der Veränderung in der Welt befinden. Transparenz, da sich immer mehr herausstellt, dass nicht die Lüge, sondern die Wahrheit die wichtigste, korrekteste und oft auch die richtigste Art und Weise zu denken ist – übrigens auch den Politikern ins Handbuch geschrieben. Und Teamgeist, ein Appell besonders an die Europäer, damit meine ich aber genauso die Italiener wie die Deutschen. Nämlich das Wiedererwecken der Solidargemeinschaft, die uns irgendwie in der Vereinzelung unserer Lebensweisen abhanden gekommen ist.“ (rv)

Zubin Mehta zum 75. Geburtstag

 

Ein Name von Welt – und nicht nur für Musikliebhaber: Zubin Mehta, vor 75 Jahren in Bombay geboren. Der vielseitige und auf der ganzen Welt tätige Künstler wuchs in einer zoroastrischen Musikerfamilie Zentralindiens auf. Schon sein Vater Mehli Mehta war ein prominenter Konzertgeiger, Geigenlehrer und Dirigent. Zubin Mehta ist in allen großen Opernhäusern der Welt zu Hause: New York, Florenz, Montreal, Wien, München, London, Mailand, Chicago. Unermüdlich und immer auf höchstem Niveau. Trotz der kurz bemessenen Freizeit stand er für ein Gespräch mit Radio Vatikan zur Verfügung. Freizeit? Das ist für Zubin Mehta ein Fremdwort. Ich brauche keine Ferien, sagt er, mein Urlaub ist zum Beispiel die Ouvertüre zu Don Giovanni von Wolfgang Amadeus Mozart.

Die meiste Zeit Ihres Lebens, Maestro, haben Sie in den großen Opernhäusern, in den Konzertsälen und Theatern der Welt verbracht. Welchem dieser Häuser gehört Ihre besondere Sympathie, wo, in welcher Stadt der Welt dirigieren Sie am liebsten?

„In Europa habe ich hauptsächlich in Wien angefangen. So muss ich sagen: Wien und die Wiener Oper liegen mir natürlich sehr am Herzen. Dann habe ich natürlich die ganzen Opernhäuser in der Welt kennen gelernt, das Opernhaus in Buenos Aires, das Theater Colon, etwas ganz Wunderbares. Und die neuen Häuser wie etwa das Opernhaus Calatravas in Valencia. Und wir bauen jetzt in Florenz ein Theater, das hoffentlich auch unter den modernen Theatern Anerkennung finden wird.“

Sie bauen in Florenz ein Theater? Trotz Kulturkrise?

„Ja, Ja! Die Regierung hat bis jetzt dieses Versprechen nicht gebrochen.“

Sie sind gebürtiger Inder. Pflegen Sie immer noch enge Verbindungen zu Ihrer Heimat?

„Ja, sehr.“

Haben Sie noch Verwandte in Indien?

„Ja, sehr viele und ich gehe jetzt schon wieder mit dem Orchester des ‘Maggio Fiorentino’ Ende März nach Bombay und dirigiere für die Stiftung meines Vaters. Wir spielen westliche Musik für talentierte, junge Inder.“

Sie haben sich an vielen Benefizkonzerten beteiligt. Was bedeutet für Sie soziales Engagement?

„Wir helfen zum Beispiel den Menschen nach Naturkatastrophen. Ich kann mich erinnern, nach dem großen Erdbeben in Indien haben wir ein Benefizkonzert gegeben. Ich war sehr berührt.“

Ich komme auf meine vorherige Frage zurück: Welches andere Land außer Indien ist Ihnen zur zweiten Heimat geworden?

„Natürlich, die zweite Heimat sind auch die Vereinigten Staaten. Ich wohne in Kalifornien. Amerika ist meine zweite Heimat geworden, obwohl ich auch sehr viel in Israel arbeite. Ich fühle mich sehr zu Hause dort. Also Bombay, Wien, Los Angeles, Tel Aviv, Florenz und Valencia. Das sind meine Heimatstädte.“

Sie sind ein authentischer Weltbürger. Wem gilt – im Rückblick auf Ihre glänzende Karriere – Ihr besonderer Dank?

„Meiner Erziehung durch meinen Vater in Indien, musikalisch gesprochen. Und dann: zehn Jahre habe ich die Jesuitenschule in Bombay besucht. Diese Erziehung kann man nicht mit etwas anderem tauschen. Es ist ein so hoher Grad von Bildung in Indien – Universität und Schule. Zum Beispiel war Präsident Obama jetzt in Bombay und hat in meiner Universität gesprochen. Das hat mich sehr gefreut.“

Was, Maestro Mehta, ist das Wichtigste und zugleich Schwierigste für einen guten Dirigenten?

„Die Musik interpretieren, die ungefähr 450 Jahre umspannt. Vom frühen Barock zur modernen Musik. Wir müssen uns in jedem Stil wirklich zu Hause fühlen, um so viele Leute im Orchester von der Interpretation zu überzeugen. Man muss die Handschrift des Komponisten kennen. Es ist nicht nur wichtig, eine Partitur von Mozart auswendig zu lernen, man muss Mozart auch persönlich kennen – durch seine Briefe. Genauso wie Beethoven und so weiter.“

Der Dirigent konzentriert ja in seiner Person – denke ich – Macht und zugleich künstlerische Kompetenz, nämlich musikalische Gestaltungshoheit. Müssen Dirigenten einen Hang zum Machtmenschen haben?

„Nein. Es ist eine Mischung zwischen Autorität und vollkommener Demokratie! Man muss beides in die Waagschale legen. Ein Dirigent muss musikalische Autorität üben, auch natürlich musikalische Disziplin von seinen Musikern verlangen. Aber in einem demokratischen Sinn. Die Musiker sind auch denkende Menschen. Man muss ihnen auch eine Freiheit geben, sich gegen die Interpretation des Dirigenten auch auszusprechen.“

Dirigieren ist eine traditionsgemäß männliche Domäne, bis heute ist es erst wenigen Frauen gelungen, sich als Dirigentinnen durchzusetzen….

„Aber das kommt jetzt! Die Emanzipation der Frauen geht durch die Geschichte. Wir haben jetzt sehr viele talentierte Frauen, die dirigieren. Zum Beispiel hat ein wichtiges Orchester in Amerika schon eine Frau als Dirigentin, nämlich in Baltimore. Ich glaube, die nächste Generation wird noch mehr haben.“

Überall, wo Sie auftreten, werden Sie mit Spannung erwartet. Wie schwierig ist das für Sie, was spielt sich da im psychologischen Bereich bei Ihnen ab?

„Ja, es ist schon eine Verantwortung, die man Abend für Abend trägt. Besonders, wenn man auf Tournee geht, von einer Metropole zur anderen. Da gibt es jeweils andere akustische Verhältnisse, man muss aber immer das gleiche Niveau halten. Das ist schon eine Verantwortung. Die Orchestermusiker verstehen das sehr gut.“

Wenn Sie nach einer Aufführung stürmisch gefeiert werden, und das ist bei Ihnen oft der Fall, was geht da in Ihnen innerlich vor?

„Wissen Sie, bei diesen Ovationen verbleibt noch immer in mir die Symphonie, die ich eben interpretiert habe. Ich bin noch ganz von dem Werk gefangen, so dass das Publikum und die Anerkennung wirklich erst an zweiter Stelle kommen. Was wir eben gespielt haben, das geht die ganze Zeit während des Applauses durch meinen Kopf, glauben Sie mir.“

Sie haben in allen großen Operhäusern der Welt dirigiert. Was ist der fundamentale Unterschied zwischen der großen Dirigentengeneration eines – sagen wir – Toscanini, Herbert von Karajan, Bruno Walters und Ihrer Generation?

„Wir haben wirklich so viel gelernt von diesen Meistern, die Sie eben genannt haben. Ich habe mit Bruno Walter oft studiert in meinen acht Jahren in Los Angeles. Und mit Karajan auch. Toscanini habe ich leider nicht erlebt, aber durch Platten kenne ich ihn auch sehr gut. Wir leben von Toscaninis Philosophie. Er hat die klassischen Werke in ihrer Urfassung wirklich vollkommen neu gemacht. Er hat die Werke wirklich gereinigt von der Romantik. Und davon leben wir heute. Das haben wir nur Toscanini zu verdanken.“

Welches musikalische Werk ist für einen Dirigenten eine besonders große Herausforderung? Ist es zum Beispiel der Ring von Wagner, sind es die neun Symphonien von Beethoven oder sind es die modernen Werke?

„Wissen Sie, die frühesten Symphonien von Mozart verlangen genauso viel Wertschätzung und Konzentration wie Wagners Siegfried. Nur ist es manchmal komplizierter in den Details, natürlich. Aus einer Haydn-Symphonie, Haydn hat 104 Symphonien geschrieben, lernen wir immer wieder neue Symphonien. Da muss man genauso viel analysieren, die Handschrift des Komponisten analysieren, wie bei der Götterdämmerung“.

Sie haben einmal gesagt, wer keinen Johann Strauß dirigieren kann, der ist kein vollwertiger Dirigent…

„Nein, nein, das habe ich nicht gesagt (lacht). Aber die, die in Wien aufgewachsen sind, kennen diese musikalische Sprache von Johann Strauß natürlich sehr gut. Die, die von außen kommen, kennen das einfach nicht. Man muss in Wien leben, um Johann Strauß kennen zu lernen.“

Und jetzt als Laie eine ziemlich banale Frage: Wer ist für Zubin Mehta der absolut größte Musiker aller Zeiten?

„Für mich liegt dies zwischen Bach und Mozart. Diese beiden Männer haben unser Leben reich gemacht: Ich glaube, ohne Bach und Mozart könnten wir heute nicht leben. Dann kommt natürlich auch Beethoven.“

Und welches Orchester ist das absolut Beste der Welt?

„Das kann man gar nicht sagen. Wir haben zehn oder fünfzehn wirklich erstklassige Orchester weltweit. Und es kommt darauf an, wer sie dirigiert. Jedes Orchester hat mal einen sehr guten Tag und manchmal einen nicht sehr guten Tag. Wir sind alle nur Menschen. Manchmal sind wir nicht so inspiriert. Wie bei den Vögeln bei schlechtem Wetter: da singen sie nicht so schön.“

Würden Sie die menschliche Stimme als Königin aller Instrumente bezeichnen?

„Wenn sie so ausgebildet ist, wie bei den großen Sängern, dann ja. Aber es gibt Instrumentalisten, Geiger und Cellisten, die die Instrumente so spielen wie menschliche Stimmen.“

Wir haben vorher von dem großen Einfluss der Musik gesprochen. Kann die Musik auch Einfluss auf die Politik haben?

„Nicht auf die Politik, aber auf die Menschen. Menschen , die in Krisen leben, so wie im Mittleren Osten. Wir machen Konzerte für Araber und Juden, die zusammensitzen und Beethoven hören. Und wenigstens während dieser Zeit herrscht Frieden.“

Unbestritten hat die Musik ja auch die Religionen beeinflusst. Ist das auch umgekehrt der Fall?

„Sicher. Besonders in Europa. Das Christentum hat die Malerei, Musik, Philosophie – alles beeinflusst.“

Haben Sie schon einmal vor einem Papst dirigiert?

„Ja, vor Papst Paul VI. Ich würde so gerne einmal auch vor Papst Benedikt XVI. dirigieren. Ich habe ihn einmal getroffen, in München. Da habe ich in der Kirche eine Messe dirigiert, bei der Trauerfeier von Frau Sawallisch. Ich möchte sehr gerne vor Papst Benedikt dirigieren. Heute in der Zeitung gibt es ein Bild von ihm – von Papst Benedikt, wie er am Klavier spielt!“

Ich teile ihren Wunsch, vor dem Papst dirigieren zu können...

