„Menschenwürde bedingungslos schützen“
Menschenwürde in der Wissenschaft bedingungslos schützen – dazu hat Papst Benedikt an diesem Samstag erneut aufgerufen, und zwar in seiner Ansprache vor der Päpstlichen Akademie für das Leben. Sie hält im Vatikan seit Donnerstag ihre Vollversammlung zum Thema Bioethik und Naturrecht ab.Das Naturrecht müsse der Bioethik als Grundlage dienen, führte Benedikt mit einem Verweis auf seine letzte Enzyklika „Caritas in veritate“ aus. Von diesem unveräußerlichen Recht her müssten ethische Fragen beantwortet und Entscheidungen getroffen werden. Der Papst warnte in seiner Ansprache vor allem vor dem instrumentellen Verständnis der Wissenschaft und des menschlichen Lebens:
„Man muss beständig darauf hinweisen, dass es kein Verständnis der Menschenwürde gibt, das nur an äußere Elemente gebunden ist: an den wissenschaftlichen Fortschritt, an die Entwicklung der Bildung menschlichen Lebens oder an das leichtfertige Mitleid in Grenzsituationen. Wenn man Respekt vor der Menschenwürde verlangt, geht es grundlegend um den vollen und vollständigen und bedingungslosen Respekt vor dem menschlichen Leben. Wissenschaftler dürfen niemals annehmen, dass sie nur unbelebte und manipulierbare Materie in den Händen halten – vom ersten Augenblick an hat menschliches Leben immer, überall und trotz allem eine eigene Würde.“
Die Geschichte habe gezeigt, wie gefährlich und zerstörend ein Staat sei, der sich selbst zum ethischen Maßstab mache, so Benedikt mit Blick auf Diktaturen und Ideologien der Moderne. Das Naturrecht garantiere dagegen wahrhaftigen Respekt vor der Person und der ganzen Schöpfung, so der Papst. Für Kulturen und Religionen könne es als „Quelle des Konsens“ dienen. (rv)
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Rumänien: Flucht vor der Armut
„Vom Exzess zur Schwäche“ – so beschreibt der rumänische Psychiater Ion Vianu den Wandel seines Heimatlandes nach dem Fall Ceausescus. „Zwanzig Jahre nach der antikommunistischen Revolution befinden wir uns noch immer in der Schwebe zwischen einer postsowjetischen Oligarchie und einer Demokratie nach westlichem Modell“, so der aus Bukarest stammende Arzt. Dieser prekäre Zustand ist auch in der Kirche des Landes spürbar. Aufgrund starker Abwanderung vor allem der jungen Bevölkerung ist die Zahl der Priesteramtskandidaten gesunken. Nach Zeiten von Unterdrückung und Verfolgung ist auch die Ökumene eine echte Herausforderung. Der Erzbischof von Bukarest, Ioan Robu, erzählt uns im Interview von den Schwierigkeiten, mit denen die Glaubensgemeinschaft in Rumänien zu kämpfen hat. Er und andere rumänische Oberhirten schließen ihren Ad-Limina-Besuch im Vatikan an diesem Samstag ab.
„In der katholischen Kirche Rumäniens gibt es drei Riten, den lateinischen, byzantinischen und armenischen, und drei liturgische Hauptsprachen: Rumänisch, Ungarisch und Deutsch. Das spiegelt in gewisser Weise die universelle Kirche wider. Unser Kirchenleben nimmt langsam Normalität an. Vor 1989 konnte man den Glauben nur hinter den Kirchenmauern leben, heute hat sich der Bereich der Glaubensarbeit verbreitert: Wir gehen in die Medien, Schulen und Gefängnisse.“ (rv/nzz)
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Integration: Identität ist nicht etwas, was der Staat verordnet
Die Integration von Muslimen – sie wird in Europa derzeit mehrfach diskutiert. Nicht nur in Frankreich und der Schweiz, wo sich Debatten um Burka und Minarett mit Diskussionen um die nationale Identität verknüpfen, sondern auch in Deutschland. So rief der Wissenschaftsrat zuletzt zur Ausbildung von islamischen Religionslehrern und Imamen an deutschen Hochschulen auf. Ein Schritt hin zu kultureller Verständigung und Integration? Ralph Ghadban, Islamwissenschaftler und Migrationsforscher, hält ihn für verfrüht. Der gebürtige Libanese arbeitete in Deutschland 18 Jahre lang mit Flüchtlingen und religiösen Minderheiten.