„Wir haben in München immer die Regensburger Domspatzen für das Staatsorchester eingesetzt, die sein Bruder lange geleitet hat. Ob die dritte Mahlermusik oder Weihnachtskonzerte – er war immer dabei!“

Welche Beziehung haben Sie zur katholischen Kirche?

„Ich bin als Nichtchrist in Bombay von den Jesuiten erzogen worden. In meiner Klasse waren sechs Religionen vertreten. Und es herrschte eine vollkommene Demokratie. Ich habe Matthäus und Markus studiert und die Apostelgeschichte auch. Wir waren in einer Klasse Katholiken, Protestanten, Hindus und Moslems – ich selbst bin Parsi, und wir waren zu dreißig.“

Das könnte man auch die Globalisierung der Ökumene nennen…

„Ja, genau! Es war wunderbar. Ich habe religiösen Hass in meiner Jugend überhaupt nicht gekannt. Es gab nie irgendetwas Negatives.“

Was würden Sie Papst Benedikt gerne fragen, wenn es dazu eine Möglichkeit gäbe?

„Ich hätte so viele Fragen! Sein Einfluss ist so beutend: Ich hoffe, er ist sich bewusst, wie viel Einfluss er auf der Welt hat. Und wie viel seine Worte überall helfen.“ (rv)

Radio Vatikan – 80 Jahre

 

An diesem 12. Februar feierte Radio Vatikan - eine der ältesten und größten Sendestationen der Welt – sein 80-jähriges Bestehen. In den 38 Sprachabteilungen werden heute Hörprogramme in 45 Sprachen erstellt, natürlich in den Weltsprachen Englisch, Spanisch, Französisch, Deutsch, Russisch, Chinesisch, Portugiesisch, aber auch in allen übrigen europäischen Sprachen, Italienisch, Polnisch, Tschechisch, Slowakisch, in den vielen indischen Idiomen, Hindi, Tamil, Malaisch und in den skandinavischen Sprachen; Norwegisch, Schwedisch, Finnisch. Jeden Sonntag steht heute sogar eine Sendung in Esperanto auf dem Programm.

Angefangen hatte alles so: der Italienische Physiker und Pionier der drahtlosen Kommunikation, Guglielmo Marconi, stand neben dem Bischof von Rom, Papst Pius XI, und dessen Staatssekretär Eugenio Pacelli, dem späteren Papst Pius XII. auf der Einweihungsbühne und gab den Startschuss zum neuen Sender. „Mit Hilfe Gottes, der der Menschheit geheimnisvolle Kräfte der Natur zur Verfügung stellt, habe ich dieses Instrument vorbereitet, das der ganzen Menschheit den Trost erweisen wird, die Stimme des Heiligen Vaters vernehmen zu können“. „Hört zu, ihr Himmel, ich will reden, die Erde lausche meinen Worten“. Das war die Stimme Papst Pius XI. bei der Einweihung von Radio Vatikan am 12.Februar 1931.

Hören wir uns jetzt kurze Ausschnitte päpstlicher Stimmen über Radio Vatikan an, angefangen von Papst Pius XII. in lateinischer Sprache bis zu Benedikt XVI, in italienischer Sprache.
Papst Johannes XXIII.: „Dies, meine lieben Brüder und Schwestern, ist der dritte Segen, den ich euch über Radio Vatikan erteile“.
Papst Paul VI.: „Die Programmabteilung…ist die Hauptaufgabe des Rundfunks, sein Mittel zum Zweck, seine Nützlichkeit. Es würde zu nichts nützen, wenn man dieses Mittel nicht perfekt einzusetzen wüsste“.
Papst Johannes Paul I.: „Nie hätte ich geahnt, was geschehen würde, als ich gestern früh in aller Ruhe in die Sixtinische Kapelle zur Wahl ging. Wenn man es mir vorher gesagt hätte, hätte ich mehr studiert, mich besser vorbereiten können. Jetzt hingegen bin ich alt und habe keine Zeit mehr dazu“.
Papst Johannes Paul II.: „Ich will allen hier Anwesenden danken und mich bei Radio Vatikan entschuldigen, dass ich so spät gekommen bin und - und erst nach 12 Jahren hier einen Besuch abstatte. Da muss ich ein bisschen Gewissenserforschung machen…..“
Und schließlich Papst Benedikt XVI.: „Papst Pius XI. hat Radio Vatikan eingeweiht und damit dem Heiligen Stuhl und den Kirchen und dem Herrn eine neue Stimme gegeben. Dadurch kann das Evangelium allen Kreaturen auf der Welt verkündet werden“.

Pater Federico Lombardi, Generaldirektor von Radio Vatikan und Sprecher des Papstes – seit über 20 Jahren im Dienste dieser vatikanischen Institution - hält Rückschau:

„Ich würde als ersten Aspekt, die Radiobotschaften der Päpste hervorheben. Ich glaube, dass die Botschaften von Pius XII. während des Krieges sehr, sehr wichtig waren. Es waren Botschaften des Friedens und der Hoffnung, die weltweit gehört wurden. Dann würde ich die humanitäre Hilfe während des Krieges auch hervorheben. Radio Vatikan hat mehr als eine Million Botschaften gesendet, um die Gefangenen von den Familienangehörigen zu informieren – Gefangene die in den verschiedenen Kontinenten nur durch die Wellen von Radio Vatikan einen Kontakt mit ihren Lieben haben konnten. Eine große humanitäre Leistung. Von Pius XII. gewollt und von Radio Vatikan realisiert. Schließlich möchte ich die große Epoche der Hilfe für die Kirchen und für die Völker erwähnen, die unterdrückt waren. Besonders während der kommunistischen Zeit in Osteuropa. Wir haben in den Jahrzehnten nach dem 2.Weltkrieg in 17 Sprachen Sendungen für die Länder in Osteuropa erstellt, um dieser Kirche, diesen Menschen, die keine Freiheit mehr hatten, zu helfen. Eine Hilfe die wirklich mit großer Dankbarkeit angenommen wurde. Wir haben später sehr viele Schreiben der Dankbarkeit erhalten. Durch die Information der Kirche in der Zeit des 2. Vatikanischen Konzils, und auch später während der Reisen der Päpste, wurde durch Radio Vatikan eine universelle Meinungsbildung verbreitet. Die ganze Kommunität der Kirche sollte informiert werden, was es in der Kirche an Neuigkeiten gibt. Das glaube ich, sind die großen Leistungen in der Geschichte von Radio Vatikan“.

Der Auftrag von Radio Vatikan war und ist es also, die Lehre der katholischen Kirche zu verbreiten, über die Tätigkeit des Vatikans zu berichten, das Leben der Katholiken in aller Welt widerzuspiegeln und Fragen der Zeit aus dem Glauben zu beantworten. Die Sendungen von Radio Vatikan aber richten sich nicht nur an alle Katholiken, sie richten sich auch an alle religiös Interessierten. Dieser internationale Rundfunksender will einen Beitrag leisten für die Verständigung zwischen Menschen, Konfessionen, Religionen und Völkern. Ebenso gehört zu seinen Zielen der Schutz der Menschenrechte, der Religionsfreiheit sowie Versöhnung, Verständigung und Frieden in Gerechtigkeit. Wie kann und wie muss Radio Vatikan auf die großen Herausforderungen unserer Zeit reagieren?

Radio Vatikan hat auch vor den großen technischen Umwälzungen nicht Halt gemacht. Das Internet spielt auch im Sender des Papstes eine immer wichtigere Rolle. Welche Chancen, aber auch welche Gefahren erkennt Pater Lombardi als Intendant einer internationalen katholischen Senders in den neuen katholischen Kommunikationsmitteln? Pater Lombardi:

„Ja, natürlich sind wir sehr aktiv in der Evolution der Kommunikationsmittel, die neuen technischen Mittel zu benützen. Internet und alles, was damit verbunden ist. Podcast und so weiter. Der Rundfunk ist ziemlich flexibel und wir können unsere Texte veröffentlichen, wir können Bilder und Videos auf den Internet-Webseiten verbreiten, wir sind total in die Multi-Medialität eingetreten. Welche Gefahren ich sehe, fragen Sie? Ich glaube, es sind die Gefahren der Kommunikation heute im allgemeinen. Das heißt: man hat heute eine solche Geschwindigkeit und Kürze der Nachrichten erreicht, dass sehr einfach Missverständnisse oder falsche Interpretationen entstehen können. Was sehr wichtig für unsere Mission ist, ist den Weg zu finden, um schnell und gut, kurz und richtig Informationen weiterzugeben, unseren Hörern helfen zu verstehen, was der Papst wirklich gesagt hat, welche seine Intentionen sind, was der Sinn seiner Botschaften ist. Das ist das Problem und die wirkliche Chance und zugleich auch die Schwierigkeit. Der Sender des Papstes wurde bei seiner Gründung dem Jesuitenorden anvertraut und dabei ist es auch geblieben. In der Tat werden die höchsten Ämter dieser Institution Jesuitenpatres anvertraut: der Generaldirektor, der Programmdirektor und ebenso mehrere Leiter von Sprachabteilungen – darunter unser Chefredakteur Pater Bernd Hagenkord von der deutschen Abteilung – sind Mitglieder des Jesuitenordens. Die meisten Redakteurinnen und Redakteure in den verschiedenen Abteilungen aber sind Laien. Die Sendungen sind über Mittel- und Kurzwelle in allen Teilen der Welt zu hören und werden zunehmend über Satellit und im Internet mit Text und Ton übertragen. Die einzelnen Sprachsektionen haben pro Tag im Durchschnitt 30 Minuten Sendezeit, die mitunter mehrfach ausgestrahlt werden. Der Inhalt der täglichen Programme unterscheidet sich von Sprache zu Sprache stark, da die Zusammensetzung und die Erwartung des Publikums unterschiedlich sind. Neben den Nachrichten und Magazinsendungen strahlt Radio Vatikan auch Gottesdienste und Gebetssendungen aus: täglich morgens eine lateinische Messe und das Stundengebet der Laudes, nachmittags das Stundengebet der Vesper sowie der Komplet und abends das lateinische Rosenkranzgebet.“

Eine letzte Frage an Pater Federico Lombardi, sie richtet sich in die Zukunft: wer so lange an der Spitze von Radio Vatikan steht, kann gewiss auch konkret in die Zukunft blicken. Welche Visionen haben Sie für die kommenden Jahre im Bezug auf den Sender des Papstes?

„Ja, ich habe dies vielleicht schon angedeutet, in dem, Sinne, dass wir uns in der Evolution der großen Kommunikationsmittel befinden. Wir sollten immer mehr in Mitarbeit der anderen Kommunikationsmittel des Heiligen Stuhls und der ganzen Kirche unsere Mission realisieren. Mit einem Spezifikum, glaube ich. Das heißt: schnell und kurz mit klaren Worten erklären, was die Kirche für die Zeit von heute zu sagen hat. Das heißt, dass wir unsere Sprache verbessern müssen. Das heißt, mit unseren Fähigkeiten zum Kern der Probleme vorzudringen und in diesem Sinne dem Papst zu helfen, unter den heutigen Voraussetzungen verstanden zu werden. Das machen wir nicht allein, sondern zusammen mit den anderen Multiplikatoren in der Kirche. Wir müssen immer mehr in das Netz der Kommunikation eindringen, damit alle Menschen, die Antworten von der Kirche suchen, diese auch verlässlich erhalten können.“ (rv)

Walter Galetti
Ein großer Clown wird 80

 

Lachen und Humor gehören unlösbar zu unserem Menschsein. Sie sind ein Ausdruck der Freude am Leben - und auf das, was uns danach erwartet. Aber die Gaukler, die Narren und Clowns sind mehr als Spaßmacher, weil es ihnen gelingt, auch bittere Wahrheiten einfühlsam zu vermitteln. Mit einem besonderen Gefühl bringen sie unsere menschlichen Schwächen auf den Punkt. Walter Galetti, einer der großen Clowns feierte jetzt seinen 80. Geburtstag. Zu Beginn arbeitete er als Tierpfleger im Zirkus Knie, schon bald bekam er eine eigene Show als Clown. Der kleine Mann mit dem großen Herzen dankt seinem Schöpfer, dass er ihm eine Frohnatur in die Wiege gelegt hat. Seine Augen leuchten, wenn er von der Zukunft erzählt. Walter Galetti erhielt den internationalen Zirkusoscar und gehört zum Kreis der sieben besten Clowns in der Welt.

Herr Galetti, Sie haben sich schon früh für den Beruf eines Clowns entschieden. Was hat Sie für diesen für Sie so wichtigen, lebensentscheidenden Entschluss bewogen?

„Da muss ich so antworten: ich wollte einfach Clown werden! Ich musste Clown werden. Da war einfach der Drang da. Ich war schon in der Schule der Komiker, der Clown. Das hat mich glücklich gemacht. Und dann später habe ich eben versucht, Clown zu werden.“

Es ist Ihnen gelungen, das zu werden, was Sie innerlich bewogen hat......

„Ja, genau. Der Familie zuliebe, meinen Eltern zuliebe, habe ich einen gut bürgerlichen Beruf, Tierpfleger, zu werden. Und dann, wie ich volljährig war, ging ich eben zum Zirkus und habe angefangen, Clown zu werden".

Und was sagte Ihr Elterhaus zu Ihrer Berufswahl?

„Zum Glück hatte ich einen Nachbar und der war Zirkusfan, der hatte sogar Raubtiere in seinem Keller, in seinem Gehege und der hat gut bei meinen Eltern für mich vorgesprochen.“

Sie sind mit ihrem Eigenheim auf Rädern schon mehrmals um die ganze Welt gefahren, begleitet von Ihrer Frau Maria, Ihren beiden Töchtern, Carmen und Maria und später von Ihrem Sohn Marco?

„Meine Frau kam genau so wie ich aus dem privaten Bereich und wir haben uns im Zirkus kennen gelernt. Sie war an der Restauration, und ich war so ein kleiner Pausenaugust. Da haben wir uns kennen gelernt. Da haben wir versucht zusammen eine Nummer aufzubauen.“

Und mit Ihrer Familie schafften Sie dann den Durchbruch zu Ihrer fabelhaften Karriere. Erzählen Sie uns bitte kurz etwas über Ihre Etappen, Ihre großen Erfolge....

„Ich war in London engagiert, damals war ich noch Tierpfleger, aber ich durfte schon mitfahren, und ein bisschen Pausenaugust machen. Und da war im Programm ein Vagabund auf einem Seil. Das Seil war elastisch. Und das hat mich so fasziniert, im Hinterkopf ist das einfach festgesessen. Später, als ich die Möglichkeit hatte, haben wir im Garten meiner Eltern ein Seil gespannt, und haben versucht, Seil zu laufen.“

Das war sozusagen der Anfang Ihrer großen Karriere?

„Ja genau. Dann habe ich ein Jahr lang pausiert, meine Frau ging an eine Tankstelle und hinter dieser Tankstelle haben wir dann weiter unsere Nummer trainiert. Und dann haben wir uns beworben. Wir haben dann auch einen Vertrag bekommen für einen sehr guten Zirkus in Deutschland, und nach drei Wochen kam ein Telegramm: es tut uns leid, wir müssen den Vertrag stornieren. Wir können Sie nicht in unserem Wohnwagen im Park aufnehmen, wenn Sie nicht verheiratet sind. Und drei Wochen später kam wieder ein Telegramm: es tut mir leid, wir müssen den Vertrag stornieren, wir haben den ganzen Zirkus nach Amerika verkauft.... Da waren wir verheiratet und standen da"!

Mittlerweile gehören Sie ja zu den sieben besten Weltclowns und haben sogar den „Zirkusoscar" erhalten...

„Das hat uns sehr geholfen, weiter zu kommen. Überall haben Sie uns reingenommen.“

Gibt es eigentlich Konkurrenz unter den Clowns?

„Nein, nein, das habe ich überhaupt nie erlebt. Weil ja der Flieger oder der Dompteur oder was er eben ist, nicht in Konkurrenz steht. Warum sollte er auf den eifersüchtig sein?“

Das gibt es also in Ihrer Welt nicht: Neid, Eifersucht.....

„Nein, nein.“

Fredy Quinn, Heidi Kabel, Heinz Rühmann, Gilbert Becaud: das sind ja alles Ihre Freunde, um nur einige zu nennen. mit denen Sie auf der Theater- und Filmbühne zusammen Erfolge feierten....

„Gilbert Becaud, der hat mich zwei Mal zu seinen Fernseh-Shows eingeladen, ich habe viel mit ihm zusammen gearbeitet, Heidi Kabel und Heinz Rühmann, das waren Freunde, die zu mir in den Wohnwagen kamen. Und diese Atmosphäre war eben sehr, sehr lieb. Wir standen da in Hamburg etwa sechs Wochen und da kamen jeden Abend Artisten und Schauspieler zu einem netten Beisammensein zusammen.“

Herr Galetti, man sagt Komiker seien im Grunde oft auch recht melancholische Menschen...

„Nein, das stimmt nicht. Auch die berühmte Träne vom Clown...das stimmt nicht. Natürlich gibt’s den Clown, der vielleicht ein bisschen traurig ist. Aber, er zeigt das nicht. Er darf das nicht zeigen. Ich weiß nur, dass alle meine Kollegen lustige Kollegen sind. Bei uns wird viel gelacht, sie sind alle hilfsbereit, eben ein fröhlicher Menschentyp.“

Was ist das Wichtigste für einen Clown, Herr Galetti? Spontaneität, Ideenreichtum, gute Laune, körperliche und geistige Flexibilität oder Intuition?

„Das alles zusammen! Und dann kommt noch dazu: er muss fröhlich sein. Allein schon von seinem Charakter her, er muss fröhlich sein. Sonst kann er ja keine Fröhlichkeit schenken. Einer, der kein Herz hat, kann ja auch kein Herz verschenken. Also, man braucht beides und all die Sachen, die Sie aufgezählt haben, kommen noch dazu.“

Herr Galetti, was ist Fröhlichkeit eigentlich? Ist es, wenn man trotzdem lacht?

„Genau, genau das, ja. Und zufrieden sein. Und – für mich speziell – auf das Publikum eingehen und sie mitreißen. Das gehört einfach dazu.“

Lachen ist also nicht nur ein äußerer Ausdruck der Fröhlichkeit, der Heiterkeit, sondern eben auch Ausdruck der Fröhlichkeit, die von innen kommt?

„Also, so sehe ich es auch. Ich hatte zum Beispiel einen Kollegen gehabt, der hatte kein Herz, der ist auch nicht weit gekommen. Nur angeben, das geht nicht. Man muss einfach ganz leicht und lieb sein. Ein guter Clown, der nimmt sich selbst auf den Arm.“

Der Herrgott hat Ihnen offensichtlich eine Frohnatur in die Wiege gelegt. Sind Sie auch dankbar dafür?

„Aber sicher! Sehr sogar. Ich bin eigentlich sozusagen per Du mit dem Herrgott. Wenn ich zum Beispiel auf der Autobahn fahre, und irgendwie in eine Situation reinkomme, aber auch auf der Bühne, und es klappt herrlich, dann kann ich auch einmal ganz schnell hinter die Kulissen oder beim Auto das Fenster runterdrehen und sagen: Du, ich danke Dir recht herzlich, das war prima! Danke! Ich werde mich revanchieren.“

Ein echtes Zwiegespräch also zwischen einem Clown und dem lieben Gott. Lachen gehört zum christlichen Glauben, lachen ist Ausdruck der Freude am Leben. Man sagt ja auch, Spaßmacher liegen dem Herrgott besonders am Herzen.

„Sicher, sonst hätte ich ja nicht so viel Glück. Ich bin jetzt 80 Jahre und kerngesund. Mir fehlt überhaupt nichts. Gar nichts. Ich brauch keine Pillen, keine Tabletten. Was will ich mehr? Und dafür danke ich auch, ich versuche auch das weiter zu geben durch humanitäre Auftritte und und und...“ (rv)

Prof. Peter Voss
(Sendung: 09.01.11)

 

Der bekannte Journalist Peter Voss wurde vor 70 Jahren in Hamburg geboren und wuchs in Lübeck auf, wo er das ‘Johanneum’ besuchte. Von 1961 bis 1967 studierte er Soziologie, Jura und Ethnologie an der Universität Göttingen. Beim SWR brachte er es bis zum Intendanten, in dessen Stellung er zwei Mal bestätigt wurde. Beim breiteren Publikum wurde er vor allem wegen seiner sonntäglichen Journalistengespräche ‘Presseclub’ bekannt. Im vergangenen Jahr übernahm Peter Voß das Amt des Präsidenten der privaten Quadriga Hochschule in Berlin, in der unter anderem auch Ethikfragen auf dem Lehrplan stehen.

Sie sind ein Spitzenmann der Medien, Journalist, Manager – ergo wird das Gespräch, das wir aus Anlass Ihres 70. Geburtstages führen, in erster Linie ein Gespräch über Medien sein, aber nicht nur. War Ihre Studienwahl: Soziologie, Jura und Ethnologie bereits verbunden mit Ihrer Berufsvorstellung?

Ich war lange unsicher was ich werden wollte. Ich habe erst Deutsch und Englisch studiert, dann habe ich gewechselt zu Jura, aber Staatsanwalt oder Richter wollte ich auch nicht werden, dann bin ich zur Soziologie übergegangen mit Nebenfach Ethnologie und Rechtsgeschichte: Journalist bin ich dann geworden, um möglichst rasch einen Beruf zu ergreifen, der mir liegt. Ich war lange unschlüssig, ob ich nicht in die Politik gehen sollte, und bin heute froh, dass ich es nicht gemacht habe”.

Gleich zum Beginn; was macht Ihrer Meinung nach einen guten Journalisten aus?

Ich hätte fast ironisch gesagt: seine Seltenheit. Denn der gute Journalist konzentriert sich auf die gründliche Recherche und bemüht sich um ein Ziel, das nicht absolut aber in Annäherungswerten erreichbar ist: sie Objektivität. Das heißt, er versucht auch die Fakten, Hintergründe, Argumente, Zusammenhänge zu berücksichtigen, die nicht zu seiner persönlichen Meinung passen”.

Wo liegen die Trends, die Tendenzen der Medien heute?
Wie hat sich der Jornalismus durch die Digitalisierung verändert?

Das ist ein sehr komplexes Feld. Vor allem durch den Siegeszug des Internets verändert sich der Journalismus und gleichzeitig auch durch den viel härteren kommerziellen Wettbewerb, das heißt Verlage wie Sender haben nicht mehr im gleichen Maße wie vorher die finanzielle Kraft Journalisten zu bezahlen, die eben gründlich recherchieren. Wen ich heute als Verleger Personal abbaue, bleibt für die Recherche weniger Zeit, das heißt die Tendenz geht natürlich dann mehr zu personalisiertem Journalismus,zu Emotionen und das geht dann auf Kosten der Gründlichkeit. Und das Internet verändert es noch einmal völlig, weil es auf der einen Seite ein freies, ein tolles Medium ist, aber auch ein Medium das es erschwert, Instanzen der Glaubwürdigkeit, der Seriosität aufzubauen”.