„Wir erleben das jetzt nach der letzten Entscheidung des Wissenschaftsrates, islamische Lehrstühle einzurichten – da haben Muslime sofort den Anspruch erhoben, darüber entscheiden zu können. Sie wollen dieselben Rechte wie die Kirchen in Deutschland – so weit sind sie. Ich sage aber immer: Sie haben ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Denn um die Rolle der Kirchen zu übernehmen, müssen sie den Verfassungsweg befolgen. Sie wollen als Religionsgemeinschaften anerkannt werden. Das ist bis heute nicht der Fall, weil die Gerichte nicht genau wissen, ob es sich bei diesem Organisationen um religiöse oder politische Einrichtungen handelt. Weil sie nämlich selber sagen: Wir haben keine Trennung zwischen Religion und Politik. Der Islam ist für das Diesseits und das Jenseits zuständig. Solange sie diese Position vertreten, stehen sie nicht auf dem Boden der Verfassung. In Frankreich versucht man, genau das am zentralen Punkt der Geschlechtergleichheit zu erzwingen.“
Die derzeit in Frankreich stattfindende „verordnete Integration“ hält Ghadban zwar für problematisch. Andererseits ist er der Ansicht, dass muslimische Gemeinschaften in Europa zuerst Verfassung und Menschenrechte anerkennen müssen - ohne wenn und aber.
„Identität ist nicht etwas, was der Staat verordnet, sie wird durch die Gesellschaft selbst definiert in ihrer Entwicklung. Deshalb spielt die Zivilgesellschaft eine wichtige Rolle. Und da eine offene Diskussion zu führen, ohne Tabus, das ist wichtig. Denn Demokratie bedeutet Dialog, das ist die einzige Chance.“ (rv)
DER SONNTAG :
Das Sonntagsevangelium
Lk 6,17.20-26
Die Betrachtung zum Sonntag von Vera Krause
Die Seligpreisungen gehören zum Kernbestand der frohen Gottesbotschaft, wie Jesus von Nazaret sie verkündet. Ja, so sollte es sein. Und so wird es sein: Wohlsein den Hungernden, den Weinenden nicht „einfach“ nur Trost, sondern Freude und ein neues Lachen, die verdiente Anerkennung für die zu Unrecht in Verruf Gebrachten, endlich Heimat für die Ausgeschlossenen und – nicht zuletzt – den Armen das Himmelreich. Sie nennt Jesus „selig“, genauso wie die Hungernden, die Weinenden, die Verhassten, die Verleumdeten und die an den Rand der feinen Gesellschaft Gedrückten. – Eigentlich ist das eine zutiefst beunruhigende Botschaft, setzen ihre Worte doch eine Umwertung der Werte voraus, die für die Existenz unserer Welt grundlegend erscheinen. (rv)
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Der Wochenkommentar
Marie-Luise Dött kommentiert für Radio Vatikan die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes zu den Hartz IV- Gesetzen: der Sozialstaat vor Gericht. (rv)
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DIE NACHRICHTEN:
Europa
Deutschland
In Dresden haben kirchliche Verbände die Arbeitsgemeinschaft „Kirche für Demokratie – gegen Rechtsextremismus“ gegründet. Aus Anlass des Gedenkens der Bombardierung Dresdens, die sich an diesem Samstag zum 65. Mal jährt, werden Tausende Menschen in der Elbestadt erwartet, um gegen einen Aufmarsch von Neonazis zu demonstrieren. Die Kirche werde „den neuen Nazis nicht gestatten, durch ihre hasserfüllte Sicht auf die Geschichte den Frieden zu gefährden“, betonte der sächsische evangelische Landesbischof Jochen Bohl am Freitag. Die katholische Friedensbewegung „Pax Christi“ erklärte, die Gefahr drohe, dass in der Bundesrepublik die Grenzen zwischen bürgerlicher Mitte und rechtem Rand aufweichten. Es sei wichtig, deutlich zu machen, wo „christlich und katholisch“ aufhörten und „menschenfeindlich und antisemitisch“ begännen. Der Referent der Deutschen Kommission Justitia et Pax, Daniel Legutke, bezeichnete den Rechtsextremismus als Fundamentalismus. Als „Kampf gegen Islamismus“ erreiche er viele Bereiche der Gesellschaft und untergrabe die Gemeinschaft Europas. (domradio/kna)