Sie haben den öffentlich-rechtlichen Rundfunk einmal als öffentliches Kulturgut beschrieben….Würden Sie das näher beschreiben?

Ja, der Kulturbegriff ist natürlich dehnbar. Etwa die Hälfte der Produktion des öffentlich-rechtlichen Rundfunks und Fernsehens und Internet würden sich am Markt nicht rechnen. Das heißt, sie werden geleistet für die Allgemeinheit – insofern ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk gemeinwohlorientiert – sie sind nötig, aber sie erreichen immer nur bestimmte Minderheiten und wären deshalb kommerziell nicht finanzierbar. Insofern hat der öffentlich-rechtliche Rundfunk, wenn man will, eine wichtige Aufgabe auch im Hinblick auf die Integrität einer Gesellschaft auf nationaler, regionaler, föderaler Ebene, aber auch auf europäischer Ebene und ist nach meiner Meinung unentbehrlich.Ob wir diesen Rundfunk so behalten können, halte ich für eine offene Frage. Ich hoffe, dass mit größeren Bildungsanstrengungen auch die Ansprüche von Rundfunk und Fernsehen wieder steigen, sodass wir da wieder neue Chancen haben”.

Welchen Stellenwert haben Sie als Intendant des SWR den religiösen Sendungen eingeräumt?

Also abgesehen von den staatsvertraglich festgesetzten Gottesdienst-Übertragungen haben wir uns auch selber bemüht, redaktionell religiöse Themen aufzugreifen bis hin in die Fernsehspiele hinein. Ich selbst habe etwas getan, was mir auch Kritik eingebracht hat: ich habe versucht selbst den Islam einzubinden durch eine „Islamisches Wort“ allerdings unter unserer redaktionellen Verantwortung. Aber nur im Internet als ersten Versuch, weil ich islamistische Tendenzen ohnehin, aber auch manche islamischen Tendenzen sehr kritisch sehe, aber der Meinung war, wenn man sie kritisch sieht muss man ein Angebot machen. Und meine stille Hoffnung war und ist, dass wir mit dem Vordringen des Islam auch unsere eigenen kulturellen und religiösen Wurzeln wieder stärker zum Bewusstsein bringen müssen”.

Ist dieses Experiment gelungen?

Es ist gelungen. Die Ausweitung ist aber schwierig, weil es auf islamischer Seite keine wirklichen institutionellen Ansprechpartner gibt. Es gibt keine öffentlich-rechtlich verfaßte islamische Glaubengemeinschaft, die man mit den Kirchen vergleichen könnte und die -wenn es sie gäbe – auch in unseren Gremien vertreten sein könnten. Das steckt alles erst in den Anfängen und wird sich hoffentlich noch entwickeln.

Es ist bekannt: die Medien haben Einfluss auf die Politik. Welchen Einfluss haben die Medien auf die Religion? Hat die Religion auch Einfluss auf die Medien?

Der Einfluss der Religion, auch der Einfluss der religiösen Institutionen ist sicherlich zurückgegangen, weil die agnostische Säkularisierungswelle auch den Journalismus stark erfasst hat. Umgekehrt haben die Medien schon sehr großen Einfluss auf religiöse Einstellungen, nicht so sehr auf konkrete, geglaubte Lehrsätze, aber auf das religiöse Empfinden. Und sie haben auch Einfluss der Kritikfähigkeit. Eine der großen Leistungen des SWR war wirklich eine Sendung über Scienthologie, die auch riskant war, weil diese Sekte alles versucht hat, unsere Ausstrahlung zu verhindern. Also wir haben schon Einfluss und damit natürlich eine große Verantwortung”.

Sie sind Protestant. Was gefällt Ihnen an der katholischen Kirche, was nicht?

Also ich habe grundsätzlich –insofern bin ich befangen, weil ich noch nicht einmal weiß, ob ich ein Gläubiger bin oder nicht, vielleicht bin ich es auch ohne es zu wissen – habe ich ein Grundvertrauen in eine höhere Instanz, ohne mir dessen immer bewusst zu sein. Ich habe mit konkreten Lehrsätzen beider Kirchen meine Probleme und bewundere an der katholischen Kirche etwas, was zugleich die Schattenseite ist: ihre große Geschlossenheit. Das ist gleichzeitig auch ein Problem bei bestimmten Themen, die in aller Munde sind – ob es der Ausschluss der Frauen vom Priesteramt ist, der natürlich dogmatisch begründet ist, oder eben auch eine kirchenrechtliche Frage wie die zölibatäre Existenz der Priester. Ich glaube, darin liegt zwar nicht das Kernproblem, aber liegen zumindest in Mitteleuropa große Akzeptanzprobleme. Nur der Kern des Glaubens – Liebe, Glaube, Hoffnung – der ist für mich unantastbar. Und da stelle ich mir die Frage immer: welche Institution ist am ehesten geeignet, die Lehre zu bewahren und weiterzugeben und die Menschen immer damit zu konfrontieren. Und das ist sicher heute – weltweit gesehen- die katholische Kirche”.

Sie haben viele hervorragende Kirchenmänner interviewt. Hans Küng, Wolfgang Huber, Erzbischof Foley. Mit Sicherheit würden Sie auch gerne ein Interview mit Papst Benedikt führen. Welche Frage würden Sie ihm auf jeden Fall stellen?

Ich wollte dem Papst sicher nach dem Kern seines Glaubens fragen und ihm in Grunde die Fragen stellen, die Sie mir gerade gestellt haben. Darauf würde ich sicher versuchen, ganz stark einzugehen: bleibt es bei der Volkskirche? Und damit der öffentlich-rechtlichen verfassten Kirche? Oder kehren wir zurück zu einer Form die an die Urkirche erinnert? Nämlich eine Minderheit die völlig aus eigener Kraft und ohne Verbindung zur Gesellschaft und Politik sozusagen – ich hätte fast gesagt, wie im heutige China, nur ohne Verfolgung – als wenig beachtete Minderheit von „Sonderlingen“ existiert. Vielleicht ist das die Zukunft der Kirche. Aber ich würde es mir nicht wünschen, weil ich mir eine möglichst großen Einfluss der Institution Kirche im positiven Sinne auf die Gesellschaft wünsche”.

Sie haben viele hervorragende Kirchenmänner interviewt. Hans Küng, Wolfgang Huber, Erzbischof Foley. Mit Sicherheit würden Sie auch gerne ein Interview mit Papst Benedikt führen. Welche Frage würden Sie ihm auf jeden Fall stellen?

Hoffentlich nicht nur Unternehmens- und Organisationskommunikation sondern hoffentlich lernen sie von uns auch, dass Transparenz , die beste Unternehmenspolitik ist. Man sieht am Beispiel von BP nach dem Unglück im Golf von Mexiko oder auch bei der deutschen Bahn wenn es mal mehr schneite als sonst, dass Unternehmen aber auch Parteien und Institutionen gravierende Fehler machen bei der Vermittlung ihrer legitimen Interessen und Ziele, weil sie oft die Antwort verweigern oder nicht ganz offen sind. Und das wäre aber genau richtig, weil es auf lange Sicht die einzige vertrauensbildende Politik ist. Und das versuchen wir unter anderem den Studierenden zu vermitteln”.

Auf Ihrem Lehrplan stehen also auch Ethikfragen; welche der christlichen Grundwerte halten Sie für die entscheidenden?

Ich denke das Gebot der Nächstenliebe, das ja nach meiner Auffassung nicht sekular, sondern nur religiös begründet werden kann. Sie ist der zentrale Wert, der natürlich nicht 1:1 umsetzbar ist. Da bräuchte man ja keinen Staat und keine Politik mehr. Keine Gesetze und keinen Sozialstaat wenn wir alle im Sinne der christlichen Ethik sozial wären. Es ist alles zurückzuführen auf das Gebot der Nächstenliebe und natürlich auch auf dem Wert der Menschenwürde. Denn das Christentum hat eigentlich die Würde der Einzelperson durchgesetzt. Un das halte ich für zentral”.

Sie lieben Lyrik. Sie selbst haben Gedichte geschrieben. Gibt es eines, das Sie abschließend rezitieren möchten?

Es gibt ein Gedicht, das heißt Kunst:

Es liegt was in der Luft,
ich trau mich nicht danach zu greifen.
Sie nimmt es sich heraus,
taucht es ins kalte Bad
und zieht es an.
Ein Kleid, das manchen freut.
Ich aber sag mir:
Nein, das ist doch keine Kunst,
das hätteich auch gekonnt.
Mag sein, sagt sie –doch du
kannst es nicht tragen.

Aldo Parmeggiani

Jörg-Dietrich Hoppe
Präsident der deutschen Ärztekammer
Mahner und Vermittler
(Sendung vom 28.11.2011)

 

Jörg-Dietrich Hoppe, seit 1999 ununterbrochen Präsident der Bundesärztekammer und des Deutschen Ärtztages feiert seinen 70. Geburtstag. Hoppe gehört zu den Hauptakteuren im deutschen Gesundheitswesen. Er gilt als Integrationsfigur und kritischer Mahner in ethischen Fragen. Nach seinem Medizinstudium in Köln bildete er sich in den Fachgebieten Pathologie und Allgemeinmedizin weiter. Hoppe ist auch als Hochschullehrer und als Honorarprofessor an der Medizinischen Fakultät der Universität zu Köln tätig. In seiner jetzigen, dritten Amtszeit als Ärztekammerpräsident geht es ihm nach eigenen Bekunden vor allem um eine bessere Patientenversorgung, mehr Transparenz bei der Rationierung und um den Kampf um die ärztliche Freiberuflichkeit. Zugleich meldet sich Hoppe immer wieder bei ethischen Fragen zu Wort. Mit seinem kategorischen Nein zu verbrauchender Embryonenforschung, Präimplantationsdiagnostik und aktiver Sterbehilfe stellt sich der Katholik Hoppe auch gegen Strömungen unnerhalb der Ärzteschaft. Immer wieder mahnt er auch zur Neuregelung der Spätabtreibungen. – 1940 in Thorn n der Weichsel geboren, lebte er mit seiner Familie nach der Flucht nach Westdeutschland zunächst in Recklinghausen, später in der Eifel, in Köln und Düren. Eigentlich wollte Hoppe Musiker werden, entschloss sich später aber, für den Beruf eines Arztes - bei dem er allerdings auch wieder die erste Geige spielt. Für ihn sind Musik und Medizin keine Gegensätze, sondern Ergänzung und Symbiose.
 
*Welche sind die Haupteigenschaften, die ein guter Arzt besitzen muß?
 
‘Ein guter Arzt muss zuhören können, er muss Empathie für seine Patienten mitbringen und er muss natürlich ein fundiertes Wissen haben. Der Hausarzt ist am meisten gefordert, denn er kennt seine Patienten besonders gut.
 
*Ist Prävention nach wie vor die beste Medizin?
 
‘Prävention ist unerlässlich. Jeder Mensch sollte seinen Körper genau beobachten. Aber nicht zum Misanthropen werden. Prävention im großen Stil ist im wesentlichen Früherkennung.’
 
*Gehen Sie  – wenn nötig – selbst auch zum Arzt oder erproben Sie Ihre eigene Kompetenz, Ihre Erfahrungen an sich selbst?
 
‘Ich habe keine Scheu zum Arzt zu gehen, wenn ich an meine Grenzen stosse’.
 
*Sie führen Ihr hohes Amt seit nunmehr 11 Jahren ununterbrochen aus: welche Entscheidungen unter Ihrer Stabführung würden Sie als die bisher wichtigsten beschreiben?
 
‘Die Zusammenführung der Weiterbildungsordnungen der früheren DDR und der Bundesrepublik Deutschland zu einer gemeinsamen Spezialisierungsordnung und die Verteidigung ethischer Grundsätze im Arztberuf am Anfang und am Ende des menschlichen Lebens in Zusammenarbeit mit der katholischen und der evangelischen Kirche’.
 
*Erst vor wenigen Tagen hat Papst Benedikt die Wissenschaftler zu einer erweiterten Wahrnehmung ihrer ethischen Verantwortung aufgerufen. Weshalb trifft diese Aussage für die Medizin im besonderen Maße zu?
 
‘Diese Aussage des Papstes trifft für die Medizin im besonderen Maße zu,
weil immer mehr Technik und immer mehr ‘Chemie’ den Arztberuf durchdringen. Wir Arzte neigen oft dazu, uns auf die Technik zu verlassen und den Menschen als Ganzes und als Persönlichkeit zu vernachlässigen’
 
*Gleichzeitig hob das katholische Kirchenoberhaupt auch die Berührungspunkte zwischen Wissenschaft und Religion hervor. Was können Sie als Arzt und als Katholik dazu sagen?
 
‘Ich glaube, dass wir Ärzte auch aus der Theologie einiges lernen können, denn die Medizin ist ja eine Wissenschaft, die sehr praktisch ist und mehr von der Erfahrung lebt. Wir machen Anleihen bei anderen Wissenschaften, bei Naturwissenschaften, Ingeneurwissenschaften, Sozialwissenschaften  und Kommunikationswissenschaften, der Philosophie und namentlich auch bei der Theologie’.
 
*Im allgemeinen haben sich die katholischen Arzte weltweit enttäuscht über die Verleihung des diesjährigen Medizinnobelpreisträger Robert Edwards – den ‘Vater des Retorten-Babys’ - geäußert. Die künstliche Befruchtung untergrabe die Würde der menschlichen Person, hieß es vielfach. Wie lautet Ihre Meinung dazu?
 
‘Das ist ein ganz besonders sensibles Thema. Die künstliche Befruchtung hat deshalb einen so hohen Stellenwert bekommen, weil die erstgebärenden Mütter immer älter werden. Früher hat man die Kinder zwischen 20 und höchstens 30 Jahren bekommen – heute sind erstgebärende Frauen durchaus älter. Da besteht die Gefahr, dass eine Mutation eintritt, dass ein behindertes Kind zur Welt kommt. Dadurch hat diese Invitrofertilisation diese Bedeutung bekommen. Diese Art der Fortpflanzung ist auf hochentwickelte Medizin angewiesen und ich glaube, wir sollten damit auch Schluss machen, denn bei Präimplantationsdiagnostik und Pränataldiagnostik wird menschliches Leben vernichtet und das gehört nicht zum Aufgabenspektrum eines Arztes’.
 
*Die Embryonen-Selektion ist weltweit umstritten, ein internationaler Vergleich läßt keine schlüssige und einheitliche Regelung aufscheinen. In Deutschland, Italien, Österreich und der Schweiz ist sie verboten, in anderen Ländern nicht. Die Frage eines Laien lautet: Stammzellenforschung kann Menschenleben retten, warum sind dennoch viele dagegen?
 
‘Bei Stammzellen ist es so, dass man nicht einen kompletten Embryo braucht, sondern bereits im Vorstadium kann mann Zellen gewinnen, die entwicklungsfähig sind. Daran zu forschen ist sogar eine medizinische Aufgabe. Denn es gibt Krankheiten, die dadurch geheilt werden können, wie Parkinson oder Multiplisklerose. Ich glaube, das wird der liebe Gott zulassen., dass wir das durch weiter entwickelte Behandlungsmethoden auch tun dürfen.’
 
*Rund 80 Prozent der Arzte in Deutschland sprechen sich gegen eine Legalisierung der aktiven Sterbehilfe aus. Ein Mensch ist unheilbar krank, sein Leben nur noch Schmerz und Qual. Was spricht dagegen, dass dieser Mensch seinen Arzt um Sterbehilfe bittet?
 
‘Aktives Töten oder Tötung auf Verlangen lehnen wir ab. Und zwar strikt. Es ist in Deutschland auch strafbewährt. Das Problem ergibt sich bei der Frage nach dem ärtzlich assistierten Suizid. Der Suizid ist in Deutschland nicht strafbar. Beihilfe zum Suizid auch nicht. Aber der Arzt hat ja eine Garantenpflicht in dem Moment, wo er eine hilflose Person vorfindet, muss er ihr helfen. Ansonsten sprechen wir von einer Therapie, die auf Lebensverlängerung hinzielt. Da wird das Therapieziel geändert und schaltet auf Palliativmedizin um,  Dem Patienten den Rest seines Lebens so positiv wie möglich zu gestalten - dafür setzen wir uns ein.’
 
*Stichwort Organspende: ist sie eine moderne Form der Nächstenliebe oder ein ertragreiches Geschäft für zum Beispiel die Pharma-Medizin?
 
‘ Also, sie ist beides. Aber in erster Linie das Erstere. Organspende ist ein Dienst am Nächsten. Man kann das durchaus als Nächstenliebe auffassen. Schlimm wird es, wenn daraus ein Geschäft gemacht wird. Das ist aber in Deutschland strikt verboten und wir überwachen das auch. Wir haben in Deutschland noch keinen Fall  an Organverkauf zu verzeichnen’.
 
*Sie sind Chefarzt des Instituts für Pathologie und lehren Rechtsmedizin an der Universität Köln. Wann, Herr Professor Hoppe, sind wir wirklich tot? Wie sicher oder wie unsicher ist heute die Diagnose eines Hirntodes, die als die sicherste gilt?
 
*Der Hirntod tritt ein, wenn das Gehirn seine Funktion nicht mehr erfüllt. Das kann man sehr gut feststellen. Wenn das Gehirn nicht mehr funktioniert und auch nicht mehr in Funktion zurück zu bringen ist – und das geschieht schon nach relativ kurzer Zeit, nach etwa acht Minuten – dann ist das Gehirn durch mangelnde Sauerstoffzufuhr irreversibel geschädigt. Dann muss man den Tod des Menschen feststellen. Wenn dann noch künstlich beatmet wird, dann kann man auch die Beatmung einstellen, Einige Funktionen, die ohne das Gehirn – nur mit dem Rückenmark – stattfinden und von dort aus gelenkt werden, die mögen noch weitergehen, aber auch sie  hören bald auf. Der Hirntod ist schon eine zuverlässige Angelegenheit’
 
Viele Rätsel sind –trotz aller Fortschritte der Wissenschaft – noch ungelöst. Wenn die Wissenschaft eines Tages zweifelsfrei belegen sollte, dass – wie die Kirche sagt – die Seele den Körper verläßt und an einen anderen Ort weiterlebt, dann gibt es eigentlich keinen Tod. Dann wären viele Rätsel gelöst…
 
‘Das ist richtig, das glauben wir ja auch, dass es in irgendeiner Form nach dem irdischen Leben weitergeht. Ich glaube, dass sich viele Menschen diesen Glauben bewahren und nicht deswegen in Panik verfallen, weil das Leben endlich ist, sondern versuchen werden, auf diesen Punkt hinzuleben, dass der Tod eines Tages uns alle erreicht. Das muss jedem bewußt sein.’

Manfred Bissinger
Journalist, Autor, Herausgeber - 70 Jahre

Manfred Bissinger, Jahrgang 1940, ist seit 2002 geschäftsführender Herausgeber
des Hoffman und Campe-Verlags in Hamburg. Die wichtigsten Etappen seiner
journalistischen Laufbahn: stellvertretender Chfredakteur des ‘Stern’, Sprecher des Hamburger Senats, Chefredakteur der Magazine ‘Konkret’, ‘Natur’, und ‘Merian’ sowie Herausgeber und Chefredakteur der Wochenzeitung ‘Die Woche’. Herr Bissinger, vielen Dank, dass Sie uns dieses Gespräch, das wir aus Anlass Ihres 70. Geburtstages führen, gewähren.

*Sie stammen aus einer Familie, für die die Sprache, Literatur, das geschriebene Wort immer eine besondere Rolle gespielt haben: schon Ihr Vater war einst , wie Sie heute – Journalist, Verleger und Autor. Sie haben Ihr Metier sozusagen in die Wiege gelegt bekommen. Welchen konkreten Einfluss hatte Ihr Elternhaus auf Ihren beruflichen Lebensweg?

‘Es hatte einen großen Einfluss, weil es ein bürgerliches Elternhaus war und in einem bürgerlichen Elternhaus wurde natürlich auch Literatur zur Kenntnis genommen. Die Kinder wurden damit vertraut gemacht und wir haben sehr früh gelernt, dadurch, dass mein Vater als Journalist arbeitete und Zeitschriften verlegte, was das für ein interessanter Beruf sein könnte. Mein Vater hat dann alle drei Söhne, der eine wurde Verlagskaufmann, der andere wurde Drucker und ich wurde Journalist, in der Hoffnung dahin bewegt, dass sie eines Tages ihren Beruf weiterführen können’.

*Wie haben Sie die 68-Jahre erlebt, wie bewerten Sie diesen Zeitabschnitt im Rückblick?

‘Ich habe diese Zeit als Reporter des Magazins ‘Stern’ erlebt und habe eigentlich über alles, was damals passiert ist, berichtet und darüber geschrieben. Sie – die 68-er- hatten sicher eine Berechtigung, weil wir schon damals eine Phase des Stillstands im Lande hatten, aber sie hatten sicher in manchen Fragen überhaupt nicht recht, weil sie bestimmte Grundrechte der Gesellschaft in Frage gestellt hatten. Und unter dieser Infragestellung leidet das Land noch heute. Also Grundrechte, wie Fleiß und Ordnung, Pünktlichkeit und Anstand, Moral, darum haben sie sich nicht gekümmert. Manches haben sie abgelegt, weil sie antiautoritär waren und dachten, sie könnten alles aufheben. Das war sicher keine gute Situation, dass sie jedoch für etwas frische Luft in der Gesellschaft gesorgt haben, war sicher vernünftig.’

*Als Journalist haben Sie es schon früh zum Rang eines Chefredakteurs gebracht:
wie lautet nach Ihrer Meinung das erste Gebot für einen guten Journalismus?

‘Wahrhaftigkeit. Ehrlichkeit, Offenheit, das gehört alles mit dazu. Eine klare Sprache . Verständnis. Den Menschen etwas beibringen wollen. Ihnen Orientierung geben. Das sind für mich wesentliche Merkmale des Journalismus’.

Sie haben die Berufskategorie sehr hoch gesteckt, mit diesen eben genannten Kardinaltugenden, wenn man das so sagen kann.

‘Der Journalist hat auch wahnsinnig viel Verantwortung. Wenn er die nicht wahrnimmt, können schreckliche Dinge passieren. Vor allem natürlich gegenüber Menschen. Wir haben es besonders in den letzten Jahren ja erleben müssen, wie einzelne Menschen erst nach oben geschrieben werden, um dann wieder nach unten gedrückt zu werden und dabei auch kaputt gehen können. Das ist eine Verantwortung, die der Journalismus hat, die er leider immer weniger wahrnimmt’.

*Welche sind die Merkmale unseres Informationszeitalters und welche Auswirkungen haben sie auf unsere Gesellschaft?