Karnevals- und Faschingsgottesdienste verstoßen nach Ansicht der schismatisch orientierten Piusbruderschaft gegen Tradition und Gesetz der katholischen Kirche. Was an den tollen Tagen in den Kirchen geschehe, richte sich nicht nur gegen die Heiligkeit eines geweihten Kirchenraumes, sondern gegen jedes katholische Verständnis des Messopfers, erklärte der Dialogbeauftragte der Bruderschaft, Matthias Gaudron, in einer Meldung an diesem Freitag. Priester „in Kostümierung“ seien inzwischen ebenso an der Tagesordnung wie Katholiken, die mit Narrenmützen in den Kirchen Polonaise tanzten, kritisierte Gaudron. Er rief die deutschen Bischöfe auf, „dem unwürdigen Spektakel in den katholischen Kirchen unverzüglich Einhalt zu gebieten“. (kipa)
Thechische Republik
Papst Benedikt XVI. hat das Rücktrittsgesuch von Kardinal Miloslav Vlk angenommen. In das Amt als Erzbischof von Prag folgt dem 77-Jährigen der Dominikanerpater und bisherige Bischof von Königgrätz, Dominik Duka, wie an diesem Samstag im Vatikan bekannt wurde. Vlk hatte das tschechische Hauptstadtbistum seit 1991 geleitet. Duka, der 1998 von Johannes Paul II. zum Bischof ernannt worden war, dürfte in seiner neuen Funktion wohl auch zeitnah die Kardinalswürde erhalten. (rv)
Großbritannien
Mit ihrer Forderung, bei der Arbeit ein Kreuz tragen zu dürfen, ist eine Angestellte der Fluggesellschaft British Airways vor einem Berufungsgericht gescheitert. Die Richter schlossen sich einem früheren Urteil an, das in dem Verbot keine religiöse Diskriminierung erkannte. Das berichtet der britische Sender BBC an diesem Freitag. Die Verteidigung nannte das Urteil „enttäuschend“. Sie erwäge nun, den neu geschaffenen Obersten Gerichtshof anzurufen. Man habe die Hoffnung, dass nun das höchste Gericht in Großbritannien die lange Tradition der religiösen Toleranz in moderne Rechtspraxis umsetzen werde, sagte die Anwältin der Klägerin laut BBC. Die Frau hatte ihren Arbeitsplatz im September 2006 verlassen, nachdem ihr Arbeitgeber sie aufgefordert hatte, ihre silberne Kreuzkette abzunehmen oder zu verdecken. Bei ihrem Widerspruch gegen das Kreuzverbot hatte die Frau geltend gemacht, dass auch Muslima religiöse Kleidungsstücke tragen dürften. Es stelle eine Diskriminierung dar, wenn Christen Symbole ihres Glaubens verstecken müssten. (kipa)
Afrika
Somalia
Nach dem Ausbruch schwerer Kämpfe rund um Somalias Hauptstadt Mogadischu fordert die Gesellschaft für bedrohte Völker die Einrichtung humanitärer Schutzzonen für Flüchtlinge. Tausende von Zivilisten seien auf der Flucht, teilte die Gesellschaft an diesem Freitag in Göttingen mit. Es herrsche Endzeitstimmung und man rechne mit der baldigen Einnahme Mogadischus durch radikal-islamische Rebellen, erklärte der Afrikareferent der Gesellschaft, Ulrich Delius. In den vergangenen zwei Tagen seien erneut mehr als 30 Menschen bei Gefechten zwischen islamistischen Milizen und Soldaten der Übergangsregierung in der Hauptstadt getötet worden. Mehr als 80.000 Menschen seien auf der Flucht. Die Europäische Union müsse endlich die Realität wahrnehmen und dürfe die dramatische Lage in Somalia nicht länger beschönigen, so Delius. Der willkürliche Beschuss von Wohnvierteln sei ein Kriegsverbrechen und könne von der internationalen Staatengemeinschaft nicht hingenommen werden. Auch der Tatsache, dass immer mehr Nachbarstaaten die Grenzen für die Aufnahme von Flüchtlingen stoppten, müsse entgegnet werden. (kipa)
Sierra Leone
Bummelei in der Aufklärung von Zusammenstößen zwischen Christen und Muslimen wirft der Interreligiöse Rat der Regierung in Sierra Leone vor. Es sei bedauerlich, dass es der Regierung nicht gelinge, die Vorfälle der letzten Monate aufzuklären, erklärte der Präsident des Rates, Fornah Osman, nach Angaben der Nachrichtenagentur apic in einem Radiointerview. Immer wieder sei es zu Auseinandersetzungen zwischen den religiösen Gruppierungen gekommen. Auch hätten Unbekannte mehrere pentekostale Kirchen zerstört. Ein Vertreter der Regierung widersprach den Darstellungen Osmans. Man habe eine Kommission eingesetzt, die gerade dabei sei, ihre Ermittlungen abzuschließen. Die Ergebnisse sollten bald dem Vizepräsidenten des Landes vorgestellt werden. (apic)