‘Die Merkmale sind natürlich, dass die Kanäle, über die informiert wird, sehr viel mehr geworden sind, als es früher gegeben hat. Als ich Journalist wurde, das gab es Rundfunk, Zeitungen und Magazine. Heute gibt es hunderte von Fernsehkanälen, es gibt vor allem das Internet, es gibt natürlich immer noch Zeitungen und Zeitschriften, es gibt immer noch Radio, aber es gibt von allem eine Fülle; dadurch ist eine Art Wettbewerb unter den Medien entstanden, der oft dazu führt, dass einzelne übertreiben, weil sie auf sich aufmerksam machen wollen.’

*Werden Internet und Multimedien die traditionellen Medien verdrängen oder sie zu neuen Anregungen, auf neue Wege führen?

‘Also ich glaube nicht, dass sie sie verdrängen werden, ich bin fest davon überzeugt, dass es in einer bürgerlichen Gesellschaft – und die haben wir Gott sei Dank noch – immer ein Kern von Menschen gibt, die nach Qualität verlangen. Und diese Qualität können am ehestens die gedruckten Medien erfüllen’.


*Noch nie gab es so viel Information wie heute, noch nie war die Macht der Medien größer und der Kampf um ihre Nutzer härter. Comunicatio – quo vadis?

‘Es war aber auch noch nie so notwendig, den Menschen, die mit diesen Medien umgehen, zu erklären, wie sie mit ihnen umgehen sollen und den Menschen in dem Dschungel Orientierung geben sollen, Wir haben doch sehr viele Medien, auch das Internet, das ohne Quellen arbeitet, sodass für den Nutzer nicht mehr erkennbar ist, woher die Nachrichten und die Ratschläge oder die Meinungen, die sie geliefert bekommen, woher die entstanden sind’

*In einer jüngsten Umfrage zur Vertrauenswürdigkeit von Berufen landet die Kategorie ‘Journalisten’ in den hinteren Rängen, zusammen mit den übrigen Schlusslichtern, wie Banker, Immobilienhändler und Politiker. Auf welche Ursachen ist diese Platzierung zurückzuführen?

‘Mich wundert diese Platzierung nicht, weil gerade der Journalismus in den letzten Jahren so sensationsheischend und damit auch so unglaubwürdig geworden ist. Dass sich dies natürlich im Publikum niederschlägt, das sagt nichts darüber aus, ob es ein Publikum gibt, das diese Sensation gerne konsumieren möchte. Wir haben in Deutschland ein Boulevardblatt, ‘Bild,’ das hat die höchste Auflage von allen Blättern. Und das ist auf diese Art und Weise sensationsheischend gemacht. Die Leute interessiert das - aber es trägt nicht zum Berufsbild des Journalisten bei, dass es angesehen wäre’.

Was sagen Sie zu der Bild-Schlagzeile: Wir sind Papst?

‘Sie bringt in wenigen Worten etwas auf den Punkt, was zu diesem Zeitpunkt richtig war und ja bis zum heutigen Tage gilt. Sie sagt etwas aus. Was mir in der Aussage sympathisch ist: wenn man sagt ‘Wir sind Papst’, dann anerkennt man ja auch, dass die Kirche eine wichtige und eine vernünftige Rolle in diesem Land spielt. Sonst würde man nicht sagen: Wir sind Papst.’


*Haben Sie auch Einblick in die kirchliche Medienwelt, das kirchliche Medien-Angebot?

‘Ich hab früher manchmal für ‘Christ und Welt’ geschrieben, ich habe auch öfter Mal für den ‘Rheinischen Merkur’ geschrieben. Ich habe das gerne getan. Ich habe gerade gelesen, dass der ‘Rheinische Merkur’ jetzt eine Beilage’ der ‘Zeit’ wird. Ich kann mir sogar vorstellen, dass das in der Konsequenz erfolgreicher ist, immer vorausgesetzt, es gelingt, diese Beilage, der Hauptausgabe der ‘Zeit’ beizulegen. Dann würde man mit seinen Botschaften auch ein anderes Publikum erreichen, als man normalerweise erreicht, denn der normale Leser kauft lieber eine Zeitung, die für ihn in ‘Anführungszeichen’ unabhängig und nicht von einer Gruppe abhängig ist’.


*Was fällt Ihnen beim Stichwort Vatikan ein?

‘Zwei Dinge: erstens ist es ein wunderbares Gebilde und eine wunderbare, kleine Stadt. Sie fasziniert mich. Zum anderen fällt mir natürlich ein, dass dort eine mächtige Institution ihren Sitz hat und dass diese mächtige Institution in unserem Leben Gott sei Dank immer noch eine große Rolle spielt. Ja ich würde sagen, dass die Kirche oder die Kirchen für mich unendlich wichtige Institutionen sind, in der gesellschaftlichen Auseinandersetzung um die Ziele und um die Zukunft, dass ich mir wünschen würde, die Kirche würde sich noch intensiver einmischen, als sie das bisher schon tut’.

*Sie haben viele bedeutende deutschsprachige Zeitungen, Zeitschriften, Magazine erfolgreich geleitet, darunter auch den bekannten Hamburger Hoffmann und Campe-Verlag, in dem…..

‘Indem der Papst publiziert hat. Wir haben einmal ein Buch, das ist ja weltweit erschienen, von Johannes Paul II.,herausgegeben, was im übrigen sehr, sehr gut verkauft worden ist, also es war auch für den Verlag ein sehr erfolgreiches Buch’.


Monat für Monat entführen darin weltweit bekannte Schriftsteller die ‘Merian’-Leser in unbekannte Welten. Seit 1948 hat Merian in über 700 Ausgaben monatlich eine Stadt, ein Land oder eine Region vorgestellt….

‘Ja, auch den Vatikan’.

Über 60 Jahre dokumentiert diese Zeitschrift den kulturellen Wandel in Europa und auch darüber hinaus. Inzwischen hat sich zwar viel geändert, geblieben ist über all die Jahre jedoch der literarische Anspruch der Redaktion an die Texte der verschiedenen Autoren, und geblieben ist natürlich auch die sprichwörtliche Reiselust der Deutschen. Sind Sie selbst auch von dieser Lust befallen und haben Sie selbst auch Reiseberichte für Merian geschrieben?

‘Ja, ich habe viele Reiseberichte für ‘Merian’ geschrieben, ich habe einmal ein halbes Heft für Israel geschrieben, weil mich das Land sehr faszinierte, und ich sozusagen die Chance hatte, als ein frisch Dahingekommener das mit ganz neuen Augen zu betrachten. Das ist eine schöne Art, Journalismus zu betreiben, weil man auf eine wunderbare Weise erklären kann, wie die Welt funktioniert und wie die Menschen in dieser Welt funktionieren. Das ist auch bei dem Heft Vatikan gut gelungen. Der Reiz von Merian ist, dass es ein kulturgeschichtlich und kulturhistorisch, aber zeitgleich auch sehr zeitnah produziertes Heft ist, das sie auch nach 20 Jahren noch nachlesen können’.

Dr. Hans-Gert PÖTTERING
Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung.
Präsident des Europäischen Parlaments a.D.
(September 2010)

Hans-Gert Pöttering wurde am 15. September 1945 in Bersenbrück Niedersachsen geboren. Seinen Vater, der in den letzten Tagen des Zweiten Weltkrieges gefallen ist, hat er nie kennen gelernt. Dieses persönliche Schicksal hat in ihm die Überzeugung stark werden lassen, sich schon sehr früh politisch zu engagieren. Es hat seinen Weg in die Europapolitik maßgeblich mitbestimmt. 1979 wird Pöttering in das damals erstmals direkt gewählte Europaparlament eingezogen und gehört seitdem bis heute dieser politischen Großinstitution an. Er ist übrigens der einzige Europaparlamentarier, der seit der 1. Direktwahl durchgehend gewählt worden ist. Ein einsamer Rekord. Das Europäische Parlament stand dann zwei Jahre lang, von 2007-2009 unter seiner Stabführung. Heute ist Hans-Gert Pöttering Präsident der weltweit vertretenen Konrad-Adenauer-Stiftung. - Europa ist die große Leidenschaft von Hans-Gert – Pöttering, gleichzeitig seine große Herausforderung. Wie er das Europa von morgen sieht, lautet unsere erste Frage an ihn:
 
‘Also zunächst einmal muss man sagen, dass die Europäische Einigungspolitik eine große Erfolgsstory ist. Als das europäische Parlament  erstmals 1979 gewählt wurde, war Europa geteilt, mein eigenes Vaterland Europa war geteilt, Berlin war geteilt. Heute haben wir seit 20 Jahren die deutsche Einheit. Heute sind Länder, die von der Sowjetunion besetzt waren, wie Estland, Lettland und Litauen, und auch die anderen Staaten des Warschauer-Paktes, wie Polen, die Tschechoslowakei, Ungarn, sind heute freie, demokratische Länder und gehören zur Wertegemeinschaft der Europäischen Union. Das ist ein großer Fortschritt. Wenn man an das Europa der Zukunft denkt, dann wünsche ich mir, dass diese europäische Union, die heute 27 Länder umfaßt, mit 500 Millionen Menschen, stark, demokratisch und frei ist, um so unsere Werte und Interessen zu vertreten. Wir können nicht jedes Land, das Mitglied der Europäischen Union werden möchte, in die Europäische Union aufnehmen, aber sicher werden wir die Staaten des Balkans, also die Länder nördlich von Griechenland, südlich von Slowenien eines Tages aufnehmen müssen, um so auch den Balkan zu stabilisieren und den Frieden dort für alle Zeit zu sichern.’
 
*Sie haben einmal die symbolträchtige Wiedervereinigung des europäischen Kontinents am 1. Mai 2004 und natürlich die historische Einheit Deutschlands am 3. Oktober 1990 als Ihr schönstes Geschenk in Ihrer politischen Laufbahn beschrieben. Realpolitisch betrachtet: Hätten Sie sich jemals gedacht, dass diese beiden geschichtlich einmaligen Fakten jemals Wirklichkeit würden?
 
‘Ich habe immer daran geglaubt, dass eines Tages der Kommunismus zusammenbrechen würde, weil der Kommunismus ebenso wie das andere totalitäre Regime, der Nationalsozialismus, gegen die Natur des Menschen ist. Deswegen war ich immer überzeugt: eines Tages wird der Kommunismus scheitern, aber dass es in meiner Lebenszeit sein würde, das konnten wir nicht ahnen.’ 
 
*Welche Rolle spielte in diesem Kontext die katholische Kirche, insbesondere  der zu dieser Zeit amtierende Papst Johannes Paul II?
 
‘Die Rolle von Johannes Paul II. kann überhaupt nicht überschätzt werden. Seine mutige Haltung gegenüber seinen Landsleuten in Polen, indem er bei seinen Reisen nach Polen, aber auch bei seinem Wirken in Rom an die Adresse seiner Landsleute gesagt hat ‘Habt keine Angst’: Diese geistig-politisch-moralische Orientierung hat den Menschen in Polen die Kraft gegeben, mit Solidarnosc, mit Lech Walesa den Weg der Freiheit zu gehen und diesen Weg in Frieden zu gehen. Und der große Johannes Paul II. hat an allem einen großen Anteil’.
 
*Der italienische Staatspräsident, Giorgio Napoletano, hat erst vor wenigen Tagen in einer TV-Direktschaltung Rom-Cernobbio gesagt, Europa fehle es an Visionen und an Mut. Würden Sie diese Meinung teilen?
 