Asien
China
Auch zum chinesischen Neujahrsfest, das in diesen Tagen gefeiert wird, wird der chinesische Staat die inhaftierten „Untergrundbischöfe“ nicht freilassen. Das meldet jetzt
die Nachrichtenagentur asianews. Trotz wiederholter Bitten aus den Gemeinden und den Familien der Gefangenen habe die Polizei kein Entgegenkommen gezeigt. Die beiden Bischöfe befänden sich nach wie vor an einem unbekannten Ort. Gleichzeitig seien aber in den vergangenen Wochen der Generalvikar und ein weiterer Priester des Bistums
Zhengding (
Hebei) wieder auf freien Fuß gesetzt worden sein. Sie seien, berichtet asianews, während ihrer Haft unter starken Druck gesetzt worden sein, der romunabhängigen, staatskirchlichen „Patriotischen Vereinigung“ beizutreten. Nach wie vor seien Dutzende Priester inhaftiert und Bischöfe von ihren Bistümern isoliert, so asianews unter Berufung auf eigene Quellen. (asianews)
Die obigen Texte basieren auf unserer Nachrichtensendung „Treffpunkt Weltkirche” täglich um 16 Uhr. Die Quellen unserer Nachrichtensendung sind u.a. die Agenturen Kna, Kathpress, Ansa, Efe, Afp, Kipa, Reuters, Ap, Adnkronos, Upi, Cns, Uca, Misna, Osservatore Romano – die Vatikanzeitung in deutscher Sprache, sowie vatikaninterne Quellen. Der Newsletter ist nur zur persönlichen Information bestimmt. Grundlage für Zitate oder Übernahmen aus unserem Programm kann nicht unser Internetauftritt oder der Newsletter, sondern nur unser Radio-Programm sein. Die jeweils aktuelle Nachrichten- oder Magazinsendung von Radio Vatikan können Sie u.a. auf unserer Internetseite hören
Buchbesprechung:
Titel: Die Nacht ist aus Tinte gemacht. Herta Müller erzählt ihre Kindheit im Banat
Autor: Herta Müller
Verlag: Supposé Verlag Berlin 2009
Preis: 24,80 Euro
Rezensent: Anne Preckel
„Tintentrauben… Viele Pflanzen hatten so schöne Namen – wie etwa das Froschgöschel, das waren diese Löwenmäulchen. Es ist ja immer wie ein Wunder, welche Augen in welcher Sprache sind. Was führt dazu, dass die eine Sprache dieses Wort für etwas hat und die andere Sprache hat ein ganz anderes. Bei Pflanzen wird es ja sehr deutlich, weil: es ist ja dieselbe Pflanze. Und wenn du dann vergleichst: im Dialekt heißt sie so, im Hochdeutschen heißt sie so, im Rumänischen heißt sie dann wiederum ganz anders – also der Blick auf diese Pflanze ist ein völlig anderer. Und jeder Blick hat Recht.“
Im Hörbuch „Die Nacht ist aus Tinte gemacht“ erzählt Herta Müller ihre Kindheit im rumänischen Banat. Das Dorfleben in der -neben Siebenbürgen zweiten- deutschsprachigen Enklave Rumäniens ist von bäuerlichen Bräuchen und harter Arbeit geprägt. Enteignete Familien im Griff der Diktatur, inmitten von monströser Natur. Herta Müller erzählt ihre Kindheit wie ein wildes Wachsen in feindlicher Umgebung. Wie die Pflanzen, die sie kaut und denen sie neue Namen gibt. Sie übt sich in der Angst. Diese wird ihr zum Kompass, als die junge Schriftstellerin ins Visier der Securitate gerät. Ihr Widerstand: die Sprache. Müller sucht nach Worten für das Unsagbare, sucht den – wie sie sagt – „stummen Irrlauf im Kopf“, eine Bewegung im Denken, die jenseits von Repression und Ideologie beginnt. Auch jenseits des Diktums der Sprache selbst, dem System, mit seinen Grenzen und Unzulänglichkeiten.
„Ich hatte so oft Lachanfälle. Ich hatte so oft Lachanfälle in tragischen Situationen. Auch wenn jemandem etwas passiert war. Wenn sich mein Großvater schlimm mit dem Beil verletzt hatte, oder wenn meine Mutter vom Baum heruntergefallen war. Oder auch bei Beerdigungen. Ich kann mir das nicht erklären. Ich glaube es war ein Umkippen des Schreckens, es war eine Art, sich zu schützen. Das hat natürlich niemand verstanden. Ich wurde dafür immer geprügelt. Ich konnte es trotzdem nicht vermeiden.“
Mit Diktatur -bis in die Sprache hinein- hat es Herta Müller schon als Kind aufgenommen. Sie schreibt da, wo Schrecken in Lachen umkippt, wo das Diktum zum „Irrlauf“ wird.