‘Ich schätze den italienischen Staatspräsidenten sehr, wir waren ja Kollegen im europäischen Parlament und sind uns häufig begegnet. Wenn er davon spricht, dass wir Mut brauchen, so kann ich das nur unterstützen. Und Mut hatten auch diejenigen, die mit der europäischen Einigung begonnen haben. Und die Hand wurde Deutschland ja gereicht, durch den großen Robert Schumann, dem französischen Außenminister, der ein Christ war, ein Katholik war, der ähnlich wie Konrad Adenauer und Alcide De Gasperi geleitet wurde vom christlichen Menschenbild: die hatten damals den Mut, eine friedliche Revolution in Europa herbeizuführen. Das bedeutet: den Gedanken des Hasses und der Missgunst zwischen den europäischen Völkern zu überwinden und den Weg des Friedens und der Einheit Europas zu gehen. Diese Persönlichkeiten hatten großen Mut. Und wir brauchen Visionen. Helmut Kohl, der einzige lebende Ehrenbürger Europas, hat einmal gesagt: ‘Die Visionäre, die wir für Europa brauchen, die sind notwendig. Und die sind die eigentlichen Realisten’.
 
*Ein Schwerpunkt Ihrer Europa-Politik war dem Nah-Ost-Problem gewidmet: wie schätzen Sie die eben wiederaufgenommenen Friedensgespräche ein? Wieviel Optimismus, wieviel Skepsis lassen Sie in Ihre realpolitischen Überlegungen einfließen? Ich meine: ist es völlig unrealistisch, bei der Lösung des Nah-Ost-Problems an ein politisches Wunder zu denken, wie zum Beispiel an das Wunder der friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands? Natürlich mit völlig anderen politischen Voraussetzungen?
 
‘Das ist ein schönes Bild, das Sie zeichnen, und ich möchte sagen, dass ich auch heute noch sehr engagiert bin, was die Frage des Friedens im Nahen-Osten angeht. Ich gehöre ja – wie Sie einleitend gesagt haben - noch dem Europäischen Parlament an und leite dort die Arbeitsgruppe Naher-Osten. Wir als Christen lassen unsere Politik, unsere Gedanken, unser Handeln tragen von dem Prinzip der Hoffnung. Deswegen müssen wir auch die Hoffnung haben, was den Frieden im Nahen Osten angeht. Die Einheit Deutschlands wurde möglich, was wir für unsere Generation nicht erwartet haben. Die Einheit Europas, die Überwindung des Kommunismus wurde möglich, was wir für unsere Generation nicht erwartet haben, und wenn Persönlichkeiten guten Willens jetzt daran gehen, auch im Nahen Osten Frieden zu schaffen, Israel mit sicheren Grenzen, Palästina mit sicheren Grenzen, dann kann das ebenso Wirklichkeit werden, wie der Frieden und die Einheit in Europa, die Einheit Deutschlands, das ist zwar schwierig, aber es ist möglich’.
 
*Daß Europa heute wieder vereinigt ist verdanken wir dem Freiheitswillen der Völker Europas und natürlich den europäischen Gründervätern Robert Schumann, Alcide De Gasperi, Konrad Adenauer. Sie sind heute der Vorsitzende der weltweit vertretenen Konrad-Adenauer-Stiftung. Welche Schwerpunkte hat sich die Stiftung für die nächsten Jahre gesetzt?
 
‘ Die Konrad-Adenauer-Stiftung trägt ja den Namen des ersten Kanzlers der Bundesrepublik Deutschland von Konrad Adenauer. Unsere Aufgabe ist es, unsere Zielsetzung ist es, dass wir auf der Grundlage seiner Überzeugungen mitwirken an der Gestaltung der Verhältnisse in Deutschland, in Europa und in der Welt. Dabei gehen wir aus vom christlichen Menschenbild, von der Würde jedes einzelnen Menschen. Der Mensch ist Person, das bedeutet für sich selber verantwortlich und verantwortlich für die Gemeinschaft. In diesem christlichen Menschenbild finden sich die Prinzipien von Solidarität und Subsidiarität. Und dieses christliche Menschenbild wollen wir fördern. Wir sind eine parteinahe Stiftung, d.h. wir stehen in der Nähe der CDU. Wir fördern die soziale Marktwirtschaft, wir sind gegen den Kapitalismus, weil der Kapitalismus sich gründet nur auf das Kapital, auf die Materie, wie auch der Kommunismus, die Materie zur Grundlage hat. Wir sind für den Markt, weil die Menschen in ihrer Summe besser den Markt bestreiten können, als die tüchtigsten Bürokraten, sei es in Brüssel, Berlin oder Rom. Aber der Markt ist kein Selbstzweck, er muss den Menschen dienen, er hat auch eine soziale Funktion. Und gerade bei der Bewältigung der Finanzkrise ist das wichtig: dass wir dem Markt eine Ordnung geben, Regeln geben. Auch das gehört zu den Prinzipien der Konrad-Adenauer-Stiftung.’
 
 
*Als neugewählter Präsident der Konrad-Adenauer-Stiftung haben Sie in diesem Frühjahr ein Novum gesetzt: Sie riefen die Politiker auf, sich eingehend mit der diesjährigen Fastenbotschaft Papst Benedikts XVI. zu beschäftigen. Europa – sagten Sie – müsse sich nicht nur um finanzielle Mittel, sondern um eine geistige Erneuerung der Politik kümmern. Ein Politiker, der eine Päpstliche Botschaft zur Fastenzeit vorstellt, das hat es bis jetzt noch nie gegeben. Wie ist es dazu gekommen?
 
‘Ich wurde von Kardinal Cordes eingeladen, meine Bewertung der Fastenbotschaft des Hl. Vaters Benedikt XVI. zu geben. Die Politikerinnen und Politiker, die sich dem Christentum verpflichtet fühlen, tun in aller Unzulänglichkeit natürlich ihres Handelns etwas, was den christlichen Überlegungen entspricht. Und dafür brauchen wir Ermutigung. Mein Kommentar zur Fastenbotschaft des Heiligen Vaters habe ich so verstanden, dass wir uns gegenseitig ermutigen. Die Politik soll die Kirche in ihrem Handeln für menschliche Solidarität ermutigen, aber die Kirche soll auch die Politiker ermutigen, wenn sie christliche Überzeugungen vertreten.’
 
 
*Um den Frieden in der Welt wird zusehends gebangt. Was muss geschehen, welches Beispiel, welche Gegenargumentation würden Sie jenen Menschen gegenüber halten, die in ihrem Pessimismus, in ihrer Skepsis fürchten, dass es früher oder später doch einen Rückfall geben werde?
 
‘Wir sind immer in der Bedrohung, dass es Rückfälle geben kann, dass Gewalt das Mittel ist, mit dem unterschiedliche Überzeugungen ausgetragen werden. Hier müssen wir uns dazu bekennen, dass bei aller Unterschiedlichkeit der Auffassungen von politischen Positionen wir diese unterschiedlichen Auffassungen immer austragen mit friedlichen Mitteln, mit den Mitteln des Dialogs und niemals mit Gewalt. Wir müssen deswegen der Gewalt, auch dem Terrorismus mit aller Entschlossenheit widerstehen, aber wir müssen auch immer wissen, dass unsere eigenen Überzeugungen, nicht dazu führen dürfen, dass wir konfrontativ anderen begegnen. Der Dialog der Kulturen ist wichtig, gerade auch mit der islamischen Welt. Meine Erfahrung im Kontakt mit gläubigen Moslems ist, dass sie im Frieden leben wollen und dass der Terrorismus eine Erscheinung ist, die die Mehrheit der gläubigen Moslems gar nicht befürwortet.’
 
*Eine letzte, allerdings sehr wichtige Frage: Sie sind Katholik, und zwar bekennender. Sie sind Politiker, und zwar praktizierender. Läßt sich aus dem Evangelium konkrete Politik ableiten?
 
‘ Das ist eine sehr schwierige Frage: Ich glaube nicht, dass es möglich ist zu sagen, es gibt  d i e christliche Politik oder d i e katholische Politik oder  d i e Politik, die sich auf dem Islam gründet. Aber was man sagen kann ist: dass es eine Politik gibt aus christlicher Verantwortung. Das ist das Entscheidende. Und Politik aus christlicher Verantwortung bedeutet, dass man den Nächsten, den Mitmenschen ebenso wichtig nimmt, wie man sich selber wichtig nimmt. Das heißt, dass die Prinzipien der Solidarität - in unserem Glauben würden wir von Nächstenliebe sprechen – dass die Prinzipien der Solidarität von großer Bedeutung sind. Wenn wir unser Menschenbild ernst nehmen, dann ist der Mensch nicht nur Individuum, er ist auch nicht nur Kollektiv, wie verschiedene politiche Orientierungen uns vermitteln wollen, sondern der Mensch ist beides. Er ist Person, sich selber verantwortlich und gleichzeitig der Gemeinschaft verantwortlich. Wenn wir dieses Spannungsverhältnis richtig sehen, dann vertreten wir christliche Prinzipien. Und auf diesen christlichen Menschenbild können wir verantwortlich handeln mit allen Unzulänglichkeiten, die den Menschen eigen sind. Aber wir müssen handeln und sind dabei getragen vom Prinzip der Hoffnung und der Verantwortung für die Menschen’.
 
Aldo Parmeggiani

Zum 70. Geburtstag des Komponisten und Musikers Ludger Edelkötter. Eine Sendung von Pater Bernd Hagenkord.

Für eine ganze Generation von Christen, vielleicht sogar für mehrere, gehören seine Lieder in den Alltag der Kirche. Ein Takt von ‚Kleines Senfkorn Hoffnung’, von ‚Wenn Einer Alleine Träumt’ oder von ‚Alle Knospen Springen Auf’ und sofort können wir die Melodien mitsummen. Komponist ist der 1940 in Bockum-Hövel geborene Westfale Ludger Edelkötter. Mit seinen Liedern, Musicals und mit seiner Musikpädagogik hat er das Neue Geistliche Lied geprägt wie kaum ein Anderer. In unserem Gespräch geht es um Musik, das Erschaffen von Musik, um musikalische Vorbilder und darum, was Musik im Glauben und im Leben erreichen kann.

Beginnen wir unser Gespräch mit der Musik. Wie sind Sie zur Musik gekommen? Haben Sie das gelernt?

„Ja, ich habe studiert und war auch in einem Orchester. Im Orchester habe ich mich allerdings nicht sehr wohl gefühlt: Die Gruppe war zu groß. Ich habe dann eine Begegnung gehabt. Ich glaube, dass es Begegnungen sind, die uns prägen können und die uns helfen können, auf unserem Weg durch die Zeit. Ich habe den Peter Jansen kennen gelernt. Und dem Pit bin ich unheimlich dankbar. Ich war fasziniert, weil er Jugendliche um sich hatte, sehr viele Jugendliche, und denen leuchteten die Augen. Er hatte Lieder. Und das ist so ein gewaltiger Unterschied gewesen, die waren so begeistert. Ich bin dann mit ihm mitgefahren und habe ein Musical erlebt, wo Tausende in einer Halle waren – das war mit Ernesto Cardenal – und das hat mich fasziniert. Zunächst als Musiker: dass so etwas überhaupt geht und viel mehr bewegen kann – ich bin an und für sich Oboist – als wenn einer die Klassische Musik lobt, die ganz wenige verstehen. Außerdem war ich begeistert, dass dort Seelen berührt werden, dass was passiert. Das hat mich bewegt und das hat mein Leben bestimmt. Ich wollte das ja gar nicht so machen, das kam dann so. Im Grunde geht das bis heute. Ich möchte durch die Musik eine Botschaft vermitteln, wenn ich ein Anliegen habe. Das hat mich persönlich gesunden lassen. Und das hat mich unglaublich beschenkt.“

Als Sie anfingen, war das Neue Geistliche Lied ja noch in den Kinderschuhen. Was waren ihre musikalischen Vorbilder? Für sich persönlich und für Ihre Musik?

„Mein musikalisches Vorbild ist der Choral. Wir haben bei mir in der Familie ein Lied und wenn ganz große Probleme waren – ich habe ja praktisch den Krieg noch erlebt, wir hatten nichts zu essen – dann wurde gesungen und meine Mutter hat eine Kerze angesteckt. Wir haben zum Beispiel den Choral ‚Wer Nur Den Lieben Gott Lässt Walten’ gesungen.
Ansonsten sind meine Vorbilder Menschen, die ich gerne gehört habe. Ich bin klassisch groß geworden, also sind das Bach und Mozart, das ist Schubert und das sind Hindemith und Tschaikowsky. Und dann gibt es natürlich auch Stevie Wonder. Früher war ich eher geschlossen, alles was nicht Klassik war, hat mich nicht sonderlich berührt. Ich habe einmal Freikarten für die Beatles bekommen, für ein Konzert in Dortmund. Die habe ich verschenkt, ich konnte damit nichts anfangen. Wenn ich mir das heute vorstelle – heute finde ich die Gruppe grandios. Musikalisch bin ich also viel weitergekommen. Mein Bruder findet das schade, dass ich vom wahren Weg abgekommen bin, auch heute noch. Er macht immer noch klassische Musik und er sagt, ich hätte Oboist bleiben sollen, statt so Liedchen zu machen.“

Sind das denn Liedchen?

„Nein. Ich weiß, dass Lieder etwas bewirken. Die Entstehung kann manchmal ganz simpel sein. ‚Kleines Senfkorn Hoffnung’: Da rief mich mein Freund Ali an. Er hatte ein großes Diözesantreffen und er sagte „Ludger, Ludger, Mensch, wir brauchen noch’ nen Hit! Wir brauchen irgendetwas, was sich durch die Tage zieht, da kommen Tausende von Jugendlichen und wir wollten etwas zum Thema Senfkorn machen.“ Und so ist innerhalb von eineinhalb Tagen ‚Kleines Senfkorn Hoffnung’ entstanden, übers Telefon. Und es lebt heute noch.“

Was hat Sie denn bei dieser Art Musik gehalten oder was treibt Sie an, gerade auf diese Weise Musik zu machen?

„Ich finde es toll, wenn etwas bewirkt wird. Ich habe einmal ein Lied gemacht, das ging so: „Es kommt kein Prinz / der dich erlöst / wenn du die Jahre blöd verdöst / wenn du den Verstand nicht übst / und das Denken stets auf Morgen schiebst“ und dieses Lied lief mal im Kinderfunk. Ich war dann in Düsseldorf, es regnete und ich stand im Parkverbot – das musste ich dann auch noch zahlen – und dann hörte ich von ganz oben wie jemand am Klavier mein Lied übte. Da war auch mal ein Ton verkehrt, aber da war einer, der meine Melodie spielte, ich habe mir vorgestellt, dass das ein Kind war. Das war wunderbar, ich habe mich ganz nass regnen lassen, so glücklich war ich.
Oder wenn du bei den Protesten gegen die Raketenstationierung mittendrin bist und irgendwelche Leute stimmen deine Lieder an. Und alle singen plötzlich ‚Wenn Einer Alleine Träumt’, mit dem Text von Dom Helder Camara. Das ist unheimlich toll.
Es gibt da auch eine Geschichte zu ‚Alle Knospen Springen Auf’. Da gibt es eine Stelle „Mauern werden weich und fließen“. Als wir in Berlin zu einem großen Gottesdienst im Stadion spielten hat man mir nachher gesagt, dass viele auf dem Weg nach Hause an der Grenze – damals gab es die DDR noch – ihren Motor ausgemacht hätten und die Lieder mitsangen. Und an der Stelle, wo es heißt „Mauern werden weich und fließen“, da soll es so laut gewesen sein wie bei einem Orkan. Jetzt kann man das Lied gar nicht mehr singen, denn es gibt keinen Anlass mehr. Es hat also irgendetwas bewirkt.
Das ist eine Hoffnung, die man im Stillen hat oder die ich im Stillen habe, wenn ich ein Lied schreibe, dass es in die Herzen, in die Seele und in den Verstand fällt. Ich glaube eh, dass die Wahrheit sehr lebendig ist. Und beweglich. Die lässt sich nicht in Wissensbücher einsperren. Die Wahrheit ist da, so dass ich sie erfahre und vielleicht, wenn ich innerlich die Aufgabe spüre, dass ich sie auch anderen erfahrbar mache. Aber nur als Angebot.“

Sie setzen sich in Ihren Liedern für viel ein, für Glauben an Christus, für Frieden, für Gemeinschaft, und meistens sprechen Ihre Lieder gegen etwas, was dem entgegensteht. Kämpfen Ihre Lieder?

„Meine Musik kämpft? Nein. Sie wirbt. Eine Musik, ein Lied kann auch nichts verändern. Aber ein Lied kann sein wie ein Gedankenstrich. Du kannst einen Moment innehalten und nachdenken. Und schön ist bei der Musik, wenn eine Melodie dich berührt. Das geht mit dir mit und in der Melodie ist ein Gedanke und der kann dir Mut geben und der kann dir positive Gedanken geben und vielleicht auch Erkenntnis.“

Wie kommen Sie dazu, so ein Lied zu schreiben, das positive Gedanken und vielleicht auch Erkenntnis geben kann?

„Ich mach Musik, das kann ich ganz gut, und ich kann auch Melodien machen, die von vielen geliebt werden. Das ist ja auch nicht selbstverständlich. Und dann habe ich Leute gesucht, die theologisch fundiert sind und die dann auch noch Lyriker sind. Und das ist immer noch nicht genug. Die müssen Worte finden, die ich gerne spreche. Es gibt Worte, die sind schwierig zu singen, die ich nicht so gut singen kann. Wenn das dann insgesamt stimmig ist, dann kann es passieren, dass Lieder entstehen, die über lange Zeit dauern und die immer weiter getragen werden.“

Viele von Ihren Liedern sind ja schon Volksgut, in manchen Veröffentlichungen erscheint ja noch nicht einmal mehr Ihr Name als Komponist, so selbstverständlich sind sie geworden.

„Da mogeln die ja auch. ‚Herr Gib Uns Deinen Frieden’ ist zum Beispiel auch als Volksgut bekannt. Ich werde, glaube ich, viel gesungen in Kirchen. Wenn ich dann irgendwo hinkomme werde ich öfters gefragt, ob ich auch ein Lied spielen würde, was andere geschrieben haben. Dann sage ich selbstverständlich ja, wenn ich die Noten und den Text bekomme. Und dann ist es nicht selten mein eigenes. Es gibt glaube ich nichts Schöneres, als wenn man einen Gedanken hat, der dann auch begeistert aufgenommen wird. Und das ist schön, wenn du Musik machst, und das kommt an.“

Vor allem in der Liturgie sind Ihre Lieder gern gesungen, weil sie ja auch einfach mitzusingen sind. Was für eine Rolle spielen Lieder für Sie in der Liturgie?

„Es hat vielleicht mir dem Zweiten Vatikanischen Konzil zu tun. Das war toll damals. Die Gemeinschaft im Gottesdienst ist wichtig für mich. Das gesungene Lied, der gesungene Gedanke, der liturgische Gedanke gemeinsam gesungen, erzeugt eine Gemeinschaft. Und das, was ich dort singe, sollte ich bitte nur singen, wenn ich das auch glaube. Wenn in der Liturgie, sagen wir, ein Hallelujah wirklich aus mir herausbricht und ich einen Anlass habe, Hallelujah zu singen – es gibt nichts Schöneres, als sich zu freuen. Aber wenn ich keine Freude habe und keinen Anlass und nur seelenlos herableiere, sehe ich persönlich die Gefahr der Zerstörung in mir. Es gibt auch eine Gotteslästerung. Ich darf, meine ich, mich nicht gedankenlos dem Gottesdienst nähern. Ich kann gedankenlos sein, ich falle ja in Gottes Hand, ich bin geborgen. Aber das heißt nicht, dass ich gedankenlos mit dem Wort Gottes umgehe. Dazu gehört auch, dass ich nicht ohne inneren Glauben Worte verkünde, die anscheinend für mich nicht voller Bedeutung sind.“

Würden Sie heute, mit fast siebzig, Dinge anders machen, Lieder anders schreiben?

„Man will immer alles anders machen und besser machen. Aber es gibt dann auch einen Moment, wo man dann sagt „das ist perfekt“. Dann ist das so. Wenn ich zum Beispiel einen Kanon nehme, ‚Herr Gib Uns Deinen Frieden’ etwa. Damit geht man schwanger. Als erstes hörte ich Posaunen, die „Frieden“ sangen. Damit bin ich singend spazieren gegangen. „Gib uns deinen Frieden“ kam dann dazu und ich habe gesehen, dass ich das so gut zusammenlegen kann, das klingt gut. Und dann kommt der Rest der Melodie dazu, wenn es passt und so wächst das weiter. Ich kann dann noch ganz viel anders machen und hinzufügen, aber insgesamt ist dieser kleine Gesang in sich abgeschlossen.“

In Ihren Liedern kommt häufig Jesus vor, unter den Menschen. ‚Jesus Wohnt In Unserer Straße’ ist ein Beispiel. Was für eine Rolle spielt Christus für Sie, was ist das für einer, der da unter den Menschen ist?

„Ich habe mit Alois Albrecht einen Titel gemacht – der ist ja auch bekannt durch seinen Text für ‚Kleines Senfkorn Hoffnung’ – der hieß ‚Du Anstifter Der Liebe’. Ich habe gesagt, dass das eigentlich „Brandstifter“ heißen muss. Er ist jemand, der das Feuer nicht auf die Erde warf, so dass es glimmt und einen ein wenig erwärmt, sondern der wollte, dass es brennt. Und der wollte, dass Dinge eventuell verbrennen. Er wollte, dass was passiert, so empfinde ich das. Wenn der Glaube nicht beseelt, dann fehlt was. Ich glaube dass irgendwie jeder Mensch zumindest eine tiefe Sehnsucht hat nach diesem Fünkchen. Wir nennen es vielleicht Gnade oder Hoffnung, es gibt viele Worte.“

In ihrem Musikerleben: Was war der Höhepunkt, was ist vielleicht ein ganz besonderer Moment ihrer Karriere?

Papst Paul. Das war schon eine irre Geschichte ganz nah bei ihm zu sein und ihm einen Kanoneinsatz rüberzureichen. Das war schon toll. „Du bist Petrus, der Fels“, ich wollte immer schon einmal ein großes Stück machen, nur darüber. „Du bist Petrus“.

Sie haben fast den siebzigsten Geburtstag erreicht, vielleicht die richtige Zeit zu fragen, was denn das nächste Projekt ist.

„Ein Projekt, an dem ich arbeite, ist einmal eines gemeinsam mit Missio: Wir machen eventuell zwei Platten zusammen. Ein anderes Projekt: Ich würde gerne ein Stück schreiben, ein Musical für Jugendliche, also für die junge Gemeinde, in dem ich die Not, die im Augenblick in dieser Zeit liegt, stationsweise anspreche, vielleicht durch Erlebnisse, durch eine Geschichte, die passiert ist. Die ganze Presse ist immer voll, man braucht nur schauen. Ich habe immer Kraft, wenn ich sie brauche und wenn ich mich den Dingen widme, die in mir ein bisschen brennen. Was heißt ein bisschen – die brennen!“


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